unsere Schreibwerkstatt

Erzählen

daß man mit den Händen
die Gedanken greifen kann.

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Wichtiges :

Damit sich hier keine Worte in der Länger dieser Seite verlaufen habe ich mich entschlossen den alten WorldPress Blog   unsere SCHREIBWERKSTATT eine neue Gestalt zu verpassen und diese Blogseite wieder geöffnet . Den Link dorhin findet ihr hier :

UNSERE Schreibwerkstatt

 

Auszug aus: „Verwehte Zeit …“

 

 

Völlig anders ging es dagegen August Hopf als der Nachfolgeklassenlehrer an. Seine Art mit den ihm anvertrauten Heranwachsenden (denn irgendwie waren wir das ja, auch wenn wir noch halbe Kinder waren) umzugehen, war genau das Gegenteil von dem, was unser alter Halbgott Loki über die Jahre praktiziert hatte. Loki wollte uns mit Druck und Drang am liebsten alles Wissen der Welt eintrichtern, und schaffte es nicht, dafür die passenden Einlässe zu finden – August Hopf betrachtete uns als trockene Schwämme, wie er es einmal nannte, die man nur in ein Meer von Wissen tauchen müsse – vollsaugen täten sie sich dann von ganz alleine.

Wir waren bis zuletzt der festen Überzeugung, den guten Schulmeister in der Hand zu haben, und ihn nach unseren eigenen Vorstellungen beliebig manipulieren zu können. Wir meinten doch tatsächlich, zu bestimmen wo es im Schulunterricht längs ging. In Wahrheit aber waren WIR wie Wachs in seinen Händen. Wenn wir zum Beispiel meinten, ihn mit einer List unsererseits von einer Abfrage unseres Kenntnisstandes auf einem von uns nicht so sehr geschätzten Wissensgebiet abgehalten zu haben, hatte er die Zeit unseres Triumphes genutzt, um unsere Kinderhirne auf seine Art mit all dem zu füllen, was uns später einmal zu intakten Gliedern der menschlichen Gesellschaft werden lassen sollte. August Hopf war ein Schulmeister, ein Pädagoge und Lehrer, wie ich ihn allen Kindern dieser Welt wünsche.

Sein Platz im Klassenzimmer war nicht das Katheder, das erhöhte Lehrerpult – sein Platz war stets die erste Bank in der mittleren Reihe inmitten seiner Schüler. Da saß er, zumeist mit dem Hintern auf der Tischplatte und den rechten Fuß auf die Sitzfläche gestellt, uns alle überblickend.

Zwischen den Fingern seiner Linken rotierte der einmeterfünfzig lange Zeige- oder Rohrstock wie ein rotierender Propeller. Gerade diese Fähigkeit war es, die uns an ihm immer wieder aufs Neue faszinierte und an ihn fesselte. Hatte er doch im Kriegsafrika infolge eines tragischen Missgeschicks durch eine Panzerkette die vorderen Fingerglieder seiner linken Hand verloren. Apropos Afrika – wenn wir das Thema „schwarzer Kontinent“ durch irgendeine Bemerkung oder eine Zwischenfrage ins Spiel brachten, war jede Gefahr eines unliebsamen Unterrichtsthemas für die nächste Stunde gebannt, denn Lehrer August konnte unerschöpflich von seinen Erlebnissen, von seinem Erleben erzählen. Unter General Erwin Rommel hatte er – im „Afrika-Corps“ in den nordafrikanischen Wüstengebieten – als dessen ‘Erster Stabsoffizier’ gedient.

Wir erwähnten „Afrika“ sehr oft, denn es war ein unerschöpflich großes Thema, der Größe und der Bedeutung des Kontinents angepasst – und es gab ja auch eine Reihe unliebsamer Unterrichtsstoffe in unserer Beliebtheitsskala schulischer Notwendigkeiten.

August Hopf hat neben allen seinem anderen Wohltun noch etwas Großartiges getan – er hat nicht, wie andere Pädagogen es gemacht haben, die Landkarte der deutschen Geschichte für die Jahre von 1933 bis 1945 mit einem weißen Fleck versehen. Die meisten unserer Eltern haben es durch ihr Schweigen übrigens nicht anders, nicht besser gemacht, als es die schulischen Weißfärber taten. Dieser grandiose Schulmeister hat uns dieses Stück von ihm miterlebter Geschichte so plastisch nahegebracht, dass wir oft das Gefühl hatten, selber mittendrin gewesen zu sein.

Nicht dass jetzt gleich jemand laut aufschreit „Naziunterricht“ … DAS war es beileibe nicht, denn wenn ich mich so zurückerinnere – wenn nur die Hälfte aller deutschen Wehrmachtsoffiziere – oder auch der deutschen Schwer-Industriellen – so unverblendet und kritisch gewesen wären, der Massenbeschwörer aus Braunau hätte nur halb soviel Unheil anrichten können – obwohl das sicherlich auch noch in der Gänze zu viel gewesen wäre. Auf jeden Fall hat er uns nicht den Blick auf die gerade überstandenen zwölf Blutjahre verwehrt.

Ich muß über diesen Abschnitt Zeit noch einige Worte hier fallen lassen. Es treibt mich einfach um.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung waren keine überzeugten Nationalsozialisten, waren keine Nazis – überzeugte Nationalisten trifft es da schon eher. Wie groß nun welcher Teil war, darüber vermag ich nicht zu spekulieren. An dem Thema haben andere sich schon oft genug vergeblich versucht. Das aber der Teil der deutschen Bevölkerung, der von Nichts eine Ahnung gehabt haben will, so groß war, wie es nach dem Zusammenbruch 1945 immer wieder zu hören war, das hat mir zu keiner Zeit jemand weismachen können. Wenn mir irgendwer von jenen aus der Zeit auch heute noch sagt, ich habe nichts davon mitbekommen, dem kann ich auch jetzt noch immer nur wieder entgegenhalten, doch einmal Mut zu beweisen, zumal diese Art von Mut heute keinem mehr schaden würde. Natürlich kann nicht jeder alles gewusst haben – dafür waren die Kommunikationsmöglichkeiten damals zu sehr gestern. Sagt doch einfach mal, dass ihr Angst hattet, Angst um euer und Angst um das Leben eurer Familien. Sagt doch einfach, dass ihr euch gefürchtet habt, vor den Verbrechern aus dem eigenen Volk, und dass ihr deshalb geschwiegen habt. Das, so denke ich, würde in aller Welt auf Verstehen treffen und den Boden für ein besseres Miteinander bereiten.

DAS wäre die Vorsorge, so etwas nicht so schnell wieder geschehen zu lassen. Meine Mutter, als unpolitische Frau, hat so viel gesehen und miterlebt, dass sie heute noch oft verstummt, wenn sie davon berichtet. Selbst in unserem kleinen örtlich begrenzten Raum in Voslapp war an Charakteren und Machenschaften alles vorhanden.

Am schlimmsten waren die Parteigenossen, die an der sog. Heimatfront kämpften, die dann zuhause stets aufs Neue die eigenen Leute in Angst und Schrecken versetzten. Einige ganz ausgefallene Exemplare gab es darunter. Die Spitze machte der NSDAP Kreisleiter Plenter, der in 1945 von einem alliierten Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. 1955 nach Hause entlassen, spielte er im öffentlichen Leben der Gemeinde ersichtlich keine Rolle mehr. Einige andere Glanzlichter in der Parteienhierarchie möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Da wäre zuvorderst der Ortsgruppenleiter der NSDAP R. Klees zu nennen. Im beruflichen Leben Kriminaler. Einer seiner öffentlichen Auftritte ist es wert, hier seinen Niederschlag zu finden. Ein Teil der Voslapper Frauen waren mitsamt ihrer Kinder im 44er Kriegsjahr aus der unmittelbaren Frontlinie, als die Wilhelmshaven ja galt, in weniger gefährdete dahinterliegende bäuerliche Landstriche evakuiert worden.

Willkommen waren sie als Hungerleider, wie ein Ortsbauernführer es einmal nannte, in keinem Ort des norddeutschen Plattlandes. Zumal die meisten von ihnen ja auch noch aus den Ostfriesen fernen und fremden Stammesgebieten stammten. Fremdes Volk hatte man allenfalls während der Hochzeit des braunen Wahnsinns als Arbeitstiere willkommengeheißen wäre übertrieben gesagt – geduldet, ausgebeutet, misshandelt und missbraucht, das beschreibt es treffender. Wohlgemerkt, NICHT in allen Bauernschaften war es so – aber in erschreckend vielen bäuerlichen Betrieben und Familien wurden die sog. „Fremdarbeiter“ als, na wie eben dem offiziellen Sprachduktus entsprechend – als Untermenschen behandelt. Wobei die deportierten, aus ihrer Heimat zwangsentführten Mädchen und Frauen oft genug herhalten mussten, um die Schwanzläufigkeit des Hofherrn zu befriedigen. Dazu waren sie den Rassenfanatikern dann doch gut genug. Wobei dann oftmals die biologischen Folgen dieser Vergewaltigungen auf grausamste Weise getötet, ermordet wurden.

Aber zurück zu den aus der Schusslinie gebrachten Frontgebietseinwohnern. Die Mütter brachten ja ausser der Angst vor Fliegerangriffen und hungrige Kinder nichts mit als wertlose Lebensmittelkarten, mit denen die Bauern allerhöchstens ihre Kuhstallwände hätten behängen können. Viele der Mütter hatten deshalb nach kurzer Zeit des Ausharrens inmitten der Feinde im eigenen Lande, kehrtgemacht und waren an ihre Wohnorte zurückgekehrt. Dort konnten sie wenigstens in den eigenen Betten ruhen oder auch sterben, denn die Schiffsgeschütze der feindlichen Armada belegten auch das Hinterland bis zu 50 Kilometer weit landeinwärts mit ihren Tod und Verderben bringenden Kalibern.

Nur, die Heimkehr in die Wohnorte bzw. in die eigenen Wohnungen war die Zuwiderhandlung gegen einen Führerbefehl und gleichzusetzen mit Desertion, also Fahnenflucht oder gar Sabotage. Die Frauen wussten das, und kehrten trotzdem heim. Der Ortsgruppenleiter K. wusste es auch – und tat es ihnen auf unserem Straßenplatz auch öffentlich kund, nachdem er alle Einwohner zusammenbefohlen hatte, um volksschädlichen „Gerüchten“, nach denen Männer in schwarzen und braunen Uniformen aus den Fenstern der oberen Stockwerke eines Krankenhauses im Ostfriesischen neugeborene Kinder von nichtarischen Müttern mit Hurra auf die Strasse geschmissen hätten, entgegenzutreten, die eine gewisse Frau H. nach ihrer Rückkehr aus einer ostfriesischen Kleinstadt „verbreitet“ hatte.

Diese tapfere Frau hat, trotz der Drohung des K. die Verbreiter solcher Gerüchte künftig eigenhändig am nächsten Laternenpfahl aufzuhängen, die „Gerüchte“ als ihr und ihrer Kinder eigenes Erleben an dem besagten Abend vor aller Ohren dann wiederholt. Wenn der besagte Ortsgruppenführer nicht selber vom geschwind nahenden Ende der braunen Schreckensherrschaft überzeugt gewesen wäre – er hätte seine Drohungen mit dem eigenhändigen Aufhängen unzweifelhaft wahr gemacht.

Einige Monate nach des Krieges Ende bekleidete besagter Richard dann schon wieder die Position eines „Ortsgruppenführers“ – fast übergangslos und völlig reibungslos war er vom NSDAP Ortsgruppenleiter zum Gemeinschaftsleiter des wiedererstandenen Deutschen Siedlerbundes mutiert. Und kein Mensch aus der Siedlung hatte anscheinend etwas dagegen einzuwenden gewagt.

Ein anderes Exemplar der Gattung wandelbarer PG möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, Elektromeister Curt H. aus der Nähe von Pirna

Zugezogener Sachse, erster Einwohner der aus dem Schlick des Baugrodens gestampften Werftarbeitersiedlung Voslapp, Parteigänger der ersten Stunde und als stellvertretender NSDAP Ortsgruppenleiter auch Kämpfer an der Heimatfront. Außerdem ein Maulfechter ersten Ranges und im Nachkriegsdeutschland auch gleich wieder der Stellvertreter des schon erwähnten Gemeinschaftsleiters K. Auch ein in der Farbe des Pelzes gewendeter Wolf.

Elektriker Curt war in 38 dem Werben der Reichsführung erlegen und mit seiner Familie aus den elbsandsteinischen Sachsenbergen in die Kriegshafenstadt gezogen, um dort beim Erstarken der Kampfkraft der Marine zu helfen. Er half dann aber wohl eher beim Unterdrücken der Bevölkerung.

In der Hänsel-Saga gab es noch eine pikante oder doch bemerkenswerte Variante der gesellschaftlichen Querordnung.

Elly, was die Angetraute des Sachsenimportes Curt war, war unter anderem sehr gebärfreudig. Zwei Exemplare des Familiennachwuchses waren schon in der Pirnaer Zeit der jungen Ehe in die Welt gesetzt worden. Fünf weitere wurden dann noch in der salzigen Nordseeluft gezeugt. Gezeugt und teilausgetragen, wohlgemerkt. Das Licht der Welt erblickten sie stets im sächsischen Pirna, damit sie dort die heilige Taufe empfangen konnten.

In Schlicktau, im Bannkreis der parteilichen Amtsmacht des Vaters war das Bekennen zu einer der christlichen Glaubensgemeinschaften in dieser Art schlecht möglich.

Bei den drei letzten Lebendgeburten war das Versteckspiel nicht mehr möglich – sie wurden letztendlich der Jugendweihe anheim gegeben.

Frau Ellys überdimensionierte Brüste zierte übrigens ein wohl ebenso überdimensioniertes goldenes Mutterkreuz der NS-Frauenschaft.

Ebenso groß und mächtig wie ihre Brüste und ihr Hintern war auch ihre Hinterhältigkeit und ihre Rachsucht. Ich hätte damals gerne liebenswertere Sachsen, so wie sie mir immer wieder auf meinem späteren Weg begegnet sind, kennengelernt.

Von den Elbsandsteinkindern scheint sich heute keines mehr an die Zuhause Leidenszeit erinnern zu wollen.

Ich kann viele Bilder der hungersüchtigen Nachkriegstage nicht aus meinem Erinnern tilgen. Eines davon zeigt mir Vater und Mutter Hänsel regelmäßig des Abends in ihrer Wohn-Küche sitzend, die feinsten Delikatessen (soweit sie in den Geschäften am Ort zu kaufen waren) genüsslich in sich reinschaufelnd, während die Kinder oben in nur einer Kammer in den klammen Betten lagen – jedes mit einem harten Kanten Brot in der Faust, der von der fürsorglichen Mutter zuvor mit Spitzbohnenkaffee, dem sog. Muckefuck, angefeuchtet und spärlich mit Zucker überrieselt worden war. Dieses Zurschaustellen von Kindesmissachtung war auch eine Art von Kindesmisshandlung. Sie taten es öffentlich, weil es ja immer für alle Vorübergehenden durch die unverhangenen Fenster sichtbar, geschah – und kein Mensch sagte oder tat etwas dagegen. Auch in der Beziehung hat sich in unserer Gesellschaft nicht sichtbar viel geändert.

Eine Begebenheit in Albert Heerens Laden in der Flutstrasse macht diese elterliche Handlungsweise noch deutlicher. Albert Heeren residierte damals als gerade selbstständiger Kaufmann im ausgebauten Kleinviehstall seines Schwiegervaters Knuth. In diesem beschränkten Geviert gab es praktisch auch alles das käuflich zu erwerben, was für die Menschen damals in Gemischtwarenläden, in Einzelhandelsgeschäften feilgeboten wurde. Bei Heerens gab es in den Anfangsjahren nur keine Frischmilch – so weit war Albert noch nicht konzessioniert worden.

Bedingt oder gefördert durch die wachsende Zahl von Badegästen in unserem Ort, bekam er aber dann aber doch die Berechtigung zum Milchverkauf und somit zog etwas verspätet die ersehnte Milchpumpe als Statussymbol in sein Geschäft ein.

Doch zurück zu Elly und Co. Mutter Hänsel stand mit ihrer Lieblingstochter in der schummrigen Gemüseecke des mit Kunden gefüllten Heerenschen Ladens. Ungeachtet der vielen Nachbarsfrauen und –kinder standen sie da und verzehrten in aller Seelenruhe eine komplette Hand Bananen – so von der Faust weg in den Mund. Es schien sie nicht im Mindesten zu stören, dass jeder, der sie beobachtete wusste, dass ihre anderen Kinder wie Hungerhaken durch die Zeit liefen, als sie mit vollem Munde kundtat, dass sie sich ja sonst nichts gönnen würde.

Den Hänselkindern – den Jüngeren zumindest, weil die Älteren mit Hilfsdiensten in der Nachbarschaft schon weitgehend für sich selber sorgten – konnte man salopp gesagt, das Vaterunser durch die Backen blasen. So hohlwangig kamen sie daher, wenn ihr Nachhauseweg von der Schule sie in aller Regel durch die Küche von Mutter Eden führte, in der es für jeden, der durch sie hindurchzog, immer etwas gegen den Hunger und den Durst gab.

Die einzige Nachbarschaftsverbindung, die Elly und ihr Mann gemeinsam pflegten, war die zu den Wünnenbergs in der Fedderwarderstrasse. Wilhelm W. und Curt H. waren Kumpaneros noch aus ihrer Bonzenzeit bei der NSDAP. Die Ehefrauen trugen sinnigerweise auch noch den gleichen Vornamen, nämlich Elly. Ein unbefangener Beobachter konnte sie ohne weiteres für Zwillingsschwestern halten, wenn er sie bei ihren Hin- und Herwegen gemeinsam die Strasse blockieren sah. Wenn sie nebeneinander liefen, dann nahmen sie in der Tat die ganze Schmalbreite der Strasse ein. Ein Nachbar in der Strasse schätzte die beiden Grazien einmal scherzhaft aber durchaus zutreffend auf 1 Meter 60 nach drei Seiten. Ich hätte zu gerne doch mal nachgemessen. Auf den ausladenden Hinterteilen konnten bei den beiden Frauen gut zwei Kinder Platz finden. Mindestens zehn mal am Tage schuffelte das Gespann bei uns durch die Hohewegstrasse, in jeweils wechselnder Richtung – und jedes Mal war für die Zeit der Passage die schmale Strasse für jeden anderen Verkehr blockiert.

 

Wenn ich mich an so manche Begebenheit aus der frühen Zeit der Verbindung meiner ältesten Schwester Meta mit Siegfried, dem ältesten Hänselsproß, erinnere, dann spüre ich auch heute noch nur Verachtung für diese Frau, für diese Eltern. Meta und Jungsiegfried trugen sich mit Heiratsabsichten, weil sie sich vorzeits schon etwas ‘bestellt hatten’, wie man bei uns in bäuerlicher Gegend zu sagen pflegt, wenn eine Niederkunft ins Haus steht. Meta war im Kindaustragen ja nicht mehr so gänzlich ungeübt – ein ‘Butenbeenskind’, eine uneheliche Geburt, hatte sie ja schon im Alter von 17 Jahren hinter sich gebracht. Es gab da nur ein Problem – beide Eheaspiranten waren noch nicht volljährig. Meine Schwester eh noch nicht, und der werdende Papa war auch noch keine 21.

Das war aber augenscheinlich nicht das größte Problem – die Kacke war richtig am dampfen, weil des Beschälers Eltern nicht an den Bocksprung ihres Sohnes glaubten – oder wohl dran glaubten, es aber nicht gelten lassen wollten, weil Sohnemann sich offensichtlich das falsche Pferd zum Reiten ausgesucht hatte. Zwischen den Familien bestand nun überhaupt keine Annäherungschance. Meine Mutter unterstützte die Brautleute zwar nach Kräften, denn der Braten schmorte ja in der Röhre, und noch ein Butenbeenskind sollte ihre Tochter doch nicht bekommen. DAS störte den Drachen Elly und ihren Bändiger aber nicht im Geringsten – sie ließen es drauf ankommen. Letztendlich erteilte das Vormundschaftsgericht die Eheschließungserlaubnis für die beiden minderjährigen Verlobten, sodass es am 28. September 1954 doch noch mit der Heiraterei klappte, und KEIN zweites uneheliches Kind das Licht der Welt erblicken mußte.

Heute schon können das vielleicht nur noch wenige und später wohl niemand mehr verstehen, aber unehelich geborene Kinder waren für die Mädchen und Frauen durch die Zeit ein ewiger Makel, der sie „entwertete“. Wohl gemerkt traf der Bannstrahl der Moral NUR die Mütter – die Väter, die es ja natürlicherweise auch gab, die brauchten da keine Ächtung der Gesellschaft zu fürchten. Deren Samen konnte so häufig und wann immer es möglich war auf fruchtbaren un- oder außerehelichen Boden fallen. Es schaute sie NIEMAND deswegen auch nur im Mindesten schräg an.

Bis zur Entscheidung des Vormundschaftsrichters pro Hochzeit musste jung Siegfried des Abends um 22 Uhr zuhause sein – SO wollten es seine Eltern. Ansonsten blieb die Türe verschlossen, und der arme Kerl konnte sehen, wo er die Nacht dann verbrachte. Meist war es die Werkstatt von E-Meister Curt, in der Siegfried ja auch einen Teil seiner Lehrzeit zugebracht hatte. Die Werkbank kannte er also, und erfuhr auf diese Weise, dass man auf Werkbänken auch schlafen kann. Eine solche Erfahrung haben sich in den ersten Jahren nach dem Kriege übrigens viele junge Männer auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft in ganz Deutschland sozusagen „erschlafen“.

Eines Abends – er kam von seiner Arbeitsstelle nach Feierabend stets erst zu uns nach Hause – auch wohl wegen der doppelten „Befriedigung“. Zum einen gab es bei uns ständig genügend Nahrung für den „Bauch“, und zum anderen fand sich garantiert immer ausreichend und toll Amüsement für den „Schlauch“. Jung Siegfried ließ sich auch gerne von meiner Schwester führen, in seinem Sinnen sie zu verführen. Kleinen, wissbegierigen Brüdern kann man ja so leicht nüscht verheimlichen.

Eines Abends hatte er sich entweder nicht früh genug von den Fleischtöpfen seiner Schwiegermama in spe, oder aber von der fleischlichen Versuchung seiner geliebten Zukünftigen trennen können – jedenfalls zeigte die Klock, die Uhr, zwei Minuten nach Zapfenstreich, als er vor der elterlichen Türe stand und nicht eingelassen wurde. Auch das Notquartier väterliche Werkstatt war ihm an diesem Abend verwehrt, weil die Tür zu der Kaschemme verschlossen – was sonst nie der Fall war. Seine Mutter Elly wollte provozieren, warum sonst hätte sie ihn aus dem Oberfenster heraus auffordern sollen, wieder dahin zu gehen, wo er sich die ganzen Abende herumtreiben würde.

Er tat es, und fand nach längerem Umherirren für den Rest der Nacht ein Lager im Zimmer eines meiner älteren Brüder, den er durch Steinwürfe ans Fenster aus dem Schlaf geweckt hatte. Meine Mutter saß währenddessen in Peines Uniformwerkwerk im Wilhelmshavener Textilhof an der Ulmenstrasse am Schiebeband vor ihrer Nähmaschine zu güddern, zu nähen, um den Akkord zu schaffen. Noch bevor sie am nächsten Tag davon erfuhr, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn aus einer Notlage heraus unter unserem Familiendach genächtigt hatte, hielt sie schon eine Vorladung in ihren Händen, mittels der man sie aufforderte, umgehend auf dem 4. Polizeirevier in der Posener Strasse zu erscheinen. Gegen sie, meine Mutter, läge eine Anzeige wegen Kuppelei vor. Eine gewisse Elly Hänsel würde sie eines oder mehrerer Vergehen gegen den Kuppeleiparagraphen bezichtigen.

DAS war Elly Hänsel. Wie ich schon erwähnte, ich hätte damals schon gerne andere Sachsen kennengelernt.

Ab da nächtigte jung Siegfried in ähnlichen Notsituationen im elterlichen Hause seines Schulfreundes Fritz Poppen, das schräg gegenüber der Hänselsiedlung stand. Das war denn keine Kuppelei und nicht sittenwidrig.

Und wieder einmal zeigte sich die menschliche Neigung, Peinigern gleich welcher Art bei ihrem schändlichen Tun nachzugeben. Besser wäre es für alle Beteiligten gewesen, habe ich manches mal gedacht, dem Weibsbild die Zunge herauszuschneiden. Dann hätte sie in ihrem noch recht langen Leben viele Verleumdungen und auch sonst recht hässliche Verlautbarungen nicht mehr unter die Leute bringen können.

Nach der Entbindung meiner Schwester, die bei uns zuhause stattfand, ließ Frau Elly siedlungsweit verbreiten, dass, wenn sie wüsste, dass das Kind ihrer Schwiegertochter von ihrem Sohn stamme, sie sich dazu herablassen und die Schwelle zu unserem Hause überschreiten würde. Da ihr die Gewißheit aber fehle …

Gott sei Dank ist es nie dazu gekommen, obwohl die von ihr angezweifelte Vaterschaft für Jedermann an der Gesichtsgleiche des Kindes erkenntlich war. Denn wenn sie bei uns im Hause aufgetaucht wäre, dann wäre es für mich so gewesen, als hätte der Teufel eine Kirche geschändet.

Diesem Kind folgten noch drei Sprösslinge aus unverkennbar der gleichen Pfeife (die Anzahl der Abtreibungen während der Ehe schwankt selbst im Wissen der direkt Beteiligten, darum nenne ich hier keine rechnerische Größe). Wenn die Enkel im Nachbarstadtteil – in dem sie Anfangs wohnten – sich auf den Weg machten, um ihre Papa-Oma zu besuchen, dann war deren Tür entweder verschlossen, oder die Oma forderte sie durch die spaltweit geöffnete Tür auf, zu ihrer anderen Oma, die eine Straßenecke entfernt von ihr wohnte, weiterzugehen. Zur Begründung führte sie stets Zeitmangel an, was nicht einmal von der Hand zu weisen war.

Seit dem Unfalltod ihres Mannes, der sich, in seinem Goggomobil sitzend, frontal mit einem Großraumfahrzeug der städtischen Verkehrsbetriebe angelegt hatte, war sie nämlich sehr mit der Pflege zwischenmenschlicher europäischer Beziehungen beschäftigt.

Die Leere in ihrem Hause hatte sie mit der ersten Generation griechischer Gastarbeiter aufgefüllt. Bei den Gastarbeitern der ersten Stunden handelte es sich in der Regel um potente Mannsbilder, die alleine ihre Heimatländer, und meist auch ihre dortigen Familien, verlassen hatten, um in der goldenen Bundesrepublik am verheißenen wirtschaftlichen Wohlstand teilzuhaben.

Solange das Gespenst des Familiennachzuges von ausländischen Arbeitskräften noch nicht greifbare Wirklichkeit geworden war, gelang ihnen das auch vorzüglich. Und nicht nur das – man ließ sie auch teilhaben am Reichtum der, wegen der Nochkriegsfolgen an Männermangel in großer Zahl vorhanden, unbemannten Weiblichkeit in mittlerem und reiferem Alter.

Es wurden in Gastarbeiterkreisen damals tatsächlich Vergleiche darüber angestellt, wer von ihnen wohl das Glückslos der „besseren Matratze“ gezogen hatte. Auch das störte niemanden in der Gesellschaft, obwohl alle darum wussten. Nahmen die potenten und unbefriedigten Südländer der Gesellschaft doch ein Stückweit die Verpflichtung ab, sich um diese zum Teil vereinsamten und auch gefühlsvernachlässigten Frauen zu kümmern, denn zum Trümmerräumen in den zerstörten Städten brauchte man sie ja nicht mehr, und eine Flut von Mischlingskindern hatte man, wegen der zum größten Teil schon ausgedienten Gebärmuttern der lusteshungrigen Witwen, auch nicht mehr zu fürchten. Das war die Realität – aber die war wiederum zu real, um sie den kleinen vor der Tür stehenden Enkelkindern begreiflich zu erklären. So ist sie durch die Jahre mit (fast) allen Kindern und Enkeln umgegangen. Irgendwann wird alles Andauernde eben auch zur Normalität.

So kam es denn, dass Altsohn Siegfried und Schwiegertochter Meta Ende der Neunzehnachtziger Jahre die Siedlung von Mutter Elly übernahmen, das heißt, sie kauften die Immobilie. Mit Sicherheit waren da auch ein paar juristische Tricks mit im Spiel, denn genügend Moos, um alle Geschwister, das heißt alle Erbberechtigten regulär in ihren Ansprüchen befriedigen zu können, soviel Moos hat mein Schwager niemals im Leben besessen. Im Schulden anhäufen – etwas auf „Auge“ kaufen, darin hatte er sein Lebtag aber schon wiederholt eine gewisse Fertigkeit bewiesen. Das „Siedler spielen“ geschah nicht etwa aus Siedlungslust oder Spaß am Gärtnern – DAS war ganz einfach noch eine Trotzreaktion meiner Schwester auf die Geschehnisse in ihrer Frühehezeit, in deren Folge meine Mutter der Tochter und dem Schwiegersohn die Siedlerfähigkeit auf der eigenen Scholle abgesprochen hatte – ja, absprechen musste.

Andernfalls wäre ihr der Anspruch auf die eigene Siedlerstelle, den sie mit fast unmenschlicher Anstrengung erworben hatte, verlustig gegangen.

1996 nahmen meine Schwester und ihr Mann dann die ach so geliebte Frau Elly zu sich in Pflege. Vorgeblich geschah es aus „Kindespflicht“ – um aber der Wahrheit die Ehre zu geben – Geldgier, und die aus der Leichtlebigkeit heraus entstandene permanente Geldnot der beiden, war wohl die Triebfeder ihres Handelns, denn als es darum ging, unserer, ihrer von Demenz betroffenen Mutter im hohen Alter im Alltag ein wenig nur zur Seite zu stehen, formulierte meine Schwester Meta ihre Haltung dazu mit dem Satz, so wörtlich: „Den Scheiß muß ich mir nicht antun.“ Bei unserer Mutter war nämlich – im Gegensatz zu Frau Elly – nichts abzusahnen. Mama Sophie hatte ihre „Güter“ und die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel stets mit warmen Händen, wie sie es immer nannte, unter ALLE ihre Kinder und Kindeskinder verteilt. In deren Augen waren es wohl keine hohen Güter, denn Dinge, kleine aber feine Geschenke, für die Sophie, um sie ihren Enkeln zu besonderen Anlässen schenken zu können, noch bis ins hohe Alter regelmäßig einer bezahlten Tätigkeit als Hauswirtschafterin in einem Düsseldorfer Industriellenhaushalt nachging, wurden von den meisten der Beschenkten nur am Rande oder gar nicht gewürdigt.

Ich habe oft beobachten können, dass sie die von der Oma mühsam erarbeitete und liebevoll ausgewählte Kostbarkeit mit nichtssagender Miene mit der rechten Hand in Empfang nahmen, und im folgenden Moment das Teil mit der gleichen Gleichgültigkeit mit der linken Hand für immer beiseite legten. Das hat mich eines Tages dazu bewogen, meine Mutter darum zu bitten, ihre Verpflichtung zum Schenken einmal grundsätzlich zu überdenken. Sie hat es getan.

Jedenfalls hat Schwager Siegfried dem, auf dem Konto seiner Mutter ruhenden Batzen Geld Bewegung verschafft, indem er ihn in die Räder eines neuen Autos umformte – dieses Automobil war denn auch das erste in der siegfriedschen Autobesitzergeschichte, das nicht auf Wechseln durch den wechselvollen Alltag rollte.

Die nahe oder nächste Zukunft war damit erst einmal gesichert, denn Ellys Witwenrente aus des Curtes Unfalltod und ein gleichermaßen erkleckliches Sümmchen aus der Pflegeversicherung waren ja Monat für Monat gesicherte Einkünfte. Da ließ sich dann schon ein wenig mit herumpupsen und auf noch größeren Füßen leben.

Die wahren Beweggründe der Inpflegenahme offenbarten sich dem aufmerksamen Beobachter in der Verhaltensänderung der „geliebten“ Mutter und Schwiegermutter gegenüber, als deren Konten leergeräumt und gelöscht waren. Um das turnusmäßige Pflegegeld und die Rentenbeträge zu erhalten, darum brauchte man ja nicht mehr zu buhlen. Ich muß es einfach einmal so direkt schreiben – wenn es um einen geldwerten Vorteil ging oder geht, dann tanzt meine Schwester Meta notfalls sogar mit dem Teufel – und der ihr hündisch ergebene Siegfried macht die Musik dazu.

Das Verhalten meiner Schwester gegenüber ihrer Schwiegermutter ist ja kein Einzelfall und nicht mit „später Rache“ oder „wie du mir, so ich dir“ zu erklären. Bei „Martha“ als dem vorhergehenden Betreuungsfall waren es nämlich frappierend ähnlich gestaltete Abläufe in der Behandlungsweise. Martha wurde nach dem Dahinscheiden ihres Ehemannes zwecks Betreuung in den Metaschen Haushalt aufgenommen. Der verstorbene Schorsch hatte nämlich zugunsten seiner Angetrauten eine Anzahl Kapitalverträge, mit teils erklecklichen Sümmchen dahinter, hinterlassen. Irgendwann wurden diese Verträge fällig und die Summen fielen in den Schoß meiner Schwester. Nach der Wahrung einer (un)angemessenen „Anstandsfrist“ verschwand Frau Martha dann plötzlich aus dem häuslichen Kreis und tauchte in einem Pflegeheim unter. Nicht ein einziges Mal hat meine Schwester sie dort noch besucht.

Den „Scheiß“ wollte sie sich dann auch nicht mehr antun, denn es gab ja nichts, im Verhältnis sich lohnendes, mehr abzuräumen. Es hatte sich ja „plötzlich und unerwartet“ der fettere Brocken ‚Schwiegermutter Elly’ im Netz verfangen, den man an Bord zu holen sich doch nicht versagen durfte.

Meine Mutter wiederholte sich nur immer, wenn sie ein übers andere Mal entschlossen kundtat, um nichts in der Welt bei ihrer Tochter Meta wohnen zu wollen. Ich habe ihr nur immer darin beipflichten können – und das nicht, um ihr Recht zu geben oder sie in ihrer Meinung zu bestärken – sooooo nicht. Es war schon meine eigene Erfahrung, auf der meine Zustimmung basierte. Eine Zeitlang logierten mein Bruder und ich nämlich im Kreise der Metaschen Großfamilie in einer weiträumigen zweigeschossigen Wohnung in Mariensiel. Es war eine Wohnung, die wir Brüder meiner Schwester und meinem Schwager für ihre Familie angemietet hatten und über Jahre finanzierten, weil der Sohn meines Bruders aufgrund seiner eigenen zerrütteten familiären Verhältnisse bei unserer Schwester sozusagen als Pflegesohn untergebracht war.

Es war eine verdammt teure Pflegestelle, denn außer den Wohnungskosten beinhaltete das Pflegegeld auch noch das Haushaltsgeld für alle im Haushalt lebenden Leute (zeitweilig waren es zehn Personen) und die Bereitstellung eines Autos für unsere Schwester, bzw. für den Familienbedarf. Einige Tausend Märker Wechselschulden aus Schwager Siegfrieds Automobileskapaden, die wir übernommen hatten, waren auch noch zu begleichen, da Schwager Blitz sonst wegen etlicher geplatzter Wechsel in den Kahn gewandert wäre.

Das war ganz schön viel Moos, kann ich nur sagen. Es war für meinen Chefbruder aber ja ein Klacks, denn erstens verdienten wir gut, weil wir wie die Irren malochten (wenn mein Bruder seinen Rausch von den Gelagen mit seinen Saufkumpanen auspennte, dann war ich ja stets von Beginn der Tageshelle bis zum Dunkelwerden auf der jeweiligen Baustelle am werkeln). Unser gemeinsamer Verdienst reichte für die Bedürfnisse meines Bruders und die meiner Schwester Familie. Den Weg in meine Tasche hat über die Jahre nie auch nur eine Mark gefunden. Aber wie gesagt – ICH hätte es ändern können.

Mit meinem Neffen Uwe war es eh ein Drama ohne Ende. Was dem Menschenkind in seinem Leben an Tragik widerfahren ist, das ist schon ein gehörig’ Maß über das allgemein erträgliche Geschehen hinaus. Obwohl ihm sein Vater in der Früh-Kinderzeit ohne Zweifel ein Stück seiner Seele zerschlagen hatte, ist er – solange sein Vater unter den Lebenden weilte – nach väterlicher Anerkennung hungernd, hinter ihm hergelaufen. Bekommen hat er sie nie.

In 1970 – wir waren nach München und Rosenheim, nach Neckarsulm und dem Abstecher nach Saudi-Arabien auf einer Baustelle der pädagogischen Hochschule Köln am Lindenthal Gürtel gelandet – direkt neben einem katholischen Mädchenpensionat gelegen. Diese Baustelle, dieser Standort hat uns so manches erzählenswerte Erleben beschert, zumal der verantwortliche Bauleiter gleich uns ein Nordlicht war – Günther S. aus der gleichnamigen Oldenburger Unternehmer Dynastie.

Wegen familiärer „nicht so ganz Päßlichkeiten“ hatte er irgendwann der väterlichen Firma den Rücken gekehrt und war als Bauingenieur zum Baukonzern ‚inbau’ in Leverkusen (einer Tochter der Phillip Holzmann AG) gewechselt. Die Firma ‚inbau’ war in den Jahren auf dem Gebiet des großindustriellen Fertigbaus in Europa führend. Gefördert hatte diesen enormen Aufschwung auf dem Fertigteilsektor mit Sicherheit der in den Mittsechzigerjahren enorme Nachholbedarf hinsichtlich der Errichtung öffentlicher Großbauten – in Nord-Rhein-Westfalen vor allen Dingen im Bereich der Erweiterung von Universitäten und Hochschulen. In den südlichen Bundesländern waren es dagegen überwiegend die wie Pilze aus der Erde emporschießende Einkaufszentren, mit für die Damalszeit ungewohnten Ausmaßen. Heute wären solcherart Bauten für viele Größenwahnler der Immobilienbranche gewiß nichts anderes mehr als Kleckerkram, wenn man die heutigen, selbst in magersüchtigen Dünnbrettkommunen in die Ortsbilder gewuchteten Konsumklötze, die dann nach ihrer Fertigstellung häufig selber jeden Leerstandsrekord an Verkaufsflächen brechen, oder aber die, sich in ihrem Umkreis befindliche, bis dahin zumeist intakte urbane Groß- und Einzelhandelsstruktur mit Brachialgewalt zerstören. Es hat in der Wirtschaftsgeschichte unseres Landes wohl noch keinen Zeitabschnitt gegeben, in dem Klein- und Mittelgeschäfte in Handwerk und Handel in einer solchen Menge so rasend schnell den Bach hinunter gegangen sind, als in Deutschland im ersten Jahrzehnt nach der rücksichtslosen “Entsorgung“ der DDR.

Und immer noch hat der Wahnsinn kein Ende. Einige wenige Profiteure – bei einer Gesamtzahl von ca. 80 Millionen Einwohnern sind es nur einige, obwohl ihre Anzahl schon ganz erklecklich scheint – haben unser Land mit allem Drum und Dran bedingungs- und skrupellos an wirklich wenige mächtige und gierige Hintermänner der Finanz(unter)welt verkauft. Frei nach dem Motto: „ Nichts ist unmöglich – man kann alles (ver)kaufen – es kommt, wie immer, auch dabei nur auf den Preis an.

Auf den Preis kam es bei uns, bei den „Malochern“, bei den „Handarbeitern“, in den sechziger und eingangssiebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch an. Wir mussten auf unserem Gebiet ganz heftig hinter den Groschen herkriechen.

Hinterherkriechen deshalb, weil unser Werk zuvorderst der Fußboden war, auf dem nach seiner Fertigstellung durch uns die Massen fröhlich herumtrampelten. Ich bin davon überzeugt davon, in meinem Arbeitsleben auf den Knien kriechend einmal den Globus umrundet zu haben, wenn nicht noch mehr.

Es war ein hartes Geschäft um Massen und Moneten.

Wer in dem Kampf nicht mithalten konnte, der wurde meist gnadenlos abgehängt, und musste sich mit den Krumen, die von den Tischen der Großkopferten fielen, bescheiden. So war es in den Jahren damals – es war aber ein Kampf unter Heroen auf beiden Seiten.

In der Jetztzeit sind es auf der einen Seite fast ausschließlich geldgeile gewissenlose Manager- und Abzockertypen, denen auf der Arbeitnehmerseite in der Regel rechtlose, machtlose Habenichtse, die von den Regierenden jedweder Farbe den globalen Finanzhaien ausgeliefert, oder zutreffender skrupellos zum Fraß vorgeworfen werden, während sie ihren Gewerkschaftsführen, von denen sie schnöde im Stich gelassen oder gar heimtückisch hintergangen und verraten werden, ohnmächtig gegenüberstehen.

Heute wird öffentlich und viel schwadroniert von den strukturellen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern. Hier finanzschwache und dort finanzstarke Länder – der arme Norden steht dem reicheren Süden gegenüber – die einstigen Perlen deutscher Wirtschaftsmacht, wie Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Bremen am ständigen Tropf der einst als hinterwäldlerisch angesehenen „Südstaaten“ der Republik. Ich habe mich zu meiner aktiven Malocherzeit angesichts der zwischen Nord/West und Süd oftmals gravierenden Unterschiede in der Lohnstruktur und dem so sehr verschiedenen Umgang mit den werktätigen „Ressourcen“ in diesen Landstrichen des Öfteren gefragt, worin diese Verhaltensweisen wohl begründet waren (oder immer noch sind, obwohl da ein großer Umbruch stattgefunden hat).

Während unserer Arbeits-Einsätze für Nordrheinische Unternehmen im Vorfeld der olympischen Spiele München 1972 ist uns immer wieder greifbar der Unterschied in der Wertschätzung von Arbeitskraft Süd und Arbeitskraft Nord/West klargeworden. Das Auseinanderklaffen der Schere im Lohnniveau war schlichtweg unbegreiflich. © ee

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Das Geschenk …

Auf der anderen Seite der Schleuse lag schon seit dem Julimonat ein Schiff. Eines Mittags, als Harm von der Schule auf dem Weg nach Hause war, hatte er das Schiff zum ersten Mal gesehen. Morgens, auf dem Weg zur Schule hin, hatten da in Ufernähe noch nur die beiden Dukdalben gestanden.

Und jetzt hörte er plötzlich Musik, nein, nein – keine Trommeln und Trompeten, nein – gaaanz fein klang es über dem Wasser – die Töne zogen über die blinkernden Wellen dahin, wie im Morgendämmern der feine Nebel über das nachtfeuchte Land zieht.

Der Moorkanal mit seinem schwarzbraunen Kabbelwasser lag nicht mehr so nackend im Land – es schien geradeso, als wenn ihm jemand einen feinen seidenen Umhang übergeworfen hätte.

Jeden Morgen freute Harm sich, wenn er die Musik hörte – dann wußte er, gleich bekam er das Boot zu sehen – es war noch da.

Nach zwei Wochen hatte er sich endlich getraut, jeden Tag ein wenig näher an das Boot heranzugehen, um mutig Moin zu sagen. Und sieh an, der Mensch, der oben auf dem Kajütdach saß und so schöne Musik machte, nahm die Mundorgel aus dem Mund und sagte mit ganz tiefer Stimme: „Moin, mien Jung“.

Das war es denn auch vorerst. Er setzte wieder seine Pustmusik an und Harm hörte ihm zu.

Das hätte er stundenlang können, wenn er nicht schnell nach Hause zu mußte. Er mußte zuhause den Schweinekoben ausmisten und die Hühner füttern.

Seitdem er mit seiner Mama alleine war, mußte er einen Teil der Arbeit auf dem kleinen Bauernhof verrichten.

Alles dagegen lamentieren nützte nichts – sie mußten ja irgendwo von leben.

So eine Mundorgel … jaaaa, die hatte er schon ein paarmal auf seinen Weihnachtswunschzettel geschrieben – erfüllt worden war ihm dieser Wunsch nicht. Zum letzten Weihnachtsfest hatte er diesen Wunsch schon gar nicht mehr geäußert – er wußte ja nur zu gut, wie leer es in Mamas Geldbeutel aussah.

Heute Morgen hatte er dem Spielmann noch zugewunken – was hatte der ihm nachgerufen? Adschüß Harm? Er hatte die Worte nicht so recht verstehen können – der Wind lief so schräg dagegenan.

Heute Mittag wußte er es genau – das Schiff war weg.

Zwei Tränen blinkerten in seinen Augen. Die Musik war weg – der seidene Umhang des Moorkanals war weg. Aber was war daaaas?

Oben auf dem Anbindepfahl lag, in der Sonne blinkernd, eine kleine blanke Mundorgel. Darunter lag ein Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:

„Für Harm, meinen dankbarsten Zuhörer.“

Wenn es dem Kalender nach auch erst Frühherbst war – für Harm war es Heute das schönste Weihnachten seines Lebens.© ee

Ewald Eden

 

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Der 27. November 2014 – ein vertaner Tag …

und ein wundersamer Richter.

 

Eine Berufungsverhandlung vor dem Bremer Landgericht.

 

Gestern war für mich wiedereinmal solch ein Tag, den ich am Abend am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte. Wer kennt es nicht, dieses gefühlte Erleben der nutzlosen Verschwendung kostbaren Lebensvolumens.

Es war ein Tag auf der Beobachterbank in einem kaufherrenzeitlichen hanseatischen Gerichtshaus. Ein über dem Eingangsportal in Gold geletterter Schriftzug „Gerichtshaus“ empfing mich denn auch in der diesigen Kühle des novembrigen norddeutschen Innenstadtmorgens, als ich die Stufen zum Palast der bremischen Justitia erklomm.

„Bremische Justitia“ deswegen, weil laut Bekunden des wackeren Vorsitzenden Richters der 51. Strafkammer die stadtbremischen Justiz- bzw. Ordnungsgesetze gegenüber den gesamtföderalen Bundesgesetzen mit einigen Besonderheiten, um nicht zu sagen Merkwürdigkeiten, ausgestattet seien.

Der Vorsitzende Richter meinte sogar, den Angeklagten (einen niedersächsischen Polizeiamtsrat a. D.) dahingehend belehren zu müssen, dass Polizisten am Ort des Geschehen immer „Herr des selbigen“ seien und anordnen bzw. machen könnten was sie wollten – der beteiligte Bürger hätte sich immer dem zu fügen und unterzuordnen.

Eventuelle Unrechts- oder Gesetzwidrigkeiten in den Handlungen und Anordnungen der Staatsdiener wären stets NUR im nachhinein zu betrachten bzw. zu bewerten oder mit Beschwerde zu belegen.

Prima, habe ich da nur gedacht – wenn ich nun durch eine solche „unrechte oder gesetzwidrige Handlung“ eines Ordnungshüters mein Leben verlieren würde, dann hätte ich danach theoretisch zumindest noch die Möglichkeit, mich bei der landesbremischen Justitia zu beschweren.

Äußerst generös geregelt das Ganze.

Sieben lange Stunden wurde nun im Gerichtssaale mit Worten gefochten, die mal scharfes Florett und auch wohl mal rustikales Schwert waren – abgelöst von Wortstrecken in denen von einzelnen Beteiligten nur leeres Stroh gedroschen wurde. Auffallend war der mehrmalige Hinweis des Saalherren von hinter der Galerie, an die als Zeugen vernommenen Polizeibeamten, daß sie bestimmte dezidierte Fragen des Angeklagten an sie nicht zu beantworten bräuchten.

Was die Zeugen dann auch tunlichst nicht taten. DAS hätte ich an deren Stelle denn auch gemacht.

So ganz geheuer oder gesetzeskonform erschienen die „Regieanweisungen“ von oberhalb der Richtergalerie dem Angeklagten auf seinem Armesünderbänkchen offenbar auch nicht, denn warum sonst hätte er sich – wie geschehen – beim Vorsitzenden Richter für dessen emsiges Bemühen, den als Zeugen auftretetenden Polizeibeamten die von ihm offenbar gewünschten Antworten in den Mund zu legen, in humoriger Weise bedankten sollen.

 

Während der, sich über weite Strecken wie Kaugummi hinziehenden, langen Verhandlungsrunden habe ich mich wiederholt gefragt, welche Funktion ´die den Vorsitzenden Richter flankierenden und permanent schweigenden Randfiguren hinter der Galerie wohl haben.

Ich weiß, daß sie als Vertreter der Staatsanwaltschaft respektive als Schöffen bezeichnet werden, natürlich. Doch drängte sich mir in langen Abschnitten des Geschehen ob des wort- und reglosen Dahockens der Eindruck auf, es mit Marionetten zu tun zu haben. Nach Einvernahme des letzten Zeugen zog sich das Gericht zur Urteilsberatung und -findung zurück.

Die Anmerkung des Richters: „Um fünf vor halb fünf ist die Urteilsverkündung“ gewährte den Personen im Saale von vor der Galerie exakt 13 Minuten Zeit um sich die Beine zu vertreten oder sich irgendwie zu erleichtern. Wie gesagt 13 Minuten.

Punkt 5 min vor halb 5 ertönte aus des Richters Munde die Verkündung des Urteil, das da lautete:

„Die Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichtes Bremen vom soundsovielten in der Strafsache so und so wird abgewiesen.“

Das war kurz, korrekt und präzise ausgedrückt.

Doch dann folgte aus des Richters Munde bis Schlag 17 Uhr als Monolog eine 34 Minuten währende Urteilsbegründung .

Und da habe ich mich gefragt, wie ein Richter – und mag er noch so wacker sein – es in nur 13 Minuten Zeit zuwege bringt, mit den beteiligten Schöffen eine 7 Stunden dauernde Verhandlung in der Sache zu bewerten – zu einem einvernehmlichen Urteil zu gelangen UND eine 34 Minuten Vorlesezeit währende Urteilsbegründung zu verfassen.

Das hat bei mir die Ehrfurcht vor einem wundersamen Richter hervorgerufen.

Oder war es doch ganz anders, und Richter Alleingang hatte diese „Urteilsbegründung“ schon fertigverfasst in der Lade liegen?

Irgendwie überkamen mich dabei Erinnerungen an Roland Freisler und den Deutschen Volksgerichtshof.© ee

 

ewaldeden-2014-11-28

Watt’n Meer ….

 

Diese zwei Worte meines alten Freundes Sepp aus dem süddeutschen Überlingen fielen mir so spontan wieder ein, als wir vor ein paar Tagen erneut nebeneinander an derselben Stelle auf dem Deich unweit der Voslapper Schule standen, an der vor einem halben Jahrhundert der staunende Ausruf: „Watt’n Meer“ aus seinem Munde in den Wind über den Andelgroden geweht war. Jetzt sagte er gar nichts. Wohl nicht, weil ihn ein Gebrechen am Sprechen hinderte, sondern weil er für den Anblick, der sich ihm bot, einfach keine Worte fand.

Ich bemerkte, wie seine Augen etwas suchten – nach wenigen Augenblicken wusste ich, was es war. Wo ist denn der Zinnsoldat geblieben, kam die zögerliche Frage. Und wo ist das Watt mit den Prielen, in denen wir immer so herrlich schlickrutschten, und die Gräben zwischen den Andelwiesen, in denen es von Stichlingen nur so wimmelte, schickte er gleich hinterher. Wo ist der herrliche lange Sandstrand, mit den vielen ebenso langen Mädchenbeinen die ihn des Sommers bevölkerten? Ein bisschen viel Fragen stürmten da auf einmal auf mich ein, fand ich.

In seiner Erinnerung hatte er sich ein völlig anderes Bild von dem Fleckchen Erde jenseits unseres Schuldeiches bewahrt.

Vor fünfzig Jahren konnten wir von der Stelle, an der der Sommerdeich zum Voslapper Hafen hin abzweigte, noch an Enno Janssens Maadesiel vorbei zum gerade in Betrieb genommenen Ölhafen, querab des Heppenser Berges gelegen, schauen. Der Bau der Tankerlöschbrücke Ende der 50er Jahre war für uns eine Großtat der Industrie und eine Glanzleistung der Stadtoberen. Es sollte wieder Leben in den Hafen kommen, und damit Geld in die Kasse der Stadt und in die Taschen ihrer Bürger.

Das anfangs schwachbrüstige Wiedererstehen der militärischen Marine nahmen wir damals gar nicht so recht wahr. Die dem Militär von den US-Freunden aufs Auge gedrückten Schrottkähne, zum Neustart einer Seestreitmacht Deutschland, die im Inneren Hafen vor sich hindümpelten, die wurden doch überhaupt nicht recht wahrgenommen. Das Weltkriegs-Szenario war noch nicht weit genug in die Vergangenheit gerutscht.

 Was waren die Menschen in der Stadt verblendet von den falschen Hoffnungen auf „Weltstadt werden“, die als Trugbilder von den Verantwortlichen vor Ort unablässig in ihre Köpfe projiziert wurden.

Das nach dem Ende des Kriegsgeschehens von den Siedlern in Voslapp aus kleinsten Anfängen heraus aufgebaute und ohne große Ahnung von „Marketing in der Tourismuswirtschaft“ wie es heute genannt wird zu haben, zum bescheidenen Erfolg geführte Kur- und Badeleben längs und rings um den Geniusstrand herum, wurde aus einer falschen Euphorie heraus den Industriealisierungsträumen geopfert. Wie schnell sind daraus doch Alpträume geworden.

Christian Eisbein – der vielen sicher in guter Erinnerung gebliebene Wattführer – sagte einmal in einem unserer viel zu seltenen Gespräche, man muß wohl zugewandert sein, um die Schönheit und den Wert dessen erkennen zu können, was die Natur uns Menschen bietet. Er war durch die Nachkriegswirren aus seiner Heimat Ostpreussen nach Ostfriesland verschlagen worden.

Dass das „nach hierher zugewandert sein“ aber kein Garant für das Erkennen und die Wertschätzung all der Kostbarkeiten des Wattenmeeres sein muß, das hat er an anderer Stelle einmal mehr als deutlich gemacht – denn was sollte er sonst damit gemeint haben, als er die diversen Marschen- und Meeresorientierten Institutionen und Institute – und da hob er besonders die in der Jadestadt angesiedelten hervor – als geistige „Mausoleen“ bezeichnete.

Mag man ihm im Nachhinein auch nicht in jedem seiner Denkzüge zu folgen vermögen – in dieser Einschätzung kann ich ihm aus eigenem negativem Erleben durch die Jahre hindurch nur beipflichten. Wie hat er vorausschauend die zu der Zeit anlaufende und für die Zukunft zu erwartende Steigerung des Großschifffahrtsaufkommens in unmittelbarer Nachbarschaft und sogar mitten hinein in die einmalige Natur des Wattenmeeres und deren immense Negativfolgen für alle Kreatur an, vor und hinter Küste und Deichen benannt.

Ein Hellseher war Christian Eisbein bestimmt nicht, aber ein die Realitäten erkennender Mahner und Visionär war er gewiß. Auch in seinen kritischen Bemerkungen, zum Beispiel an die Adresse vieler Experten in Naturschutzbünden und –verbänden, denn wo sind die Wächter unter dem Label Nabu, B.U.N.D. oder Greenpace als Aufrüttler, wenn es um die Verwendung hochgiftiger Substanzen als Brennstoff für die Antriebe der Irrsinnsfrachter auf ihren Wasserwegen rund um den Globus bis hinein in das Herz des jetzt „Naturerbe Wattenmeer“ geht? Sind sie allesamt unwissend, oder halten sie sich aus der Angst um den Verlust ihrer Pfründe so bedeckt?

Ich verspüre eine ganz andere Art von Angst, wenn ich mir den deutschlandinternen Wettlauf um die größten Anlauftiefen zu den jeweiligen Küsten- oder Flusshäfen zwischen Ems und Elbe betrachte.

Auf der einen Seite mutiert ein sich mit der Zeit zur Stadt gemausertes „Moordorf“ am Mittellauf der Ems zur Geburtsstätte der weltweit größten Kreuzfahrtschiffe – auf der anderen Seite versucht eine Flusshafenstadt mit aller Gewalt, und der sträflichen Missachtung jeglicher Naturgesetze, das Tiefwasser der Deutschen Bucht um über hundert Kilometer näher an seine Stadtgrenzen zu bringen, während in der Jademündung, mit dem hineinpressen der ausufernden Massen riesiger Schiffsleibe in ein viel zu enges Korsett, mit den Katastrophen Vabanque gespielt wird. Welch ein Wahnsinn offenbart sich da.

Meinem alten Freund Sepp hat sich angesichts dieser Gegebenheiten und Entwicklungen kein Begreifen erschlossen.

Seine Aufforderung an mich, da auf dem Voslapper Schuldeich, doch einfach mal die Verantwortlichen nach dem Grund ihrer schweigenden Akzeptanz zu fragen, hat sich in mir nahtlos an seinen ein halbes Jahrhundert zuvor getanen Erstaunensruf

„Watt ’n Meer …“ angefügt. © ee

 

ewaldeden2012

Wie war das noch …

zum Beispiel mit Franz Högemann und seinen vielen Geschäften?

Kürzlich brachte meine Schwester mir von einem Bummel durch die Innenstadt eine neue Hose mit – so eine für alle Tage, eine Jeans. Ich saß gerade hochkant am Schreibtisch und plagte mich mit dem Text für eine neue Geschichte ab, in der auch der Name Högemann vorkam. Er wurde so nebenbei erwähnt, und nur als einzelne Blume in einem großen Strauß anderer Namen.

Mich hatte der Name inwendig aber wohl so richtig zu fassen, denn sie hatte die Hose noch gar nicht ausgepackt, da fragte ich schon wider mein Wissen: Hast du die Hose bei Högemann gekauft? Denn ich wußte ja, bei Högemann sind 1985 die Lichter im letzten Geschäft für alle Zeiten erloschen.

Franz Högemann selber hat diesem Moment noch 16 Jahre hinterher trauern können, denn 2001 stand schon im Kalender, als er im biblischen Alter von 101 Jahren seiner Stadt, seinem Wilhelmshaven endgültig Adschüß gesagt hat.

Er war in Seele und Herz mit den Menschen – die zumeist ein ungewisses Schicksal hierher getrieben hatte – verwachsen. So ein bisschen schimmerte wohl sein Leben lang die Charakterfarbe seines Vaters bei ihm durch, der zu der Zeit in Heppens als ‚Ehrenamtlicher Bürgervorsteher’ fungierte.

Als Franz 1900 den ersten Schrei seines Lebens in die Wilhelmshavener Luft schickte, da hat sich vielleicht das ausklingende Jahrhundert ein wenig ob der Lautstärke erschrocken, es konnte von des Kaisers Untertanen noch niemand ahnen, dass dieser Schreihals 27 Jahre später an der Ecke Göker- Bismarckstrasse im Hause seiner Eltern ein Licht anzünden würde, das als eine helle Leuchte 68 Jahre die Menschen hier an der Küste durch die Zeit begleiten sollte. Auch der größte Schicksalssturm hat es in den fast sieben Jahrzehnten nicht geschafft, das Licht auszublasen. Die Högemanns lebten den festen Glauben, Gott hielte seine schützenden Hände um die Flamme ihres Lichts. Wilhelmshaven hatte nun sein Modezentrum bekommen.

Ganz gleich von welcher Seite die Menschen das Wilhelmshavener Herz auch an steuerten – dem Bekleidungs-geschäft Högemann konnte niemand aus dem Wege gehen.

„Högemann zieht alle an“ war plötzlich als Werbespruch überall in der Region zu lesen.Die Einwohner der Stadt, unddie Bevölkerung von weitum zu wurden von Franz Högemanns Modehaus magisch angezogen und waren, wenn sie das Haus wieder verließen, von bestens ausgebildeten Verkäuferinnen und Verkäufern modisch angezogen. Als Modistin oder Schneider bei Högemann in Wilhelmshaven angestellt zu sein, das war fast gleichzusetzen mit einer Anstellung als Kammerzofe oder Hofschneider in einem Adelshaus. Franz Högemann legte nämlich nicht nur bei sich, sondern auch bei seinen Bediensteten allergrößten Wert auf Gediegenheit und fundierten Sachverstand.

Das hatte sein Lehrmeister Leffers mit Sicherheit schon erkannt, als er Franz bat, nach Abschluß seiner Ausbildung in seinem Geschäft zu bleiben. Der alte Baas aus der Textilwelt hatte wohl gespürt, dass, wenn er diesen jungen Kerl von der Leine ließe, ihm eine große Konkurrenz in der Stadt erwachsen würde. Wie richtig er mit seinem in wendigen Fühlen lag konnte bald jeder sehen. Sogar in der Residenz – in Oldenburg – fasste Franz Högemann mit einem eigenen Modehaus Fuß. Im Denken einiger Leute von damals grenzte ein solches Tun schon fast an ‚Majestätsbeleidigung’.

Das hat er zu spüren bekommen, trotzdem oder vielleicht gerade, weil sogar der Kapellmeister in de Hardes Strandhalle am Südstrand das laufende Musikstück unterbrach, wenn er Franz Högemann bemerkte, und stattdessen den Högemann Walzer spielen ließ – zu dem die anwesenden Gäste dann kräftig mitsangen: „Högemann geht mit der Zeit – das weiß doch Jeder weit und breit.“

Franz Högemann umwehte zeitlebens ein wenig der Duft der großen weiten Welt womit ein großer Tabakwarenkonzern später einmal die ‚Peter Stuyvesant’ bewarb.Der gleiche große Konzern hat übrigens Jahre später unbedenklich – und kostenlos natürlich – Franz Högemanns „Let’s go to Högemann“ der frühen Jahre als „Let`s go West“ in sein Programm übernommen.

Auf jeden Fall spielte es keine Rolle, was in dem jeweiligen Saal oder Etablissement gerade abging – wenn Franz Högemann das Parkett betrat, dann hatten die Menschen das Gefühl, der König ist da – oder das Licht scheint plötzlich heller.

Franz Högemann war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn ich so an der Vergangenheit vorbeischaue – soweit ich Franz Högemann kennen gelernt habe – sehe ich eine farbige Mischung aus Genialität, in dem was die Menschen wollten, und Aufrichtigkeit und Mitfühlen wenn es einem anderen schlecht und bedauernswert ging.

Der Schalk saß ihm zudem ständig im Nacken und hat unablässig dafür gesorgt, dass sich niemand die Seele verbiegen mußte, um zu ihm aufzuschauen. Obwohl er ja ein stattlicher Kerl war. So etwas kann auf diese Art keinem beigebracht werden – Mensch ist so, oder er ist es nicht. Franz Högemann war so.

Die globalen Völkerstreitigkeiten bis Mitte der vierziger Jahre hatten zur Folge, dass Franz Högemanns Werk zu Beginn der Nachkriegszeit in Trümmern lag. Wer nun denkt, Franz Högemann lag genauso in Stücke zerschlagen am Grunde seiner Stadt, der denkt die falsche Seite entlang.

1940 hatte Franz nämlich das persönliche Glück, seine Rosel kennenzulernen, die ihm noch im selben Jahr das Jawort gab, und ihm bis zu seinem Tode in hohem Alter stets eine feste Stütze war.

Seine Rosel hat das Ruder von Högemanns Schiff immer fest in ihren Händen gehalten, auch wenn der Sturm des Alltags wieder mal sämtliche Segel fortgerissen hatte. Dabei hat sie ihm noch 5 Kinder geschenkt, die ihren Eltern das Durchkommen durch die Zeit gewiß nicht erleichtert haben – trotz aller Dankbarkeit für diese Gottesgeschenke.

Weil Franz oft die Notwendigkeit erkannte, einem Menschen zu helfen, wechselte so manche Hose oder Jacke den Besitzer, ohne dass das dafür eigentlich notwendige Geld in die Ladenkasse floss,

In geschäftlich kritischen Zeiten konnte Franz immer wieder zu Hause bei seiner Rosel Kraft für den nächsten Tag schöpfen. Die beiden haben nach dem Desaster der Zerstörung im 2ten Weltkrieg wieder gemeinsam die Ärmel hochgekrempelt, in die Hände gespuckt und auf einem Trümmergrundstück in der Marktstrasse ein neues Modehaus errichtet.

‚Michael & Hannelore’ stand nach dem Weggang Högemanns aus der Marktstrasse noch eine geraume Weile dort an der Fassade zu lesen. Zu dem Ereignis hätte Welt auch laut singen können: „Aus Ruinen neu erstanden“. Das hat hier wahrscheinlich damals niemand getan, obwohl die Menschen froh waren, wieder ein ‚Högemann’ zu haben, in dem sie kaufen konnten und nicht nur das Schild mit dem Namen drauf, an der Stelle, an der das alte Högemann gestanden hatte.

„Feldgrau ist passé – Khaki kommt, juchhee …“ Gesagt hat es damals wohl niemand hier und um zu, aber gleichwohl war es so.Und Franz Högemann wußte es – er hatte die Nase dafür. Er hat damals schon gewusst, dass die Baumwollpflückerhosen aus Louisana in kurzer Zeit überall in der Welt als Allroundhosen getragen würden.

Wenn nun jemand fragt: „Allroundhosen – was ist das denn?“ der mag nur an sich herunterschauen. Wenn seine Beinkleider denn Jeans heißen, dann weiß er auch, was Allroundhosen sind. Die konnte man in Wilhelmshaven als Original Lewis und Wrangler tatsächlich zuerst bei Högemann kriegen – und das auch noch zu einem ausgesprochen zivilen Preis. Original und in bester Ausführung bekam jeder über das ganze Jahrhundert hinweg noch etwas anderes bei Högemann – kostenlos und ‚aufzu’: Menschlichkeit, Mitfühlen und Sorgenverstehen. Eine Begebenheit dieser Art muß ich hier einfach noch einmal aus der Schublade des Vergessens ans Licht holen.

Zwei kleine Menschenkinder – ein Mädchen von etwa zehn Lenzen und ihr jüngerer Bruder standen in einer Zeit, in der große Teile der Wilhelmshavener Einwohner wieder einmal sehr unter Wirtschaftsasthma litten – schüchtern in Högemanns Laden, direkt neben der großen gläsernen Eingangstür. Sie trauten sich, scheinbar aus Angst auch hier abgewiesen, zu werden, keinen Schritt weiter in den Laden hinein.

Trotz der vielen Kunden waren sie Franz Högemann aufgefallen. Er bat sie mit liebevollen Worten zu sich an den Tresen und versuchte zu ergründen, welche Last den Beiden das Herz schwer machte. Es dauerte eine Weile bis das Mädchen bereit war, dem geduldig wartenden Menschen vor ihnen davon zu erzählen. „Unser Papa hat Geburtstag … und wir möchten ihm gerne einen Schlips schenken, weil … der alte ist überhaupt nicht mehr schön … und Mama gesagt hat, dass für einen neuen Binder noch kein Geld über ist …“

Die beiden hielten jeder eine Hand ganz fest zu einer Faust geschlossen. „Wir waren schon da und da und da …“ – dabei zählte sie eine Reihe von Geschäften in der Nachbarschaft auf „aber die waren alle zu teuer für uns … wir konnten doch nur zwei Mark sparen.“

Als sie das sagte, öffneten sich die beiden Fäuste, in denen jeweils ein blankes Markstück lag. Und wie die Geldstücke im Licht, so blenkerten auch ein paar Tränen in den vier Kinderaugen.

Franz Högemann langte hinter sich zur besten Krawattenreihe und forderte die beiden auf, für ihren Papa den schönsten Schlips herauszusuchen den sie finden konnten. Ein feines Seidentuch für die Mama legte er noch obenauf, bevor er eigenhändig die Sachen in Geschenkpapier einschlug. Abschließend strich er den Kindern zärtlich übers Haar, und forderte sie auf, die zwei Mark zuhause wieder in ihre Spardose zu stecken, damit sie da richtig groß würden.

Franz Högemann selber hat nie davon erzählt – für ihn war sein Verhalten ganz normal. Aber ich denke, wenn er in den letzten Jahren seines langen Erdenweges des Abends in der Lilienburgstrasse neben seiner Rosel auf dem Sofa saß, und mit der Hand sanft über ihre kleinen Füße strich die auf seinem Schoß lagen, dann schaute er sicher häufig längs der Tiefen und Höhen von einhundert Jahre Högemann. Zufrieden damit, dass er es so und nicht anders gemacht hatte – auch, oder gerade dann, wenn mal wieder Irgendjemand ein großes Loch in die Planken seines Lebensschiffes gerissen hatte.© ee

Geschrieben von Ewald Eden

nach Harro Högemann Erinnerungen und Bildern. Dankeschön .

Courage . . .

 

Schschscht – – – – – Theo – – – – sie kann sich bald selbst nicht hören, so leise ruft sie ihren Theo.

Man – sie liegt ja auch steif im Bett. So sehr hat sie sich erschrocken, als es plötzlich irgendwo im Haus schreck-lich polterte.

Sie versucht es noch einmal – diesmal etwas lauter.

Theo – – Theo – – dabei kriecht ihre Hand millimeterweise zu ihm hin.

Es dauert fast fünf Minuten, bis sie ihn an der Schulter zu fassen hat – und dann noch einmal genauso lange, bis sie ihren Arm bewegen und Theo schütteln kann.

Dabei hat sie mehr Energie fürs lauschen ins Haus gebraucht, als für die Bewegung zu seiner Schulter hin.

Ihr steht der blanke, kalte Schweiß auf der Stirn. Wie kann man bloß so fest schlafen. Wieder muß sie seine Schulter vorsichtig hin und her bewegen.

Sie traut sich nicht, laut zu werden – und meint, daß man schon ihr Herzklopfen bis zum Nachbarhaus hören kann.

Oh man – wenn diese Angst nicht wäre. Sie würde ihm schon zeigen was es heißt, nicht auf sie zu hören.

Er hat sowieso noch eine Rechnung offen bei ihr – von gestern abend. Wenn es auf der Geburtstagsfeier des Arbeitskollegen auch nichts Vernünftiges zu essen gab – er hätte sich nicht so zu betrinken brauchen.

Nun liegt er da und tut grad so, als wenn er mit der großen Zugsäge zugange ist, und Winterfeuerung sägt.

Schnarcht und liegt, und liegt und schnarcht, und kriegt vom Poltern und Klötern unten im Haus nichts mit.

Sie ist vor Angst am zittern, und kann ihr Nachtzeug bald auswringen. Sie bekommt ihn mit aller Gewalt nicht zu Verstand. Die Einbrecher räumen sicher schon das ganze Haus leer. Sie zittert, als wenn sie mit bloßen Füßen im Schnee steht.

Plötzlich kommt ihr die Erleuchtung!

Draußen am Balkon da steht doch noch die große Leiter. Der plötzliche Regenschauer hat Theo gestern Nachmittag beim Weinranken schneiden vertrieben – und die Leiter ist da stehen geblieben. Weil sie denn ja auch nötig losmußten – zum Geburtstag.

Immer wieder kommt dieser Geburtstag mit dem wenigen Essen und der vielen Sauferei ins Spiel.

Sie kann vor Angst schon keinen klaren Gedanken mehr fassen – sie muß etwas tun.

Raus aus dem Bett. Auf nackten Füßen – damit man unten im Haus bloß keine Schritte hört. Ihr Plan steht fest!

Der Stuhl – wo ist der Stuhl – ahhh, da steht er. Gleich neben der Tür. Theo hat heute Nacht seine Kleider da einfach so drüber geschmissen. Sie legt sein Zeug geräuschlos auf den Fußboden. Wenn Theo das mal tat, wurde er von ihr gleich gehörig angepfiffen – aber dies war ja eine Notlage.

Komisch – denkt sie – was einem Menschen in so einer gefährlichen Situation alles durch den Kopf geht. Manch einer hat ja schon erzählt, daß man in solchen Sekunden sein ganzes Leben an sich vorbei sausen sieht. Sie sieht im Moment aber nur das Donnerwetter an sich vorbeisausen, auf das Theo sich morgen früh gefasst machen kann.

Den Stuhl mit der Lehne unter die Türklinke – damit die Einbrecher nicht ins Schlafzimmer können, und Theo vielleicht totschießen. Wenn sie draußen war – und den Nachbar zu Hilfe holte.

Theo brauchte sie noch – mit wem sollte sie denn sonst ‘rumnörgeln – wenn er plötzlich nicht mehr da wäre.

So – das saß! Da kam niemand ‘rein. Fuß vor Fuß durch das Schlafzimmer – die Balkontür im Zeitlupentempo aufziehen.

Man gut, daß Theo die Türen letzte Woche noch alle geschmiert hat. Zu irgendwas war er ja doch noch zu gebrauchen.

Es ärgert sie im Stillen, daß sie ein Nachthemd angezogen hat – angezogen in der Hoffnung auf Theos gute Taten. Die Hoffnung war Hoffnung geblieben – und klettern könnte sie viel besser mit einer Nachthose an. Verwundert ist sie, daß sie so leise sein kann – im normalen Leben fällt ihr das nämlich bannig schwer.

Bbbbbrrrr….. barfuß im nassen Gras – und das morgens um vier! Aber jetzt – als wenn der Teufel hinter ihr her ist – quer durch den Garten. Beim Nachbarn ums Haus zu – und an das Schlafzimmerfenster geballert. Der Nachbar ist gleich am Fenster. Er hat ein Jagdgewehr in den Fäusten – als wenn er damit geschlafen hat. Sie erklärt ihm hastig die Situation – und dann hasten beide, wie Indianer auf dem Kriegspfad, los. Sie schleichen um das Haus herum – aber seltsam – kein Fenster ist geöffnet, und keine Tür steht offen. Keine Scheibe ist zerschlagen. Was tun? Einen Schlüssel hat sie ja nun leider nicht im Nachthemd – also, der Nachbar mit seinem Püster rauf auf die Leiter, über den Balkon, durch die Schlafkammer. Stuhl weg – Tür aufgemacht – und horchen.

Da sind Geräusche zu hören. Ganz vorsichtig die Treppe runter. Aus der Küche fällt Lichtschein in die Diele. Die Küchentür aufreißen – und lachen – das war eins.

So ein Lachen hat sie ihr Lebtag noch nicht gehört, wie es ihr jetzt aus dem Haus entgegenschlägt.

Als der Nachbar die Eingangstür öffnet, und sie herein läßt, kann sie auch nicht anders – sie muß sich festhalten vor Lachen – und kann nicht verhindern, daß es ihr warm an den Beinen hinunterläuft.

Die Nachthose wäre jetzt klatschnaß gewesen.

Ihren Theo hat der Hunger wohl noch an Kühlschrank getrieben, und in seinem Dunas hat er die Tür nicht wieder richtig zugemacht.

Nun sitzen Katze und Hund einträchtig vor dem hellen Viereck der offenen Klappe, und haben den Inhalt des Eisschrankes unter sich aufgeteilt.

Da sieht man mal wieder, was so ein Geburtstag ohne Essen doch alles anrichten kann.© ee

Eden’s kleine Lebensweisheiten :

* Erzählen – daß man mit den Händen die Gedanken greifen kann.* Ewald Eden

Die Cameliadame.

Wenn man so recht bedenkt, waren die Zeiten in denen für uns Kinder Sex noch fünf und eins war, eigentlich doch schöne Zeiten. Alles was die Erwachsenen verband, und die Halberwachsenen mit magischen Kräften zueinander hinzog, lag für uns noch wie hinter dicken Nebelwänden verborgen.

Wenn sich der Nebel für uns Kinder in irgendeiner Ecke mal etwas lichtete, wagten wir meist nicht zu fragen – und die, die wir nicht zu fragen wagten, wagten meist nicht zu antworten. Irgendwo biß sich der Hund dann wieder selbst in den Schwanz.

Anders Gabi – für sie hatte sich der Nebel wohl nicht extra zu diesem Zweck gelichtet – sie blickte mehr zufällig durch ein Nebelloch.

Auf Schnüstertour – wie kleine Mädchen nun einmal sind – ehrlich – entdeckte sie in Mamas Schrank ein dickes, blau-weisses Paket. Lesen konnte sie ja schon – wenigstens die balkendicken Großbuchstaben.

CAMELIA – stand da geschrieben – hatte sie noch nie was von gehört. Gabi, das dicke blauweisse Paket unter dem Arm, rein in die Küche. Der Papa saß am Küchentisch – er war gerade von der Schicht gekommen und rückte soeben seiner Flasche Feierabendbier zu Leibe. Na, mein Mädchen….! Zu mehr kam er nicht – sein Mädchen wollte was wissen. Du Papa – war die Mama im Zirkus? Papas Gesichtsausdruck fragte: Wieso?

Wegen dieses Paket – Gabi hielt ihm die blauweisse Packung unter die Nase. Kamele gibt’s doch nur im Zirkus.

Ach so, nee – dat is, wenn die Mama ….! Aber Vatter – nu laß dat Kind doch – kam es von der Küchentür her. Indem sie das sagte, nahm Mutter ihr das blauweisse Paket weg und legte es wieder in den Nachtkasten.

Das war’s. Aber nicht bei Gabi. Nach zehn Minuten stößt sie ihre Mama an – Mama , warst du im Zirkus? Ach Kind – dat is niks aussen Zirkus – in dat Paket – dat sind Ohrwäärmer. Wennsde Ohrnschmerzen hast leechste die um die Ohren.

Gott sei Dank – denkt Mama. Thema durch.

Nach gut vier Wochen – Gabi ist mal wieder allein zu Haus – fällt ihr das blauweisse Zirkuspaket ein. Ach denkt sie – kalte Ohren kann man ja auch ohne Ohrenschmerzen haben – deckt sich ihre Ohren sorgfältig mit einer von Mamas langen CAMELIA – Binden zu, und setzt sich damit an das Fenster, um das Treiben draußen zu beobachten.

Die Nachbarn im Pütt sprechen heute noch von der CAMELIA – Dame.

Ehrlich.  © ee

Heyersand

 

 Der Fahrer des kleinen, klatschgelben Transporters schickt einen verknit-terten Blick zur Uhr auf dem Armaturenbrett. Es ist viertel vor fünf. Am Himmel sieht es so aus, als ob der Wind die Dunkelheit vor sich her treibt. Die Welt ist noch halb Nacht, und schon halb Tag.

Es ist für Jürgen Köhnen wieder einmal ein richtiger Scheißsonntagmorgen

Normale Bürger räkeln sich um diese Zeit noch in ihren Betten, und genießen den Feiertagsschlaf.

Der Techniker Köhnen dagegen ist schon seit einer halben Stunde unterwegs. Es ist bereits sein siebter Wochenendbereitschaftsdienst in Folge. Heute treibt ihn nach längerer Zeit mal wieder der Notruf eines großen Hotels rüber nach Heyersand.

Seit die Kollegen wissen, daß er zu Hause nichts mehr zum kuscheln im Bett hat, versuchen sie ständig, ihm die allgemein ungeliebten Sonntagsdienste als Braut anzudrehen. Meistens haben sie dann auch noch Erfolg damit.

Ihm scheint es fast so, als wenn die ganze Bagage in seiner Firma befürchtet, er würde als Solist keinen Ton mehr aus seiner Lebensfidel herausbekommen, und sich darum verpflichtet fühlt, ihn ständig unter fremde Leute schicken zu müssen.

Dabei spielt man doch oft viel ungezwungener auf einem Instrument wenn man alleine ist. Selbst wenn die Töne mal schief klingen sollten, selbst dann zieht niemand eine Schnute.

Versteh noch einer die Welt – ihm fällt das manchmal richtig schwer.

 

  Während unter den Rädern seines Wagens der breite Asphaltstreifen wie ein endloses Band dahinfliegt, fliegen durch sein Empfinden die krausesten Gedanken. Das schwarze, in der Mitte durch einen dicken weißen Strich geteilte Band scheint nicht enden zu wollen. Die Wegebauer haben es schnurgerade in die Landschaft gelegt. Es reicht bis weit in den Horizont hinein.

Das einzig schräge an dem Bild vor ihm sind die alten Straßenbäume. Windschief und knorrig stehen sie zu beiden Seiten der Chaussee. Es sieht aus, als wären sie an einer Schnur aufgereiht.

Er sehnt sich ein wenig in die Zeit seiner Jugend zurück, in die Zeit der ersten Fahrradtouren. Die hat er mit seinen Freunden auch hier in diesem Landstrich abgeritten. Nur sah die Gegend damals noch etwas anders aus.

Etwas …… er lacht leise in sich hinein. Das Heute ist mit dem Damals überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn er nur an die gewölbten Klinkerstrassen mit ihrer geschwungenen Linienführung denkt. Als junge Burschen meinten sie oftmals, weibliche Formen darin zu erkennen. Sie wetteiferten dann mit-einander, wer von ihnen diese Formen am treffendsten zu beschreiben vermochte.

Gott, was waren wir doch noch naiv, denkt er.

Die Strassen waren ihm immer mit das Schönste an der Landschaft gewesen. Sie waren Natur in der Natur.

Wie frei hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn ihr Pfadfinderfähnlein die düstere Steinwüste der Alltage hinter sich gelassen hatte, wenn sie der drückenden Müffigkeit des Wohnviertels am Rande der Großstadt entflohen waren.

Es ging ihnen wohl allen so. Sie konnten gar nicht kräftig genug in die Pedale treten.

Wenn sie sich nach der anstrengenden Strampelei mit müden Beinen der Küste näherten, schauten sie alle paar Minuten sehnsüchtig nach der schwarzen Rauchfahne des Schiffes aus.

Sie konnten es gar nicht erwarten, endlich an Bord des pummeligen kleinen Dampfers gehen zu können, um damit nach Heyersand rüberzuschippern. Mit den Männern an Bord waren sie von der ersten Fahrt an vertraut gewesen. Obwohl es eigentlich eher wortkarge Typen waren, die da ihren Dienst ver-sahen – zupackend, knustig und verschlossen.

Wenn der junge Kerl im Kohlenbunker – ‚Hein duk di’ nannten damals alle den langaufgeschossenen Hein Briester – einmal besonders gut drauf war, sahen sie am Ende der Überfahrt auch schon mal aus wie frischgebackene Schornsteinfegerlehrlinge.

 

Das kleine Inselwäldchen, inmitten des Eilandes, hatte es ihnen in den Jahren besonders angetan. In den alten Wehrmachtszelten fühlten sie sich wie die Indianer und Trapper in den Wildwest – Groschenromanen, die sie allesamt mit Begeisterung in sich hineinfraßen.

Mit Wehmut denkt er an die Abende in den Dünen zurück. An die Augenblicke, wenn sie die ersten Hürden der Schüchternheit gegenüber dem schwachen Geschlecht überwunden hatten.

Oh Gott, was war das für ein Gefühl gewesen, zum ersten Mal ‚das Andere’ berühren zu dürfen. Die aufgesetzte jungmännerhaftige Welterfahrenheit, die die meisten von ihnen zur Schau trugen, wenn es ums scharwenzeln vor den Mädchen ging – die hatte dann plötzlich vor dem süßen Geheimnis Reißaus genommen. Sie hatte klopfenden Herzen und roten Ohren Platz gemacht.

Irgendwann war in ihren Sommern auf Heyersand jeder von ihnen zum ‚Mann’ geworden. Auch wenn selten jemand aus der Clique darüber redete, nachdem ‚Es’ geschehen war – sie hatten es gegenseitig in ihren Gesichtern erkennen können.

„Ach ja, schöne Zeit – würdest du doch noch einmal wiederkommen ….“ Es ist ihm gar nicht bewußt geworden, daß er laut gedacht hat.

 

Er kann seine Gedanken nicht von den Bildern lösen. Was wohl aus ihnen allen, die dabei gewesen sind, geworden sein mag? Nach dem Abitur hatten die Klassenkameraden sich im Aufbaurausch der jungen Bundesrepublik komplett aus den Augen verloren.

Wie mag es der blonden Anita, seiner ersten stürmischen Liebe, ergangen sein? Ob sie das gefunden hat, wonach sie sich damals immer sehnte? Eine große Familie mit ganz vielen Kindern war ihr Traumbild gewesen. Als einziges Kind schon ziemlich alter Eltern sehnte sie sich nach einem richtigen ‚Trubelhaufen’ eigener Sprößlinge. Wenn sie unter vielen Geschwistern aufgewachsen wäre, hätte sie vielleicht anders gedacht.

Sie hatte sich so sehr gewünscht, von ihm einen dicken Bauch zu bekommen, daß ihm manchmal schon angst und bange war. Das mit dem ‚dicken Bauch’ ist aber nicht geschehen – obwohl sie beide sich immer wieder heftig gemüht hatten.

Vielleicht war es auch gut so, denn nicht nur bei ihm zu Hause wäre dann garantiert der Teufel los gewesen. Seine Großmutter, die ihm sonst vieles nachsah, stieg ihm nämlich schon bei dem harmlosesten Techtelmechtel aufs Dach. Wenn sie denn davon Wind bekam. Seltsamerweise war das aber regelmäßig der Fall. Sie hatte wohl einen besonderen Sinn dafür entwickelt.

Während des letzten Ferienlagers vor der Reifeprüfung fand er Anita dann nicht mehr auf der Insel.

Sie hatte auf dem Eiland auch keine Zeichen für ihn hinterlassen, denen er hätte folgen können. Es war, als ob der Wind sie in unbekannte Fernen fort-getragen hatte. Wer weiß, wozu es gut gewesen war.

In seinem Herzen entdeckt er allerdings heute noch oft ihre Fußspuren. Ein Stückchen von ihm hatte sie mitgenommen, und dafür von sich etwas in seiner Seele zurückgelassen. Er brauchte damals eine lange Zeit, um zu begreifen, daß sie endgültig weg war.© ee

Heyersand II

Oder was mag aus Robby geworden sein?

Robby und er waren in der Jugend die besten Freunde gewesen. Es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. So hatte er es damals zumindest empfunden …

Bis Robby dann, ein paar Wochen nach der Rückkehr aus dem dritten Ferienlager, auf einmal nicht mehr in ihrem Kreise auftauchte. Auch auf der Penne sahen sie ihn nicht wieder. Der Beste in der Klasse – der Primus – hatte kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ohne vorher auch nur die geringste Bemerkung darüber fallen zu lassen.

Es kursierte nicht einmal das kleinste Gerücht im Schulalltag, warum er das gemacht haben könne. Selbst die Pauker schienen über die Gründe nichts zu wissen. So taten sie jedenfalls.

Von seiner alten Tante, bei der Robby seit dem Unfalltod seiner Eltern gelebt hatte, konnten sie auch nichts in Erfahrung bringen. Sie zuckte nur immer hilflos mit den Schultern, wenn sie nach ihrem Neffen gefragt wurde.

Er war einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

Das war der Zeitpunkt, an dem Jürgen Köhnen bewußt wurde, daß auch ‚unverbrüchliche’ Jungenfreundschaften nicht ewig währen.

 

Im folgenden Jahr erfuhren sie dann alle, warum Robby im letzten Jahr so plötzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Er war nach ihrem Eintreffen in Hamburg sofort wieder auf die Insel zurückgekehrt, und hatte dort die restlichen Sommermonate auf dem Zeltplatz gearbeitet. Die Liebe zu seiner Freundin Körty war die Triebfeder seines Handelns gewesen. Für die beiden war nämlich das ‚Mann’ und ‚Frau’ werden nicht ohne Folgen geblieben. Ein Kind wuchs in Körtys Bauch heran, sie war schwanger geworden.

Irgendwann, im Spätherbst, hatten die beiden dann der Insel den Rücken gekehrt. Einige Inselbewohner, die sie nach dem Verbleib der beiden fragten, sagten ihnen, Italien wäre ihr Ziel gewesen – andere sprachen von Griechenland, und wieder andere brachten sogar das ferne Polynesien ins Spiel. Von wegen Körtys Buntklörigkeit.

Richtig lagen sie mit ihren Vermutungen alle nicht, denn Jahre später flatterte Jürgen ein Brief ins Haus, dessen Inhalt ihm die wahre Geschichte erzählte.

Robby hatte die Zeilen während eines kurzen Aufenthaltes an der schwedisch-finnischen Grenze geschrieben.

 Allerdings war die Postsendung mit einer unvollständigen Adresse versehen.

Diese Nachlässigkeit Robbys hatte den Brief eine lange Reise machen lassen.

Nach vielen Kreuz- und Querwegen war der Umschlag aber doch noch beim Adressaten gelandet. Die Post hatte nicht aufgegeben nach dem Empfänger des Briefes zu suchen, obwohl er nach dem Abitur, bedingt durch seine Ausbildung, häufig den Wohnort gewechselt hatte.

Die Freimarke trug den Poststempel von ‚Haparanda’. Robby schrieb in dem Brief, er befände sich mit seiner Körty auf dem Weg zu den finnischen Seen. Per Anhalter seien sie schon bis an die Nordspitze des bottnischen Meerbusens gelangt, und warteten jetzt an der schwedisch/finnischen Grenze auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt ins Landesinnere.

Körtys Großeltern mütterlicherseits betrieben dort an einem der zahlreichen Seen eine kleine Landwirtschaft und eine einträgliche Fischerei.

Körtys Mutter stammte nämlich aus Finnland. Während eines Besuches bei holländischen Verwandten hatte sie sich in den Sohn eines batavischen Gewürzhändlers verliebt – eben in Körtys Vater.

 

Auf die Welt gekommen war Körty in Paterswolde, einem kleinen Ort in der Nähe von Groningen, von wo aus ihr Vater seines Vaters Geschäfte im niederländischen Mutterland führte. Er war ein richtiger ‚Pfeffersack’, der zufällig auch noch mit Pfeffer handelte – wie Körty manchmal scherzhaft sagte, wenn sie jemand neugierig nach ihrer Familie fragte.

So eine außergewöhnliche Deern hier, im ostfriesischen Plattland, anzutreffen forderte die Neugier aber auch förmlich heraus. Ihre Haut sah nämlich aus wie Milchkaffee, während ihre Augen so tiefblau leuchteten, wie das Wasser in den finnischen Seen. Eingerahmt wurde dieses Bild von einer Haarpracht, die so kupfern glänzte wie der rotgoldene Schein der Mitternachtssonne über dem Polarmeer.

Nach ihrer Schulzeit im Land der ‚Kloteklapper’ sollte sie auf Heyersand von der Pike auf das Hotelfach erlernen, um später einmal von einem Onkel in Djakarta die Leitung seines gastronomischen Betriebes zu übernehmen.

Dass dieser Beruf ihr nicht gefiel, das konnte sie nicht sagen – aber in ihren Zukunftsträumen befand sie sich stets bei den Großeltern mütterlicherseits, auf dem einsamen Hof inmitten der finnischen Wälder und Seen. Sie hatte auch noch nirgendwo anders ihre Ferien verbracht.

Und so hatten die beiden sich auf den Weg in den hohen Norden gemacht – zumal es Körtys größter Wunsch war, ihr Kind in der Heimat ihrer Mutter zur Welt zu bringen, wie Robby schrieb.

Die Hinterlassenschaft seiner Eltern, Robbys Erbe, über das er mit 18 Jahren verfügen konnte, gab damals wohl den letzten Anstoß für die Reise in die Region der Mitternachtssonne. Im August feierte er nämlich, noch auf der Insel, seinen achtzehnten Geburtstag. Er war dadurch zwar nicht plötzlich reich im landläufigen Sinne, aber Sorgen um die Zukunft brauchte er sich vorläufig auch nicht zu machen. Die Bankkonten, die ihm von da an zugänglich waren, die durfte man getrost als gut gepolstert bezeichnen. Sein Vater war nämlich nach dem Kriege einer der größten Schwarzhändler Norddeutschlands gewesen.

Seine Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern hatten ihm sogar den Gebrauch eines eigenen Flugzeugs ermöglicht.

Diese für Deutsche damals ‚grenzenlose Freiheit’ hatte ihm und seiner Frau bei einem Absturz über dem Knechtsand in der Elbmündung dann den Tod gebracht.

 

Es war die einzige Nachricht von Robby geblieben. Danach hatte Jürgen von seinem Freund kein Lebenszeichen mehr erhalten. Obwohl er schrieb, sich wieder zu melden, und Jürgen in dem Brief aufforderte sie doch einmal mit Anita in Finnland zu besuchen.

Er hatte in den folgenden Jahren häufig mit dem Gedanken an eine Reise in den hohen Norden geliebäugelt – doch wie sollte man in den unendlichen Weiten da oben jemanden finden, von dem man nicht einmal um den ungefähren Aufenthaltsort wußte.

 

Er holt seine Gedanken aus dem Land der Elfen und Trolle zurück, und versucht vergeblich wieder in der Gegenwart zu denken.

 

Das Eiland Heyersand war damals noch richtig Eiland. Mit viel verschlafener Idylle zwischen den Fischerhäusern, und auch noch reichlich Zeit für die Menschen, um einen ausgiebigen Klönschnack miteinander zu halten.

Bunte Farbkleckse in den sandfarbenen Alltag setzten meist nur die vielen jungen Mädchen vom Festland, die als Kindertanten in den Erholungsheimen, oder als Hausmädchen in den wenigen großen Hotels und vielen kleinen Pensionen ihr Brot verdienten.

Es war ihnen als ‚junge Kerls’ immer wieder eine Freude gewesen, die schwingenden Röcke durch die Inselluft schweben zu sehen.

Er kann sich nicht erinnern damals Mädchen in lange Hosen gekleidet gesehen zu haben.

Heute wirken die Strassen des Städtchens auf dem großen Sandhügel im Wattenmeer auf ihn eher wie eine Kleinausgabe der Königsallee, oder der Hamburger Mönckebergstrasse. Die meisten Hotels mit ihrer klotzigen, eintönigen Form könnten ebenso gut in jeder anderen Ecke des Erdballes stehen

Es hat sich alles schon sehr verändert. Die heutigen Besucher entdecken so spontan nicht mehr allzu viel Schnuckeliges auf dem Eiland.

Sie müssen schon ein wenig nach den verborgenen Schönheiten und den Resten von Gestern suchen. Na ja, die Urlauber von Heute haben ja auch meist anderes im Sinn, als die Badegäste von damals.

 

Wenn er sich in der letzten Zeit der Küste nähert, ertappt er sich manchmal dabei, dass er von Weitem schon sehnsüchtig zum Horizont schaut, ob nicht die schwarze Rauchfahne des Dampfers zu sehen ist. In diesen Momenten denkt er dann bei sich: ‚Jetzt geht es aber los mit dir.’

 

Das gleiche denkt er heute Morgen auch, denn sein Kopf fühlt sich so ein bißchen wie knotige Watte an, als wenn er sich dem Wolkenbild am Himmel angepasst hat. Die eiskalte Dusche nach dem Aufstehen hat da auch nicht viel geholfen.

Er läßt die Scheibe in der Fahrertür nach unten surren, um den kalten Fahrtwind im Gesicht zu spüren. „Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, als das Glas in der Versenkung, und die Hitze aus seinem Gesicht verschwindet.

Er möchte sich für die nächsten Stunden am liebsten auch so unsichtbar machen können wie die Türscheibe, um sich von den Anstrengungen der letzten Nacht zu erholen. Er ist ja schließlich kein junger Hüpfer mehr, der, ohne irgendwann schlapp zu machen, nächtelang durch die Betten springen kann.

Das unsichtbar machen, das kann er sich aber für Heute abschminken. Auf Heyersand wartet eine ganze Küchenbrigade schon sehnlich auf ihn.

 

Warum mußte er auch gestern Abend noch in Schröders ‚Gute Stube’ reinschauen, anstatt sich, nach dem kleinen Imbiß in der türkischen Döner-bude, gleich aufs Ohr zu hauen.

Er wußte doch schon vorher, wie es enden würde, wenn er in Patrizias Nähe kam – genauso, wie es immer ausging. Sie fielen übereinander her wie zwei ausgehungerte Tiere über eine fette Beute. Es aber auch jedesmal höllisch himmlisch, einen Vulkan wie Trizi zum kochen zu bringen, um dann auf der glühenden Lava zu tanzen.

 

Stets war er dann der letzte Gast am Tresen, bevor er sich mit der Wirtin für den Rest der Nacht in ein reserviertes Pensionszimmer im Erdgeschoß des Hauses zurückzog.

Ihre privaten Räume auf der zweiten Etage des alten Landgasthofes waren für ihre jeweiligen Tröster schon seit längerem tabu.

Ihr Mann Gerriet hat sie da einmal richtig in die Bredouille gebracht, als er eines Abends überraschend nach Hause gekommen war.

Die Englandfähre, auf der er als Zahlmeister seinen Dienst versah, hatte am Abend wegen eines Ruderschadens das holländische Eemshaven anlaufen müssen. Deshalb entschloss er sich kurzerhand, die Nacht der Zwangspause nicht langweilig einsam in seiner Koje an Bord, sondern lieber kurzweilig zweisam im heimischen Ehebett zu verbringen. Er war mit einem kleinen Flieger schnell über den Dollart hinweg nach Hause gehüpft.

Patrizia hatte es schon als ein wenig unverschämt von ihm empfunden, so unversehens und ohne sich vorher anzumelden bei ihr aufzutauchen. Wäre ihrem Angetrauten das zur Gewohnheit geworden – an die Folgen hatte sie damals gar nicht denken mögen. Sie hätte sich dann ja reinweg überhaupt kein kleines Nebenbeivergnügen mehr gönnen können.

Wenn ihr damaliges ‚Verhältnis’ nicht so sportlich gewesen wäre – ihr läuft noch stets ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn sie bloß mit einer Silbe daran denkt. © ee

Heyersand III

Nachträglich empfand sie es als Fügung, dass sie sich erfolgreich widersetzt hatte, als ihr Vater, vor der Erneuerung des Reetdaches vor einigen Jahren, den uralten Weinstock am Giebel des Gebäudes kappen lassen wollte.

Ihr Liebhaber hatte, bei seinem eiligen Rückzug aus der Gefechtszone, zwar ein paar Blessuren an seinem besten Stück davongetragen, als er sich völlig bloß im Geäst der Binger Tafeltraube nach unten hangelte. Das war für sie aber nicht das Problem gewesen, denn wer liebt, der muß auch manchmal leiden. So ist es nun einmal seit ewigen Zeiten.

Sie selbst hatte genug damit zu tun gehabt, die verräterischen Kleidungsstücke auf die Schnelle verschwinden zu lassen.

Danach mußte sie ihren Mann allerdings im Glauben halten, daß sie Pfeife raucht. Den Tabaksbeutel und die Pfeife ihres ‚Gastes’ hatte sie nämlich in der Eile übersehen. Bevor ihr Göttergatte zu diesen Utensilien in ihrem Wohnzimmer aber eine Frage stellen konnte, hatte sie sich spontan die ‚Piep’ gestopft, und den Krüllschnitt in Brand gesetzt.

Es war nur gut gewesen, daß ihr Mann vordergründig etwas anderes Sinn hatte, als sie wegen ihrer neuen ‚Marotte’ Pfeiferauchen zu tadeln. Im Gegenteil – es törnte ihn wohl noch zusätzlich an, so ein ‚verruchtes Weibchen’ zu besitzen, denn so feurig, wie er in dieser Nacht war, so kannte sie ihn gar nicht.

Sein sonst ziemlich schnell schlappmachender Vize erwies sich plötzlich als äußerst ‚standfester Kamerad’, der nach jedem ‚Schuß’ ins Schwarze gleich wieder zu einer neuen Attacke startete.

So prall wie in dieser Nacht war ihr ‚Schmuckkästchen’ zuvor noch nie von ihm gefüllt worden. Leider wiederholte sich dieses Erleben nicht. Die alte Kurzlebigkeit hatte fortan wieder von Gerriets Liebemachen Besitz ergriffen, und ihn bis zu seinem Unfalltod im Hafen von Liverpool begleitet.

Patrizia hatte aber etwas dazugelernt. Seitdem hielt sie nämlich für die Stunden ihrer außerehelichen Lustbarkeit stets ein Gästezimmer im Parterre parat. Außerdem ist durch das Dahinscheiden ihres Vaters das Leben jetzt sehr viel einfacher zu handhaben. Es ist seitdem niemand mehr im Hause und um sie herum, der ihr Tun argwöhnisch beobachtet und ihr dann vielleicht auch noch dusselige Fragen stellt.

 

Jürgen ist sich durchaus der Tatsache bewusst, daß er Freude darüber empfindet, seit einigen Monaten Patrizias Favorit zu sein. Ein solch handfestes Glück hatte er sich in seinem Alter nun wirklich nicht mehr erhofft.

‚Mann’ wird ja naturgemäß irgendwann bescheidener in seinen Fähigkeiten – nur, an diesem Morgen wird sein Kopf durch diese Erkenntnis auch nicht klarer.

 

Er gibt ein wenig zuviel Gas. Der Motor jault gequält auf, weil er die Gänge einen Tick zu spät hochkickt.

Irgendwie kann er mit seinem Fahrzeug heute Morgen nicht so recht klarkommen. Als wenn die Blechkiste seine Gefühle nicht verstehen will. Oder missgönnt dieses seelenlose Ding ihm etwa seinen Spaß? Das kann doch nicht sein, denn wenn es so sein sollte, wird er es der rollenden Werkzeugkiste nie verzeihen.

Er wird dann das Auto irgendwann in der Nordsee versenken, statt es ‚pietätvoll’ zu verschrotten.

„Was spukt dir heute Morgen bloß für ein Blödsinn im Kopf herum“, grummelt er lächelnd vor sich hin, während er langsam wieder den Druck aufs Gaspedal verstärkt.

Die Nadel des Tachometers pendelt sich zitternd auf 120 ein.

Tempo 80 ist zwar nur erlaubt auf dieser Strecke, aber in 25 Minuten legt die Fähre nach Heyersand ab. Das Schiff darf er auf keinen Fall verpassen, denn dann ist drüben auf der Insel ‚Holland’ in Not.

Den hinterhältigen Blitzkasten, der vor einigen Wochen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung hinter Meyers Feldscheune aufgestellt worden war, den braucht er heute Morgen nicht zu beachten. Der war in der vorletzten Nacht von irgendwelchen wütenden Nachtgeistern geteert und gefedert worden, wie Patrizia ihm beim Abschied noch zugeflüstert hatte.

Es gibt hin und wieder doch noch hilfreiche Mitmenschen in der verödeten Gesellschaft.

 

Eine letzte Kurve über den Deich, und dann mit Effee die lange Gerade zum Hafenplatz runter – er hat es mal wieder geschafft.

Das Profil der Reifen ratscht unangenehm knirschend über den rauhen Beton, bevor der Wagen vor der Gepäckhalle auf dem Bahnsteig zum Stillstand kommt.

 

Er muß seine Gerätschaften noch als Schiffsfracht aufgeben – und den Wagen muß er auch noch zum Parkplatz fahren. Nicht einmal zehn Minuten bleiben ihm bis zur Abfahrt der Fähre. Das wird verdammt knapp werden, aber für ihn ist die stete Hetzerei ja nichts Neues.

Er nimmt sich deshalb ganz fest vor, das nächste Mal früher in die Hufe zu kommen – ehrlich.

Das hat er sich bisher allerdings jedesmal vorgenommen, und jedes Mal vor dem Aufstehen wollte Patrizia dann noch einmal …. weil es doch so schön war … und weil es bis zum nächsten Mal doch sicher wieder dauern würde…

Indem sie dann stets geschickt seine Hände an die ‚richtigen’ Stellen führt, verklickert sie ihm auf sanfte Weise die ‚Dringlichkeit’ ihres Bedürfnisses, und er kann nicht einmal dagegen argumentieren, weil sie seine wachsende Antwort schon fest in ihrer Hand hält.

Verdammt noch mal – welcher Kerl kann sich auch solch verlockenden Argumenten widersetzen.

Sie sind einfach zu schön, die Momente, in denen ‚man(n)’ nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint, und der Verstand die Segel streicht.

 

Jürgen hat gerade die Heckklappe seines Kombis nach oben schwingen lassen, als aus dem Dunkel der Gepäckhalle auch schon ein grauer Vollbart auftaucht.

Das kantige Gesicht über dem ‚Sauerkrautgestrüpp’ gehört zu Tjark Blohm. Der schiebt seinen massigen Körper auf typischen Seemannsbeinen in die noch reichlich kühle Morgenluft. Tjark Blohm führt seit Jahren mit fester Hand und viel Sachverstand den Vorposten, wie er den Festlandsstützpunkt der Reederei nennt.

„Moin Herr Köhnen“ klingt es aus dem Vollbart bassig zu ihm herüber. „Wo brennt’s denn heute?“ Tjark Blohm weiß nämlich, daß jedes Mal wenn der gelbe Ratterkasten angesaust kommt, mit Sicherheit auf Heyersand drüben wieder irgendein technisches Dingsbums in irgendeiner hochgerüsteten Küche verrückt spielt. Und dann sagt er zur Begrüßung auch schon mal ‚Herr Köhnen’.

 

Jürgen Köhnen und seine Monteurskollegen sind für die Kochtopfjongleure auf den Inseln in etwa so wichtig, wie die Schmiermaxen für die Ketten der Schaufelbagger weit draußen in der Fahrrinne vor der Insel.

So hat es jedenfalls einmal einer der Küchenchefs ausgedrückt. Ohne die Elektronikklempner der Firma Kochtopf & Co. läuft nämlich im Ernstfall wirklich gar nichts.

Die beiden kennen sich schon ein Weilchen länger – er und Tjark Blohm. Tjark hat sich nämlich, vor Jürgens Alleinzuständigkeit für die Bedürfnisse Patrizias, bei seinem Werben um die schöne Wirtin der ‚Guten Stube’ auch mal ein paar Wochen die Hacken nach ihr schief gelaufen. Allerdings war es bei ihm bei den schief gelaufenen Hacken geblieben. Ihm war nicht das Glück zuteil geworden, vom heißen Lavastrom des feuerspeienden Vulkans verschüttet zu werden.

An einem verregneten Sommerabend war Tjark das nach einer gemeinsam geleerten Flasche Kööm mal so rausgerutscht.

Seit dem Abend sind sie fast so etwas wie Freunde geworden.

 

Der bärbeißige Seebär beneidet Jürgen Köhnen nicht wegen seines Erfolges bei der schönen Wirtin – na ja, vielleicht würde er das so’n büschen tun, wenn er nicht mal mitbekommen hätte, wie Patrizias alter Herr mit einer geladenen Schrotflinte hinter einem ‚Kavalier’ seiner Tochter herbönerte.

Gewehrkugeln, die hatten in Indochina oft genug seinen Weg gekreuzt – da mußte er sich hier, nur wegen einer tollen Frauensperson, nicht auch noch Schrot im Hintern einfangen.

 

„Schall ikk ähm mit tofoaten?“ klingt es aus Tjarks Mund noch beiläufig durch die Morgenluft, während er sich schon einen leeren Rollwagen aus der Schlange heranzieht.

„Moin Tjark – das wäre schön – ikk bün vörmörgens rein wat loat to Been koamen.“

Tjark kneift grinsend ein Auge zu, als er Jürgen antwortet:

“Wee dat vernacht in d’ Nüst wäär so moi? Du bist heute Morgen aber wohl nicht der einzige, der zu spät zu Potte gekommen ist – dat Schkipp is nämlich noch gannich dor. Laß Dir man ruhig Zeit.“

Jetzt erst fällt Jürgen Köhnen auf, daß an der Kaimauer der Liegeplatz der Fähre noch verwaist ist.

Sonst um diese Zeit befinden sich die meisten Fahrgäste schon an Bord, während sie sich heute Morgen, mehr oder minder ungeduldig, auf dem Hafenplatz die Beine in den Bauch stehen. Die meisten denken sicher mit Bedauern an den Schlaf, den sie hier der kühlen Nordseeluft opfern.

 

Tjark Blohm will gerade mit dem beladenen Rolli in Richtung Rampe loszuckeln, als mit einem ohrenbetäubenden Scheppern die große altertümliche Telefonglocke in der Lagerhalle anschlägt.

Der Frachtgutspezialist läßt den Wagen mit Jürgen Köhnens Kisten und Kasten einfach auf dem Pflaster stehen, und stakst mit langen Schritten in die düstere Halle rein. Zwei, dreimal hört Jürgen ihn ein lautes Wort sagen – es klingt gerade so, als wenn die Fernsprechverbindung etwas klapperig ist – dann erscheint Tjark mit wild herumfuchtelnden Armen wieder auf der Rampe.

„Son Schiet oaber ok – näman, so een Schiet ok.“

Der Hüne im Fischerhemd scheint sich gar nicht wieder einkriegen zu können. Er rennt aufgeregt zum Büroeingang der Reederei – im gleichen Tempo schlackert er zurück zur Halle, und wieder hin zum Büroeingang. Dann erst scheint ihm einzufallen, daß sich im Kontor um diese frühe Stunde ja noch niemand seinen Allerwertesten breitsitzt.

Nach einer Minute intensiven Kopfkratzens besinnt er sich wieder Jürgen Köhnens Anwesenheit

„Jürn – du mutts mi een Gefallen doon.“

„Tjark – wat ist denn los?“ Jürgen Köhnen kann sich keinen Reim auf das seltsame Gebaren seines Gegenüber machen. ©ee

Heyersand IV

Er weiß im Moment nur mit Bestimmtheit, daß er zu spät auf die Insel kommen wird, und daß die Küchenmannschaft, die ihn auf Heyersand erwartet, jetzt schon mit ihren Hintern auf heißen Kohlen sitzt, während die Gäste des Hotels nachher auf ihren vier Buchstaben wahrscheinlich vor ziemlich kalten Speisen hocken werden.

Irgendwo in seinem komplizierten Inneren hat das Steuerungsgerät für die Regelung der Küchenenergie nämlich schlapp gemacht – und ohne dieses unscheinbare kleine Ding bekommt selbst der feurigste Koch keine Hitze unter seine Töpfe und Pfannen.

 

„Jürn, Du mußt eben für mich ins Nachbardorf fahren. Ich kann ja jetzt schlecht weg hier.“

Tjark hibbelt aufgeregt mit seinen riesigen Pranken in den Hosentaschen herum.

Nun sag mir doch erstmal, was überhaupt los ist. Wenn ich nichts weiß, dann kann ich Dir auch nicht helfen – un överhaupt, wor blivt dat Schkipp?“

Jürgen Köhnen wird schon rein ein bißchen franterig. Wenn er hier noch lange dumm herumsteht, wird das seiner Firma mit Sicherheit eine Stange Geld kosten.

Die meisten Hoteliers haben bei der Einrichtung ihrer Küche eine Garantie auf die Funktionstüchtigkeit der modernen Großgeräte bekommen, sonst hätten viele von ihnen diese Dinger noch gar nicht angeschafft.

Dafür sind er und seine Kollegen denn die Garanten – sie sind quasi die Feuerwehrleute im Einsatz gegen kalte Küchen.

Er würde sich am liebsten selbst in den Achtersten treten – wenn er es könnte. Warum hatte er bloß gestern Abend nicht noch die Nachtfähre genommen.

Ja ja – Patrizia …! Ach Schiet, denkt er – das hätte auch nichts gebracht. Mit der Nachtfähre wurde nämlich kein Stückgut zur Insel expediert.

Dann wäre er zwar jetzt drüben an seinem Einsatzort – aber ohne Material und Werkzeug. Dafür ganz sicher mit einem vor Wut kochenden Hotelier, und einer nicht kochen könnenden Horde Köche im Nacken. Nee nee, da war die aufregende Nacht mit Trizi schon anregender gewesen.

Jürgen muß sich zwingen, nicht mehr an die letzten Stunden zu denken, weil es ihm sonst im Schritt unweigerlich zu eng werden würde.

 

„Wat is mit Di“ reißt Tjark ihn aus seinen Betrachtungen. „Fährst Du nun für mich ins Nachbardorf? Wäch kummst Du hier nämlich eers, wenn irgendwell Hein Briester hoalt hett. De moot de Holtengast stüüren. Die Südergast sitzt nämlich seit einer halben Stunde querab Buhne sieben auf Grund fest – und da wir seit zehn Minuten ablaufendes Wasser haben, schall see dor ok woll noch een Tiedlang blieven mooten.“

Die Morgenfähre von der Insel war wegen der extrem niedrigen Flut auf Grund gelaufen. Der Steuermann hatte erst vor vier Wochen bei der Reederei Heuer genommen, und Heute zum ersten Mal das Revier alleine befahren. Er ist ein Opfer der Tücke des Wattenmeeres geworden. Der seit Tagen anhaltende Südost hat einen normalen Tidenhub verhindert, und er ist prompt mit seinem Schiff in die Falle getapst. Das ist sicher nicht schön für ihn, aber im Moment sitzt er ja noch hoch und trocken mit seinem Schiff auf dem Baljensand.

Die kalte Dusche und das Donnerwetter der Reederei, das alles wird noch früh genug auf ihn herniederprasseln.

 

So, und jetzt muß Hein Briester her. Jürgen Köhnen kann nicht verhindern, daß plötzlich wieder Bilder aus der Vergangenheit durch seinen Kopf flattern.

Oh man, wie eingebildet waren sie sich als was ‚Besseres’ vorgekommen, wenn sie wie eitle Pfauenhähne mit ihren ‚Eroberungen’ in der kleinen Hafenkneipe „Zum lachenden Seehund“ aufkreuzten, in der der nur zwei Jahre ältere ‚Hein duk di’ oft allein am Tresen saß, und mit seinen rissigen Händen, denen man immer die Kohlenarbeit ansehen konnte, sein Bierglas umklammerte. Nie hatten sie auch nur einmal ein Mädchen in seiner Nähe aus-gemacht. Na ja, haben sie damals gedacht, welches Mädchen läßt auch schon so einen ‚Kohlenschüpper’ an sich ran.

 

Der schlaksige, ungelenke ‚Hein duk di’ von damals hatte die Jahre hinter sich, und den Kohlenbunker unter sich gelassen. Ein Paradebild von einem Kerl war er geworden. Jetzt stand er schon seit langem als Baas oben auf der Brücke. Ohne Spuren von Kohlenstaub an den Händen.

Hein hatte sich zum Kapitän hochgearbeitet. Er hatte seit Jahren das Kommando auf der ‚Holtengast’.

Wenn Hein Briester gerade die Linie fuhr hat Jürgen Köhnen ihn, auf seinen Touren zur Insel rüber, hin und wieder gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Doch nie war das ‚Damals’ zum Thema ihrer Unterhaltung geworden. Irgendwie stand da noch immer die unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die er und seine Kumpels als jugendliche ‚Doofköppe’ in ihrem Unverstand aufgebaut hatten. In diesem Moment empfindet Jürgen Köhnen ihr Verhalten von damals schlichtweg als idiotisch. Wenn Hein Briester das wüsste.

 

Seinen regulären Dienst braucht Käpten Briester an diesem Sonntag erst am Nachmittag antreten. Sonntags setzt die Reederei nachmittags zwei Fähren gleichzeitig ein, um problemlos den geballten Ansturm von Rückreisenden aufs Festland schaufeln zu können.

„Hein hett güstern Oabend sien Geburtsdach fiert, da hat er sich wohl tüchtig einen geballert – und jetzt kriegt ihn keiner an die Strippe.“

Tjark steckt vor Aufregung eine Filterzigarette am falschen Ende an, und flucht lauthals über den gräsigen Geschmack des Glimmstengels.

„Kann seine Frau ihn denn nicht wecken …?

wirft Jürgen in das fluchen ein. Er weiß nämlich, dass Hein Briester verheiratet ist. Und das schon sehr lange. Während ihres letzten gemeinsamen Ferienlagers auf der Insel hatten sie sich alle gewundert, daß der Einzelgänger ‚Hein duk di’ nicht mehr in der Kneipe saß, und in sein Bier greinte. Hein hätte heiraten müssen, so hörten sie vom Wirt. Zu Gesicht bekommen hatten sie Hein Briesters Frau aber nicht, er wohnte mit seiner Familie ja nicht auf der Insel.

Es hatte sie auch nicht die Bohne interessiert. Was sollte so einer denn für eine abbekommen haben. Die würde doch zumindest schielen oder hinken, oder hätte einen Buckel mit Bart – auch wenn der Wirt, als er das hörte noch sagte, Hein hätte sich ’ne schmucke Deern geangelt. Mit dieser Bemerkung wollte der Insulaner ihnen als Nichtinsulaner doch nur eins beipulen. Die hielten hier doch alle wie Pech und Schwefel zusammen.

 

Als wenn Jürgens Frage Tjark Blohm geärgert hat, blickt der ihn von unten her nur ganz bissig an, und knurrt verhalten:

„Bi Hein is upstünns niks mit Wiev“, und gleich darauf wieder lauter werdend: „und darum muß jemand hin, und ihn unbedingt aus dem Bett trommeln. Versteist Du mi nu?“

Tjark ist reinweg achter d’ Pust. So einen langen Schnack hat er ja schon Jahre nicht mehr gehalten. Na ja, sone Landratte wie Jürgen Köhnen eine ist, die kann das ja auch nicht so schnell begreifen – und sowieso wird er darüber besser nichts mehr sagen. © ee

Heyersand V

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

 Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt. © ee

Heyersand VI

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

 Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt.

Ein von dem Gendarmen aus einer nahe gelegenen Kaserne herbeigerufener Corporal kassierte ihn kurz darauf ein.

Acht Stunden später tummelten sich auf dem Kopf über der Rekrutenuniform der ‚Legion Francaise’ nur noch Stoppeln und nochmal acht Stunden später fand er sich als ‚Zackbumm’ irgendwo in den zerklüfteten Bergen der Insel Korsika zur Grundausbildung als Legionär wieder, um gleich danach als Schütze Arsch aus niedrigster Position die Schönheit der algerischen Wüstenlandschaft entdecken zu dürfen.

Tjark Blohm sollte es für eine lange Zeit nicht mehr geben.

Omanoman – wenn er das auf dem Klosett in der Schule geahnt hätte – der Schlachtersjung hätte entweder den Horchlöffel an seinem Wasserkopf dranbehalten, oder Tjark hätte von Lehrer Krumbiegel die Behandlung für besondere Fälle in Kauf genommen.

Seinem Aufenthalt in Algerien folgte eine Stipvisite nach Südamerika auf eine der vorgelagerten Inseln zur Niederschlagung einer Sträflingsrevolte.

Nachdem die Zuchthauskolonie ziemlich unfriedlich von ihm und seinen Kameraden befriedet worden war, durfte er für längere Zeit die ‚Gastfreundschaft’ der Kongolesen genießen, um dann übergangslos von der Führung der ‚Grande Nation’ nach Südostasien geschubst zu werden. Ehe er noch recht zur Besinnung gekommen war, befand er sich mitten im Schlamassel in Indochina. Es wurden drei heiße Jahre in der grünen Hölle um Dien bien Phu.

Für einen ostfriesischen Torfkopp, der nur wegen eines abgebissenen Ohres von zuhause ausgebüxt war, war das ganze Erleben schon ganz schön happig.

 

Na ja, er hat es überlebt, und viel von der Welt gesehen. Es war allerdings eine ziemlich blutige Welt, die er dadurch kennengelernt hat. Sogar ein paar glänzende Blechdinger hatten die Franzmänner ihm für seine Tapferkeit an die Brust geheftet.

Nur seiner Mutter hat er sie nicht mehr zeigen können, damit sie gesehen hätte, daß aus ihm doch noch was geworden war. Sie war ein halbes Jahr vor seiner Rückkehr in die Heimat gestorben.

 

Nach den Kämpfen in den asiatischen Regenwäldern war er seinen Capitain um seine Entlassung aus der Legion angegangen. Die Demission hatte ihm der Kriegsminister in Paris auf Grund der Fürsprache seines Vorgesetzten dann auch huldvoll gewährt, weil wütende Asiaten ihn bei Nahkämpfen schon dreimal durchlöchert hatten. Er versprach sich für die französische Marianne wohl nicht mehr allzu viel Nutzen von diesem waidwunden ostfriesischen Helden.

Mit einer Heuer auf einem Frachtdampfer, und dem Sold für 10 Jahre Zackbummzeit in der Tasche, versuchte er nach seiner ‚Entmilitarisierung’ mit einem Schiff einen deutschen Hafen zu erreichen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis er den ersten deutschen Hafen zu Gesicht bekam. Er hatte in seiner Abschiedslaune nämlich einen Pott erwischt, das zwar den Union Jack führte, und an dessen Heck Liverpool stand – das aber seinen Bugspriet trotzdem nie aus dem Chinesenmeer raus steckte.

Es wurde eine ganz schön lange Reise durch die asiatischen Häfen. Er hatte sich auf dem Schrottkahn aus dem vorigen Jahrhundert schnell vom Leicht-matrosen zum ersten Steuermann hochgearbeitet.

An Bord galt sein Wort bald mehr, als das des ständig duunen Kapitäns. Das nützte ihm nur nicht viel, denn dem heruntergekommenen englischen Ginliebhaber – einem in den Kolonien gestrandeten Sprössling der Gordon Dynastie – gehörte der verrottete Kahn. Die Rostbeule hat er erst verlassen können, kurz bevor die Wellen über dem Deck zusammenschlugen, und sie für immer in ihr nasses Grab versank.

Das südchinesische Meer mit seinem Kranz von Opiumhöhlen drumherum kannte er seitdem besser, als seine eigene Hosentasche. In der fand er ja nicht einmal auf Anhieb die popelige Visitenkarte von Hein Briester.© ee

Heyersand VIII

Fröhlich pfeifend klettert Enno aus dem hohen Führerhaus auf den schlammigen Boden. Der hat in seinen Gummistiefeln gut lachen, denkt Jürgen.

Ihm fällt gar nicht ein, Enno danach zu fragen, was er auf seiner Milchtour denn hier in dieser Wüstenei zu suchen hat. Er ist einfach froh, daß der Ballerkasten von Zugmaschine hinter seinem gestrandeten Kombi steht. Der gutmütige Enno klärt ihn aber gleich auf.

„Manoman Jürgen – da hast Du Dich ja bildschön eingebaggert. Tjark hatte wohl doch nicht so ganz unrecht, als er mir sagte, Du wärst heute Morgen vor körperlicher Erschöpfung geistig nicht so ganz gut zu Fuß – und mich deshalb Dir hinterherschickte, als er Dich auf den Deichweg abdrehen sah.“

Enno schnalzt genüßlich mit der Zunge, als er das sagt.

 Du häst woll wär een bannich stur Nacht achter Di ….“ hängt er noch süffisant hintendran.

Wie passend Enno doch mit seiner Vermutung liegt. Die Nacht mit Trizi war für ihn einfach total anstrengend, aber auch berauschend schön gewesen. Der Vulkan in ihr war gar nicht zur Ruhe gekommen, und er hatte die glühenden Ausbrüche genossen, wie schon lange nicht mehr. Sechs Wochen lang hatten sie schließlich aufeinander verzichten müssen.

Nur, soll er das eingestehen und den guten Enno damit vielleicht noch neidisch machen? Er würde ihn am Schluß noch hier in der Einöde sitzen lassen. Da sagt er schon lieber gar nichts – oder höchstens:

„Der Weg hier war doch immer gut zu fahren – ich dachte mir nur ….“

Er hat sein Denken gar nicht zu Ende erklärt, als Enno lachend lospoltert:

„Mensch Jürgen – wie lange ist Dein immer gut zu fahren denn her? Hier kann man seit zehn Jahren nur noch mit Allradantrieb durchkommen – wenn überhaupt.

Als die damals den Klei für den neuen Deich ausgepüttet haben, haben die schweren LKW hier alles in Dutten gefahren. Und seitdem ist dat hier wie auf’m Mond. Die haben uns unsern ganzen schönen Spritpadd damit versaut.“

Jürgen merkt deutlich Ennos Gnadderichkeit über den Verlust des kontrollfreien Kneipenheimweges.

„Aber jetzt laß uns man eben sehn, dat wir Dich hier rausziehn tun. Sonst kommt die Holtengast heut Morgen gar nicht mehr in Fahrt“, sagt es, und klettert in sein hohes Führerhaus.

Die Zugmaschine vor den Transporter setzen, die Winsch klarmachen und das Seil anpicken, das hat er mal alles so im vorbeigehen gemacht.

 

Fünf Minuten später steht Jürgen mitsamt seinem total verdreckten Transporter kurz vor dem Nachbarort wieder auf fester Strasse. Und noch einmal fünf Minuten später kommt ihm aus einer Haustür, in schnieker Uniform und mit Schlips und Kragen, ein dienstklarer Hein Briester entgegen.

War doch um Tjark Bloom herum jemand auf die grandiose Idee gekommen Heins Nachbarn, der im Alltag auch bei der Reederei seine Brötchen verdient, anzuklingeln, damit der den müden Käpten schon mal aus dem Bett scheuchte.

Angesichts der stets unverschlossenen Haustür sah der Kollege auch keine Schwierigkeit den Schläfer zu wecken.

Tjark Blohm hatte ihm noch geraten notfalls ein nasses Handtuch zu Hilfe zunehmen. Das hatte der hilfsbereite Kollege denn auch freiweg getan, und als Dank für die unwillkommene Störung prompt Hein Briesters altertümlichen Wecker ins Kreuz geworfen bekommen, der sinnigerweise durch den Aufprall auch noch laut zu scheppern begann.

 

Über die Chaussee geht es in wenigen Minuten zurück zum Hafen – auch wenn der Weg ein paar Kilometer länger ist.

Hein Briester verliert kein Wort über Jürgens Malheur, obwohl die Schlammspuren ja nicht zu übersehen sind. Männern passiert schon mal so etwas.

„Ich bin vor einigen Wochen nachts auf der Heimfahrt von Emden auch vom Weg abgekommen“, ist seine einzige Bemerkung beim Anblick der total ruinierten Schuhe seines Fahrers.

Genau sechs Wochen sind verstrichen, seit er mit seiner Frau auf einer Familienfeier wegen einer ‚nebensächlichen Kleinigkeit’ aneinander geraten ist. Aus der nebensächlichen Kleinigkeit vom Nachmittag war dann auf dem Weg von Emden nach Hause, durch eine unbedachte Bemerkung von ihm, eine Tragödie geworden.

Am selben Abend noch ist seine Frau zu ihrer Tochter zurückgefahren, während er sich im Lindenkrug mit Bier und Köhm das Denken zugeschüttet hat. Nachts war ihm dann im Dunas an der gleichen Stelle ähnliches passiert. Davon hat aber Gott sei Dank niemand etwas erfahren, sonst wären sein Führerschein und sein Patent zum Teufel gewesen. Zumindest für eine Zeit lang.

Aus dem gleichen Grund erwähnt er es jetzt auch nicht, und hockt nur schweigsam auf dem Beifahrersitz in dem engen Führerhaus.

Viel reden mag der Käpten heute Morgen wohl nicht, denkt Jürgen völlig ahnungslos. Er kann das verstehen. Mit einem ausgewachsenen Kater im Nacken ist er selber auch selten gesprächig.

Dass Hein Briester noch durch etwas ganz anderes am flotten Sprücheklopfen gehindert wird, das kann Jürgen ja nun wirklich nicht wissen.

Er macht sich da auch überhaupt keine weiteren Gedanken drüber. Er denkt plötzlich an etwas ganz anderes. Hein Briesters Erwähnung des Ortes Emden hat die Erinnerung an eine ganz besondere Begegnung in ihm wachgerufen.

 

Die Stadt Emden gehörte normalerweise nicht zu seinem Kundendienstbereich. In Vertretung eines erkrankten Kollegen mußte er dort die Endmontage einer neuen Hotelküche überwachen. Er hat heute noch keine Erklärung für das was damals dann im Hotel passierte. Weder befand er sich im sexuellen Notstand, noch hatte ihn an dem Tage etwas besonders angetörnt. Es war einfach ein ganz normaler Feierabend gewesen, ohne Erwartung auf etwas Außergewöhnliches.

Er war nach einem echt anstrengenden Arbeitstag auf dem Weg zu seinem Zimmer auf dem Etagenflur einer jüngeren sehr weiblichen Bediensteten des Hauses begegnet – und so mir nichts dir nichts nach zwei Blicken mit ihr in einem Hotelzimmer gelandet. Die junge Frau schien sexuell förmlich ausgehungert. Noch während er die Tür hinter sich zu schließen versuchte, hatte sie sich schon halb ihrer Bluse entledigt.

Er hatte in den Minuten das Gefühl, sie wolle ihn vergewaltigen. Bevor sie jedoch das Bett erreichten ließ sie plötzlich von ihm ab, begann zu weinen und forderte ihn auf ihr Zimmer zu verlassen. Plötzlich erkannte er, daß sie zutiefst verzweifelt war.

Sein Versuch sie zu trösten, und vielleicht etwas über den Grund ihres Verhaltens zu erfahren, war kläglich gescheitert. Sie hatte nur ständig wieder-holt: „Gehen sie, lassen Sie mich allein, gehen Sie doch bitte …“

Er war gegangen. Den Gedanken nach unten zu gehen, und sich beim Portier am Empfang über die junge Frau schlau zu machen, setzte er nicht in die Tat um. Er würde für sie dadurch vielleicht noch zusätzliche Unannehmlichkeiten heraufbeschwören. Das wollte er auf keinen Fall. Vielleicht war er auch nur zu müde für irgendwelche Kalamitäten. Am nächsten Morgen hatte er für sich beschlossen die Sache vom Abend ganz schnell zu vergessen.

Einzig die Spuren ihrer Fingernägel auf seinem Rücken hatten die Erinnerung an dieses Ereignis noch eine Weile in ihm wach gehalten.

Es ist ihm allerdings immer noch ein Rätsel wieso so etwas geschehen konnte – zumal sie vorher nicht ein Wort miteinander gewechselt hatten. Es war wie der Zusammenprall zweier Sonnen gewesen. Sie waren sich niemals vorher begegnet und danach auch nicht wieder.

Das Ereignis war ganz tief in sein Unterbewusstsein gerutscht. Bis es dieses eine Wort aus Hein Briesters Mund unversehens wieder zum Leben erweckte.

Er wischt sich heftig mit der Hand über die Stirn, als wenn er den Film stoppen will der plötzlich an seinem inneren Auge abläuft.

 

Fünf Minuten später werden sie von einem erleichtert aufatmenden Tjark Blohm in Empfang genommen, und noch mal zehn Minuten später dreht die ‚Holtengast’ ihren Bug bereits in den Wind.

Trotz der Verspätung ist es ruhig an Bord. Die Fahrgäste nehmen die Verzögerung erstaunlich gelassen hin. Die Ruhe verzieht sich erst, als querab die ‚Südergast’ in Sicht kommt. Im Handumdrehen haben die Passagiere sich auf dem Oberdeck versammelt und drängen alle zur Steuerbordseite. Jeder will doch was sehen. So etwas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Wer von den Fahrgästen einen Fotoapparat dabei hat, der knipst natürlich drauflos.

Das gestrandete Fährschiff liegt nämlich wie ein Seehund auf einer Sandbank – das kommt schließlich nicht alle Tage vor. Da hat man später wenigstens etwas Besonderes zu erzählen.

Die Holtengast bekommt durch die Gewichtsverlagerung leichte Schlagseite, so daß einige der Passagiere sich erschrocken nach Backbord verziehen.

Jürgen Köhnen hat sich gleich nach dem Ablegen in den unteren Salon verzogen, um für die Dauer der Überfahrt noch ein wenig in der vergangen Nacht zu verweilen. Er hat die Beine hochgelegt, und hält ganz einfach ein kleines Nickerchen.

Die Cameliadame.

Wenn man so recht bedenkt, waren die Zeiten in denen für uns Kinder Sex noch fünf und eins war, eigentlich doch schöne Zeiten. Alles was die Erwachsenen verband, und die Halberwachsenen mit magischen Kräften zueinander hinzog, lag für uns noch wie hinter dicken Nebelwänden verborgen.

Wenn sich der Nebel für uns Kinder in irgendeiner Ecke mal etwas lichtete, wagten wir meist nicht zu fragen – und die, die wir nicht zu fragen wagten, wagten meist nicht zu antworten. Irgendwo biß sich der Hund dann wieder selbst in den Schwanz.

Anders Gabi – für sie hatte sich der Nebel wohl nicht extra zu diesem Zweck gelichtet – sie blickte mehr zufällig durch ein Nebelloch.

Auf Schnüstertour – wie kleine Mädchen nun einmal sind – ehrlich – entdeckte sie in Mamas Schrank ein dickes, blau-weisses Paket. Lesen konnte sie ja schon – wenigstens die balkendicken Großbuchstaben.

CAMELIA – stand da geschrieben – hatte sie noch nie was von gehört. Gabi, das dicke blauweisse Paket unter dem Arm, rein in die Küche. Der Papa saß am Küchentisch – er war gerade von der Schicht gekommen und rückte soeben seiner Flasche Feierabendbier zu Leibe. Na, mein Mädchen….! Zu mehr kam er nicht – sein Mädchen wollte was wissen. Du Papa – war die Mama im Zirkus? Papas Gesichtsausdruck fragte: Wieso?

Wegen dieses Paket – Gabi hielt ihm die blauweisse Packung unter die Nase. Kamele gibt’s doch nur im Zirkus.

Ach so, nee – dat is, wenn die Mama ….! Aber Vatter – nu laß dat Kind doch – kam es von der Küchentür her. Indem sie das sagte, nahm Mutter ihr das blauweisse Paket weg und legte es wieder in den Nachtkasten.

Das war’s. Aber nicht bei Gabi. Nach zehn Minuten stößt sie ihre Mama an – Mama , warst du im Zirkus? Ach Kind – dat is niks aussen Zirkus – in dat Paket – dat sind Ohrwäärmer. Wennsde Ohrnschmerzen hast leechste die um die Ohren.

Gott sei Dank – denkt Mama. Thema durch.

Nach gut vier Wochen – Gabi ist mal wieder allein zu Haus – fällt ihr das blauweisse Zirkuspaket ein. Ach denkt sie – kalte Ohren kann man ja auch ohne Ohrenschmerzen haben – deckt sich ihre Ohren sorgfältig mit einer von Mamas langen CAMELIA – Binden zu, und setzt sich damit an das Fenster, um das Treiben draußen zu beobachten.

Die Nachbarn im Pütt sprechen heute noch von der CAMELIA – Dame.

Ehrlich.  © ee

Auszug aus der Erzählung „Ostwind“  

Der geheime Statthalter der OSTCOM in der Norder Altstadt-Gasse hat seine Order schon vor dem Treffen der Elite im Hause des Generals erhalten – man wußte, was man beschließt.

Des Generals Direktiven gehen noch in der selben Stunde, in der aus  seinem Jagdzimmer am Newska-Prospekt die maßgeschneiderten Produkte westlicher Konfektionäre verschwun-den sind, via Dwina-Kloster Richtung Westen – genauer, in das verträumte ostfriesische Norddeich. In das beschauliche Dorf am Rande der Krummhörn – in das Quartier Siegfried Högers. Nun sind es zwei Menschen in diesem Landstrich, die wissen welche Rolle der Teufel dem Idyll zuweisen will.

Diese beiden so verschiedenen Vertreter des männlichen Geschlechts befinden sich am darauf folgenden Morgen,  mit ihrem brisanten Wissen im Gepäck, an Bord der Fähre Frisia III auf halbem Wege zwischen Norddeich und Norderney. Man will die Liegenschaften auf der Insel in Augenschein nehmen. Von Bruder Siegfried in seinem schlichten Ornat nimmt kaum jemand Notiz, obwohl das Schiff, trotz des kabbeligen Wetters, gut besetzt ist.

Würdenträger aller Konfessionen und aller Couleur gehören zum Alltagsbild dieser Schiffslinie, rüber zum Staatsbad. Bruder Siegfried meint die Toleranz der holländischen Nachbarn, im Umgang mit andersartigen Menschenkindern, streiche über die ostfriesische Inselkette.

So ein bisschen mag er recht fühlen – der Westfale. Jan Grensemanns Erscheinung fängt sich da schon mehr hinterher laufende Seitenblicke aus amüsierten Gesichtern ein. Natürlich nur von Besuchserstlingen – wer ihn schon einmal gesehen hat, für den gehört er zum Bild der Landschaft.

Apropos Bild – ein Bild will sich der Erkunder aus den Weiten der russischen Ebene machen – ein Bild von dem allseits begehrten Objekt, für das bereits unschuldige Menschenleben geopfert wurden. Wie wertvoll und wichtig muß es sein, in einiger Leute Vorstellungen vom zukünftigen Lauf der Welt.

Das Bild, das die Reisenden in Sachen Immobilienbesichtigung am Hafen vorfinden, ist auch ein anderes, als die Erinnerung im Kopf von Bruder Siegfried gespeichert hat. Ein kleiner Stöpsel war er noch bei seinem ersten Besuch auf der Insel. Gemächlicher ging es zu – vor gut drei Jahrzehnten. Pferdedroschken belebten das Hafenpanorama. Gepflegte Landauer mit stämmigen Rössern davor, und mit urwüchsigen Kutschern auf dem Bock.

Die Benzinkarossen haben dieses Stück Vergan-genheit nahezu völlig verdrängt. Ein kleines bißchen Wehmut schleicht sich in sein Empfinden.

Als wenn Jan Grensemann Gedanken lesen kann, sagt er halblaut vor sich hin:

„Früher war es hier auch gemütlicher.“

„Das stimmt.“

Unwillkürlich mußte Siegfried seinem Begleiter zustimmen. Der wendet sein plötzlich gar nicht mehr so zerknittertes Gesicht, erstaunt seinem jungen Gast zu. „Waren sie denn schon einmal hier?“

Ein wenig Traurigkeit schaut bei der Antwort aus Siegfrieds Augen, wie wenn ein Schleier über sie hinwegzieht:

„Mhhm – vor gut dreißig Jahren. Es waren wohl die schönsten Tage meines Lebens.“

Als wenn er die Wellen der Erinnerung erst glätten muß, schweigt er eine Weile vor sich hin.

„Ein Kuraufenthalt, würde man heute sagen. Für mich war es die Wiedergeburt. Eine grässliche Hautkrankheit bin ich hier losgeworden. Seitdem habe ich keinen schöneren Platz kennen gelernt, als die Norderneyer Dünen.“

Plötzlich betrachtet der verschrobene Alte an seiner Seite ihn mit anderen Gefühlen.

„Und keine netteren Kindertanten!“

Verschmitzt lächelnd schiebt Siegfried diese Bemerkung noch hinterher.

„Oh – mein lieber, da kann ich sie beruhigen. In diesem Punkt hat sich bis heute hier nichts geändert!“

Obwohl diese netten Kindertanten Jan Grensemanns Blut mit Sicherheit nie in Wallung brachten – erfreut hat ihr Anblick ihn über die Jahre trotzdem. Ein Leuchten in den Augen verrät ihn. Der alte Knochen gerät direkt ins Schwärmen, als er fortfährt:

„Die männliche Jugend auf der Insel weiß das ganz bestimmt zu schätzen. Ich beneide sie direkt.“

Die erste Aussage hält Siegfried für eine zutreffende Vermutung, den zweiten Satz für nicht so ganz korrekt – angesichts seiner Kenntnisse über Jan Grensemanns private Leidenschaften.

Aber das behält er lieber für sich. Seinem Verlangen nach einem Fußmarsch über den Deich des Westbades hin zur Marienhöhe kann sich der Norder Advokat nicht verschließen, zumal ihn gegen die uniformierten Einheitsbusse jedesmal eine stille Abneigung befällt. Und ein Pferdefuhrwerk ist weit und breit nicht auszumachen. Erst im Damenpfad sichten sie den ersten Landauer, lassen ihn aber gemächlich an sich vorüberfahren.

Das letzte Stück des Wegs gehen sie dann auch noch zu Fuß. Die Tour zum Objekt der allgemeinen Begierde werden sie sich kutschieren lassen.

Am sorgfältig gedeckten Teetisch hinter den Panoramafenstern im Cafe` auf der Marienhöhe sitzen die beiden, im Grunde gar nicht so verschiedenen, Mannsbilder erst einmal eine Zeitlang in aussagekräftiges Schweigen vertieft.

Das Rauschen der Brandung und der Blick auf die, unaufhörlich von Nordwesten, anrollenden Wellen, hat die Gedanken der Männer auf die Reise in die Vergangenheit geschickt. Bis auf das knistern der Kluntje, in dem zerbrechlich wirkenden Teegeschirr, ist in dem weiten Innenrund der Gaststube kein Geräusch zu vernehmen. Sogar der ältere Herr, der drei Tische weiter sein Frühstück genießt, blättert lautlos in der Badezeitung. Die gute alte Badezeitung gibt es also auch noch, freut es Siegfried innerlich. Durch sein Kindheitsbild ruttert die mächtige Rotationsmaschine, die sie damals bestaunt haben, und druckt Sehnsuchtszeitungen.

Stille kann verflucht laut sein, denkt Jan Grensemann plötzlich in sich hinein. Zu Lebzeiten Berend Fleßners  saß er auch häufig an diesem Platz – allein. Dicht bei seinem Verlangen, und doch meilenweit entfernt davon. Stets die eiserne Regel befolgend, nach außen ein anderer zu sein.

Eine Mißachtung dieses Prinzips hätte ihn wahrscheinlich im moralischen Ansehen der Menschen auf die unterste Stufe, und die Staatsgewalt ihn mit Effet wegen Landesverrats hinter irgendwelche Gitter befördert. Ganz zu schweigen von seinen Geschäftspartnern, die zu Zeiten einer anderen Ideologie einmal seine Genossen waren.

Nur, solche Bande waren nicht so leicht zu lösen. Und jetzt sitzt er hier in diesem Cafe einem jungen Mann gegenüber, der ihm sein eigenes Werden ungewollt vor Augen führt. Zu gerne würde er die Entwicklung seiner persönlichen Lebensgestaltung rückgängig machen – was gäbe er dafür, wenn er es könnte!

Bruder Siegfrieds Gedanken laufen diametral zu denen des alternden Jan Grensemann – aber trotzdem zum selben Endpunkt. Er hat als kleiner Steppke damals häufig davon geträumt, einmal hier zu sitzen – in diesem vornehmen Rund. Jedesmal, wenn sie in langer Reihe an dem weißen Cafe vorüberzogen.

Er mit den ersten schwärmerischen Gefühlen, eines gerade zwölfjährigen, im Bauch – für die knapp siebzehnjährige Kindertante an der Spitze des Zuges.

Dieses knapp siebzehnjährige, wunderschöne Wesen mit den langen Haaren, das sein zaghaft erwachendes Verlangen nicht bemerkte. Weil – wie sollte sie auch – sie hatte selber den Bauch voller Schmetterlinge, die ein schmucker Junge, im gleichen Alter wie sie, da drinnen freigelassen hatte.

Dieses ziehende Sehnen beim Anblick eines Mädchens ist bei ihm nie wiedergekommen. Es war für ihn, den jungen, erfolgversprechenden Rechtsanwalt, mit ein Grund, weshalb er in den Orden eingetreten ist.

Um aufkommende Missverständnisse auszu-schalten – er pflegt keine Männerfreundschaften unter der Kutte. Wahrlich, dafür wäre das Kloster ein himmlischer Ort auf Erden – nur, diese Prüfung hat sein Gott ihm nie auferlegt. Dafür ist er ihm dankbar.

Das wird ihm jetzt und hier, an diesem Platz, bewußt. Er fühlt sich wie ein Planet zwischen zwei Sonnen – als Neutrum zwischen zwei Welten, das seine Bahn nicht verlassen kann.

Während die beiden Männer am morgendlichen Teetisch, hier im Kaffeehaus auf der Marienhöhe, lautlos nebeneinander herschwei-gen, ist in Siegfried Höger plötzlich wieder die Blüte der Sehnsucht ans Licht gekommen – hat die Massen durchdrungen, unter denen sie Jahrzehnte verschüttet war, und trotzdem nichts von ihrer Intensität verloren hat.

Als wenn es erst der vielen schrecklichen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit bedurft hätte, um ihn wieder hierher zu führen – an den Ort seines ersten Fühlens.

Was ist mit ihm geschehen? Er verspürt das Bedürfnis, seinem immer noch still dasitzendem Tischnachbarn, davon zu erzählen. Und nicht nur davon erzählt er.

Er berichtet von den Geschehnissen an der Dwina, erklärt seinem Gegenüber seinen Auftrag, und gewinnt dabei immer mehr das Gefühl, sich auf einem falschen Weg zu befinden.

Jan Grensemann hört wortlos zu, schaut auf das schier endlos scheinende Wasser hinaus. Mit einem Blick, in dem sich sein ganzes, unerfülltes Leben verliert. Während seine Augen sich an der Kimm festsaugen.

Gut eine halbe Stunde dauert Siegfried Högers Monolog, von keinem Wort seines gebannt lauschenden Zuhörers unterbrochen. Der Inhalt dieser dreißig Minuten läßt den alten Mann einen Entschluß fassen. Einen Entschluß, der dem Teufel ein Bein absägt. Er hat nichts mehr zu verlieren – er kann nur noch vieles wieder gutmachen. Auf Siegfrieds Lebensbeschreibung hat er nichts geantwortet – jeder Satz hätte die frischen Farben auf diesem Gemälde ins Unkenntliche verwischt.

Zwei Tassen Tee nach dem letzten Laut besteigen sie einen von der freundlichen Bedienung herbeizitierten Landauer. Der Kut-scher auf dem Bock ist ein alter Bekannter Jan Grensemanns. Dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung zwischen den beiden aus. Soviel Wärme in seinen Gebärden hat Siegfried dem hölzern wirkenden Alten gar nicht zugetraut.

Als wenn dieser die Ankunft am Ort der Entscheidung hinauszögern will, dirigiert er die Kutsche kreuz und quer durch den Ort.

Siegfried ist es nur recht, verstärkt es doch die Erinnerungen an den Wendepunkt in seinem Leben, so daß ein nahezu unzerrissenes Band daraus entsteht.

Keine Silbe über den eigentlichen Sinn ihres Aufenthaltes hört die Norderneyer Luft, während der Fahrt durch das schöne Städtchen, über die Lippen der Männer fließen.

Ein Einheimischer zeigt seinem Gast sein Zuhause – denkt ein jeder, der sie sieht.

Der Fuhrmann auf der Bank hinter dem Pferderücken ist bestrebt, diesen Eindruck nach Kräften zu unterstützen. Anekdoten aus seinem Kutscherleben, und bunte Erklärungen zu einzelnen Gebäuden, steuert er mit sichtbarem Vergnügen zur Unterhaltung bei.

Wenn der altgediente Pferdemann da vorne wüsste, wieviel Schicksal er im Moment in den Polstern seiner Kalesche über die schöne Insel transportiert – als ein knorriger  Meilenstein der Geschichte würde er sich fühlen, der Gute.

Bevor der Kutscher sie unweit des Kaps an ihrem Ziel absetzen wird, möchte Siegfried Höger eine ganz besondere Stelle in seinem Denken an damals neu beleben.

Lührs – dieser Name ist in seinen Gehirnwindungen zementiert. Willi Lührs, der damalige Bürgermeister seiner Insel – seine Insel, wie er sie bei sich schon wieder nennt – immer um die Kinder in den Heimen des Eilandes besorgt.

Die weichen Erinnerungen an die große, rundliche Tante Lührs mit ihrem strahlenden Mondgesicht – wie die Kinder immer sagten – sind ihm in all den Jahren nicht verloren gegangen. Wenn sie ihn, den sie wohl doppelt ins Herz geschlossen hatte, an ihre massige Brust drückte, fühlte er sich wie im Himmelreich. Die Erinnerung an die Bonbons, die über die Hecke kamen, wenn sie im Gänsemarsch vorbeizogen, die läßt ihn heute noch die Süße spüren.

Jan Grensemann ist ihm gerne zu Gefallen, und läßt den Mann auf dem Bock den kleinen Schlenker machen – zumal er oft selber Gast im Häuschen der Lührs war.

Als sie langsam um die Ecke von Siegfrieds Vergangenheitsstrasse biegen, steht unversehens noch ein Bild vor seinem inneren Auge.

Mag es der Hunger, den er jäh verspürt, oder der Anblick des Wäldchens mit der Wohnwagen-kulisse freigelegt haben. Auf jeden Fall hat er in Gedanken eine Eistüte vor sich – ein Booken.

Eistüte heißt seit seinen Erholungstagen auf der Insel im Wattenmeer bei ihm Booken. Einmal die Woche gab es für die vorbeiziehenden Heimkinder auf dem Waldcampingplatz eine Eistüte zum Nulltarif – Mama Bookens Herz für Kinder lag darin. Eingepackt in eine dicke Kugel vom leckeren, selbstgemachten Speiseeis. Milchmann Meyer brachte jeden Tag die frischen Zutaten für diese Köstlichkeit, mit seinem Dreiradgoli, auf den Zeltplatz.

Jede Kugel in diesen Eistüten wurde zu einem Baustein für ein ewigwährendes Denkmal, in den Herzen der kleinen, ärmlichen Sorgenkinder.

Der Kutscher auf dem Bock – mit seinem von der Last des Alters gebeugten Rücken – hat diese kleinen  Alltagsgeschichten, wie er sie nennt, auch nicht vergessen.

Ob sich hier auf der Insel wohl sonst noch irgendwer dieser „Banalitäten“ erinnert? Jan Grensemann läßt leise Zweifel laut werden. Obwohl, wie er nicht ohne Stolz hinterherschickt, vieles in dieser kleinen Welt bewahrt wurde.

Geschlagene zwei Stunden hat die Erinnerungs-Auffrischungsrundreise gedauert. Die Stunden waren es wert.

Der schrullige Auktionator und Rechtsbeistand war in den vergangenen hundertzwanzig Minuten  nach außen hin nicht sehr gesprächig – dafür führte er mit seinem inneren Schweinehund eine umso intensivere Unterhaltung.

Wenn ihn seine Ahnungen nicht täuschen, hat er mit seinem Besucher noch allerhand zu bereden – später in der Altstadt-Gasse in Norden, unweit der Kirche.

Zuerst einmal stehen sie in der Nähe des Inselkaps vor den wunderschönen Gebäuden, um die sich die ganze Geschichte dreht. In Sichtweite liegt der Dünengürtel, und im Rücken das altehrwürdige Seehospiz.

Sehr gepflegt – sehr gediegen – das ist Siegfried Högers erster Eindruck, den er von dem Anwesen in sich aufnimmt.

Aber auch sehr kostenträchtig, wie er schlüssig hinterher bemerkt. Dieser Kostenträchtigkeit möchte er sich am Nachmittag in aller Ruhe widmen.

Seine Ideen, die Zukunft dieses wunderschönen Ensembles betreffend, laufen nämlich schon mit Siebenmeilenstiefeln in eine völlig andere Richtung, wie in die von seinen Auftraggebern angedachte.

Auch in seinem Denken schlägt die Ahnung Wurzeln, in seinem Begleiter einen Partner gefunden zu haben, der ihn auf einem anderen Weg in die Zukunft begleitet.

Auch er trägt sich mit der Absicht, einige Dinge mit Jan Grensemann zu klären – später – in dem Kontor in der Norder Altstadt-Gasse, unweit der Kirche.

Zuerst aber steht die Sonne hoch im Mittag, sein Hungergefühl gibt keine Ruhe, und er möchte sich vorher noch ein Herzensanliegen erfüllen.

Von Jan Grensemann kommt kein Einwand, als Siegfried Höger sich umwendet, und die zweihundert Schritte zum Eingangstor des Seehospiz zurück legt.

Bevor er sich mit so profanen Dingen wie Kostenrechnung, und so lebensgefährlichen Dingen wie eigenmächtiges Handeln gegen die Interessen seiner Oberen beschäftigt, möchte er den Ort wiedersehen, an dem man ihm sein zweites, sein anderes Leben gab.

Es werden zwar nicht mehr dieselben Menschen sein, aber er hofft, die gleiche Güte anzutreffen, wie zu seiner Kinderzeit. Er will von jetzt an alles anders machen.

Hier und heute soll der Anfang sein.

Er beachtet nicht die großen Türen des Haupteinganges, auf den sein Begleiter zusteuert – ihn zieht es durch den Torbogen auf das innere Gelände.

Auch hier beachtet man ihn nicht mehr, wie jeden anderen Besucher. Natürlich mit dem nötigen Respekt vor seiner geistlichen Würde, aber das war’s denn auch schon.

Er ist froh darüber, ungestört die alten Wege gehen zu können, froh darüber, das gleiche fröhliche Lachen zu vernehmen, daß ihm dreißig lange Jahre in den Ohren geklungen hat, wenn er nur an seine Zeit hier dachte.

Irgendjemand ist er denn doch wohl anders aufgefallen wie die anderen Besucher. Aus einem Seiteneingang kommt mit sicherem Schritt eine relativ junge Diakonisse auf ihn und seinen Begleiter zu, Donnerwetter, denkt er – dieses schöne Weib ist aber selbstbewusst und energisch. Er denkt tatsächlich schönes Weib! Die wieder aufgetauchte Knospe seiner Sehnsucht schaut aus seinen Augen, als sie direkten Kurs auf ihn nimmt.

Ihre Erscheinung passt irgendwie in diese Umgebung – in dieses Arrangement von Backsteinbauten aus der Kaiserzeit – mit dem vielen Grün dazwischen.

Nicht das sie ebenso altehrwürdig ausschaut – keineswegs.

Eher jugendlich und frisch, wie sie mit federnden Schritten daherkommt.

Ihre Formen sind es – die Formen ihres Körpers, die durch ihre Tracht nicht kaschiert werden – und das Strahlen ihrer grünen Augen, die mit dem Glanz der gerade erblühten Magnolien wetteifern.

Wenn er es noch richtig weiß, kam sie aus der Tür zur Wäscherei. Eigentlich nicht der rechte Aufenthaltsort für eine solche Erscheinung.

Was ist mit ihm los? Gedanken überfallen sein Denken, an die er seit seiner Pubertät nicht eine Sekunde Zeit verschwendet hat.

Verschwendet – denkt er erschrocken, kann Denken an Liebe Zeitverschwendung sein? Es geht Siegfried Höger auf, daß er wahrscheinlich sehr viel in seinem bisherigen Leben versäumt hat.

„Guten Tag, meine Herren – ich bin Schwester Christa. Kann ich etwas für Sie tun?“

Sekundenlang – oder sind es gar Minuten – ist Siegfried Höger nicht in der Lage, eine Erwiderung über die Lippen zu bringen. Der Klang ihrer Stimme hat ein riesengroßes Loch in sein Empfinden gerissen.

Bevor er sich ganz in dieser Endlosigkeit verliert, rettet Jan Grensemann schon die Situation, und stellt sie beide der Augenweide von Schwester vor.

Ohne näher auf den eigentlichen Anlaß ihres Besuches auf der Insel einzugehen, erklärt er mit wenigen Worten Siegfrieds Funktion und Herkommen.

„Bruder Siegfried kommt aus einem russischen Kloster –  die Sehnsucht nach seiner Jugend hat ihn hierher getrieben.“

Fragender Zweifel huscht über das Gesicht der hübschen Schwester, wie wenn ein Nebelschleier dem Sonnenschein einen Besuch abstattet.

„Haben wir einen Termin versäumt?“ – will die Stimme, die das Loch in Siegfrieds Empfinden gerissen hat, mit leichtem Bedauern wissen.

Immer noch kann er kein Wort hervorbringen – dieser geschliffene Wortfuchs, der – wegen seiner messerscharfen Plädoyers – vor den Gerichten gefürchtet war. Wieder springt Jan Grensemann in die Bresche.

„Der Zufall – ich weiß nicht ob ich Schicksal sagen darf – hat uns hierher geführt, Bruder Siegfried und mich.“

Um ein Haar wäre es dem gewieften Geheimdienstler wie vielen Männern in dem Metier ergangen, denen eine schöne Frau die Sinne verwirrte. Fast hätte er Geschäftspartner gesagt.

„Da wir schon einmal hier sind, würde er gerne die ehrwürdige Schwester Oberin kennen lernen.“

Ein glockenhelles Lachen springt über die Wiese zwischen den alten Mauern dahin. Irgendwo im Gemüsegarten verschwindet es in den Ackerfurchen.

Es gibt ihn noch, den Garten. Er war schon unter der gestrengen Oberin Theodora ein Kleinod innerhalb der Umfassungsmauern.

Als das erfrischend klingende Lachen nicht mehr zu hören ist, kommt im gleichen Ton hinterher:

„So, so – die ehrwürdige Schwester Oberin möchten Sie kennen lernen – bin ich ihnen ehrwürdig genug?“

Jetzt endlich hat Siegfried Höger die Sprache wieder gefunden. Jan Grensemann zweifelte schon leicht an seinem Verstand.

„Du bist – äähh – Sie sind die Schwester Oberin?“

Irritation ob seines Wortspiels breitet sich im Gesicht der Oberin aus – weicht im Zeitlupentempo einem Ahnen des verborgenen Wissens.

„Kennen wir uns“ – es ist keine Frage, wie sie das sagt. Für jeden, der hören kann, heißt das:

„Wir kennen uns!“

Der vom Leben trainierte Jan Grensemann sieht im gleichen Moment Berge von Gefühlssalat auf die beiden Menschen neben sich zukommen. Bloß aus welcher Richtung das Gemengsel kommt, das ist ihm noch unklar.

„S o m m e r  1 9 6 2 – der schüchterne blonde Junge – der mir immer Strandnelken gepflückt hat ???!!!

Wie ein langgezogenes Gummiband bringt die Oberin die Worte ans Licht. Siegfried Höger kann es nicht fassen, seine Kindertante hier als Schwester Oberin anzutreffen – und begreifen kann er schon gar nicht, daß sie sich an ihn erinnert – sich erinnert an den zwölfjährigen Steppke, der seine Kindertante anhimmelte, wie ein unschuldiges Kalb den Mond.

Auch Schwester Christa benötigt ein paar Atemzüge, um wieder normal sprechen zu können.

„Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen. Aber jetzt ist gleich Tischzeit – meine Schäfchen warten auf mich.“

Bei dem Wort Schäfchen sitzt das gleiche schalkhafte Lächeln in ihren Augenwinkeln wie vor dreißig Jahren, wenn sie damals ihre Schäfchen um sich sammelte.

„Darf ich euch einladen, uns Gesellschaft zu leisten – oder habt ihr schon gegessen?“

Sie sagt unbefangen und direkt euch, als wenn man erst gestern auseinander gegangen ist.

„Es wäre zu schade . . .“

  Was zu schade wäre, das heraus zufinden, überläßt sie den beiden Männern.

Ohne eine hörbare Antwort abzuwarten, faßt sie Jan Grensemann und Siegfried mit einem leichten, aber bestimmten, Griff an den Armen, und schlägt den Weg zum Speisesaal ein.

Beide lassen es ohne Widerstreben geschehen. Sie sieht aus, wie ein Engel mit übergroßen Flügeln, der entschlossen seinem Ziel zustrebt – schießt es dem alten Mann durch den Kopf.

Der weitläufige helle Raum, den sie gleich darauf  betreten, ist nur gut zur Hälfte besetzt. Kinder aller Altersgruppen und junge Erwachsene in bunter Mischung schwadronieren in allen Sprachen durcheinander.

„In unserer“ – sie sagt wie selbstverständlich in unserer  „gemeinsamen Zeit war hier mehr los.“

Ein Anflug von Traurigkeit ist in ihrer Stimme zu vernehmen, als sie über die Köpfe blickt, und – wie zu ihrer Entschuldigung – erklärend fortfährt:

„Es fehlt uns an Geld – die Mittel reichen hinten und vorne nicht.“

Man spürt ihre innere Wut, als hinterher kommt:

„Immer wird die schlechte Finanzlage vorgeschoben – wenn es um Hilfe für die Kinder geht.“

Schwester Christa holt tief Luft, bevor es förmlich aus ihr heraus bricht:

„Die Menschen in tiefe Not und Armut zu stürzen – dafür werden die Milliarden nur so aus den Ärmeln geschüttelt. Überall!“

Siegfried sieht erstaunt, wie sie bei ihren letzten Worten die schlanken, schönen  Hände, die so energisch zufassen können, zu Fäusten ballt.

„Da hinten – da am Ecktisch – sitzen ein paar unschuldige Opfer des Golfkrieges!“

Ihre Stimme versagt ihr fast den Dienst, als sie ein kleines Mädchen aus diesem Kreis in ihre Arme nimmt.

„Wir haben alle gemeinsam an den alten Herrn Bush, da in seinem feinen Weissen Haus in Washington, letzte Woche einen langen Brief geschrieben.“

Sie streicht dem zaghaft lächelnden Kind zärtlich über den kahlen Kopf.

„Wir haben ihm danke gesagt, für seine guten Taten – und für jedes Kind einen Pfennig  beigelegt, damit er noch mehr Bomben bauen kann – – – das Kinderleid auf der Welt ist in seinen Augen wohl immer noch nicht groß genug. Vielleicht versteht er uns.“

Nicht nur Siegfried fühlt, wie ihn das Grauen kalt berührt. Er sieht auch bei Jan Grensemann Blässe in den Falten seines Gesichts auftauchen. Sein Entschluß, etwas anderes zu tun als sein Auftrag ihm vorschreibt, stand schon am Morgen fest – jetzt ist er unumstößlich geworden.

Spontan setzt er sich zu den Kindern an den Tisch. In ihren großen, dunklen Augen sieht er die Wunden ihrer Seelen um Hilfe rufen.

Seine schwere Kriegskasse, wie er sie bis jetzt bezeichnete, drückt ihm schon seit geraumer Weile die Luft ab – zieht sein Gewissen förmlich zu Boden.

Buchstaben und Zahlen schreibt er in ein Heft, daß er aus seiner Rocktasche geholt hat. Als er wieder aufsteht, und sich umwendet, drückt er der Schwester Oberin wortlos ein Stück Papier in die Hand.

Es ist ein Scheckformular der Deutschen Bank.

Die Minuten, welche die Oberin benötigt, um zu begreifen was darauf geschrieben steht, scheinen wie ein totes Stück Zeit, in das mit einem lauten Jubelschrei aus ihrer Kehle das Leben zurück kehrt.

Zweihunderttausend Deutsche Mark steht da wahrhaftig geschrieben. In Ziffern und in Worten.

Außer diesem lauten Schrei bringt sie nichts zustande.

Kristallene Stille herrscht im Speisesaal. Alle kennen Tante Christa – Tante Christa ist sie, trotz aller Würden, über die Jahre für die Kinder geblieben – also, alle kennen sie als freimütig und unkonventionell, aber diesen Ausbruch von Freude, so etwas hat hier noch niemand erlebt.

Fünf Minuten später hält sie von Jan Grensemann – diesem schrulligen, angestaubten Winkeladvokaten aus der Norder Altstadt – eine zweite Zahlungsanweisung, über eben den gleichen Betrag, in der anderen Hand.

Was in diesem Augenblick passiert, ist wohl schon eine Ewigkeit her, daß es jemand gesehen hat.

Die ehrwürdige Schwester Oberin, des – ebenso ehrwürdigen – Seehospiz Kaiserin Friederike, auf der Nordseeinsel Norderney, küsst in aller Öffentlichkeit nicht nur einen – nein, sie küsst gleich zwei Männer – begleitet vom klatschen der anwesenden kleinen und großen Hände.

So wird es im Buch der Geschichte vermerkt stehen.

Im Buch der Geschichte wird auch vermerkt stehen, das die Mutter Generaloberin im fernen Fulda der Schwester Oberin auf Norderney, auf Drängen des Konsortiums, wegen ihres Verhaltens einen ernsten Verweis erteilte. Salopp ausgedrückt – die verknöcherten männlichen Moralkonsorten in der Ordensleitung haben ihr einen dicken Rüffel verpasst.

Dieser Rüffel sauste aber an ihr vorbei, und verlor sich, irgendwo in den Wolken am Horizont, über der Nordsee.

Einer Schwester Oberin, die plötzlich vorsitzende Geschäftsführerin einer Stiftung mit millionenschwerem Fundament ist, kann so ein ernsthafter Verweis aus kirchlichen Elfenbein-türmen ebenso wenig schaden, wie ein kräftiger  Pferdefurz dem lauen Sommerwind über der Insel.

Das es gleichzeitig der Beginn einer echten, tiefen Freundschaft zwischen zwei grund-verschiedenen Männern ist, das wird kein Historienschreiber je irgendwo zu Papier bringen.

In derselben Stunde noch bekommt eine kleine Anzahl von Menschen auf dem Eiland Schluck-beschwerden im Denken, und einiges zu tun.

Von diesem Nachmittag an – die Uhr, im Notariat von Dr. Sägemüller in der Poststrasse, zeigt exakt die dritte Nachmittagsstunde, als die kleine Runde die Dokumente abzeichnet – ist die Diakonissenschwester Christa Ahrenholtz – wie ihr bürgerlicher Name lautet – Sachwalterin der Stiftung: Kinder in Not.  

Die notwendigen Eintragungen in die Gerichts-register sind nur noch reine Formsache.

Es ist später Nachmittag geworden, als Siegfried Höger zum ersten mal das nachbarliche Fleßnersche Anwesen betritt. Es war bei der Dampferabfahrt am Morgen in Norddeich zwar nicht so geplant, aber die kommende Nacht werden Jan Grensemann und er auf der Insel verbringen.

Das Schicksal will schließlich sein Spielchen spielen.

Dem Verwalter steht für solche Fälle ein Teil des Ostflügels zur Verfügung. Berend Fleßners ehemalige Wohnung. Die anderen Räumlich-keiten in den Gebäuden sind leer. Der mit Jahresende ausgelaufene Kontrakt der Vormieter hat diese Situation geschaffen.

Bewusst wurde auf Anschlussverträge verzichtet.

Wenn nicht so ein inselverliebter Flußrusse, da irgendwo in den Weiten der ostischen Ebenen, der auch noch einen sturköpfigen, halsstarrigen und unendlich wütenden Pjotr Iwanowitsch Josef Gorki seinen Freund nennt, von den Nachlassforschern als Erbe aufgespürt worden wäre – die Sache läge längst in trockenen Tüchern.

Dank sei der deutschen Justiz und ihrer Gründlichkeit.

Das denkt und sagt jetzt auch – allerdings mit einem anderen Vorton wie noch vor drei Tagen – der Auktionator und Rechtsbeistand Jan Grensemann aus dem verschlafenen ostfriesischen Teestädtchen Norden.

Mit großer seelischer Erleichterung, wie er Bruder Siegfried, als sie alleine sind, freimütig gesteht.

Siegfrieds Informationen über die biogenetische Forschungsstätte Kusnezows – die übrigens Jonathan aus des Generals geheimen Archiven filterte – haben nicht unerheblich zu diesem Sinneswandel beigetragen.

Nachdem das – für heute zugegeben ungewöhnliche – Tagesgeschäft  für sie zu Ende ist, das heißt, sie hat schlicht und einfach Feierabend, wechselt die Schwester Oberin in das, nur ein paar Schritte entfernte Domizil der beiden so unterschiedlich wirkenden Wohltäter. Man hat sie auf ein Gläschen Wein eingeladen.

Da sie trotz ihrer Tracht ein lebensbejahendes Frauenzimmer geblieben ist, das weiß was es will, braucht sie auch keinen Anstands-Wauwau.

Lange fällt noch an diesem Abend der gelbe Schein der Wandleuchten auf die drei Verschwörer – da im gemütlichen Wohnzimmer des Ostflügels der Fleßnerschen Villa.

Verschwörer ist ein Gedankenblitz der Schwester Oberin. Wenn sie um die Geschehnisse und die Hintergründe – wenn sie um das viele Blut wüsste, auf dem die ganze Geschichte schwimmt, die Bezeichnung Verschwörer hätte sie verbrannt, bevor sie ihr über die Lippen huschte.

Der neue Tag legt schon seine Kleider zurecht, als Jan Grensemann sich in die Koje verzieht. Den Ausdruck Bett hört man von ihm nur bei offiziellen Anlässen.

Das Wort Koje ist der Nachhalt einer engen Verbindung zu seiner Torfmuttje, die in der Nähe von Leer am Ufer der Ems vertäut ist. Sie ist sein zweites Zuhause geworden.

Das er Siegfried und der Schwester Oberin das Schiff zu einem Wochenendausflug angeboten hat, trägt auch den Stempel der Einmaligkeit.

Er mag zwar altersmäßig schon jenseits von Gut und Böse sein – wie einer seiner Kontrakteure einmal nach dem zehnten Doornkaat etwas stumpfsinnig bemerkte – aber das er jetzt, in dieser Dreierrunde, ziemlich fehl am Platze ist, das fühlt er mit der gleichen Sicherheit, mit der ein Bernhardiner von Lawinen verschüttetes  Leben aufspürt.

Was in der gemütlichen Wohnstube des verstorbenen Berend Fleßner zwischen Christel und Siegfried geschieht, bis das der neue Tag seine Kleider endgültig anzieht – das bleibt ein Geheimnis der Nacht.

Der frisch frisierte neue Morgen hört und sieht auf jeden Fall, eine überaus glückliche, mit sich und  ihrer persönlichen Welt zufriedene, Schwester Oberin durch die, noch leeren Korridore ihrer Wirkungsstätte schweben.

Auf wunderbare Weise hat ihr Lebenskreis nach langen Jahren wieder in die vorgezeichneten Bahnen gefunden. Die Gleise der Liebe sind eine glückliche Spur.

Ein paar Armspannen über die Umfassungs-mauer hinweg, Richtung Osten – im Bad der Verwalterwohnung der Fleßnerschen Immobilie – bewegt sich Siegfrieds Inneres auch wieder in den vorgezeichneten Bahnen seines Lebens. Nur – bevor er darin ungehindert weiterfahren kann, muß er noch sehr viele Hindernisse wegräumen.

Die ersten Brocken hat sein väterlicher Freund zu nachtschlafener Zeit schon für ihn aus dem Weg geräumt.

Der Tag stand auf der Insel noch in der Unterwäsche, da erreichten den Freund über Satellitenfunk aus dem fernen Moskau die ersten Nachrichten. Nachrichten ist eigentlich zu zivil ausgedrückt – konkrete Anweisungen seines Führungsoffiziers ist zutreffender. Nur wie gesagt – ihn schert es jetzt den Teufel. Er reagiert nicht mehr auf das  Peitscheknallen aus dem Osten. Ihm kann man nicht mehr allzu viel Salz in die Suppe streuen – sein Teller ist fast leer gegessen. Von seinen restlichen Energien sollen die jungen Leute profitieren, da wird er alles dransetzen.

Während im Wohnzimmer, nicht weit von ihm entfernt, in der Restnacht zwei Leben erblühten, legte er in seinem Zimmer die Fundamente für die Zukunft des Fleßnerschen Hauses.

Da er, von Berend Fleßner testamentarisch fest-gelegt, der Sachwalter der Liegenschaften ist, verfasst er noch in der Nacht ein Kaufangebot an den Erben im fernen Rußland. Ein Angebot, nach den Erzählungen Siegfrieds ausgerichtet, dem Gregori Neumann garantiert zustimmen wird.

Zumal der alte Herr die Grenzen seines eigenen Blockes kennt – und durch Bruder Siegfried, Gott sei Dank, auch die der anderen. Nur, auf ihre beiden Köpfe muß dieses Wissen beschränkt bleiben, bis alles unter Dach und Fach ist.

Wenn die Tinte unter den Verträgen trocken ist, wird man sich auf östlicher Seite keine öffentlichen, grenzüberschreitenden Scheuß-lichkeiten erlauben.

Einen Aufschrei der Landeskirchen, in dieser filigranen politischen Lage der Nachkommunis-tischen Anfangszeit, wird man auch in Moskau nicht riskieren.

Sollte ihm, als Folge seines Handelns, persönlich etwas zustoßen, nimmt der alte Mann es hin. Zu oft hat er in seinem Leben schon sein Leben verspielt – es schreckt ihn nicht mehr.

Er hat in dieser Nacht sein Haus bestellt.

Die gestrigen Worte der Schwester Oberin, und die gequälten Seelen in den Augen der Kinder  lieferten ihm das Rüstzeug dafür.

Käuferin des gesamten Areals ist die Stiftung „Kinder in Not“, als deren Sitz die Kreisstadt Aurich eingetragen sein wird.

Den Kaufpreis in Höhe von 800.000,oo DM hat ein unbenannt bleibender Gönner auf den Tisch der Hausbank gelegt. Dem Erben als Verkäufer – und seinem halsstarrigen Freund – steht ein unübertrag- und unveräußerbares Wohnrecht in dem Komplex zu.

Jan Grensemann schläft, nachdem er das Vertragswerk in allen Einzelheiten ausgefeilt hat, bis in den späten Vormittag des neuen Tages hinein.

Jede Fußangel und jeden Stolperstein in den Texten, hat er nach Möglichkeit aus dem Weg geräumt. Ruhe ist in Jan Grensemanns Gewissen eingekehrt.

In seinem Leben sah ihn noch kein Vormittag schlafend – soweit er sich erinnern kann. Auch diese Wende gehört zu seinem neuen Weg.

Siegfried fand am Morgen auf dem Küchentisch nur die knappe handschriftliche Empfehlung, bis zu seinem – Jan Grensemanns  – auftauchen aus der Schlafwelt, sich tot zu stellen. Kein Nachsatz, keine Erklärung. Gerade dieser Umstand ist es, der ihn dem Rat folgen läßt.

Wie schon gesagt wurde – nichts geschieht ohne Grund, es sei denn ein Dreieck ist rund. Die alte Kant’sche Erkenntnis beweist erneut ihre Gültigkeit.

In ihrem gefährlichen Metier gehört diese Regel zur Basis des Überlebens.

Traue keinem Menschen, nicht mal dir selbst, denn – wenn du dir selber traust, bist du schon halb verraten!  Der General war es, der diesen Satz in ihre Köpfe gehämmert hatte. Keinem zu trauen, war des Kosaken  eisernes Prinzip.

In Rußland – und nicht nur in Rußland – eine Weisheit, die, in der Eiseskälte des Untergrundes, warmes Leben atmete.

Eine Rufweite entfernt lenkt an diesem Vormittag die Schwester Oberin ihre Schritte schon ein paar mal unversehens Richtung Draußentür – als wenn sie jemand entgegen-gehen wollte.

Bei jedem Bemerken wendet sie sich wieder um. Ein- zweimal ertappt sie sich dabei, daß sie vor sich hin trällert. Ein Lied aus den Anfangs-Sechzigern. Ob es Rocco Granata war, der damals mit seiner Marina die jungen Herzen füllte, weiß sie nicht mehr sicher. Aber ganz unoberinnenhaft ist ihr das heute morgen auch piepegal.

Bei soviel nächtlichem Sonnenschein im Herzen ist es denn auch nicht verwunderlich, daß sie in der Kaffeeküche den Salztopf mit dem Zuckertopf verwechselt. Auch das trübt bei ihr kein bisschen den Glanz des Morgens.

Der Glanz des Morgens verwöhnt auch den Grund ihrer Freude – als am späten Vormittag der ausgeschlafene, fröhlich pfeifende Jan Grensemann aus den Schluchten der Schlafnacht im Wohnzimmer auftaucht.

Ein wenig vom Strahlen der Nacht geht aus Siegfrieds Gesicht verloren, angesichts der vielen eng beschriebenen Seiten, die sein Norder Quasikollege vor ihn auf den Tisch legt.

Zweifel, an der Durchführbarkeit des Planes, schleichen sich, nach zwei Stunden intensiver Prüfung, auf Kreppsohlen in seine grauen Zellen ein. Seine Unsicherheit beruht wohl auf der kürzeren Erfahrung im Metier.

Die vielen Klippen – die der ergraute Rechtsbeistand Grensemann  im kalten Krieg umschiffte – verleihen diesem eine größere Sicherheit. Verkrustete Narben in der Seele erleichtern ihm die Einschätzung der Reaktionen kaltblütiger Drahtzieher im Hintergrund.

Siegfried Höger überläßt ohne Grimmen im Bauch dem alten Wolf die Führung in diesem Dickicht.

Was sie jetzt für die nächsten Tage benötigen, ist ein ganz großer Mantel, mit dem sie alles bedecken können – einen Mantel des Schweigens.

Wenn auch nur der leichteste Geruch des Bratens, den die beiden Männer gestern in die Röhre geschoben haben, mit dem Westwind nach Osten getragen wird, bevor er angerichtet auf der Tafel steht, schauen sie in die Hölle. Soviel ist sicher. Darüber sind sich die beiden Strategen einig.

Einigen muß Siegfried auch schnellstens sein gespaltenes Innenleben. Das Konzept dafür kennt er noch nicht. Auch da mangelt es ihm an Erfahrung, dem erfahrenen Rechtsanwalt aus dem ostfälischen Westfalen.

Morgen, im Laufe des Vormittags, werden er und Jan Grensemann durch die Luft aufs Festland hüpfen. Der Auktionator hat da so seine Beziehungen.

Vorher muß er Christa – Christel singt es in ihm, die Schwester Oberin haben sie heute Nacht zwischen sich begraben – vorher muß er Christel noch einiges an schwerer Kost servieren. Proben der Vorspeise hat sie im Morgengrauen mit leichtem Zögern zu sich genommen. Beim Hauptgang, so fürchtet er, wird es schwieriger werden.

Jan Grensemann hat am Nachmittag auf der Insel einiges zu erledigen.  Geschäfte, bei denen er besser alleine ist.

Siegfried faßt die Gelegenheit beim Schopf, und schlägt Christel einen Spaziergang durch die Dünen vor.

Die läßt sich nicht lange bitten, macht ein paar Änderungsstriche im Dienstplan, und eine halbe Stunde später steht sie parat.

Der hoffnungsvoll Wartende reibt sich verwundert die Augen – ist das „seine“ Oberschwester, die da in lockerer Freizeit-kleidung vor ihm steht? Sie ist es unzweifelhaft – diese strahlenden Augen gibt es nur einmal auf der Welt.

Am alten Kap vorbei führt sie der Weg in die, noch unberührten, Sandberge. Der Wind kräuselt sacht die Hänge hoch. Nicht lange mehr, dann sieht es hier anders aus.

Ein Kiebitz schreit hoch in der Luft sein helles Kiewitt. Für den Vogel da oben ist es leicht, sich zu erklären – Siegfried tut sich ungemein schwerer, seine Worte fließen zu lassen. Nach einem holprigen Anlauf ist aber nach ein paar tausend Schritten alles draußen.

Er fühlt sich wie im Auge eines Wirbelsturmes – so beängstigend still ist seine Begleiterin geworden.

Das engelsgleiche Wesen an seiner Seite hat nur zugehört. Nicht der Ansatz einer Frage ist zu vernehmen gewesen. Nur der feste Druck ihrer Hand hat nicht nachgelassen – nicht einen Atemzug lang.

Sie haben in der Zwischenzeit eine bestimmte Dünenkrone erreicht. Ihre Füße fanden von selber den Weg.

Auf der Dünenkrone steht noch immer der pilzförmige Wetterschutz, um den herum die Kindergruppe früher mit Vorliebe die Nachmittage verbrachte.

Es ist der Platz, an dem Tante Christel ihnen Geschichten erzählte. Es ist der Platz nahe dem Himmel, wo das damals siebzehnjährige Mädchen zur Frau wurde – in der ersten Mainacht vor dreißig Jahren.

Allein das weiß Siegfried aber noch nicht. Er erfährt es erst nach der gründlichsten Kopfwäsche seines Lebens. Wie ein Herrgottsgewitter fällt es über ihn her – nach einer langen Pause des Schweigens.

Und so, wie in der Natur die Schäfchenwolken sich am klaren Himmel zeigen, wenn die schwarzen Wolken, der Blitz und der Donner die Luft gereinigt und sich verzogen haben – so passiert es den beiden reifen Menschenkindern in der ersten Mainacht diesen Jahres am schicksalsträchtigen Platz.

Erzählen von einer schöneren Liebesnacht sucht man im Geschichtsbuch der Insel vergebens.

Die blanke Sichel des Mondes ist schon eine Weile über ihnen hinweggezogen. Nur die Sterne blinkern noch vertraulich, als sie sich im Torbogen voneinander trennen. Die Schritte fallen ihnen schwer. Ein Ganzes geht in zwei Hälften seinen Weg in den Morgen. Einem Morgen, der der Anfang eines neuen Lebens wird.©ee

Kondolieren ….

 

Marianne war im Dorf einkaufen gewesen. In fünf Minuten war Teezeit, und sie stand noch in Hut und Mantel in der Diele. Reent Saathoff, der Krämer, hatte nämlich beim Klönen wiedermal kein Ende finden können. Es gab aber auch soviel Neues zu berichten. Durch die Schnackerei hatte sie das, was sie wirklich besorgen wollte, gar nicht in den Einkaufswagen gelegt.

Salz und Fliegenfänger – die Teile fand sie gleich doppelt in ihrem Korb.

Salz benötigte sie eigentlich überhaupt nicht, weil Gerd und sie wegen ihres Zuckers schon länger Diät leben mußten – und Fliegenfänger. Fliegenfänger hatte ihr Enkelsohn erst vorgestern im Zehnerpack von der Genossenschaft mitgebracht.

„Verdeckselt nochmal – jetzt hab ich die Trauerkarten vergessen.“ Wegen der Trauerkarten war sie überhaupt bloß in den Kramladen gegangen.

Sie knütterte in der Küche verhalten vor sich hin. Wenn jetzt jemand hereingekommen wäre, er hätte sogleich bemerkt, daß sie ziemlich franterig gestimmt war.

Angefangen hatte ja alles ganz anders. Als sie heute morgen nach dem Aufstehen die Rückseite der Zeitung studierte, um zu wissen zu kriegen, wer in Zukunft nicht mehr im Konsum einkaufen würde, war ihr sogleich Tekla Büschers Name entgegen gesprungen.

Marianne war richtig zusammengeschreckt. Tekla Büscher war im Alter doch noch gar nicht soweit hin wie sie selber.

Na ja, ein bißchen stökelig war sie in den letzten Jahren schon gewesen, die gute Tekla – aber fünfundachtzig – das ist doch noch kein Alter. Sie stand mit ihren siebenundachtzig noch dreimal die Woche auf dem Markt in der Kreisstadt hinter dem Sauerkrautfaß.

Marianne sauste ziemlich ziellos, mit dem Salztopf in der Hand, in der Küche hin und her. Was sie damit wollte, daß wußte sie selbst nicht.

Gerd kam jüstemang aus dem Schweinestall. Er mußte noch ins Nachbardorf zum Kusenklempner. In seinem Oberkiefer tat sich schon seit Tagen etwas Ungutes.

Bevor er nun für die Tour ins Nachbardorf seinen alten Bulldog mit der Lötlampe anheizte, wollte er mit Marianne noch erst gemütlich Teetrinken. Wer wußte denn, was der Zahndoktor alles mit ihm anstellen würde.

Aber was war das – es war Teezeit in der Zeit, und kein Tee war fertig?

Sowas hatte er seit Ewig und drei Tagen nicht mehr erlebt. Die Frage, warum das heute so war, konnte er aber gar nicht erst loswerden.

Marianne machte ihm gleich klar, wie ihr das bei Saathoff ergangen war. „Ich kann mich über mich selbst ärgern – ich merk nun doch, daß ich älter werde. Jetzt muß ich mich nochmal wieder antakeln.“

Sie war vor Aufregung reinweg am pusten.

„Der Postbote muß unbedingt morgen früh den Brief mitnehmen – sonst kriegt Tekla den doch erst, wenn sie schon in der Erde liegt. Was soll sie denn bloß von mir halten.“

Gerd konnte ihr ansehen, daß sie wütend auf sich selber war.

„Deern – nu wääs doch nich so biesterk. Deine Freundin Tekla kann den Brief doch sowieso selber nicht mehr lesen.

„Das ist mir ganz egal – mir soll, wenn ich gestorben bin, auch ja keiner sowas antun. Mit dem red ich dann nie wieder.“

Was gab’s dagegen zu sagen?

Ein Leuchten strich über Gerds Gesicht. „Weißt du was, Marianne? Ich muß doch gleich aufs Siel, zum Kusendoktor. Ich geh dann eben auf die andere Seite rüber – in Joosten sein Klüterladen werd’ ich sicher ’ne Trauerkarte finden.“

Irgendwie hatten seine Worte irgendetwas bewirkt – denn Marianne war plötzlich gar nicht mehr gnadderich, und unversehens stand auch der Teepott auf dem Tisch.

Beim Kusendoktor war es denn doch nicht so schaurig, wie er es befürchtet hatte. Der alte Doktor „Knieptang“ brauchte mit seinen blanken Spachteln nur ein wenig in seinem Mund herumzurühren – und schon war der Schaden behoben. Gerd fragte sich, warum er eigentlich soviel Schiß inne Bükse gehabt hatte. Als er denn endlich die Tür nach draußen hinter sich zugemacht hatte, schoß ihm plötzlich ein alter Werbespruch durch den Kopf: „Mama, Mama – er hat überhaupt nicht gebohrt.“

Schmüstern mußte er über sich selber. Mit diesem schmüstern um seinen Augen segelte er über die Strasse – in Joostens alten Laden rein.

Junge, Junge – hatte sich das hier drinnen verändert, seitdem ein junger Chef das Sagen über die Schubladen und Regale hatte.

„Papeterie“ stand in goldenen Buchstaben, draussen an der Hauswand, geschrieben.

Gerd blieb ein Momentchen im Eingang stehen, und ließ das alles auf sich wirken, bevor er anfing, zwischen den Verkaufsgondeln hin- und herzugondeln.

Er rutschte von einem Staunen in das andere. Zu welchen Begebenheiten man alles Karten schicken konnte: Hochzeit, Geburtstag, zum neuen Auto, zur bestandenen Prüfung, Namenstag, Konfirmation …, sogar „Glücklich geschieden“ las er. Was er aber nicht fand, das war eine Karte oder ein Brief mit schwarzem Rand drumherum. In seinem Kopf fing es an zu kreiseln.

Er mußte den Verkäufer fragen – denn, ohne Trauerkarte wieder nach Hause zu kommen – das Theater, was er denn erleben würde – das mochte er sich beim besten Willen nicht ausmalen.

Während seiner Irrfahrt durch die „Kartenwelt“ war ihm klar geworden, daß der Verkäufer wohl kein Plattdeutsch verstand, und so fragte er den jungen Mann hinter dem Tresen in seinem besten Schulhochdeutsch: „Haben sie vielleicht Kondolenzbriefe im Sortiment?“

Der junge Bengel schaute ihn mit dem gleichen glubschen Blick an, mit dem ihn vor vierzehn Tagen auch sein Ochse angesehen hatte, als er vor dem neuen Scheunentor stand. „Kondolenzbriefe … Kondolenzbriefe …“ hörte Gerd ihn nur wiederholt murmeln. Nach zwei Minuten Augenverdrehens rauschte das Nichtwissen dann wie ein Umhang aus dem Gesicht des Verkäufers zu Boden: „Aaaach – sie meinen die Karten, mit denen man gratulieren tut, wenn einer gestorben ist.“

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Auszug aus der Erzählung „Nordwehen“

Oma Lüders ihr zu Hause ist eine ehemalige Wehrmachtsbaracke – zwei Steinwürfe vom Dorfrand – am Weg in die Dünen. Das Armenquartier der Stadt Norderney – des Bades der Reichen und Schönen. Wenn man durch die hohe Dornenhecke in das Geviert des Gartens tritt, wähnt man sich in eine andere Welt versetzt. Die fühlbare Liebe zur Natur überrollt mich beim ersten Besuch, wie eine Woge von Zufriedenheit und Glück. Bei Oma Lüders Tee trinken, ist jedes mal eintauchen in Geborgenheit und Zuversicht.

Sie sitzt dann in dem uralten Lehnstuhl – nahe beim Ofen. Es ist ein Stück Heimat – noch von ihrem Großvater aus ostpreußischem Holz getischlert.

Den weiten Weg von Gumbinnen – unweit der russischen Grenze – bis auf diese Nordseeinsel hat sie den Lehnstuhl auf ihrem Handwagen gezogen.

Damals saß auf weiten Strecken ihre betagte Mutter im Stuhl auf dem Leiterwagen, wenn ihre Beine ihr den Dienst versagten. Im Februar neunundvierzig hat der liebe Gott sie zu sich geholt. Was von ihr blieb, liegt auf dem Inselfriedhof – ein Fuß breit neben dem Glockenturm. Zu gerne wäre sie in der Heimat zur letzten Ruhe gebettet worden. Wenn Sonntags in der Frühe die Glocken zum Gebet in Gottes Haus rufen, dann erzählt Oma Lüders ihrer Mutter, was so die Woche passiert ist, und wie sie das Leben handhabt. Ich spüre – es liegt ihr viel an diesen Zwiegesprächen. Auch wenn sie die Antworten nicht hören kann.

Ein anderes Stück Heimat – das kleine, buckelige Sofa hat sie für ihre Liebesleute – für Edeltraud und mich – reserviert.

Wenn wir im schummer-düster aneinander geschmiegt auf dem verschossenen Samtbezug kuscheln, versinkt alles um uns her. Der Lichtkreis der Petroleumlampe, die auf der hellen, sorgfältig gescheuerten Tischplatte steht, hält alles was sich nicht in ihm befindet, von uns fern.

Das Feuer im eisernen Küchenherd knistert und knastert – als wenn wir im Herbst durchs trockene Unterholz des Inselwäldchens laufen.

Durch die Risse und Schrunden in der blank geputzten Kochplatte werfen die züngelnden Flammen geisterhaft tanzende Sprenkel an die, von Kochdunst und Rauch in langen Jahren braun gefärbte, niedrige Küchendecke. In diesen Stunden der Muße gibt es nur uns Drei. Die Welt führt in diesem Stück Zeit ihr Hasten und Treiben ohne uns. Oma Lüders Erzählen nimmt uns beide mit auf die Reise – zurück in eine Geschichte, die wir zum Glück nicht erleben durften. Stundenlang könnten wir sie begleiten.

Tja – und dann sind da die Abende, an denen Oma Lüders nicht erzählt.

Sie fühlt, wenn uns etwas drückt – und schweigt. Nur ihre zerfurchte, schwielige Hand sucht unsere Hände. Oder sie fährt sacht über den Kopf meiner Fee – als wenn ein Engelsflügel vorbei streicht. Ganz von selbst fängt unser Kummer an zu fließen. Worte und Sätze werden zu einem Bach – und Oma Lüders zeigt ihm den Weg, damit er in das große Meer der Erleichterung fließen kann. Keine Sorge und kein Bedrücken, die nicht von ihr in einen frohen Abschied verwandelt werden. Oma Lüders weites Herz streut Blumen über jedes schwarze Erinnern. Die Teestunde bildet allabendlich den Schlußpunkt.

Unser Begehren stillen wir, wenn Wetterpetrus es zuläßt, in unserem weiten Dünenland. Oma Lüders weiß das – nur, davon spricht sie nicht. Nie nicht einmal eine Andeutung hören wir. Heute abend geht sie zum Abschied mit bis vor die Dornenhecke.

Kinners – sagt sie, morgen müßt ihr mir alten Tante einen Gefallen tun. Ich muß Morgen aufs Festland, was Dringendes beschicken. Die Katze muß versorgt werden, und ich mag das Haus über Nacht nicht allein lassen. Hier ist ein Schlüssel von der Hintertür, bleibt Morgen über Nacht hier. Und – mein Deern – die Schwester Oberin hab’ ich gefragt, die hat da niks gegen, das du eine Nacht auf mein Haus acht gibst. Keine Ausreden – das ist eine abgemachte Sache. Wir seh’n uns übermorgen wieder. Paßt man schön auf.

Und schon stehen wir alleine auf dem Weg. Heute abend fällt das Auseinandergehen leichter.

Dich scheint’s gewaltig erwischt zu haben, stellt mein kluger Chef sachkundig fest, als ich ihn um eine Freinacht bitte. Entgegen allen bisherigen Erfahrungen meint er: Das kriegen wir schon hin – aber paßt gut auf. Wieder dieses: Paßt gut auf – harrijeses – können denn mit einemmal alle hellsehen? Na – und wenn schon, ist es mir auch egal. Nur mit den Schmetterlingen im Bauch muß ich die ganze Nacht – und den Tag über – alleine fertig werden. Die wollen sich überhaupt nicht in ihre Blütenbäume setzen. Die können auch wohl in die Zukunft schauen. Wenigstens bis in die folgende Nacht.

Mit dem Abräumen der Kaffeetische ist für mich am Nachmittag die Arbeit beendet. Duschen und Umziehen muß ich nicht im Eilzugtempo hinter mich bringen. Vor einer guten halben Stunde zog meine Liebste nämlich, mit ihrer Kindergruppe, auf der Strandpromenade vorbei. Sie hat um die normale Uhrzeit Dienstschluß. Um Liebesurlaub kann sie die Schwester Oberin schlecht angehen. Meine Hochstimmung leidet darunter nicht – eine ganze, lange Nacht liegt vor uns. Abholen vom Seehospiz muß ich mein Glück aber doch. Die große Normaluhr am Denkmal in der Stadtmitte geht auf halb sechs zu. Nun aber los. Schnell noch bei Bakker’s rein – einen Kasten Pralinen und eine Mediumflasche Fürst Metternich kaufen. Hast du heute abend was besonderes vor, will Claas Bakker von mir wissen. Alle, denen ich heute begegne, scheinen sich auf mich einzuschießen. Ich bin doch kein Auskunftsbüro – oder sieht man mir etwa mein Glück buchstäblich an der Nasenspitze an?

Pfeifend und trällernd die Benekestrasse hoch – Richtung Seehospiz. Zehn Minuten muß ich mich denn doch noch gedulden – mein Gott, hat jemand die Uhrzeiger angehalten? Die bewegen sich ja gar nicht vorwärts. So ein Quatsch – aber es kommt mir beinahe so vor. Heiße Ohren hat mir die Erwartung schon beschert. Meine Märchenprin-zessin taucht aus dem Halbdunkel des großen Tores auf. Wie eine Elfe erscheint sie mir – der gelbe Rock tanzt um ihre wunderschönen Beine. Die langen seidigen Haare – sonst sittsam in einem Knoten zusammen gefaßt – wehen wie ein blonder Schleier um ihr strahlendes Gesicht. Ich kann mich nicht von der Stelle rühren – bis sie in meinen Armen liegt. In ihren Augen glitzert es verräterisch – ein paar Glückstränen schwimmen auf dem grünen See. Können zwei Menschen nur durch ihr Zusammensein vor Seligkeit überströmen? Ich kann die Antwort nicht geben – ich kann sie nur fühlen. Würde die Schwester Oberin uns jetzt sehen – wir bräuchten nichts mehr zu erklären.

Hand in Hand bummeln wir durch das Dorf, dem Anger zu. Vom Rande des Argonnerwäldchens her beobachtet uns eine Ricke. Sie steht zwischen den maigrünen Büschen. Im Frühling wechseln sie von den ostfriesischen Mooren auf die Insel über – ohne Wattführer. Auf Jahrhunderte alten Pfaden. Unser Reh zeigt keine Scheu. Auf zehn Schritt Entfernung läßt es uns vorüber schlendern – äugt mit großen braunen Lichtern zu uns herüber. Die Lauscher spielen, als ob sie sagen will: vor euch fürchte ich mich nicht – viel Glück, ihr Beiden. Langsam dreht sie bei und verschwindet im Dickicht.

Die Franzosenschanze hat sich wie eine Wand zwischen uns und den neugierig blitzenden Fenstern der letzten Häuser des Dorfes geschoben. Als wenn sie weiß, daß wir uns hochnötig umarmen und küssen müssen, um unseren drängenden Gefühlen ein Ventil zu öffnen. Oma Lüders Dornenhecke ist noch nicht in Sicht, da haben wir schon den Duft der aufbrechenden wilden Rosen in der Nase. Nun hält uns aber nichts mehr. Unsere Beine werden wie von selbst immer schneller. Ein Schritt durch die Rosenhecke, und wir sind mitten in unserem verwunschenen Reich. Glücklicher können Dornröschen und ihr Prinz auch nicht gewesen sein. Die rote Lilly liegt als ein rundes Etwas auf dem Dach des alten Zieh-brunnens. In vollen Zügen genießt sie die wärmende Maiensonne. Ein halbes Auge schenkt sie uns nur als Beachtung, denn noch ist ja nicht Futterzeit. Wenn ihr Magen knurrt, dann sind es zwei Augen, ein Köpfchen, ein krummer Buckel, ein hoch aufgestellter Schwanz und ein begehrliches Schnurren. So sehr unterscheiden wir warmblütigen Geschöpfe uns da gar nicht.

Meine Prinzessin ist schon im Innern ver-schwunden. Ich höre einen hellen Schrei – eile ihr nach – und stehe in fassungslosem Erstaunen unter der Tür.

Eine feuchte Spur zeichnet meine Wangen, Traudel nimmt meinen Kopf in ihre Hände und küßt sie mir fort. Als wenn ein Fabelwesen mir flüstert, weht ihre Stimme in mein Ohr: Oh, wie ich dich liebe – deine Tränen streicheln meine dürstende Seele. Seltsam – keine Scham über Mannestränen – nein, Freude breitet sich in mir aus. Freude und Glück – und unendliche

Wärme, als wenn ich die Sonne in meinen Armen halte. Wir stehen wie Eins in der Küche – schauen um uns zu – schauen uns an, und flüstern: liebe, liebe Oma Lüders. Zu mehr sind wir einfach nicht fähig. Die Küche und die angrenzende Kammer sind ausgeschmückt wie zu einer Hochzeit.

Den Küchentisch ziert ein blütenweißes, steif gestärktes, damastenes Tischtuch. In der Mitte stehen drei blutrote Rosen in einer irdenen Vase, neben zwei schneeigen Kerzen in einem silbernen Leuchter. An der Seite unseres Kuschelsofas Gläser aus geschliffenem Kristall, und eine Flasche vom feinsten Burgunder. Das Bett in der Kammer sieht aus, als wenn es vom Himmel gefallen wäre – wolkendickes Bettzeug, einladend aufgeschlagen und in strahlendem Blau. Der Herd vorbereitet – wir brauchen bloß noch ein Streichholz entzünden. An der Vase auf dem Tisch lehnt eine vergilbte Hochzeitsphotografie- ein Soldat des Kaisers mit seiner Braut. Es zeigt wohl Oma Lüders und ihren Mann. Auf der Rückseite steht in zittriger Handschrift: Dies ist mein Dankeschön für euer Geben. Die Liebe zwischen zwei jungen Menschen ist das Schönste, was der Herrgott uns schenkt. Mir wurde sie in der Jugend versagt. Lebt sie für mich mit – eure alte Oma Lüders.

Es dauert geschlagene fünfzehn Minuten, bis wir wieder klar blicken können. Oma Lüders hat eine Quelle freigelegt, aus der das Herzenswasser nur so sprudelt.

Das trübt aber nicht unsere Stimmung – eher das Gegenteil isst der Fall – es hat mein Ungestüm sachte gebremst.

Ich hülle mein Liebstes in Berge von Zärtlichkeit. Wir treiben uns mit unseren Liebkosungen in schwindelnde Höhen, um dann mit jubelndem Schrei in die Tiefen der Erlösung zu fallen.

Am Grunde denke ich, ich bin tot. Bin ich tot? – nein ich lebe, ich lebe die schönste Sache der Welt – ich liebe das schönste Mädchen der Welt. Diese kleinen Tode der Liebe möcht ich jeden Tag tausendmal sterben – jedes mal mit einem fröhlicheren Herzen.

Unsere Stunden auf dem Meer des Vergessens werden vom heimeligen Licht der Petroleumlampe umfangen. Von dem guten Roten haben wir bislang nur ein winziges Gläschen getrunken – mehr Zeit gibt die Liebe nicht her. Sie zeigt uns die Sterne des Lebens – sie treibt uns von Himmels- zu Himmelsrand.

Zwischen den wirbelnden Lustreigen muß ich immer wieder meine Märchenfee betrachten. Das weiche Gesicht in den Wolkenbergen – alles Glück in ihm vereint – gelöst vom Gestern und vom Morgen. Mitternacht ist lange vorüber, als wir uns zusammen kuscheln wie Zwillinge im Mutterleib – wohl behütet in der Wiege des Lebens.

Träume ich oder ist es Wirklichkeit? Ich spüre ein zartes Lippenpaar auf meiner Stirn, auf meinen Wangen, auf meinem Mund. Ein zartes Vögelchen zirpelt an meinem rechten Ohr und flüstert: ich liebe dich – ich liebe dich – ich liebe dich. Der Schlaftraum weicht, und das Vögelchen zirpelt immer noch und hüllt mein Gesicht in einen goldenen Baldachin lieblich duftender Haare.

Du Langschläfer – das Frühstück ist fertig. Dieser Satz animiert mich, mit beiden Beinen aus dem Bett zu springen. Halt – du hungriger Wolf. Willst du nach den Stunden des Schlafes nicht erst deine Wölfin begrüßen – sagt meine innere Stimme. Diese Mahnung hätte sie sich sparen können.

Die strahlenden Augen und der lockende Mund meiner Zauberfee, eingesponnen in einen Kokon weiblichen Duftes, hindern mich ohnedies am aufstehen. Was wäre es, so einen Tag zu beginnen, ohne sich der Liebe zu beugen. Das beste Frühstück der Welt wird dadurch nur immer noch besser. Es werden schon noch genug einsame Morgen folgen, an denen ein Brötchen die einzige Freude ist.

Weise, wie meine Prinzessin ist, brüht sie den Tee erst, als unser Verlangen wieder auf ruhigerem Wasser schwimmt. Irgend jemand hat es so eingerichtet, das wir beide einen gemeinsamen freien Tag haben. Da ich niemanden in diese Möglichkeit einbringen kann, hat Oma Lüders wohl ihre ordnende Hand im Spiel gehabt. Dieser gemeinsame freie Tag schließt sich, auch sicherlich nicht rein zufällig, an Oma Lüders Reise auf’s Festland an.

Unserer Nacht in den Sternen folgt ein sanftes Gleiten, wieder hinunter auf die Erde.

So eine Reise möchte ewig dauern.

Um sechs Uhr nachmittags wird Oma Lüders mit der letzten Fähre übersetzen. Wenn wir mit ihr vom Dampfer kommen, soll ihr Heim wieder sein wie zuvor. Der blank gescheuerte Küchentisch, auf dem Bett in der Kammer die bunt gemusterten Laken – ganz so, als sei nichts geschehen. Traudel konnte aber nicht umhin, das Hochzeitsphoto von Oma Lüders inmitten eines großen Herzens – aus Heckenrosen geformt – auf den Küchentisch zu legen. Ich habe mich noch schnell auf die Socken gemacht, um von meinem Freund Bent einen dicken, frisch geräucherten Aal zu besorgen. Für einen Smutaal würde Oma Lüders sterben – das wußte ich – nur leisten würde sie sich ihn nie. Ihre Spargroschen ausgeben, damit wir glücklich sind – ja. Sich selber einen Räucheraal leisten – unmöglich.

* * *

Hektisches Gedränge an der Hafenmaauer. Die Wartenden scharen sich um den schwankenden Schiffssteg. Jeder will „seinen“ Ankommenden zuerst begrüßen.

Wir stehen abwartend außerhalb des Menschen-knäuels – was kommt, kommt noch früh genug. Alles ruft und winkt und redet durcheinander – und plötzlich schweigt der ganze Haufen. Die Menge teilt sich und bildet eine Gasse.

Es ist wie ein Spalier, durch das nun unsere Oma Lüders und die Schwester Oberin schreiten. Wir stehen plötzlich nicht mehr am Rande, sondern bilden den Mittelpunkt des Geschehen. Die beiden alten Damen laufen auf uns zu. Tausend böse Vorahnungen schwirren in meinem Kopf hin und her. Wir stehen uns gegenüber – keiner von uns sagt ein Wort. In dieses fühlbare Schweigen hinein hebt die Oberin die Arme – legt ihre Hände auf unsere Köpfe und sagt, für die große Schar klar zu hören: Gott segne euch – meine Kinder.

Na – das wird Gesprächsstoff für die Insulaner sein. Und nicht bloß für heute.

Unendlich schöne Male zeichnen meiner Liebsten Gesicht – ihr innerer Frieden hat sich ein Bild geschaffen. Oma Lüders steht in ihr in nichts nach, ihr Antlitz zerfließt vor Seligkeit. Sogar ihren vielen Fältchen und Runzeln hat ihr Glück heute freigegeben. Zwischen den brummenden Motor-droschken auf dem Hafenplatz verlieren sich die wenigen Landauer, die es noch auf der Insel gibt. Sie sind das ruhige Fortbewegungsmittel für Gäste mit Muße und Moos. Die großen offenen Insel-busse der Kurverwaltung stehen in Reih’ und Glied vor der Hafenmeisterei.

Damit fahren die Inselbesucher, denen es an beidem mangelt. Die haben nicht soviel klingende Münze im Beutel, dafür aber meist mehr Platz im Kopf für die Schönheiten dieser kleinen Welt in den Watten der Nordsee.

Die Schwester Oberin wird standesgemäß von der hospizeigenen Kutsche erwartet. Der Kutscher in seiner bunten Uniform hat schon ihr Gepäck verstaut, und will, nachdem sie eingestiegen ist, die Pferde in forschen Trab bringen. Ein Zuruf läßt ihn zögern – die Oberin fordert uns nachdrücklich auf, zu ihr in die Kutsche zu steigen.

Das ist für den Hafenplatz und seine Menschen noch nicht dagewesen. Wir lassen uns nicht ein zweites Mal bitten – und schon geht die Fahrt los. Mit keinem Wort werden wir Verliebten in Verlegenheit gebracht. Erst nachdem sie uns drei an der Dornenhecke abgesetzt hat, beugt sie sich vor, faßt uns an den Händen und sagt in ihrer ostpreußischen Mundart: Der liebe Gott hat schon viel, viel größere Sünden vergeben.

Sie läßt uns zwei Kinder mit offenen Mündern stehen, und fährt augenzwinkernd davon.

Oma Lüders ist währenddessen schon im Haus verschwunden. Unsere heftige Umarmung wird begleitet vom klappern des Teekessels, das bis zu uns nach draußen dringt. Es scheint mir, als ob sie aus Erklärungsnotstand etwas forsch mit dem Teekessel umspringt. Als wir nach geraumer Zeit in die Küche treten, sitzt Oma Lüders am Küchentisch. Das Kinn hat sie auf die Hände gestützt, und badet das Heckenrosenherz in Tränen. Kein Laut hört man von ihr. Die Entsagungen ihres ganzen Lebens fließen in diesen Minuten aus ihren gütigen Augen. Wir schließen die Tür hinter uns und lassen sie für eine Weile allein. Der Zaubergarten hört auch von uns in der nächsten Stunde kein lautes Wort. Zuviel müssen wir zwei – eng aneinander geschmiegt – auf die Reihe bringen. Als Sinn und Auge Luft bekommen, wird der verdiente Tee wieder in seine Rechte eingesetzt. Durch die Ereignisse ein wenig vernachlässigt, bekommt er uns jetzt doppelt gut.

Unsere schweigende Teestunde läßt mich einen langen Abend ahnen. Auf der letzten Tasse Tee dehnt sich noch wohlig das Rahmwölkchen, als Oma Lüders aufsteht, zur kleinen Buddelei in der Ecke geht, ein kleines abgegriffenes braunes Kästchen aus dem obersten Fach nimmt, und sich mit einem tiefen Seufzer wieder in den alten Lehnstuhl setzt. In der kleinen Küche schwebt eine Stille, die man fühlen kann – nur begleitet vom schwingenden Knistern des Holzfeuers.

Es ist dunkel geworden.

Wir haben kein Licht angezündet, irgendwie würde es stören.

Oma Lüders hat zwei Ringe des Herdes zur Seite geschoben. Rötlicher Feuerschein liegt auf ihrem Gesicht – die Augen geschlossen – die Hände, wie um einen Schatz, um das Kästchen auf ihrem Schoß. Ich habe Angst, mit meinem Atem die Stille anzustoßen. Traudes Kopf liegt an meiner Brust – ganz fest hält sie meine Herzenshand umklammert. Meine Rechte ist zärtlich in ihren Haaren verborgen. Der Abend fließt in weichen Wellen durch den Raum – mit stetem Begehren auf die Nacht, die fast unmerklich näher rückt.

Wißt ihr – wie der Laut eines Nachtvogels streicht dieses „wißt ihr“ um uns herum – wißt ihr, schickt Oma Lüders immer voraus, wenn sie aus dem großen Schatz ihres Lebens etwas verschenken will. Wißt ihr, es ist eine lange Geschichte – mit mir und Theodora.

Theodora – jetzt hat das, mit den Augen zwinkernde, Oberinnengesicht für mich plötzlich einen Namen. Wir waren als kleine Kinder schon zusammen, auf dem Gut ihrer Familie. Zwischen den ostpreußischen Seen. Bis zum Beginn der Schulzeit waren wir Alltags nicht zu unter-scheiden, wenn wir in den Sandkuhlen oder auf den Windbrüchen spielten. Als wir sechs Jahre alt wurden, änderte sich das schlagartig.

Wir Dörflerkinder mußten in die einklassige Dorfschule zum Schulmeister Rübenknecht – Theodora hatte im Westflügel des Schlosses ein Studierzimmer. Ganz für sich allein – und lange Jahre als einzige Gesellschaft einen griesgrämigen, verbitterten Hauslehrer. Wir Leute im Dorf haben ihn nie zu Gesicht bekommen – wegen seines Höckers mied er anderer Leute Blicke wie die Pest.

Für die Häuslerkinder war Schulzeit immer nur dann, wenn die Arbeit auf den Feldern es zuließ. Wir zwei sahen uns nur noch selten – viel zu selten.

Die Kinderzeit war zur Jungmädchenzeit heran gewachsen. Unsere kleine Welt des Gutsdorfes, und die andere große Welt da draußen, lief ihren gewohnten Gang.

Bis Neunzehnhundertzehn Kaisers Geburtstag gefeiert wurde. Der Baron – Theodoras Vater – ließ ein großes Dorffest ausrichten.

In dieser Nacht verliebte sich Theodora in einen schmucken Burschen aus dem Dorf, der auf dem östlichen Vorwerk als Stallknecht seinen Dienst tat. Einen Sommer lang schwebten die beiden im siebten Himmel. Bis – ja- bis es dem Baron zu Ohren kam. Er war in der Befolgung seiner Lebensregeln auch ein unerbittlicher Vater.

Irgendeine Schöne aus dem Dorf hatte der Neid geführt – sie hätte vielleicht selber gerne den Platz an des schmucken Burschen Seite inne gehabt. Theodora kam kurzerhand nach Königsberg in ein Ordensinternat, und der hübsche junge Bursche auf das Sommergut an die Grenze Rußlands.

Theodora haben wir im Dorf nicht wieder gesehen, und ihr Sommerglück wurde drei Jahre später mein Mann. Im Frühling feierten wir Hochzeit, und im Herbst zog er in den Krieg für unseren Kaiser. Ich habe ihn nicht wiedergesehen – er ist in den ersten Wochen gefallen. So haben wir beide für einen kurzen, heißen Sommer unser Glück in den Armen gehalten. Bis es uns genommen worden ist. Jeder von uns wohl nicht auf dieselbe, aber beiden auf eine gleich schreckliche Weise.

An diesem Punkt angelangt, schweigt Oma Lüders. Den Kopf, mit den immer noch naturschwarzen Haaren, leicht zurück gelegt. Ihre Augen hat sie geschlossen. Nur die steifen Finger umspielen das glänzende Kästchen.

Ihre Seele ist weit, weit in die Vergangenheit eingetaucht. Als sie wieder in die Gegenwart zu-rückgekehrt ist, hebt sie aufs neue zu sprechen an.

Im Jahre achtzehn änderte sich die Politik, aber für uns armen Leute blieben die Tage gleich. Arbeiten so lange es hell war – und zum Leben gerade genug. Das wurde erst nach dreiunddreißig anders. Uns Deutschen war vom Himmel das Heil beschert worden – haben wir zu Millionen geglaubt. Den Glauben an dieses Anders haben wir teuer bezahlen müssen. Als wir im Herbst fünfund-vierzig, von unserer langen Flucht erschöpft, und am Ende unserer Kraft, auf dieser Insel an Land gingen, fanden wir im Seehospiz das erste warme und trockene Lager nach unserem Marsch durch die Hölle. Eine Hölle – unvorstellbar, und von Menschen angerichtet.

Erinnerung an dieses Grauen verschließt ihr aufs neue den Mund.

Kinners – laßt es nie wieder so weit kommen. Der liebe Gott mag euch davor behüten.

Mit diesen Worten beginnt sie aufs neue zu erzählen.

Unter den Schwestern entdeckte ich am zweiten Tag Theodora. Sie war Diakonisse geworden.

Die Zeit zwischen der Trennung von „unserem“ Mann, und der Begegnung hier auf der Insel, war verschwunden – ausgelöscht. Wir wußten, wir trauerten immer noch um den selben Menschen – aber ohne trennende Gefühle. Theodora war fünfundvierzig noch keine Schwester Oberin – die wurde sie erst zehn Jahre später. Um unsere gemeinsame Geschichte weiß hier heute niemand mehr. Nur unser Herrgott benutzt uns manches mal als sein Werkzeug – wenn hier unten was gerade zu biegen ist.

Während ihr Erzählen den Raum füllt, hat sie die abgegriffene Schachtel geöffnet. Der Inhalt liegt ausgebreitet auf dem Küchentisch. Es sind Briefe. Briefe, die Theodora ihrem Geliebten schickte – und Briefe, die Oma Lüders von ihrem Mann aus dem Feld bekam.

Es sind bloß eine Hand voll – aber ein Schatz, wie er kostbarer wohl nicht sein kann. Wir berühren sie nicht. Sie sollen ein Edelstein in Oma Lüders Herzen bleiben. Nach langem Schweigen schreibt ihr Mund noch einen Satz in die Dunkelheit der Nacht: Wenn der Herrgott mich zu sich ruft – gebt mir dieses Kästchen mit auf die Reise.

* * *

Jemand hat mich an der Schulter zu fassen, und rüttelt mich mit hartem Griff aus dem Tiefschlaf. Wie aus einem bleiernen Sarg tauche ich an die Oberfläche des Wachseins. Das Zimmer ist hell erleuchtet. Der Nachtportier, in Begleitung von drei Gendarmen, hat uns zum Leben erweckt. Aber wie sieht unser Schlafraum aus? Hat man den Krieg ausbrechen lassen, ohne uns vorher zu warnen, oder sind die Vandalen bei uns durch die Bude gezogen? Die Schränke sind leer gemacht worden, die Kommoden ausgeräumt. In der Schubladenfront, die ich mir mit Wölfi teile, haben die Schutzleute mehr als siebzig Packungen Zigaretten entdeckt. Wir müssen unsere Hände vorzeigen – man sucht nach Schnittverletzungen. Bei Heiner und mir vergebens. Es hat in der Nacht in der Jan-Berghaus Straße ein männlicher, jugendlicher Täter einen Automaten geknackt, und sich dabei verletzt. Die Polizei ist den Blutstropfen hin und her über die Insel gefolgt. Hier bei uns im Zimmer fanden sie den letzten. Wer ist der Täter? Ganz klar – der Mann mit der blutigen Hand. Wo ist der B. fragt man uns. Schulterzucken ist unsere Antwort. Wir haben vor Erschöpfung geschlafen, wie die Mumien der Pharaonen.

Fünf Minuten später hat man Wölfi im Flakturm gefunden. Im Zockerquartier. Jetzt wissen wir, daß die Zigaretten nicht von zu Hause gekommen sind. Zwanzig mal hat Wölfi Automaten aufgebrochen – bis es ihm zum Verhängnis wurde. Die Kompanie Uniformierter hat sich verzogen. Unser Nacht-portier marschierte wie ein Feldmarschall vorweg. Wölfi in ihrer Mitte. Zwei ganz schön bedeppert aus der Wäsche guckende Zimmergenossen zurücklassend.

An weiterschlafen ist nach dieser Räuberpistole nicht zu denken – zumindest mir geht es so. Halb vier zeigt der Wecker.

Menschenskinder – wie gerne würde ich jetzt das Bett mit Traude teilen. Dann hätte ich anderes zu tun, als dieses verquere Ding im Kopf herum zuwälzen. Irgendwie macht sie mir doch zu schaffen – die Sache mit Wölfi. Wenn ich es mir recht überlege, haben wir auch von seinen schrägen Einkäufen gezehrt. Warum hat er uns die Glimmstengel geschenkt? Sollte das der Preis für Freundschaft sein? Ein profitables Elternhaus – das ganze darum herum – alles nur Spiegelfechterei. Und das nur um Freunde zu gewinnen? So kann es doch nicht sein.

Meine Gedanken wirbeln um Probleme, die mich im Grunde nichts angehen. Heiner sägt schon wieder Bäume im Gleichtakt – in imaginären Wäldern – nichts mit Reden. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. So ein Mist aber auch! Raus aus der Falle, leichte Klamotten über das Knochengerüst gehangen – und ab nach draußen. Der Morgen beginnt im Osten sachte die Nacht beiseite zu schieben – der Himmel ist ganz rot vor Anstrengung.

Der Melkbuur ist auch schon unterwegs, ich höre leise die Milchkannen klingeln. Handgruß und ein gedämpftes Hee schicke ich zu ihm hinüber. Er schaut auf – ein erstauntes Hee – und ein fragendes „Wat deist du denn all um disse Tied up?“ kommt auf Platt zurück. Bist du aus dem Bett gefallen, fragt er mich. Im gleichen Atemzug erzählt er mir, daß bei seinem Kollegen Brauer heute Nacht schon wieder ein Automat geknackt worden ist. Sieh mal – sag’ ich – und davon bin ich aus dem Bett gefallen.

Seinen fassungslosen Gesichtsausdruck hätte ich gerne festgehalten. „Wuso,“ sagt er – wee dat so luut? „Dat is doch een heel Enn’n wäch van jo!“. Nee – sag ich – gehört hab’ ich den Knall nicht, aber die Zigaretten sind bis zu mir in die Kommode geflogen. Dieser Art seine Neugierde geweckt, muß ich ihm natürlich die ganze Geschichte haarklein erzählen. Er ist ein aufmerk-sam lauschender Zuhörer, läßt sich nicht ein Detail entgehen.

Goldwerte Nachrichten für seine frühen Kunden. Ich bin mir sicher, bis zum Erscheinen der Badezeitung ist die Geschichte schon über die Insel gehuscht. Wofür hat die Stadt sonst ihre wandelnden Nachrichtenblätter.

Mein hoch zufriedener Melkbuur zieht fröhlich pfeifend weiter. Hab’ ich – so früh am Morgen – doch schon jemand glücklich gemacht. Anders würde es mir sicher gehen, wenn es mein Schatz gewesen wäre. Ich kneife mir selbst in die Wange, und denke so für mich: Bescheiden, bescheiden, junger Mann – von zuviel Glück sind auch schon Menschen erschlagen worden.

Mein Weg führt mich quer über die Kaiserwiese. Ein Satz über die Balustrade, und ich lande auf der Strandpromenade. Die einzigen, die um diese Zeit promenieren, sind die vielen Emmas. Große stolze Silbermöwen, die ihre kleineren Verwandten nur fliegend über sich dulden. Keine Bange, ihr Lieben, ich will euch nicht stören, sag ich laut zu ihnen. Ein paar Schritte das Deckwerk hinunter, und ich befinde mich im Sand – inmitten hunderter schlafender Strandkörbe.

Die Nummer achtzehn ist mein Ziel. Mein Herzblatt und ich sitzen oft hier, in Stunden, in denen der Strand mit sich alleine ist. Ich setze mich in den Korb, ziehe die Beine unter mich, und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Fünf singende Schläge zittern durch den kühlen Morgen. Die alte Turmuhr ist unbestechlich in ihrem Zeitmaß. Das ist gemeinhin mein Zeichen zum Dienstantritt. Heute tut es gut, die fünf hallenden Schläge der alten Glocke über dem Wasser verwehen zu lassen, ohne in der Pflicht zu stehen. Die Plackerei beim Küchenumbau hat Heiner und mir drei freie Tage beschert.

An der Kimm zieht langsam ein Fischkutter seinen Kurs. Das Rauschen der auflaufenden See, nur unterbrochen vom hellen Schrei sich streiten-der Möwen, läßt mich die Augen schließen. Ich vermeine Traudes Weibsgeruch zu spüren – so, als wenn sie neben mir sitzt und mich wahnsinnig macht – allein durch ihre Nähe. Ob sie weiß, daß sie alle Macht der Welt über mich hat? Ich lache still vor mich hin – ich kleiner Dummkopf – wenn sie das nicht wüßte, wäre sie keine Frau.

Viertel vor sechs – ich komme langsam in die Hufe. Zum Seehospiz runter, am Strand entlang, eine gute halbe Stunde. Vielleicht kann ich wenigstens noch einen geworfenen Handkuß von meinem Schatz auffangen, bevor sie ihren Dienst antritt. Die Aussicht macht wohl meine Füße schwerelos – vierzehn Minuten später bin ich schon gleichauf mit dem Seehospiz. Helles Kinderlachen – durchsetzt von freundlichen Jungmädchen Stimmen – glittert um die altehrwürdigen Mauern. Zu Zeiten des hannöverschen Königs – vor mehr als hundert Jahren – wurde diese Anlage als Waisenpensionat errichtet. In dieser Zeit herrschte sicherlich eine andere Atmosphäre in den Gemäuern. Ich wünschte, die kleinen Bewohner hätten damals auch eine Theodora zur Schwester Oberin gehabt. Welch ein glücklicher Wandel für alle die hier leben – und leben müssen.

Die Krone der Umfassungsmauer ist ein schöner Sitzplatz. Meine Füße baumeln binnenwärts, über jungen Gemüsepflanzen in vielfältigem Grün. Die Schwester Gärtnerin hat ihre Äcker wohlbestellt. Zum Waschhaus hinüber zieht eine wirbelnde Gruppe halbwüchsiger Mädchen. Die beiden Kindertanten haben sichtlich Mühe, die Blase im Zaum zu halten.

Man hat mich wohl bemerkt – den Jüngling auf der Mauer. Eine der beiden Fräuleins winkt mir zu – ich kann nicht erkennen, ob ich sie kenne.

Bevor ich mit mir einig bin, wie ich es jetzt halten soll, ertönt ein schriller Doppelpfiff. Er klingt gar nicht mädchenhaft – eher burschikos. Offenbar ein Signal. Sekunden später steht an einem offenen Fenster, im Hochparterre, das Ziel meiner Begehrlichkeit.

Die Truppen haben mich auf jeden Fall erkannt, und Melder gespielt. Ein Sonnenball wirbelt durch den Gemüsegarten, und wir liegen uns in den Armen. Uns bleibt bloß die Zeit für einen atemlosen, verzehrenden Kuß, und die Worte: Bis zur Freistunde – Dünenhäuschen sieben. Schon ist sie wieder weg – und läßt einen verwirrten – vor seliger Erwartung zitternden – Halbmann, inmitten gebeutelter Kohlpflänzchen, stehen. Bevor ich mich über die Mauer davon mache, richte ich noch schnell die Pflänzchen. Eine verärgerte Schwester Gärtnerin möchte ich uns nun doch nicht einhandeln.

Vergnügt schlendere ich zum Kaiserhof zurück. Heiner ist von seiner Waldarbeit noch nicht zurückgekehrt. Er schnarcht noch zum Gott-erbarmen. Der Junge ist kaputt wie nur was. Na ja – ich kann es verstehen. Er hat ja auch keine liebende Sonne, die ihm Energie schenkt.

Dabei ist er mir in manchem über, der Gute. Das muß ich neidlos anerkennen. Wir sind am gleichen Tage hier gelandet, waren von der ersten Stunde wie Brüder. Man nennt uns auch wohl die Unzertrennlichen. Wir haben gemeinsam so manchen Bockmist verzapft – holla – damit kein falscher Eindruck entsteht – nichts Ehrenrühriges. Aber tierisch war’s doch schon manches mal.

So im letzten Herbst, kurz vor der Winterpause. Chef und Chefin waren eine Woche außer Haus, und wie das so mit den Mäusen ist, wenn die Katze nicht da ist: Es wird auf den Tischen getanzt.

Den genauen Anlaß weiß ich nicht mehr – auf jeden Fall stiftete Wer zwei Flaschen Orangen-likör. Klingt harmlos – nur die Prozente hatten es in sich. Und uns stifteten sie an, uns zu beweisen. Was wir auch prompt taten! Chef – wo steht das Klavier? Jeder eine Flasche auf Ex austrinken. Der standfestere bekam die Königswürde.

Geleert haben wir beide die Flasche, bloß – ich fiel schon nach zehn Minuten in die Tiefen eines Donnerrausches, Heiner stand fünf Minuten länger auf den Beinen. Ihm gebührte die Krone.

Nur – was hatte er von seiner Krone? Genau soviel elend zufrieden, und genau soviel strubbeligen Kater wie ich. Also, Null Vorteil.

Bis die Stabsführung wieder im Hause war, waren die sichtbaren Schäden an Geist und Körper verflogen. Glück für uns zwei. Ein mittelschweres Erdbeben wäre sonst wohl die Folge gewesen.

* * *

Alles das ist Vergangenheit, und heute morgen drängt es mich, den Schmuck meines Hauptes in Schwung bringen zu lassen. Oh Liebe, wie bewirkst du Wunder.

Bei Figaro Kurt wird viel erzählt – der Salon ist der Insel Nachrichtenbörse!

Heute muß ich natürlich als Informant herhalten, und sein Wissen auf den neuesten Stand bringen. Dafür macht er mir auch einen besonders schönen Schlag in die Frisur. Sozusagen als Honorar. Irgendwie bin ich denn doch heilfroh, der halbwarmen Atmosphäre seines Salons entfleuchen zu können. Draußen ein paar mal tief durchatmen – so, jetzt geht es wieder. Bei der Sitzung ist die Zeit davon gerannt. Zurückgehen und essen ist nicht mehr drin.

Ich frage mich ernsthaft, ob ich auf Makkaroni und Gulasch verzichten kann, und beschließe, das opulente Mahl zu verschmähen.

Das Dünenhäuschen sieben ist mein Ziel. An einem Rosenstock, mit herzblutroten Blüten, kann ich unterwegs nicht vorbeigehen.

Ich lobe mir von der fleißigen Frau im Garten eine Rose aus – eine Rose für mein Herzblut. Den ganzen Weg, bis hin zu meinem Glück, habe ich wohl die Nase an der Blume. Es entströmt ihr ein Duft, der die Sinne trunken macht. Mein Schatz braucht gleich nur noch ein Tröpfchen obenauf tun, und ich bin ihr verfallen mit Haut und Haaren.©ee

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Ewald Eden : Nordwehen.

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„ Der Weg nach Hause “

Lagerleben.

Die glitzernden Flächen der sumpfigen Ebene sind an der dahineilenden, ratternden Schlange vorbei gezogen. Wie Inseln in einem großen Meer tauchen vereinzelt kleine Gruppen von Büschen und knorrigen Bäumen auf. Sie bieten den hin- und herwischenden Augen für einen Moment Halt auf ihrer Reise durch die Unendlichkeit.
Ein freundlich dreinblickender, intensiv an einem Pfeifenstummel suckelnder, älterer Mann hat sich zu ihr gesellt.
Wahrscheinlich ist ihm die Sprachlosigkeit als Reisebegleitung nicht genug, denn er hebt nach einer Weile stummen Schauens zu erzählen an.
Zuerst scheint es Kathinkas zusammenhanglos zu sein – gerade so, als wenn er die Seiten in einem Buch sortieren würde. Dann beginnt sein Reden in Sätze zu fließen – in Sätze, die sich auf seltsame Weise in ihre Gedanken einfügen.
Wie es hier wohl sein mag, ohne die Harnische des Winters – geht es Katharina durch den Kopf. Im gleichen Augenblick kommt aus dem Munde des alten Mannes:
„Des Sommers, wenn der eisige Panzer sich nach Norden verzogen hat, sind riesige Bagger dabei, die Sümpfe trockenzulegen – wie urzeitliche Spinnen, die auf hohen Beinen über das Moor schreiten, muten sie an.
Sie dienen der Torfgewinnung für die Kessel der Kraftwerke zur Stromerzeugung. Es ist billige Energie für Westeuropa und Futter für die Geldsäcke.“
Nachdenklich dreinschauend kaut er auf seinem Pfeifenstummel – als wenn dieser die wichtigste Sache der Welt für ihn ist.
Warum erzählt der alte Mann mir das, denkt Katharina. Man kann doch nichts von diesen Ungetümen sehen.
Gerade so, als wären ihre Gedanken laut durch das Kabinett gepoltert, und hätten den Alten in der intensiven Beschäftigung mit seinem Pfeifenstummel gestört, so schrickt er auf und nimmt den Kolben aus dem Mund.
„Ich bin unterwegs nach Kilingi-Nomme“ er spricht wie nach innen gewandt – wie zu sich selbst. Indem er den erloschenen Pfeifenkopf an seinem Stiefelabsatz ausklopft, fährt er mit leicht singendem Tonfall in seinem Erzählen fort.
„Dort – in einem riesigen ………… Depot“ – Katharina fühlt in sich, daß er Lager sagen wollte. Was hat ihn zögern, und Depot sagen lassen?
Mit belegter Stimme fährt er fort: „da überwintern die Geräte und Maschinen. Ich muß alle Woche dorthin und nach dem Rechten sehen, damit mit einsetzen der Schneeschmelze sofort wieder mit der Arbeit begonnen werden kann. Es ist nicht leicht für mich, aber es sichert mir mein Tagesbrot, ab und an ein kleines Schlückchen Wässerchen und ein bißchen Machorka. Obendrein hab ich dadurch ein Dach über dem Kopf – wenn auch ein nicht viel Besseres als in den Lagern – aber es ist ein Dach.“
Ein paar Bauminseln des Schweigens ziehen an den frostbemalten Abteilfenstern vorüber.
Katharina spürt, der alte Mann erwartet keine Antwort von ihr. Er setzt seinen Monolog fort. Gerade so, als wenn er glücklich ist, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der ihm einmal zuhört.
„Zweiundachtzig Winter hab ich schon überlebt – in den letzten sechzig Jahren hab ich nach jedem Winter gehofft, es wäre der schlimmste und der härteste in meinem Dasein gewesen – und jedesmal kam es dann noch schlimmer und noch härter. Dabei waren die Winter oftmals noch gnädig – die Sommer in den Sümpfen sind wie das Herz der Hölle. Winters hatten wir wenigstens frisches Wasser die Fülle – aus dem geschmolzenen Schnee. Des Sommers da faulte das kostbare Naß in den Tümpeln und war die Brutstätte für große blutgierige Stechmücken. An den Leben spendenden Fluß durften wir nur alle vierzehn Tage für ein paar Minuten.“

Er fährt mit leicht fahrigen Bewegungen seiner knochigen Hände über seine Joppenärmel, als wenn er die Stechmücken, von denen sie damals gepeinigt wurden, wegwischen wolle. In dieses Wischen hinein laufen, kaum wahrnehmbar, die Worte:
„Dieser Winter ist der dreiundachtzigste.“
Er zieht ein großes, buntkariertes Tuch aus seiner Rocktasche – streicht sich verlegen damit über die Augen, und schneuzt sich, wie zur Entschuldigung, geräuschvoll die Nase. Katharina fragt still in sich hinein, wie lange der freundliche Alte neben ihr wohl noch den dornigen Weg seines Lebens gehen muß

Als die kleine gebeugte Gestalt zu sprechen fortfährt, klingen die Worte wie durch rostigen Stacheldraht gezogen.
Zerrissen, abgehackt, spröde – mühsam sich zusammenfindend, so füllen sie das Dämmerlicht des Kabinetts.
„Sechzig davon war ich in diesem Lager. Fünfzig Jahre durfte ich nicht – und nun kann ich nicht mehr fort.“

Katharina merkt, wie dem alten Mann ihr gegenüber die Stimme versagt.
Sie schweigt in den dunkler werdenden Tag. Der Alte nestelt aus seinem Rückensack einen verwitterten Tabaksbeutel hervor. Er greift mit der Hand hinein stopft mit dem Krüllschnitt, den er zwischen seinen Fingerspitzen hält, umständlich den Kopf am Ende des Pfeifenstummels.
Ein Zündholz flammt auf und ein paar kräftige Rauchwolken wirbeln um seinen Kopf, als wenn sie ihn in sich verstecken wollten.

„1941 – nach der Befreiung des Baltikums durch die Deutschen – da wurden wir von der Deutschen Wehrmacht als Russenfreunde in Kilingi-Nomme brutal zusammen getrieben – zusammengepfercht in einem Drahtverhau. Ein Dach über dem Kopf, Unterkünfte, mussten wir uns selber erst schaffen – solange lagerten wir unter dem freiem Himmel – auf der sumpfigen Erde.“

Irgendetwas ist in dem alten Mann gelöst worden. Katharina traut sich nicht, auch nur einen Satz dazwischen zu stellen. Sie ahnt, dass sie damit etwas zerstören würde, das nur im schweigenden Zuhören entstehen kann.

„In den ersten Wochen ist damals über die Hälfte von uns an Gelbfieber gestorben. Es sei die natürliche Auslese – sagte der Lagerarzt, der uns in seiner piekfeinen schwarzen Uniform mit den glänzenden Totenköpfen auf den Rockaufschlägen, einmal die Woche besuchte.“
Das Sprechen fällt dem alten Mann sichtlich schwer. Katharina sieht es am sich Heben und Senken der eingefallenen Brust unter der unförmigen Jacke.
„Wenn das graue Auto mit dem Stern auf der Kühlerhaube ins Lager fuhr, dann mußten die Wege mit weißem Sand bestreut daliegen. Jeder Schlammspritzer an den blankpolierten Schaftstiefeln des Doktors bedeutete für einen willfährig ausgesuchten Häftling einen Peitschenhieb auf das entblößte Gesäß.
Er hat es sichtlich genossen, der Herr Doktor.“

Katharina spürt, wie dem Alten im sich Erinnern das Grauen über die Augen läuft.

Die Dunkelheit hat fast völlig vom Tag Besitz ergriffen – nur im Pfeifenkopf glüht es rötlich, wenn der Alte an dem brennenden Knaster zieht.
„Nach kurzer Zeit haben wir selber an die Mär von der natürlichen Auslese geglaubt – Nur das Überleben war wichtig. Überleben war alles. Dieser eine übermächtige Gedanke hat uns das Leben draußen vergessen lassen. Wir kamen uns nicht mehr wie eingesperrt vor – Ausgesperrte waren wir. Ausgesperrt aus dem Leben – lebendig begraben.
Aber warum nur? Wir hatten doch keine Verbrechen begangen … und ewig konnte dieser Spuk doch nicht dauern – dachten wir.“
Eine lange Pause läßt seinen Worten Zeit, um ihren Platz in der Gegenwart zu finden – bis ihnen ein kaum wahrnehmbares

„ hofften wir “ folgt.© ee

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zimmer 11

Sie hetzen die zeit durch regennasse strassen, nur das rauschen
klebt an der türklinke von zimmer 11.

Hier atmen verlegen die stunden kippen in graublau
lichtbündel durch das hohe fenster, die sich tanzend
in stummen bücherregalen verfangen
bis sie ermüdend, breitbeinig – als schatten – auf meiner bettdecke landen.

Sie hatte diesen punkt geklebt unsichtbar haltbar.dort
wo der stukk als blütenrandrose in die decke sich einband um
kichernd sich in zarten wölbungen wieder aufzuwerfen. fast trotzig
dann in gelbgewunden. augenmüde beobachtung und harren , wortloses verstehen.

da saß sie

bewegungslos erstarrt von meinem bestaunen.im unbeobachteten moment
dieses zarte drehen einer schlittschuhläuferin – sekundenatmend .

Dann schleuderte sie wie ein band den seidigen faden hinter sich –

wölbte ihren bauch wie eine schwangere und tanzte

auf dem dünnen seil
in atemloser schönheit.© Chr.v.M.

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Lebensbilder

Mitte der 1900er Jahre. Die Stadt am Meer – ein Mix aus Kriegshafenhäuseranhängsel und drei alten bäuerlichen Gemeinden – eine Stadt, aus großen Vorstellungen und noch größeren Hoffnungen entstanden, krebst zum zweiten mal in ihrer noch jungen Geschichte auf der Talsohle des Überlebens herum.

In intaktem Zustand bot sie dem Betrachter stets ein passables Bild. Kurioserweise war sie gerade immer dann am attraktivsten, wenn ihre Ziehväter sich anschickten, die Welt um sie herum in Schutt und Asche zu legen.

Am Ende war sie dann jedesmal ähnlich kaputt wie die übrige Welt. Getreu dem Motto ‘der Teufel frisst seine eigenen Kinder’. Und durch diese, aus dem letzten Loch pfeifende Stadt, radelt nun vergnügt ein kleiner Knirps auf seinem Dreirad.

Vergnügt deshalb, weil er ja noch nichts anderes kennt. Seine Welt wird eingegrenzt vom Backfischtanzschuppen Nordseestation, von den Selbstversorgerkleingärten am Grodendeich, von der Übungsschießanlage für die Polizei und die neu erwachenden
Marinestreitkräfte, denn Vater Staat braucht ja schließlich Männer, die beim Schießen auch treffen – wenn’s mal wieder knallen sollte.

Die Lücken zwischen diesen markanten Punkten schließen das Altenheim Karl-Hinrichs Stift, das Kriegsandenken Bunker an der Ecke der Sportanlage und – ja richtig, der Gottesacker an der Friedenstrasse.

Onkel Hannes hat die Nähe vom Altenheim zum Friedhof einmal auf die ihm eigene Weise erklärt: „Well dor in d’ Heim dodblääven is, de brukt noa d’ Kaarkhoff nich mehr so wiet to lopen.“ ( Wer da im Heim totgeblieben ist, der braucht zum „Kirchhof“ nicht mehr weit zu
laufen )

Der Friedhof war in dieser Zeit so ziemlich das einzige Stück geordnete Welt innerhalb seiner Welt. Dieses Stück geordnete Welt zog den kleinen Knirps auf seinem Dreirad aber magisch an. Dem Dreirad mit dem Korb hinter dem Sattel, in dem man so viele nützliche Dinge verstauen konnte, die man unterwegs fand.

Nachdem der kleine Knirps auf seinem Dreirad der geordneten Welt Friedhof wieder einmal einen Besuch abgestattet hatte, war auch da plötzlich nichts mehr in Ordnung. Friedhofswärter, und Mitarbeiter der Verwaltung, flatterten in den nächsten Tagen wie Hühner ohne Köpfe durch die weitläufigen Gräberfelder.

Onkel Hannes, der alte Seebär, hatte auch dafür gleich einen seiner Sprüche parat.„Dat sücht ut, as wenn dor up d’ Kaarkhoff een de Stüürmann de Kompass wächnoahmen hett.“ (Das sieht aus, als wenn da auf dem Friedhof jemand dem Steuermann den Kompass weggenommen hat)

Wie dicht er doch dran war – der alte Seemann, mit seiner zuerst als abwegig belächelten Vermutung. Hatte der kleine Knirps mit dem Dreirad doch all die schönen, emaillierten Grabnummernschildchen in seinem Korb gesammelt und mit nach Hause genommen.

Papa und Onkel Hannes waren darüber hocherfreut – durften sie doch die Nummernschilder in den folgenden Tagen alle wieder fein säuberlich zurückstecken. Dadurch lernten die beiden in einer Woche so viele tote Leute kennen, wie sonst wohl kaum jemand lebende Menschen in seinem ganzen Leben.

Der Knirps auf dem Dreirad fuhr indessen weiter munter durch das Viertel. „Schau immer nach vorn, und niemals zurück, mien Jung.“ Diese Devise hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm eingebleut.

Ein Schrebergarten in der nahen Grodenkolonie hatte es ihm schon seit längerem angetan – oder vielmehr der Schrebergärtner, der in diesem Garten das Regiment führte. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit er seine Pflaumen, Äpfel und Birnen gegen Angriffe von außen auch verteidigte – immer thronte sein Haupthaar streng, und korrekt in der Mitte gescheitelt, zwischen seinen weit abstehenden Segelohren.

Dagegen bot das frische grüne Laub des großen Wurzelbeetes in der Mitte der Gemüsefläche eher den Anblick einer Reihe krauserNegerköpfe mit grün gefärbten Haaren.
Diese krause Unordnung auf seinen Rabatten hatte dem Gartenmann ganz sicher seine blinkende Halbglatze beschert. Da musste doch etwas geschehen.

Und es geschah auch etwas.

Eines schönen Sommermorgens lagen alle jungen Wurzelpflänzchen – jetzt mit plattem Grün – fein säuberlich aufgereiht eins rechts eins links – zu beiden Seiten der Pflanzrille.
Aber wie es nun mal so ist im Leben – auch da verkehrte Welt. Hilft man den Menschen nicht, sind sie wütend – hilft man ihnen, sind sie es auch.

Jetzt lagen zwar die jungen Wurzeln alle platt, und streng gescheitelt, auf dem Acker – aber der Gärtner hatte sich die Haare gerauft, so daß diese jetzt um seinen Kopf herumstanden wie Negerkrause.
Da war der Knirps auf seinem Dreirad aber schon weitergezogen – weitergezogen zu neuen Taten in seiner kleinen Welt am Groden-deich.

Die kleine Welt am Grodendeich, in der auch Johannes lebte.
Johannes – geprägt von seinem Zuhause, und gefangen in einer noch kleineren Welt innerhalb dieser kleinen Welt.
Johannes Eltern befehligten als Generalissimo und Generalin das Altenheim auf dem Areal zwischen Göker-, Freiligrath- und Friedenstrasse. Als unbeschränkte Herrscher in ihrem Revier, und als unbeschränkte Herrscher über Johannes, der selbstredend auf seine Art davon profitierte.

Da sei nur am Rande die komplette Eisenbahnanlage erwähnt, die Schlachter Th. Aus der Nachbarschaft auf Wunsch des Vaters für den weihnachtlichen Johannesgabentisch liefern musste, um auch im nächsten Jahr Fleisch und Wurst für die Altenheimküche liefern zu
dürfen.

Das Zimmer von Johannes konnte all die vielen schönen Spielsachen gar nicht mehr bergen, mit denen er überhäuft wurde.
Der Platz in ihm dagegen, der vom lieben Gott für Spielkameraden und Freunde reserviert war – auf diesem Platz herrschte gähnende Leere.

Das bemerkten seine Eltern aber nicht. Sie waren viel zu sehr mit dem züchtigen und ruhigstellen der aufmüpfigen alten Leutchen in ihrer Aufbewahrungsanstalt beschäftigt.
Und gerade das schmerzte Johannes unbändig. Er unternahm alles nur ihm mögliche, diesen leeren Raum in sich mit Leben zu füllen, aber irgendwie hatte er sich immer gerade einen Fuß verstaucht, wenn die anderen Kinder an ihm vorüberzogen, und er ihnen folgen wollte. So konnte er ihnen denn nur ständig linkisch hinterhertrotten. Wie es im realen Leben seit urchristlichen Zeiten ja nun einmal so ist –

den Letzten beißen stets die Hunde.

General und Generalin Altersheimkommandeur konnten ihrem Filius gar nicht so viele Hosen kaufen, wie die wütenden Alltagshunde ihm zerrissen. Wenn die Meute der Nachwuchsmenschen im Viertel mal wieder etwas ausgefressen hatte, war es stets der Nachzügler Johannes, den die erbosten Opfer bei der Hose zu fassen bekamen.

Auf diese Art war Johannes für die Gemeinschaft denn wenigstens zu,etwas nütze. Er sicherte der Streitmacht den Rückzug, und schluckte die Energie der Verfolger, die dann manchmal auf seiner roten Wange oder Hintern deutlich zu erkennen war. Wie zum Beispiel nach dem Gefecht mit Lehrer Lämpel.

Eine äußerst beliebte und wirksame „Waffe“ unter den Jungs war die „Flitsche“ – in anderen Gegenden vielleicht besser bekannt als „Zwille“. Von diesem wunderbaren Gerät gibt es – wie bei Revolvern auch – verschiedene Ausführungen. Von der Zimmerflak in
Astgabelausführung mit Fahrradschlauchgummi und eisernen Krampen bestückt, bis hin zum kleinen, aber ebenso wirksamen Sologummi für den unauffälligen Nahkampf.

Die Spitzenkanoniere im Viertel konnten mit dem kleinen Ding sogar blind und rückwärts feuern. Nicht so Johannes. Johannes hatte schon beim sehend vorwärtsschießen seine kleinen Probleme mit der Zielgenauigkeit und Treffsicherheit. Was ihm auch prompt – oder besser gesagt der ganzen Klasse – übel angekreidet wurde.

Ausgerechnet in der Rechenstunde beim gefürchteten Lehrer Lämpel wurde ihm diese Schwäche dann zum Verhängnis.

Der gestrenge Schulmeister stand mit dem Rücken zur Klasse an der Tafel, und malte in schönster Paukermanier Hieroglyphen auf die grüne Fläche.

Von vorne, aus der zweiten Bankreihe, von da, wo der Knirps mit dem Dreirad seinen Platz im Klassenzimmer hatte, trafen den guten Johannes unablässig „Rückwärtsgeschosse“.

Er parierte sie so gut es ging, und mit mäßigem Erfolg. Bis – ja, bis Lehrer Lämpel – durch das verhaltene Schlachtengetümmel in seinem Rücken aufgeschreckt – sein Gesicht plötzlich der Klasse zuwandte.

Wie gesagt – an der Fähigkeit, das richtige Ziel zu treffen, haperte es bei Johannes mächtig. Und so traf seine – im selben Augenblick abgefeuerte – „Krampe“ auch nicht den Knirps mit dem Dreirad, sondern landete punktgenau auf des Lehrers unwillig gekrauster
Pädagogenstirn.

Von mäßigem Erfolg wagte denn nach diesem Treffer keiner mehr zu reden, zumal es in der Folge Strafarbeiten für die ganze Klasse hagelte.
Zur Ehrenrettung der Brüder muß noch gesagt werden, daß nicht einer der Krieger, trotz heftiger Aufforderung Lämpels, Johannes als den Schützen denunzierte.

So wurden sie dieses mal alle gebissen – und gegenseitiges Wundenlecken nach verlorener Schlacht schweißt eine Truppe schon seit jeher noch fester zusammen.

Johannes blieb aber noch Jahre seinem Naturell treu, und ließ sich nur ab und zu von einem anderen „Weichei“ des Quartiers in seiner Funktion als Letzter des Rudels vertreten.
Gero stand ihm in der Rangfolge nicht allzu viel voraus. Von drei Tanten zuhause stets und ständig umsorgt, fehlte ihm so ein wenig das Mark in den Knochen – oder anders gesagt, er hatte keinen harten Kern. Was ihn wahrscheinlich selber am meisten ärgerte, wenn er der Truppe immer ein Stück hinterherschlabberte.

So etwas ist bei Eroberungsfeldzügen, auf denen sich die Bengels permanent befanden, natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden. Das nächste Tun und Geschehen war auch mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber was ist im Leben eines Kriegers nicht gefährlich.

Das Kriegsandenken Bunker war im Bewusstsein der jungen Krieger natürlich kein Kriegsandenken. Wie sollte es auch. Für sie war er einfach Teil des realen Lebens – eingebaut in den Alltag.

Dieser Bunker hatte nun eine Besonderheit, die ihn von anderen Schutzbauten aus kriegerischen Tagen unterschied. Er hatte leichteSchlagseite – wie wenn Onkel Hannes manchmal heimwärts segelte, nachdem er an der Theke in der Sportklause an der Gökerstraße wieder einmal einen Sturm abgewettert hatte.

Das Bunkerbauwerk hatte gegen Ende des Krieges noch einen Volltreffer abbekommen. „So richtig schön auf die Mütze“, sagte Onkel Hannes.

Es war eine der heimtückischen Panzerknackergranaten gewesen. Durch die Detonation war sogar ein Stück der Treppe im inneren weggesprengt worden. Aber das war Vergangenheit – das war ein Geschehen aus dem Leben der Alten.

Für die jungen Krieger im Viertel war der Koloß oft Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Endpunkt eines Beginnens. Je nach dem, was gerade auf dem Plan stand. Eine besondere Funktion erfüllte er auch noch –
er war der entscheidende Bewährungspunkt, wenn es darum ging, ein neues Mitglied in den Kreis aufzunehmen.

Bevor der Stammesrat Ja zum Aufnahmebegehren sagte, musste der „Neue“ in den Bunker. ‘In den Bunker hieß’, mit einer weißen Fahne über die geborstene Treppe nach oben – bis unters Dach. Wenn die weiße Fahne in einem der oberen Lüftungsschächte erschien, dann gehörte der Fahnenträger zum Stamm. Und nur dann.

Diese weiße Fahne – und das Geschehen darum herum – war einigen verknöcherten Alten in der Umgebung schon lange ein Dorn im Auge,den man neutralisieren musste. Unbedingt.

Eines schönen – oder für die Jungen nicht so schönen – Tages waren alle Zugänge mit Kalksandsteinen zugemauert.
Verbaut.

Anstatt die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden, hatte man sie an so etwas Sinnloses verschwendet. Verstehe einer die Erwachsenen.
Es brach bei den Burschen eine Zeit des Nachdenkens – eine Zeit der verborgenen Tätigkeiten an.
Wieder einmal hatte der Knirps mit dem Dreirad die „zündende“ Idee.

Der Schießstand bekam seine tragende Rolle.
Die Truppe besaß schon enorme Vorräte an Kartuschen. Schöne blanke Messingkartuschen, die von den Kriegern nach jedem Übungsschießen, das auf dem Stand vonstatten ging, gesammelt wurden.

Sicherheitsvorkehrungen nach heutigen Maßstäben darf man sich nicht auf damals denken. Dann sagt man sofort: Unmöglich.
Auch die Güte der Munition war eine andere in dieser Neustartzeit. Es wurde mit allem geübt und geschossen, was sich noch in Depots und Waffenkammern befand.

Darunter befanden sich natürlich auch viele Nichtzünder –
„Blindgänger“, wie Onkel Hannes sagte.
Es machte sich von den Probanden niemand die Mühe, sie wegzuräumen. Wozu auch. Sie waren ja nur ein Teilchen von vielen anderen ebensolchen Überbleibseln aus einer unseligen Zeit.

Nicht so für die Nachgeborenen.

Es erstand eine alte Kultur neu. Ersinnen, erfinden, testen – das alles wiederholte sich. Wie immer im Leben, wenn etwas anderes entsteht.
Die ‚Blindgänger’ unter den Patronen wurden ausgeschlachtet, und einem dienlichen Zweck zugeführt – es wurde getestet und immer wieder getestet. Es geschah alles auf den Erfolg gerichtet und unter strengster Geheimhaltung.

Was da ‚geheimgehalten’ wurde, das schielte nur manchmal unter der Decke hervor, wenn irgendwo in einem der Gärten eine verbeulte Konservendose landete, als Beweis einer gelungenen Übung.

Kleine Schwarzpulverhäufchen unter einer umgestülpten Konservendose, als Lunte einen Baumwollfaden – sorgfältig aus einem von Mutters Feudeln herausgelöst – und angezündet. Das war das ganze Geheimnis. Einfach zu lösen – was war daran schon
geheimnisvolles. Onkel Hannes hatte nämlich mal etwas von ‚Schießbaumwolle’ erzählt.

Nachdem genügend Erbsendosen den Luftraum im Viertel durchflogen hatten, war die Testreihe beendet.
Jetzt galt es den Ernstfall anzugehen. Nichteinmal „Sprenglöcher“ mussten sie bohren – die waren schon in der Steinbäckerei in die Kalksandsteine eingebaut worden. Von der Ziegelei mitgeliefert sozusagen.

Eine Sauarbeit war das Ganze aber doch. Sieben Feudel mußten sorgsam „aufgeribbelt“ werden, bevor genug Lunte zur Verfügung stand.
Dirk hatte mal wieder das Schicksal ereilt. Seine Mutter hatte ihn beim zweiten Feudel zerlegen erwischt, und ihm den nassen Lappen gehörig um die Ohren gehauen.

Feudel zerstören – das war ja schlimmer als Sabotage beim Kommiss.
Die anschließende Woche Stubenarrest hat ihn denn um die Früchte seiner Agententätigkeit gebracht – er konnte die große Sprengaktion, mit der seine Kumpels den Bunker von seinen Fesseln befreiten, nicht miterleben. Ein zweites Mal haben ihre Gegner dann nicht versucht, den Stammsitz zuzumauern.

Das Zielgebiet eines versteckten Kampfeinsatzes war wieder einmal – wie eigentlich so häufig – das Gelände des Reitvereins.

Klassenkampf pur war wohl der tiefere Grund für diese ständigen Feldzüge. Was hatten diese hochnäsigen, eingebildeten und doofen Bessereleutekinder auch in ihrem Viertel zu suchen.
Die sollten mit ihren Ackergäulen doch im Villenviertel rumklabastern. Da, wo ihre Erzeuger auch ihre schicken Benzinkutschen im Stall stehen hatten.

Die hatten sich in der rechtlosen Zeit mit ihren Mähren einfach auf angeblich verlassenem Gelände häuslich niedergelassen.
Von wegen verlassenes Gelände – wertvolle Jagdgründe waren dem Stamm damit einfach geraubt worden.

Die müden Alten des Stammes hatten der Landnahme der Fremden widerstandslos zugeschaut – und das schmerzte die jungen Krieger.
So etwas schrie in den Kriegerköpfen doch förmlich nach Rache. Man musste sich mit seiner Truppe ja leider notgedrungen bescheiden.
Zum großen Krieg reichten die Kräfte nicht – aber die Eindringlinge unaufhörlich mit kleinen Stichen piesacken – das konnte man schon. Und immer war der Knirps mit dem Dreirad irgendwie vorneweg. Auch wenn er schon lange kein Dreirad mehr fuhr.

Die Reitanlage bewachte ein schrecklicher Mensch, dessen Halbglatze und Hakennase in makellos gewichsten Stiefeln steckten. Zwischen Geierkopf und Stiefeln fuchtelte er unaufhörlich mit einer Peitsche in der Luft herum.

So ausstaffiert ging er auch wohl schlafen, denn keiner hatte ihn je anders gesehen. Na ja, den jungen Kriegern fehlte ja auch die Gelegenheit, ihn beim Zubettgehen zu beobachten.

Beobachten konnten sie allerdings seine täglichen Gänge zum Häuschen mit Herz. Häuschen mit Herz klingt lieblich – höre ich jemand sagen. Nicht so lieblich klangen die Töne, die durch die dünnen Bretterwände nach draußen schwebten, wenn der gestiefelte
Kater – so nannten ihn die Burschen unter sich – seine Notdurft verrichtete, wenn sein blanker Achtersteven das Loch in dem Brett über der Grube ausfüllte.

Es klang oftmals so, als wäre ein hungriger Wolf hinter einer schnatternden Gans her. Er litt nämlich unter „Verstopfung“, der Gute.
Seitdem ein Granatsplitter im letzten Kriegsjahr ihn liebevoll am Hintern gestreichelt hatte, konnte er die unverdaulichen Reste seiner Nahrung nur sehr schwer wieder loswerden.

Onkel Hannes hatte es in seiner sonntäglichen Skatrunde mal auf den Punkt gebracht:

„Diederk – dien Mors hett in Frankriek een Schokk kräägen. Du muttst hüm moal düchdich verfäär’n – dat helpt meesttieds.“ (Diederk, dein Hintern hat in Frankreich einen Schock bekommen – Du mußt ihnn mal tüchtig erschrecken, das hilft zumeist.)

Der Knirps auf dem Dreirad nahm diese gehörte Feststellung seines Onkels mit nach draußen – in den Kriegsrat der mutigen Krieger. Beim nächsten Palaver fanden sie „die“ Lösung, um dem geplagten gestiefelten Kater in seiner „Not“ zu helfen.

Am folgenden Tag – einem Sonntag – wartete ein kleiner Stoßtrupp darauf, dass der vom Schock „Gepeinigte“ das stille Örtchen am Rande des Hofes aufsuchte. Kaum dass er darin verschwunden war, schlichen die Burschen zur Rückseite – zum Deckel der Lokusgrube.

Eine Bierflasche mit Schnappverschluß mit einem Bröckchen Karbid und ein wenig Wasser präpariert, und hinein in die Jauche – und alle Mann mit Karacho in Deckung.
Sie schafften es noch gerade, das letzte Hosenbein zu verstecken, als es auch schon rummste.

Der Donner hatte es sich noch nicht mal im Hof bequem machen können, da flitzte der gestiefelte Kater auch schon mit heruntergelassenen Hosen, und von unten bis oben mit dem Inhalt der Grube bekleckert, durch das Gelände. Und der Knirps auf dem Dreirad konnte sich eine neue Feder in seinen Häuptlingsschmuck stecken.

Das nächste Stückchen Straße auf dem Weg in das Erwachsen- werden bescherte keinem der Krieger eine Siegesfeder – was die Truppe sich auf diesem Marsch einhandelte, war wohl eher als das Gegenteil von Kampfesehren anzusehen.

An der inneren Deichseite gab es doch tatsächlich eine große, freie, grüne Fläche. Keine Trümmer, keine verlassenen Flakstände, keine heimtückischen Einmannerdbunker waren auszumachen – nur fette Gräser und verschwenderisch blühende Pferdeblumen – auch
Löwenzahn oder Pusteblume genannt, tummelten sich auf der Weide.

Der Krieg war wohl zu kurz gewesen, sonst hätten die Kriegsherren dieses Fleckchen Erde auch ganz bestimmt noch mit „kriegswichtigen“ Bauten bestückt. Es schien dazuliegen, wie ein vergessenes Land – oder wie eine Paradewiese mit einem Denkmal in der Mitte. Ja, genau – ein Denkmal. Das sagte nämlich einer von der Truppe in die schläfrig am Deich vor sich hindösenden Runde.

„Denk mal einer sich was aus, womit wir die „Kuh“ da vorne ’n büschen ärgern können.“

Es war nämlich so etwas wie „saure Gurkenzeit“ im Grodenviertel. Die Schule machte Sommerpause, und das schon seit einigen Wochen.
Seit einer Woche schon waren sie nicht mehr auf dem „Kriegspfad“ gewesen. Da rosteten ja die Gelenke langsam ein. Das heißt, in den vergangenen Tagen hatte kein Erwachsener im Viertel einen Grund gesehen, über die „Gören“ Klage zu führen.

Die ‚Kuh’ da vorne war die einzige Erhebung in dem weiten Rund. Wenn jeder im Kreise gewusst hätte, was für eine ‚Kuh’ sie sich da anschickten zu ärgern – auweia.

„Guckt mal, was die Kuh für ein komisches Euter hat“ – Benno war ganz verwirrt, und voller Zweifel. Die Kühe bei seinem Patenonkel auf dem Hof sahen zwar ringsrum genauso aus – die hatten aber ganz andere Euter – viel größere, und mit langen Fingern dran, aus denen Milch spritzte, wenn Tante Ella an ihnen zog. Bei dieser ‚Kuh’ hing das Euter zwischen den kräftigen Hinterbeinen. „Lütter ist es auch – und Finger zum melken sind auch nicht zu sehen“ – meinte Benno noch zaghaft.

Das wusste Dirk zu erklären. Dirk hatte zu Hause ein Dreimädelhaus – seine drei Schwestern bestimmten seinen häuslichen Lebensrhythmus. „Weißte dat denn nich? Beie Kühe is dat wie beie Mädchens – die einen haben große Titis, die anneren kleine – bei welche sindse hoch, und bei mansche hängen se tiefer. Weiß ich von meine Schwestern.

Laß uns doch mal gucken, wie die Kuh da durche Gegend wackelt, wenn wir ihr einen an ihr Euter verpuln.“

Und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die langen,, schlanken Zweige, der über die Nachkriegsjahre wild und hoch gewucherten roten Haselnußsträucher am nahen Wallgraben, drängten sich den Burschen förmlich auf.
Eine Haselnußrute als ellenlanger Peitschenstiel – das war die Lösung.
Damit konnte man der Kuh ein wenig das Euter kitzeln.
Gedacht, getan. Der kleine Knirps mit dem Dreirad, der seinen Hintern schon lange nicht mehr auf einem Dreirad durch das Grodenviertel bewegte – konnte geschickt mit dem Schnitzmesser hantieren.

Das Handwerk hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm beigebracht, als er mal wieder eine neue Pfeife brauchte. Es war eine Marotte von Onkel Hannes, seinen selbst angebauten Knaster auch nur in kleinen, selbstgeschnitzten Pfeifen zu schmöken.

Einen langen, biegsamen Trieb zu einer Schleuder, mit einer Schlinge am Ende, zurechtzubiegen war eine Sache von Minuten – das ranpirschen an die ‚Kuh’ das dauerte schon etwas länger. Die Gute sollte ja nicht verscheucht werden, bevor man einen ‚Treffer’
gelandet hatte.

Der Stoßtrupp war endlich ganz dicht dran – die ‚Kuh’ hatte sich nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Der Richtschütze betätigt den Auslöser, und im gleichen Moment schreit Benno, der auf dem Bauchhinter der Kuh liegt: „Mönsch Meier – die Kuh ischa ’n Ochse!“

Die Erkenntnis kam ihm leider zu spät. Das Werk war schon vollbracht, und der ‚Ochse’, der auch noch ein Bulle war, hatte schon leichtfüßig auf der Hinterhand kehrtgemacht, und war losgesaust.

Wer noch wie von der Tarantel gestochen lossauste, das war das Häuflein Krieger.
Die Flucht ging quer durch die Geographie – die Zäune, die sie mühsam überspringen mussten, nahm der wütende Bulle einfach mit.
Und dann kam die Rettung – bis zum Hals standen sie in einer grünbraunen stinkenden Masse.

Der breite, tiefe Gubbelschlot, um den sie sonst immer einen respektvollen Bogen schlugen, erschien ihnen plötzlich wie das Himmelreich. Auf der anderen, der sicheren Seite, wieder auf irdischen Boden zurück, schauten sie aber wahrlich nicht wie Engel aus. Es war eher ein stummes, geschlagenes Heer nach verlorener Schlacht. So ähnlich wohl wie die Franzosen unter Napoleon dunnemals vor Moskau.

Fahrbare Untersätze standen bei dem kleinen Knirps von der Stunde der ersten Gehversuche an als Leitstern über seinem Weg.

Noch keine fünf Jahre auf dem Buckel, war er schon immer erster ‚Mann’ an der Spritze, wenn Papa etwas am Automobil – wie Autos damals noch genannt wurden – zu reparieren hatte.
Die schmerzhaften Erfahrungen, die er dabei häufig machte, haben ihn
nie davon abgehalten, dabeizubleiben.

So zum Beispiel Wintertags in seinen kleinen Händen festgefrorene Schraubenschlüssel, die gnadenlos ein Stück Haut mitnahmen, wenn Papa ihn davon befreite. Oder die nicht gerade zimperlich von der Mutter durchgeführten Reinigungsprozeduren – nach seiner
Beteiligung am Ölwechsel oder Schmiernippelfetten.

Eines Tages kam auch sein Verhältnis zu den fahrbaren Untersätzen in die Pubertät. Es musste plötzlich etwas ‚handfesteres’ als Dreirad und Fahrrad her.
Zum persönlichen Gebrauch, versteht sich.

Der liebe Gott, oder sonst irgendwer, sorgte dafür, dass eine NSU- Quickly seinen Weg kreuzte, und sich in der heimischen Garage häuslich niederließ.

Wie schon gesagt: es war ein Geschenk des Himmels, an dem es viel zu werkeln gab. Es bot sich ihm die Gelegenheit, all das auszuprobieren, was er bis dahin gelernt hatte – und das war wahrlich nicht wenig.

Er schraubte hier – er feilte da ein wenig – er polierte dort – und mit jedem Tun wurde die silbergrüne Quickly ein wenig leichter und einen Tick schneller.
Es war, als wenn dem Mopedbackfisch aus Neckarsulm Flügel wuchsen. Kleine stummelige Ansätze zwar erst – aber immerhin.

Nach jeder Probefahrt fand einer der jungen Krieger, denen jetzt schon der Schein eines Bartes wuchs, noch einen Kniff zur Verbesserung.
Jede durchgeführte Änderung wurde natürlich auf Herz und Nieren getestet. Der Heppenser Groden mit seinen weiten Flächen bot sich ja förmlich als Teststrecke an, zumal Bauer Lüken das hohe Gras schon fein säuberlich gemäht und in großen Reutern zusammengekarrt, zum trocknen aufgestellt hatte.

Mit dem Titel ‚überwältigend’ wagte aber keiner die Verbesserungsergebnisse zu benennen. Es war eher so ein Klein-klein.
Onkel Hannes, der alte Seebär, der das werkeln seiner ‚Schützlinge’ – wie er die Burschen schon mal bei sich bezeichnete, aufmerksam verfolgte, brachte mit einem ‚genialen’ Dreh Bewegung in die ziemlich festgefahrene Quicklygeschichte.

„Das Ding muß richtig gepfeffert und gesalzen werden – was ihm oben in den Tank reingeschüttet wird, muß ihm am Hintern brennen wie bei euch der Achtersteven, wenn eure Currywurst mit zuviel Tabasco gewürzt ist. Füttert sie man mal mit Methylalkohol – dat helpt.“

Damit hatte Onkel Hannes die Krieger mit einem Hupps mitten in ein böhmisches Dorf gesetzt. Methylalkohol – wat is dat denn? Hörte man sich in der Runde
wiederholen.

Nur der Knirps mit dem Dreirad wußte um dieses Zaubermittel. Er hatte ja aufgepasst, wenn Onkel Hannes und Papa schwärmerisch von ihrem Zaubertrank, ihrem Feuerwasser, ihrer Freude der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählten.

Apothekenalkohol war nämlich die Grundlage ihrer Höhenflüge in den trüben Tagen gewesen – allerdings ohne Methylzusatz.
Also, was blieb zu tun?

Den Hut rumgehen lassen, und Pinunsen sammeln, das war nur eine Sache von Minuten. In die nächste Apotheke rein, und dieses ‚Wundermittel’ kaufen, das dauerte auch nicht länger. Gleich darauf kam auf dem abgemähten Grasland von Bauer Lüken der große
Augenblick.

Der Knirps mit dem Dreirad – inzwischen war er zum Häuptling aufgestiegen – hätte liebend gerne die ‚Premierenfahrt’ persönlich gemacht – weil es aber jedem der Krieger danach dürstete, ließ man den großen Manitou entscheiden.

Das Los fiel auf Johannes – der aufmerksame Leser kann sich erinnern: Johannes, das Schlusslicht der jungen Jahre. Herrgott – was war der glücklich in seiner Haut.
Wie ein blitzender Engel stand die Quickly am Rande der Stoppelwüste. Aufgetankt – aufgesessen – Motor angeschmissen – und Start! Generalstabsmäßig lief alles ab. Man sah förmlich die Erfahrung in Kriegsdingen durch die Sommerluft laufen.
Furios zog die kleine Mopeddame los. Die kaum wahrnehmbaren Stummelflügel, zu der die Künste der Burschen ihr schon verholfen hatten, wurden plötzlich zu ausgewachsenen Engelsschwingen – das Gefährt flog buchstäblich über die Steppe. Johannes vermochte nicht mehr zu lenken, er konnte nicht mehr bremsen – er durfte nur noch mitfliegen.

Da dem Quicklyengel vor lauter Flugfreude schier die Augen tränten, sah er nicht den großen Heureuter von Bauer L. in der Flugbahn stehen. Mitten hindurch ging die Passage- und endete etliche Luftmeter weiter mit einer blamablen Bruchlandung in dem großen
Misthaufen, den Bauer Lüken schon zur Düngung seiner Felder von den Höfen der Umgebung zusammengekarrt hatte.

Es war wohl immer noch Johannes sein Schicksal, als letzter zu enden.© ee

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Die Knöpfe …

Der alte Pastor hatte seine Jahre in der Gemeinde abgedient. Der wohlverdiente Ruhestand wartete auf ihn. Es war von Jahr zu Jahr mühseliger geworden, die Menschen im Lande beim Glauben zu halten.

Eine erkleckliche Zahl von Bürgern wollten mit der Institution Kirche nichts mehr zu schaffen haben. Hinter vorgehaltener Hand und wenn er es nicht hören konnte benannten die Leute im Dorf ihn auch schon mal als Himmelkomiker.

Zu guter Letzt hat er resigniert – mit der Entwicklung sollten sich denn andere herumschlagen. Er hatte seinem Herrgott oft genug davon erzählt, wenn er sich mit IHM alleine wähnte. Er wußte dass ihm von der Seite nichts negativ angekreidet wurde.

Seinen Nachfolger im Amt hatte er bereits vor einem Jahr kennengelernt.

Es war ein junger Prediger aus dem mecklenburgischen Plattland.

Ein paar mal war der schon bei ihm zu Besuch gewesen, um sich mit den Gegebenheiten an seinem künftigen Wirkungsort vertraut zu machen.

Er wollte nicht so Hals über Kopf in ein ihm unbekanntes Wasser springen.

Das Verhalten der Dörfler war ihm von zu Hause aus nicht unbekannt.

Die Mecklenburger mußten auch erst warm werden, bevor sie mit jemanden einen Köhm tranken. Sicher war es hier im Westenland hinter dem Deich auch nicht anders. Bei dem alten Pastor hat es wohl bald an die 20 Jahre gebraucht bis der letzte Bauer ihm das Du gesagt hatte.

Nun war der Alte eigentlich recht zufrieden damit, dass er sein Haus gut bestellt in die Hände eines jüngeren Amtsbruders legen konnte, und dass er wusste wer nach ihm auf der Kanzel stehen würde.

Einzig mit dem Geld war es eine leidige Sache, die er bisher nicht hatte deichseln können.

Kirchgeld von den Gläubigen landete von Jahr zu Jahr weniger in der Kirchenkasse und der Klingelbeutel war auch kein Speckfaß mehr.

An so manchem Sonntag trüllerten aus dem Klingelbeutel mehr Knöpfe als Pfennige heraus.

Die Pfennige wurden der Kirchenkasse gutgeschrieben – und die Knöpfe, die hatte er über die Jahre sorgsam in einer alten Melkbumme gesammelt.

Als er mit seinem Nachfolgerkollegen denn vor Wochen des Samstagabends nach der Vorbereitung des Gottesdienstes für den folgenden Sonntag noch bei einem Gläschen Rotspon saß, da hatte der junge Pastor eine glänzende Idee.

Am Sonntagmorgen gestalteten die beiden dann den Gottesdienst gemeinsam, weil es des scheidenden Pastors Abschied war.

Nachdem der Klingelbeutel in den Bankreihen herumgereicht worden war, dankte der junge Pastor für die Kollekte um der Gemeinde dann noch etwas zu verkünden.

Die Knöpfe aus dem Klingelbeutel, die sein scheidender Amtsbruder über die Jahre gesammelt hatte, hätten kürzlich auf einer Knopfauktion im holländischen Assen 2 1/2 tausend €uro in die Kirchenkasse gespült.

Er und der scheidende Amtsbruder hofften doch, dass es auch in der Zukunft so weitergehen würde.

Jaaaaaaaaaa …. Knöpfe waren von Stund an nicht mehr im Klingelbeutel zu finden – aber in vielen Haushalten standen plötzlich Knopfsammeldosen auf den Vitrinen.©ee

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kostenfrei Fotos ausgeliehen bei https://pixabay.com/de/

meinen Dank dafür.

Feierabend …

Frerk kommt nach Hause …

 

Der Tag graute erst ein wenig über dem Horizont – ganz so, als wenn der Schlaf ihm noch in den Augen hing. Nix war mit rotleuchtendem Himmel heute morgen. Die Zeiger der Uhr in der Hinterküche krochen gerade auf vier Uhr zu, als Claas sachte die Aussentür ins Schloß fallen ließ. Im Kalender stand der Julimonat – und doch war es in dieser Morgenstunde noch lausig kalt.

Gerade so wie an einem dem Sommer vorauseilenden Frühlingstag.

Die düsteren Wolken jachterten spielerisch durch die Luft – ein busiger Stiem aus Südost schob sie wie Spielbälle vor sich her. Gut festhalten mußte Claas seinen Granatschieber wenn der Sturm zugriff. Die Kufen des Wattschlitten hatte er gestern Abend vor der Schlafenszeit noch ordentlich mit einer Speckschwarte bearbeitet – er läuft heute morgen so leicht wie ein junges Mädchen beim Maitanz.

Wo er diese Bild in seinem Kopf hernimmt weiß er nicht – es ist einfach da.

Mit ablaufend Wasser muß er raus. Der beständige Südost treibt die kabbelige See ein ganzes Ende weiter zurück als an den anderen Tagen der Fall ist. Bei dieser Lage kann Claas bis an die äußersten Granatkuhlen schlittern – der Fang heute sollte wohl eine gute Partie werden. Soweit kommt er nämlich höchstens drei- viermal im Jahr.

Die Helligkeit will heute morgen gar nicht so recht in die Hufe kommen. An der Seekante gehen Wasser und Himmel noch ineinander über. Die Korben streichen nur handbreit über das Wasser. Ihr Galpen dringt ihm an diesem Morgen durch alle Knochen – als wenn sie ihn wahrschauen und raten wollten heute doch lieber zuhause zu bleiben. Er wäre verdammt auch noch mal lieber wieder ins warme Bett gekrochen, als das Wetter ihm frostigkühl entgegenlief – aber davon kam kein Granat in den Kessel, unter dem Grete jetzt wohl schon das ingange brachte.

Wenn seine Grete nicht so fix beim Granatpulen wäre, denn würde das bißchen Geld hinten und vorne nicht reichen.

Nachdem sein Kutter nicht mehr von See zurückgekommen war, war es für ihn mit der Aussenfischerei vorbei gewesen. Er hat Glück gehabt sagen die Leute, dass er an dem Tage mit einem gebrochenen Bein zuhause saß.

Glück – was ist das? Sein Steuermann Frerk Clausen und der kleine Decksjunge Hinnerk Bußmann sind den Tag alleine rausgefahren – rausgefahren und nicht wiedergekommen.

Die beiden hatten es auch als Glück empfunden, das sie nicht an Land bleiben mußten und mit seinem Kutter auf Seezunge gehen konnten.

Zwei blecherne Fässer mit Gasöl von Bord des vermißten Kutters wurden von den Suchmannschaften aus der Nordsee geborgen – zehn Minuten vor Helgoland – sonst nix. drei Tage nach der Sturmnacht. An einem Faß vertäut hing Hinnerk Bußmann – er war zumindest nach Hause gekommen.

 

Gut ein halbes Jahr ist seit dem Unglück schon wieder über den Deich durch die Zeit gezogen – und immer noch ist eine stelle auf dem Kirchhof unbelegt – und immer noch weht die scharze Fahne über dem Hafenturm.

Class seine Augen zieht es ständig dahin – wenn er rausgeht und wenn er reinkommt.

Fünfundzwanzig Jahre ist er mit Frerk Tag für Tag und Seite an Seite draussen gewesen. Nun glaubt er ihn häufig winken zu sehen.

Er ist nun soweit draussen wie seit langem nicht mehr. Er kann fast zur Wasserkante hinspucken. Dat glidderig/grünliche Wasser steht – die Flut schlägt um. Claas muß zusehen dass er das Land erreicht.

Gottseidank steht der Wind gegen die auflaufende Flut. So läuft das unruhige Wasser nicht so aufgeregt hinter ihm her. Durch seine Denkerei ist er heute morgen ein wenig vom geraden Weg abgekommen und hält nun geradewegs auf den Leuchtturm des Nachbardorfes zu. Es ist ein Weg den er, wegen der tieferen Priele die zumeist nicht trocken fallen, sonst tunlichst meidet.Er jumpt mit Schwung durch den letzten Priel – das Wasser geht ihm schon bis zur Leiste – als sein Schlitten irgendwo hinterhakt.

‘Verdammichnochmal’ schimpft er vor sich hin – jetzt nicht auch noch das Malheur dass ich den Schlitten zurücklassen muß. Als wenn das schäumende, quirlende Wasser ihn mit stierem Blick belauert – es greift wohl noch nicht zu, aber es sitzt schon auf der Lauer, als wenn es auf Beute wartet. Claas meint tausend nasse Teufel um sich herum tanzen zu hören. Er zieht schon ein wenig aufgebracht am Schlittentau – noch einmal und noch einmal. Der Schlitten kommt sinnig frei und treibt auf ihn zu. Der Schlitten ist aber nicht alleine – an den Eisen der Kufen hängt unter der Wasseroberfläche etwas. Er greift danach …. und steht wie eine Salzsäule in der auflaufenden See.

Frerk hat ihn gefunden.

Als er aus der Starre erwacht und sich wieder bewegen kann, hat er kein anderes Denken mehr, als nur noch das eine: Wir müssen nach Hause … neeee, nicht ich muß nach Hause – WIR müssen nach Hause.

Wieviel Zeit da weggelaufen ist weiß er nicht, als er mit seiner Fracht – und mit Frerk – auf der festen Kante steht.

‘So Bruder – das haben wir geschafft’. Er spricht mit Frerk als wenn der ihm antworten könnte. Claas ist klatschnaß – und das nicht bloß von dem aufgeregten Wasser – nein, der Schweiß drängt aus allen Poren und läuft ihm in Rinnsalen den Rücken hinunter.

Da hat wohl Jemand etwas angestossen denkt er, weil gerade in diesem Moment Glockengeläut vom Kirchturm herüberschallt.

Und als nach 2 Tagen Pastor Südhoff auf dem Kirchhof an der leeren Stelle, die nun nicht mehr leer ist, das Kreuz schlägt, da wird vom Hafenturm die schwarze Fahne eingezogen – als Zeichen dafür, dass Frerk nun endlich Feierabend hat.©ee

Gott sei Dank war da noch Tante Klärchen

oder was sonst noch so im Siegerland passiert…

Margret ist an diesem verregneten Vormittag schon eine geraume Weile in Siegen unterwegs. Von Amt zu Amt unterwegs. Für ihren Friedmar. Wichtige Dinge beschicken, Besorgungen erledigen.

Zu Fuß, versteht sich. Wo sie doch schon seit längerer Zeit gar nicht mehr so gut zu Fuß ist – aber Friedmar hatte keine Zeit. Er mußte gerade an diesem Tag seine Beziehung pflegen – seine Bezieh-ung zum Fußball.

Vorentscheidungsspiel zur Weltmeisterschaft – die Deutschen gegen Irgendwen. Wenn er sie wenig-stens gelassen hätte – vor Jahren, als sie mit ihrer Freundin gemeinsam den Autoführerschein machen wollte. Aber nein – was will eine Frau mit Mann mit einem Führerschein?

Pure Geldverschwendung sei so etwas! Da könnte man den Pinguinen am Nordpol für ihre Futter-vorräte ebenso einen Kühlschrank liefern, hatte er gemeint. Doofmann – hat sie damals gedacht, am Nordpol gibt es doch gar keine Pinguine.

Dieser Geizkragen, denkt sie, als ihr die schicke Handtasche – im Schaufenster bei Goldpfeil – wieder ins Auge fällt. Das erste Mal, solange sie verheiratet waren, hatte sie sich etwas zum Geburtstag ge-wünscht. Nur diese Handtasche.

Fleutjepiepen ………………, nix war damit.

Aber am Tag nach ihrem Geburtstag, mit Hannes dem Nachbarn, nach Köln ins Stadion düsen – Fußball gucken – die Karte für fuffzig Mark

Den Blumenstrauß, den er ihr am Geburtstags-morgen an die Brust drückte, den hätte er auch behalten können. Eigentlich hätte sie ihn fragen wollen, auf welchem Grab dieser Strauss ausgedient habe, denn kurz vor ihrer Hochzeit war Onkel Willi gestorben, und ihr Friedmar hatte doch tatsächlich gemeint, einen Brautstrauß bräuchten sie denn ja nicht zu kaufen – in vierzehn Tagen würde Onkel Willis Grabhügel sowieso plattgemacht – und bevor die schönen Blumen auf den Kompost kämen …

Sie hat das damals für einen Jux gehalten – obwohl darüber keiner so recht lachen konnte

Ogottinee – dieser Geizkragen. Jeden Pfennig, den sie für den Haushalt ausgibt, muß sie Buch drüber führen.

Sie kauft schon alles bei Aldi – und trotzdem nörgelt er ständig über die hohen Preise. Letztens raunzte er sie doch tatsächlich an, ob sie zu dumm wäre, mit „die Kassiererin anne Kasse“ – wie er sagte, „um den Preis für dat Bier zu handeln“.

Margret merkt, wie gaaanz langsam Stacheldraht in ihr hoch kriecht. Jetzt ist dat schietegal – jetzt muß sie erstmal im Cafe Plück etwas trinken. Wenn es nach Friedmar ginge, dann könnte sie auf’m Damen-klo Wasser trinken. Nix da – ’nen Kännchen Kaffee gibt dat – richtig stark. Laß Friedmar nachher ruhig stark toben. Irgendwie saß der liebe Gott wohl grad an diesem Morgen im Cafe Plück bei einem Cap-puchino und trocknete seinen Regenmantel – denn, als sie ihren Mokka schon bezahlt hatte und gerade gehen wollte – fünf Groschen Trinkgeld für die Bedienung tat sie noch obendrauf – entdeckte sie auf dem Nebentisch eine liegengebliebene Rechnung. Booaa – hatten die aber gezecht – sogar Schampus am frühen Morgen.

197 Märker hatten die Gäste dafür berappt – genau soviel wie die Handtasche, da bei Goldpfeil im Schaufenster, kostete.

Jemand gab ihr von innen her einen Stoß, und sie steckte flink die Rechnung ein. Der liebe Gott hatte ihr wohl Stelzen geliehen – sie war nämlich zu Hause plötzlich ganz groß, als sie ihrem Friedmar die Rechnung unter die Nase hielt. Bevor er seine Brille aus der Hosentasche gekramt hatte, tat sie ihm mit aller Empörung, zu der sie fähig war, kund: Das hab ich für Deine liebe Tante Klärchen ausgegeben.

Damit hatte sie eine Explosion ihres Friedmar in eine ziemlich sauertöpfische Miene abgemildert. Tante Klärchen war nämlich Friedmars schwerreiche Erbtante.

So einfach ist das Leben manchmal, wenn der liebe Gott dabei ist.

Mit strahlenden Augen fragte Margret denn am nächsten Tag ihre beste Freundin:

Ist die Handtasche nicht wirklich schick? © ee

Martin …       

                                 

Verdammt noch mal – wie lange sollte es denn noch so gehen. Seit dreieinhalb Stunden hätten sie schon im Hafen sein wollen. Und sie schipperten immer noch hier draußen, auf dem aufgewühlten schwarzen Wasser der Nordsee herum. Bloß weil der Alte hoffte, Meent Eilts seine Leute noch zu finden. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Die Brecher donnerten über das Vorschiff hinweg, als wenn es gar nicht mehr da wäre. Aber der Alte meinte das. Das Gasoel konnte auch nicht mehr ewig reichen – und überhaupt wäre er viel lieber schon bei seiner Lene zu Haus. Im warmen Bett.

Dem Alten konnte er das natürlich nicht sagen. Der hätte ihm gleich eine gescheuert, daß ihm Hören und Sehen vergangen wären. Gestern abend waren sie mit dem einsetzenden Ebbstrom ausgelaufen. Es war ein Wetter wie aus dem Bilderbuch. Sie wollten die ganze Nacht auf Seezunge gehen. Der Bestand war so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Hein Cassens hatte seine beiden Schiffe nicht von der Leine gelassen. Das beste Wetter sollte es bleiben – und er traute dem Braten nicht. Na ja – an der Schleuse wurde schon immer gesagt, Hein Cassens hätte es mit der Spökenkiekerei. Weil – seine Großmutter hatte ein Zigeuner als Andenken im Dorf gelassen. Man weiß ja nie, was Zigeunerblut alles so in sich hat. Auch wenn es schon lange her ist. Püüt Meyer hat denn nur gesagt: Wenn er auf den guten Fang verzichten kann – wir können es nicht und ihn, Martin, die Leinen losmachen lassen.

Einmal hatten sie die Netze schon eingeholt – es war ein guter Fang. Dann Schlag elf – der Alte hatte ihn gerade losgeschickt um die Winde anzuschmeißen. Der zweite Hol war fällig.

Es war von Abendsonnenblinkern bis zu Tintenfaßschwarz eine Zeit von weniger als drei Minuten. Als er wieder zu Verstand kam, sah er das die Winsch leer herumsauste. Die Leinen zu den Netzen waren weg – gerissen. Einfach so – wie wollene Fäden. Der Sturm ist von oben auf das Wasser gefallen – man hatte vorher in der ganzen Runde nicht eine Wolke sehen können.

Wie sie es im ersten Moment absehen konnten, hatte ihr Schiff das ganze einigermaßen gut überstanden. Jetzt gab es nur eines – nach Hause.

Auch Weert Jacobs funkt Netzverlust. Bei Siebo Hemken sieht’s nicht besser aus, die haben noch ein Stück vom Mast verloren. Was war mit Meent Eilts seinem Kutter? Von da kam nichts rüber. Immer und immer wieder ging das Zeichen raus – niemand antwortete – und sie wollten doch nach Hause. Alle Vier. Fünf Stunden kreuzten sie schon. Hin und her – hin und her.

Stockfinster – Sturm das man sich fast nicht halten konnte – und naß wie eine Katze. Er fühlt sich als wenn er in eine Waschmaschine geraten wäre.

Zur See fahren – das hatte er sich ein bißchen anders vorgestellt, als er im letzten Jahr bei Püüt Meyer angeheuert hat. Die Bilder von romantischer Seefahrt, die sind in der ersten Zeit schon alle über Bord gegangen.

Man – diese Nacht – die hätte er sich nie träumen lassen.

Dem Alten schien das alles nichts auszumachen. Er stand wie ein Eichenpfahl am Ruder – die Hände so fest in den Speichen – er rührte sich nicht einen Millimeter.

Allein seine Augen – wachsam wie ein Hafenlicht – die gingen so scharf hin und her, als wenn sie die dunkle Nacht zerschneiden wollten.

Komisch – er möchte am liebsten über Bord springen. So grün und klöterig ist ihm zumute in Kopf und Bauch. Aber er kann alles so genau beobachten, als wenn er in einem Kinosaal sitzt und sich einen Film ansieht.

Die Stimmung auf den drei Kuttern geht langsam dahin, daß sie aufgeben müssen.

Wieder aufs Siel zuhalten? Den Hafen anlaufen ohne Meent Eilts sein Schiff? Was ist mit ihm los?

Die ganze Nacht hat er sich nach Hause hingeträumt, und nun paßt es ihm nicht, daß die andern schon aufgeben wollen.

Auf einmal mag er auch dem Alten sagen, daß sie noch nicht aufgeben dürfen!

 Der Alte sagt nichts – er dreht nicht einmal den Kopf. Greift nur nach unten in die Klappe – hat eine Schluckbuddel in der klobigen Faust – zieht mit den Zähnen den Korken raus – und hält ihm die Buddel hin.

Ihm – der man erst ein Jahr dabei ist, und den sie alle immer so ein bißchen als weich angesehen haben.

Er langt hin und zieht an der Buddel. Wie brennendes Feuer läuft es ihm im Hals hinunter. Ohne ein Wort nimmt der Alte ihm die Buddel ab und zieht selbst einmal kräftig.

In diesem Moment geht Martin auf, daß Vorstellung und Wirklichkeit zwei Welten sind, und er in diesem Augenblick in der Wirklichkeit angekommen ist.

Der liebe Gott will zu dieser Erkenntnis wohl auch noch Blumen reichen – so scheint es.

Der Alte hat die Schluckbuddel noch gar nicht abgesetzt, als direkt voraus ein feuerrotes Licht aus den Wolken tröpfelt.

Es sind die Männer und der Hund von Meent Eilts’s Kutter.

Es ist zwar nur noch das Beiboot der stolzen Silbermöve – man – sie hatten noch Planken unter den Füßen. Und allein das war wichtig.

So konnte die schwarze Fahne unten in der Back bleiben als sie in den Hafen einliefen.

Es fehlte ihnen wohl ein Schiff – aber keine Seele.

Zwei Dinge hatte diese Nacht verändert – Hein Cassens wird mit Respekt behandelt – und Martins Herz ist bis in alle Zeiten an die Seefahrt verloren gegangen.©ee

Seefahrt . . .

 

Ein Mann verliert nur einmal im Leben sein Herz –

entweder er trifft das richtige Schiff –

oder die richtige Frau –

und beides ist die wunderbarste Sache der Welt!©ee

Der Instrumentenladen …

Jette und Heidi hatten ein schönes, langes Wochenende vor sich. Keine große Planung für eine kleine Reise, oder so. Nix von dat. Jette war man noch so eben an einer kleinen Reise nach Leipzig vorbeigerutscht. Ein Husten quälte sie seit ein paar Tagen.

Sie hatte sich doch im alten Jahr, noch von jemand, den sie gar nicht so recht mochte, zu etwas überreden lassen, was sie auch gar nicht so recht mochte. Es sah fast so aus, als wenn der liebe Gott da ein bißchen Verhinderer gespielt hätte – er hatte Jette einfach krank werden lassen, sodaß sie den Bus mit den abgedrehten Doppelkatholiken aus dem Münsterland alleine sausen lassen mußte. Kaum das die Abgase des Reisegefährtes in der schönen Siegerlandluft nicht mehr zu riechen waren, ging es ihr auch schon wieder erheblich besser.

Auf diese Weise konnten Heidi und Jette ein ganz schön verlängertes Wochenende lang einfach ihren Neigungen freien Lauf lassen. Also – die Seele baumeln lassen, und Lüste streicheln war angesagt. Und das alles ohne gesellschaftlichen Zwang. Schon am ersten Tag blühten die beiden richtig auf.

Sie konnten malen, schreiben, kochen, essen, schwimmen gehen – so wie es ihnen nach Lust und Laune gerade einfiel. Ach, ja – Skippo spielen natürlich auch. Hee – ihr wißt nicht, was Skippo ist? Skippo ist das Spiel, was richtige Weibsen süchtig macht. Nee, nee – Männer haben dabei nix zu suchen. Jetzt wisst ihr es – mehr will ich euch dazu auch nicht verraten.

Bei allem, was sie in ihrer Glückseligkeit so anstellten, hörten sie Musik, zu der sie dann am liebsten auch noch eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hätten.

Für den Sonntagmorgen hatten sich Heidi und Jette einen Saunagang vorgenommen. Diesmal sollte es eine gemischte Sauna sein. Von wem von den Beiden die Idee dazu gekommen war wussten sie schon nicht mehr. Das war ja auch piepegal. Heidi hatte sich zwar leicht geschüttelt, als sie an die vielen kleinen Probleme dachte, die sie in der „gemischten Sauna“ zu sehen bekommen würden, aber laß es uns angehen – wir werden es überleben, meinte sie nur zu Jette, die angesichts dieser Aussichten schon verhalten in sich rein kicherte.

Der Sonntagmorgen stand vor der Tür – die Sauna stand plötzlich auch vor ihnen, also – nix wie raus aus den Klamotten, und nix wie rein in den Schwitzkasten.

So ein ganz klein wenig trieb Heidis unbekümmerte Eingangsbemerkung Jette denn aber doch eine leichte Röte ins Gesicht:

„Mein Gott, Jette – was ist das nur für ein schöner Musik-instrumentenladen. Guck doch nur mal die vielen kleinen Flöten, die hier überall herumhängen.© ee

Eden’s kleine Lebensweisheiten :

Fröhlichkeit ist wie Wasser in der Wüste –

wer sie gefunden, der kann überleben.© ee

Eine ganz besondere Hochzeit …

 

1962 war schon ein besonderes Jahr. Nicht nur, daß dem lieben Gott mitten im Winter plötzlich in den Sinn kam, einen seiner schönsten Landstriche auf dem Planeten Erde gründlich zu schrubben – es muß wohl nötig gewesen sein – auch wenn er es damit ganz gewiß ein wenig übertrieb, und zuviel Wasser für die Putzerei mit an Land nahm. Er hat es aber ja anschließend alles wieder in die Nordsee zurück fließen lassen.

 

Es kann durchaus sein, daß er Klaus und Christa ein blitzsauberes Hamburg vorweisen wollte. Klaus wollte seine Christa nämlich in diesem Jahr heiraten. Es mußte partout in Hamburg sein – in seinem Ham-burg, im altehrwürdigen Michel. Schon verrückt, der Junge. He is a little crazy – schmunzelten die Kol-legen schon mal – neiiiin, nicht hinter vorgehaltener Hand – wenn er dabei war sagten sie es. Sie mochten ihn einfach, ihren Klaus.

Auch wenn er im fernen „Hämbörg“ wie sie es nannten „Hoxtsätt“ halten wollte – mit seiner Christa. Nur – Hamburg war weit in dieser Zeit. Ein Auto besaßen die beiden nicht – und zu Fuß? Zu Fuß von Darmstadt in die Hansestadt tippeln?

Er und seine Christa hätten auch das getan – wie gesagt: „A little crazy!“ Wenn da nicht Bully gewe-sen wäre. Bully – ein GI mit einer unbändigen Sehnsucht nach Norddeutschland – und mit einem Automobil. Bully war stolzer Besitzer eines deut-schen Autos. Das war unter den einfachen ameri-kanischen Soldaten in der Zeit auch keine Selbst-verständlichkeit. Bully war aber eben kein einfacher amerikanischer Soldat – er war eigentlich noch gar kein richtiger Amerikaner.

Obwohl „Uncle Sam“ ihm daheim, in Minnesota, eine seiner Uniformen verpasst hatte.

Die Wiege seiner „Grandma“ stand nämlich unter uralten Apfelbäumen in York – im alten Land, und sein „Grandpa“ war in einer schnuckeligen Mar-zipanbäckerei in Lübeck – im Schatten des Hols-tentores – auf die Welt gekommen.

Er konnte Klaus verstehen. Was lag da also näher, als aller Sehnsucht und Wünsche miteinander zu verbinden. Die drei gingen gemeinsam auf Hoch-zeitsreise, auf „Honeymoontrip“ – wie er sagte. Wenn Bully auch in seinem Innern noch zu drei-viertel ein norddeutscher Butscher war – in der dazu gehörenden Sprache trat er doch häufig in gewaltige Schlaglöcher. Die Zuhörer konnten dann echt seine Seelenfedern quietschen hören.

Was waren Christa und Klaus froh, daß es Bully und seinen Hörby gab! Brauchten sie doch durch diesen glücklichen Umstand ihr Gepäck nicht selber schlep-pen.

In den letzten Stunden bis zur Abfahrt stieg die Freude, und die Erwartung in himmelhohe Darm-städter Höhen – sie hatte sich schon, über die Mathildenhöhe hinaus, über die ganze Bergstrasse ausgebreitet.

Darum blühten dort in diesem Jahr auch sicher die Kirschbäume besonders prächtig. Es muß daran gelegen haben.

Sogar der alte Darmstädter Hochzeitsturm strahlte in der Sonne, als der Tag nahte. Er war auch nicht ein bisschen gnadderig darüber, daß Klaus unbedingt in Sankt Michael seiner Christa das Jawort geben wollte – waren er und der Hamburger Michel doch beinahe so etwas wie Kollegen. Wenn man es groß-zügig auslegte.

 

Der Tag war da. Christa konnte es schon gar nicht mehr erwarten – sie wäre am liebsten schon in aller Herrgottsfrühe in Bullys Auto geklautert, und losge-fahren – in das Auto, daß sie beide noch nicht ein-mal kannten.

Sie hatte Klaus schon ein paar Mal gefragt: „Was hat Bully denn für ein Auto?“ – natürlich ohne eine erschöpfende Antwort zu bekommen. Klaus war da nämlich etwas anders geartet– obwohl Bully und er schon eine geraume Weile unter den Dächern der-selben Kaserne ihre Tage zubrachten, trübte nicht das geringste Wissen über Bullys fahrbaren Unter-satz sein Weltbild. Klaus machte sich nämlich nicht die Bohne etwas aus diesen Vehikeln auf vier Rä-dern, wie er immer sagte.

Da spielte eine böse Erfahrung aus den Kriegstagen – über die er ungerne sprach – wohl eine gewichtige Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und sowieso mußte ja erst der Dienst zu Ende sein.

Also um fünf Uhr – „clokk five“ – hatte Bully Klaus noch hinterhergerufen, als der im Hamburger See-mannspedd – seinem typischen Reeperbahngang war er auch in der hessischen Metropole treu geblieben – durch das Kasernentor Richtung seines und Christas Ankerplatz dampfte. Er steuerte zielstrebig den Ort der Sünde an.

„Ort der Sünde“ hatte doch tatsächlich erst kürzlich so ein fieser Korinthenkacker aus der Nachbarschaft gesagt.

„Wilde Ehe“ hatte er noch empört hintendran gehangen. Das waren die richtigen Moralhüter. Morgens um fünf stiefelten sie schon in die heilige Messe, um dem Pastor zu beichten, daß sie am Abend der Nachbarin die Karnickel klauen wollten. Wenn aber mal jemand der Fleischeslust frönte, ohne sich vorher ein Kreuz auf den Buckel zu binden – der wurde sofort lautstark der Unmoral bezichtigt. Na ja – der Herr vergibt alles. Oder fast alles. Er gestaltet den Weg zur Vergebung aber gewiß nicht immer ganz leicht. Das wurde Christa und Klaus ganz nahe gebracht, als sie – bepackt wie der Weihnachtsmann – auf den vereinbarten Treffpunkt zusteuerten.

 

Ein einziges Fahrzeug aus einer deutschen Autoschmiede stand zwischen den vielen chromblitzenden Karossen amerikanischer Herkunft, und zwar ein VW-Käfer – noch mit Brezelfenster im Heck ausgestattet.

Eine Pferdeblume unter blühenden Orchideen, so schoß es Klaus spontan durch den Kopf. Es war eine ziemlich selbstbewusste Pferdeblume, die da nicht nur auf ihren vier Rädern, sondern auch noch auf zwei Beinen stand. Bullys bestiefelte Soldatenfüße sahen die beiden nämlich beim näher kommen aus dem Fahrzeugboden ragen.

 

Der betagte Käfer litt offenbar unter Substanzverlust – ein Teil seines Bodenbleches war schon dem gefräßigen Rost zum Opfer gefallen. Bully meinte treuherzig, der Käfer wäre dadurch ein Cabriolet – nur eben andersherum. Im Sommer wäre das ganz praktisch – und die heimische Holzindustrie würde dadurch auch verdienen.

Die vorderen Sitze hatte er nämlich auf massive, leicht geteerte Gerüstbohlen montiert. Das ließ ohne Zweifel seine praktische deutsche Ader erkennen.

Der Käfer trug schon den Ansatz eines Krönchens auf seinem runden Dach, das jetzt durch das Gepäck der beiden Heiratswilligen zu einer Krone wurde.

Das Produkt deutscher Wertarbeit stöhnte nicht ein bißchen unter der neuerlichen Dachlast – es stellte nur ein wenig mehr die Räder nach aussen. Christa meinte in ihrer heiteren, burschikosen Art: „Jetzt sieht er aus wie ein Hamburger Butscher, der beim spielen an der Alster in die Hosen gepupst hat.“

Das altersschwache Herz des Wolfsburger Veteranen stotterte drei- viermal knüchelnd vor sich hin, als Bully ihm mit dem Gaspedal Leben einhauchte. Die Scheinwerfer in den Kotflügeln des Käfers schielten überrascht um die Ecke, als Bully statt Kurs auf das Darmstädter Schloß zu nehmen – in dessen Nähe seine Freundin wohnte – seinen Bug nach Norden richtete. Der Käfer war deswegen aber nicht im Mindesten grantig, kam er doch auf diese Weise noch einmal in die Nähe seines Geburtsortes Fallingbostel. Er war nämlich noch zu einer Zeit zusammengeschustert worden, als Wolfsburg noch gar nicht Wolfsburg war. Als Stadt zumindest.

In gemütlichem Tempo – Christa nuschelte was von Zockeltrab in ihren Ausschnitt – nahm „Hörbi“ – auf diesen Namen hatte Bully seinen Käfer getauft – den Autobahnbeton unter die Räder.

Die Taufe war übrigens nach Mittlererwestenritus mit Brandy erfolgt, wodurch sich Hörby auch als halber Amerikaner fühlte – sofern ein Auto fühlen konnte.

„Dunkel war’s, der Mond schien helle – als ein Auto blitzeschnelle langsam um die Ecke bog …“ sang Klaus aus voller Kehle, als sie gegen Mitternacht in Hamburg über die Krone des Elbdeiches knatterten.

Knatterten – richtig. Auf Christas zögernde Frage, was das knattern zu bedeuten hätte, meinte Bully auf seine unbekümmerte Art: Das sind die Getriebeteile, die durch den Auspuff rattern. Ihr müsst euch jetzt nur gut festhalten, war alles, was er noch sagen konnte – und schon ging es im Höllentempo deichabwärts auf die Elbe zu.

 

„Dein Hörby hat es aber verdammt eilig, die Elbe zu begrüßen“ – soviel bekam Christa noch heraus, bevor der Käfer auf zwei Rädern, drei Meter vor dem nassen Elbwasser, den Dreh nach links auf den Uferweg nahm – und nach fünfzig Schritten in einem Heuhaufen, der sich ihm geistesgegenwärtig in den Weg stellte, sein letztes knattern von sich gab. Bully konnte ihn nämlich nicht mehr bremsen, weil irgendwelche wichtigen Teile Hörbys jetzt den Elbdeich verzierten.

 

Von der nächtlichen Zeltaufbauaktion – die noch dazu in völliger Dunkelheit vonstatten ging – ist nichts Druckfähiges überliefert worden. Nur soviel – der Wortinhalt aller amerikanischen und deutschen Fluchwörterbücher reichte nicht aus, um mit einmaligem absingen der Texte die beiden Mannsleut zufrieden zu stellen. Nach einer ziemlich gefühlstoten Restnacht wurde das Trio, mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, von einer Herde erstaunt dreinblickender Rinder begrüßt. War Klaus sein wunderschöner Erinnerungszeltplatz lange vergangener Jugendtage doch wahrhaftig zu einer Kuhweide umfunktioniert worden. Rings um die beiden Zelte herum dufteten und glänzten in der Morgensonne die herrlichsten grünen Kuhfladen – und sie waren in der Dunkelheit nicht in einen einzigen reingetreten.

„Der liebe Gott wollte ganz bestimmt in Sankt Michael keinen Kuhschietgeruch haben“ – so lautete Christas Vermutung.

 

Zuerst mußten sie aber ganz schnell den Elbuferkuhweidenzeltplatz räumen. Nachdem sie sich mit reichlich morgenkühlem Elbwasser die Schläfrigkeit der Nacht aus den müden Gesichtern gespült hatten, machten sie sich ans Werk.

Die Zelte wurden wieder abgebaut. Ihre Habseligkeiten, die sie in der Nacht schon in den Zelten verstaut hatten, wurden eingepackt – und Hörby bekam wieder seine Krone auf das buckelige Wagendach gesetzt.

Es war seinem Blechkleid förmlich anzusehen, wie er sich darüber freute, trotz seiner technischen Behinderung erneut gekrönt zu werden.

Im Schrittempo humpelte der kleine Wolfsburger, mit seinen drei Besatzungsmitgliedern an Bord, über den Elbdeich. Zurück in die Hamburger Innenstadt. Man gut, daß die Stadt an den drei Flüssen eine Großstadt war, in der irgendwer auch am Sonntag dem Käferinvaliden wieder in die Hufe helfen konnte. Diesen Jemand wusste Klaus irgendwo in Sankt Pauli zuhause. Auf einem großen Schrottplatz in der Nähe der Reeperbahn. Neee nee – kein Schrottplatz für abgetakelte Bordsteinschwalben. Wer denkt denn an so was.

Richtig Blech und ausgemusterte Benzinkutschen stapelten sich da haufenweise. Und es fand sich für Bullys Hörby ein neues Herz, aus einem alten Käfer, das dann auch noch passte. Im Überschwang der Gefühle hupte Hörby plötzlich ganz grässlich laut. Bully mußte ihm mit einer Blechschere den Draht abkneifen, er hörte nämlich gar nicht wieder auf zu krakeelen.

Hörby konnte wieder laufen. Bully hatte es mit ihm ausprobiert – vor und zurück, im Kreis und quer. Aber immer nur bis zum großen Schrottplatztor.

Kein Raddreh weiter.

Der Schrottmäckes hatte nämlich gemeint, erst müssten die Taler bei ihm auffe Back liegen, bevor die Welt ihnen wieder offenstand.

Bully hatte aber kein Money in seinen Taschen, das er auf die Back legen konnte – und so blieben Klaus seine teuren Leicas, sein Berufswerkzeug, als Pfand beim Autoschuster. Sie blieben im Tresor eingeschlossen, bis Bully mit ausreichend Pinunsen vom Generalkonsulat wieder zurück war. Klaus hat während der Zeit ganz schön um seine Lieblinge gebibbert. Nach seiner Christa waren es für ihn die wichtigsten Dinge auf der Welt.

Bully kam wieder – in seiner Tasche steckten zwar keine Taler, und auch keine Märker, sondern harte, grüne Dollars – aber was machte das schon, und dem Schrottmäckes gefielen sie sogar noch besser, als irgend ein anderes Geld.

Nun endlich konnten die „drei Musketiere“ – wie Christa erleichtert sagte – weiterreiten. Einem neuen Ankerplatz entgegen. Es wurde aber auch hohe Zeit. In Sankt Michael schlug der Küster nämlich in wenigen Minuten für den Pastor das Hochzeitsbrevier auf.

Und zu seiner eigenen Trauung zu spät zukommen – neee, daß konnte Klaus sich nun überhaupt nicht vorstellen.

Es wurde kurzerhand die Reihenfolge geändert – die Ankerplatzsuche wurde auf später verschoben.

Bullys Hörby kam dadurch zu völlig neuen Ehren. Auf einem Parkplatz hinter dem Michel war er plötzlich Garderobe und Umkleidekabine in einem. Als Christa ihre Kleider wechselte, hätte er ja am liebsten so’n büschen mit einem Auge gelinst – das ging aber nicht – Klaus hatte ihm die Lichter mit seiner Unterwäsche zugehangen. Na ja – alles konnte man eben auch als Käfer nicht haben.

 

Als die beiden sich denn vor ihm aufbauten, damit Bully ein Photo von ihnen machen konnte – „das letzte Photo in der Freiheit“ konnte Christa sich nicht verkneifen zu sagen – mußte er einfach vor seliger Begeisterung mit den Federn qietschen. Christa schaute ihren Klaus ganz vorwurfsvoll an: „Das Dir das nicht gleich in der Kirche passiert“ sagte ihr Blick. Ach ja – ein letztes Missverständnis in der Freiheit – es war aber auch zu schön, als daß Klaus es korrigieren mochte.

Sein schwarzer Anzug hatte unterwegs auf dem Dach zwar ein wenig gelitten – aber neben Christas strahlender Schönheit in ihrem wunderschönen Rosenkleid machte das gar nichts aus.

 

Nun aber los, sonst würde der Pastor die Trauung noch ohne sie vornehmen – und das würde doch richtig ein bißchen blöd aussehen.

„Oh Gott – Klaus …… !!!“ – Klaus zuckte gewaltig zusammen, als Christa das rief – „meine Strümpfe … meine Strümpfe hängen noch an der Kuhweide am Zaun …. zum trocknen.“

Wat nu ……?

Die Kuhweide war zu weit weg – und die Trauung zu dicht bei ….

„Och – laß doch die Strümpfe ….“ weiter kam Klaus nicht.

„Ohne Strümpfe geh ich nich inne Kirche. Ich kann doch nicht halbnackich …!“ So wie Christa das sagte – das duldete keinen Widerspruch. Klaus sah ihre Trauung schon die Elbe abwärts schwimmen.

„Heee … guckt mal hier…. what i have“ – Bully erwies sich als der rettende Engel. Als einziges „Ersatzteil“ für seinen „Hörby“ hatte er immer ein paar Nylons im Handschuhfach liegen, weil bei seinem Käfer der Keilriemen schon mal des Öfteren schlapp machte. Mehr verstand er von Autos aber auch nicht. Christa reichte es völlig. Sie rein in den nächsten Hauseingang, und die Strümpfe angezogen. Noch einen kritischen Blick auf die Nähte – dann endlich stand dem Sprung in die Ehe nichts mehr im Wege.

Dachten sie, denn als der Pastor nach den Trauzeugen fragte, mußte Bully aussen vor bleiben.

Die fehlende deutsche Staatsangehörigkeit war das Hindernis. Seine „Apfelbaumgrandma“ aus York, und sein „Marzipangrandpa“ aus Lübeck halfen ihm in dem Moment auch nicht weiter.

Aber was ‚so’n ächten Hamburger Kiezpastor’ is – der weiß auch da Rat. Er selber, und sein Kirchendiener, machten kurzerhand die Trauzeugen. Das hatte es in Hamburg auch noch nicht gegeben. Auf diese Weise kriegte der Pastor denn den ersten Kuß von der Braut nach dem Jawort – und auch das war noch nicht da gewesen in Hamburg.©ee

Deutschland, mein Land …

Wenn ich, bevor ich des Abends zu Bett gehe, den Tag und sein Berichten noch einmal an meinem inneren Auge vorüberziehen lasse, dann denke ich häufig so in mich hinein: ‚Deutschland, Deutschland … wohin treibst Du – wohin geht es mit Dir – und bekomme dann von mir selber keine Antwort.
Das ist mir sehr oft eine Herzenslast.
Wenn ich denn aber – nachdem ich ein paar Nachtstunden auf dem Rücken stehend zugebracht habe – in der Morgendämmerung noch ein wenig schlaftrunken in den neuen Tag hineinstolpere, dann ist meist die Antwort auf mein Fragen der vergangenen Abendstunden plötzlich präsent.

Deutschland, das ist mein Land – Deutschland mit seiner Sprache und seiner Kultur, das ist das Land meiner Mutter und meines Vaters – Deutschland, das ist das Land meiner Omas und Opas, das Land meiner Tanten und Onkels und Basen und Vettern und wer sonst auch noch dazugehörig ist.
Und so wie ich, so hat jeder Deutsche ja für sich auch Mutter und Vater, hat Omas und Opas und all die anderen in der langen Reihe von Familie und Verwandtschaft.

Deutschland, das ist ein Stückchen Erdengrund mit Wasserkante und Buckellandschaft, mit der Menschen Liebe und auch Zanken, mit Mooren und Heiden und grünen Wäldern, mit einem weiten Himmel und oftmals auch mit schlechtem Denken. Und für alles das, ob es nun gut ist oder niedrig in seinem Sinnen – für all das kann doch das Stückchen Erdengrund Deutschland nicht als Schuldiger herhalten.

Das Stückchen Erdengrund quält doch nicht eines von Millionen von Tieren, sowie es deutsche Wissenschaftler Tag für Tag in unserem Lande tun – das Stückchen Erdengrund betrügt doch nicht die Alten um ihre Ersparnisse und um ihre Renten, so wie deutsche Politiker es seit Generationen und durch alle Zeiten und Systeme, so trefflich ohne Hemmungen dabei zu haben, machen – das Stückchen Erdengrund schickt doch keine Soldaten in Kriege und in den Tod in alle Länder unter dem Himmel, und das bloß, weil die Regierung es für nötig hält und vielleicht anderen Regierungen damit gefügig in den Hintern kriecht – das Stückchen Erdengrund trägt doch keine Schuld daran, dass innerhalb seiner Grenzen in Politik und Wirtschaft viel zu viele Lüger und Betrüger es sich gut, allzu gut gehen lassen können – das Stückchen Erdengrund hat es doch nicht zu verantworten, dass oberhalb seines Grundes so viele, viel zu viele arme Familien ständig ärmer und zu gleicher Zeit die Reichen und die Hintertreiber immer stinkreicher werden. Da kann das Stückchen Erdengrund, welches ich als ‚mein Land’ benenne und betrachte, doch gewiß nichts dafür.

Sieh, und darum kann ich auf mein Land auch nicht wütend und böse mit ihm sein – nur, mit einer Reihe von Menschen in der Gesellschaft über der meinen, mit denen ich dieses Stückchen Erdengrund teile, weil es auch das ihre ist, da kann ich trotz allen guten Willens, dessen ich fähig bin, kein ‚ gut Freund’ mit sein.© ee

Der Regensburger Ludwig …

So schmutziggrau wie die zerstörte Umgebung rings um den erbärmlichen Unterstand in dem Ruinenfeld von Stalingrad ist auch der russische Himmel an diesem Morgen des 29sten Januar 43.
Die Stalinorgeln des Gegners sind vor wenigen Minuten verstummt. Von Anbruch der Dunkelheit bis zum Grauen des neuen Tages spielen sie seit Tagen – oder sind es schon Wochen – Nacht für Nacht die gleiche Melodie. Kaum hat das Pfeifen mit dem kurz darauf folgenden Krachen der Einschläge von Osten her aufgehört, setzt es aufs Neue von Süden her ein, um dann nach Westen und Norden weiterzuwandern. Die rote Artillerie zeichnet so Nacht für Nacht ein schauriges Bild der Windrose in die Köpfe der wenigen die übrig geblieben sind von den Vielen die ausgeschickt wurden, um Raum für das eigene Volk zu erobern. Die kümmerlichen Reste einer einst stattlichen Armee – ausharrend im Kessel und bangend was da kommt. Für sie gibt es kein Vorwärts mehr – und schon gar kein zurück. Es gibt nur noch warten auf die Besiegelung der Niederlage und bangen, was dann kommt. Die Prediger des Endsieges haben sich rechtzeitig abgesetzt, oder sie sind in der klirrenden Kälte und angesichts der gefallenen Kameraden verstummt.
Jede der graugesichtigen Gestalten in den vor Dreck starrenden Uniformen sehnt jede Nacht diesen Moment herbei, wenn der Gefechtslärm um sie her von einer Minute auf die andere abbricht. Dann können sie für ein paar Augenblicke versuchen, der Kälte zu trotzen die ihre Glieder immer länger gefangen hält. Wie lange hat sie schon kein Nachschub mehr erreicht? Zwei Wochen? Drei Wochen? Die Zeit verschwimmt in der Erinnerung zu einem trüben Brei mit steinharten eisigen Brocken, wenn ihre ‚eiserne Ration’ in immer kleinere Portionen zerfällt. Die Zeit gefriert zu einem blutigen Klotz, wenn irgendwo ein kleines Fünkchen Freude aufblitzt über herrenlos gewordene Nahrungsreste gefallener Kameraden.
Einzig der ‚Leutnant’ mit seinen über Nacht ergrauten Haaren – alle Kameraden nannten den stillen Ludwig mit der Hornbrille aus den Regensburger Auen nur ‚Herr Leutnant’ – ließ nie auch nur ein Wort der Kritik hören wenn mal wieder einem von seinen Leuten die ‚Zivilisation’ abhanden gekommen war.
Obwohl auf seiner Uniform schon lange keine Rangabzeichen mehr auszumachen waren, hatte er nicht den Respekt und die Achtung der ihm Anvertrauten verloren.
Als einer der ältesten Kameraden in dem zusammengewür-felten Haufen nahm er an diesem Morgen seine an einer Seite leicht lädierte Brille ab, bevor er den beiden Jüngsten unter ihnen, die in ihrer schäbigen Sommeruniform vor Kälte – oder war es aus Angst vor den kommenden Ereignissen – vor sich hinzitterten, seine Arme um die Schultern legte.
Wie ein Vater der seine Söhne beschützen will, schießt es Josef, dem altgedienten Feldwebel aus dem hannoverschen Göttingen durch den Kopf. Und bevor der Josef den Gedanken in seinem halberfrorenen Hirn wieder ausgelöscht hat, tönt in die Friedhofsstille über dem rauchenden Schlachtfeld mit den unzähligen Granattrichtern und den zahllosen zerstörten Häusern die etwas kratzige, aber trotzdem wie das Gesumme friedlicher Hummeln klingende Stimme des Leutnants. Der Ludwig berichtet von lauen Frühlingstagen an den Ufern der bayrischen Flüsse und Seen, von duftendem Ginster und blühendem wilden Mohn. Eine Strophe des Liedes vom Burschen der sein Liebstes vermisst singt er sogar.
Man kann den Gesichtern der lauschenden Kameraden ansehen, daß ihre Herzen ganz weit weg in der Heimat weilen.
Für eine kurze Zeit haben sie das grausige Schlachtfeld und den unweigerlich drohenden Untergang vergessen.
Für eine kurze Weile haben sie die klirrende Kälte und den nagenden Hunger aus ihrem Fühlen verbannt.
Für ein paar Traumminuten lang haben sie das Gelände um sich herum aus den Ohren verloren.
Diese Minutenumläufe des Sekundenzeigers auf der tickenden Uhr des Schicksals haben den vorrückenden Rotarmisten genügt. Als das erbarmungswürdige Häuflein da unten im Keller von der Stippvisite in der Heimat zurückgekehrt ist, schauen sie ringsum in die drohenden Mündungslöcher mattschwarzer russischer Gewehrläufe.
Obwohl die ausdruckslosen Gesichter der Rotarmisten über den Gewehren regungslos zu ihnen hinabstarren, fällt kein einziger Schuß. Die Kameraden mit dem roten Stern am Stahlhelm helfen ihnen sogar fast freundschaftlich dabei aus dem Graben zu klettern.
Oben angekommen können sie ihnen doch wohl nicht ersparen mit erhobenen Händen vor den schussbereiten Gewehren herzumarschieren.
Als der Tag die Spitze seiner um diese Jahreszeit spärlichen Helle erreicht hat, befinden sie sich seit knapp einer Stunde auf einem ziemlich ebenen Feld am Rande eines Wäldchen in der Nähe einer trostlosen, scheinbar menschenleeren Siedlung, auf der sie die folgende und die darauf folgende Nacht unter freiem Himmel auf der blanken Erde zubringen. Dadurch dass man ihnen alles – auch die persönlichen Gegenstände – weggenommen hat, haben sie auch keine Uhr mehr in ihrem Besitz, um wenigstens die Zeit verfolgen zu können.
‚Scheiß auf die Uhren’ sagt der Göttinger Josef schon fast fröhlich. ‚Hätten wir die etwa essen können?’ vollendet er seine ‚Ansprache an mein Volk’, wie er sagt, bevor er gierig in das in der kalten Kohlsuppe eingeweichte russische Steinbrot beißt. Am dritten Tag ist die Lagerherrlichkeit vorbei. Eine endlos scheinende Schlange Feldgrau windet sich über den schmutzigen Schnee und durch tiefe Panzerfurchen in südöstliche Richtung. Das es nach Südosten geht wissen sie vom Leutnant. Der scheint irgendwie einen Draht zum Himmel zu haben. Obwohl keiner der Gefangenen seinen Platz in der Kolonne verlassen darf, und obwohl er von den Essensrationen der letzten Tage nicht einmal die Hälfte für sich behielt, sondern sie an die Kameraden verteilte, die vor Entkräftung bald nicht mehr auf den Beinen stehen konnten, taucht er immer wieder mal hier und mal dort in der Kolonne auf, um dem einen oder anderen Mut zu machen. Niemand von den sie begleitenden Rotarmisten bemerkt es – als wenn der Regensburger Ludwig unsichtbar ist.
Nach einem endlos langen Marsch erreichte der Gefangenentross das Sammellager Beketowka. Irgendeiner der ein wenig russisch konnte, hatte den Namen des Lagers als Latrinenparole in Umlauf gebracht.
In Beketowka verlief alles ungeordnet. Die rote Generalität war auf so viele Plennys in diesem Abschnitt nicht vorbereitet gewesen.
Es mangelte an allem, nur an einem nicht – an Krankheiten und Seuchen die sich, bei Menschen die unter solch katastrophalen Umständen leben müssen, rasend schnell breit machen.
Jeder versuchte so schnell wie möglich dieser Hölle von menschlichen Wracks zwischen flüssigen Exkrementen und Erbrochenem zu entfliehen.
Der Ludwig und der Göttinger Josef hatten das Glück.
Sie ergatterten für den Mittag des 13. März einen Platz innerhalb eines Transports nach Wolsk.
300 Kilometer Bahnfahrt bei 40 Minusgraden im offenen Güterwagen. Für die meisten war es eine Reise in den Tod, der viele schon während der 7 Tage dauernden Fahrt dahinraffte. Dem Leutnant Ludwig sollte nach dem Willen des Herrn wohl ein würdigerer Abschied von dieser Erde beschieden sein, als der als Toter aus dem fahrenden Zug hinausgeworfen zu werden. Am 20. März in Wolsk angekommen ließ ihn der Herr noch mit Hilfe seines Kameraden sein ‚Golgatha’ besteigen, um ihn von der Höhe des Lagerhügels friedlich zu sich zu holen.
Gott war seiner Seele gnädig.© ee

Siebzehn auf einen Streich …

Erinnerungen an schöne Tage …

Es war die Zeit der Herbstzeitlosen – das wäre eine schöne Überschrift. Das fiel mir so spontan ein, als mir – ebenso spontan während eines Gesprächs – der Anlaß für diese kleine Geschichte einfiel. Es war aber nicht die Zeit der Herbstzeitlosen – man könnte wohl eher sagen, es war die Zeit der Vaterlosen.
Die Zeit der vaterlosen Kinder, weil die Väter entweder im Krieg gefallen waren, oder sich noch irgendwo in den sibirischen Weiten in irgendeinem Kriegsgefangenlager befanden. Die westlichen Siegermächte des zweiten Weltenbrandes hatten ihre Kriegsgefangenen zu dieser Zeit schon längst wieder in die Heimat – in eine zerstörte Heimat entlassen. Aber das war nur eine Minderzahl der Väter, die im Kriege an den Fronten gekämpft hatten.

Es war die Zeit der Mittellosen – und es war auch die Zeit der Arbeitslosen. Konjunktur hatten nur die Gasthöfe und Kneipen, die in der Nähe einer Stempelstelle angesiedelt waren. Stempeln gehen mag heute in den Ohren vieler junger Menschen unbekannt und exotisch klingen, für die Generation nach dem Kriege – eigentlich nach beiden Weltkriegen – war es ganz sicher eines der schrecklichsten Wörter im Sprachgebrauch. Es wurde in seinem Negativwert nur noch übertroffen von dem Wort Schwindsucht.

In eben diesen Kneipen blieb häufig schon ein erklecklicher Teil des wenigen Geldes, das vom Sinn her für den Lebensunterhalt der Familie bestimmt war. Die Wirtinnen und Wirte freute es, die Mütter und Kinder daheim wohl weniger.
In unserer Siedlung hatten eine Handvoll umsichtiger Männer einen Verein gegründet. Ich höre jetzt garantiert aus einer Ecke den bekannten Spruch: Wenn drei Deutsche zusammenkommen, gründen sie einen Verein.
Das mag so sein.
Doch in diesem Fall lagen die Dinge ein wenig anders. Eine handvoll Männer rief einen Verein ins Leben, um den Kindern in unserer Siedlung – den Kindern an unserer Schule – ein wenig den kargen Nachkriegsalltag erträglicher zu gestalten. Mögen die Gründe dafür auch vielfältig gewesen sein.
Ein, als Lehrlingsheim ausgedientes, Gebäude der ehemaligen Kriegsmarinewerft wurde angemietet, und in mühsamer, aber liebevoller Eigenarbeit so hergerichtet, dass wir Schulkinder einmal im Jahr, während der regulären Schulzeit, eine Woche verreisen konnten.
Alle Kinder – ohne Ausnahme !
Nach meiner Erinnerung ist es nicht vorgekommen, dass auch nur einmal ein Kind zu Hause bleiben mußte, weil die Eltern kein Geld hatten, um die Reise zu bezahlen.
Die monatlichen Beiträge waren niedrig angesetzt – so niedrig, dass auch den Familien mit geringstem Einkommen die Mitgliedschaft möglich war. Eine Mark musste jede Familie an jedem Monatsersten in die Vereinskasse einzahlen.
Unabhängig von der Zahl der Kinderköpfe im Hause. Es wurde kein Unterschied gemacht, zwischen kinderreich und kinderarm. Nicht selten wurde sogar Familien, in denen kein Vater, dafür aber noch größere Not zuhause war, der Beitrag ganz erlassen. Heute denke ich so manches Mal, irgendwie war trotz häufig fehlender Feuerung damals die Welt um einiges wärmer.
Mag sein, ich täusche mich.

Wenn es dann endlich Montagmorgen hieß: „Leinen los“ und der altersschwache Omnibus röhrte und stampfte mit röhrender Maschine Kurs Schweinebrück – dann fuhren wir mit Hurra und Gejuchze sieben Tagen Glück entgegen. Allein die Fahrt dahin – durch die wunderschöne friesische Wehde und längs des Neuenburger Urwaldes – trieb unseren Adrenalinspiegel – wenn wir denn so was schon hatten – in himmelhohe Höhen. Es war aber auch zu schön, in einem Omnibus durch die Lande kutschiert zu werden, der nicht nur röchelte und keuchte, wie der altersschwache Gaul von Kohlenhändler Pieper, wenn er einmal die Woche durch die Siedlung zog, um den Leuten, die es sich leisten konnten Kohlen zu kaufen, Kohlen zu verkaufen. Die Bezeichnung Kohlen war bei dem, was die meisten ins Haus gebracht bekamen, wohl nur der Deckname.
Die Zeit der Tarnbezeichnungen war ja noch nicht allzulange Vergangenheit. Die meisten konnten sich nämlich nur Schlammkohle leisten. Das war angefeuchteter Kohlenstaub. Heute würde man wohl sagen, igittigitt – wat’n Schietkram. Wie gesagt heute. Damals war es schwarzes Gold. Bloß Goldstaub eben.
Für den Kohlenhändler war es, trotz des niedrigen Preises, sicherlich noch ein gutes Geschäft.
Nur bei uns, in unserem Hause, konnte er kein Geschäft damit machen. Wir waren Königs – wir brannten Torf. Wir brannten Torf aus dem eigenen Moor. Wer konnte das schon in unserer Armeleutesiedlung von sich sagen.
Für uns Kinder hatte sich auf jeden Fall plötzlich das Paradies aufgetan. Für die allermeisten von uns jedenfalls. Schulferien hatten wir natürlich, wie heute auch – aber verreisen? Und gar irgendwohin in fremde Lande – das gab es noch nicht.
Wir verbrachten die schulfreien Wochen zu Hause – in den Weiten des Groden vor dem Deich und in den Trümmerbergen der nach dem Kriege zerstörten Seeschleusen. Wir angelten auf Abessinien, und wühlten uns durch den Schlick des alten Voslapper Hafen.
Das weiteste Ferienziel war unser alter Leuchtturm. Unser Leuchtturm war es, weil er einmalig war in seiner Bauweise. Er stand wie ein unerschrockener einsamer Zinnsoldat mitten im Wattenmeer – anderthalb Kilometer vom Deich entfernt, am Rande des tiefen Fahrwassers. Manchmal schien er mir wie auf verlorenem Posten zu stehen – der einsame Wächter da im Watt.
Und jetzt so etwas – während der regulären Schulzeit verreisen.

Wir fühlten uns, als wenn wir in einen Feldzug fuhren – na ja, das sollte ich wohl nicht sagen – aber die überlieferten Bilder waren uns noch zu nah. Auch die von freudigem Auszug der Truppen in Feindesland. Wir sangen laut und fröhlich im Chor – und ebenso wie auf den noch zu frischen Erinnerungsbildern, wurden die Lieder von knattern und knallen begleitet.
Wenn der Motor unter der langen Kühlerhaube nämlich nicht röchelte und keuchte, dann knallte und knatterte und furzte er lustig in die Gegend. Es machte ihm wahrscheinlich riesigen Spaß, mit seinen lauten Spätzündungen die Menschen auf den Strassen zu erschrecken.

Das Schullandheim in Fuhrenkamp war wohl keine Weltreise von unserem Ort entfernt, eine gutgenährte Stunde brauchte der alte Veteran, über den gewaltigen Gummirädern, bis er unser Ziel erreichte – aber es lag direkt am Waldrand.
Die meisten von uns wussten zwar schon, wie Wald geschrieben wurde, und was in einem Wald alles so herumstand. Aber einen Wald in natura gesehen – oder gar angefasst – nee, das Glück war den meisten von uns noch nicht vergönnt gewesen.

Auf alle Fälle waren wir glücklich – wir, die wir anreisten. Empfangen wurden wir regelmäßig von den geschäftigen Heimeltern – lange Jahre waren es Mutter und Vater Kalmuszak. Freudig begrüßten uns die Bewohner des benachbarten Altenheims – und weniger freudig die Kinder aus der Abreiseklasse. Für sie war die Glückswoche zu Ende.
Während wir Ankommenden übermütig aus dem Ungetüm von Omnibus herauspolterten, nahmen sie anschließend auffallend schweigsam die, von unseren aufgeregt hin- und herrutschenden Hintern, noch warmen Plätze ein.

Unser Abenteuerglück nahm nun Gestalt an. Waren wir in der letzten Stunde nur erwartungsvoll darauf zugeflogen, befanden wir uns jetzt am Ziel – inmitten des Reiches von Feen, Elfen und Schlaraffia.
Wir wurden sogleich „lehrerschonend“ auf die Zimmer verteilt, wie unser weiser, alter Schulmeister es nannte. Er kannte ja seine Rasselbande aus den Schulalltagen zur Genüge. Als ehemaliger Offizier des Afrikacorps setzte er für Rasselbande allerdings stets die Bezeichnung Pappenheimer. Das lag ihm wohl mehr. Wir wussten aber alle, was er damit meinte.
Alles, was zum pinkeln nicht die Hosen runterziehen musste, wurde zwei Treppen hoch, im Dachjuchhee, einquartiert. Die erste Etage war den Röcken vorbehalten. Das war seine Referenz an die Weiblichkeit, so nannte es Papa Hopf .
Auf jeden Fall lag seine Wohnstube, wie ein unüberwindliches Bollwerk, zwischen Mädchen und Jungenrevier. Direkt am Fuße der knarrenden Treppe ins Obergeschoß. Warum das wohl?
Die älteren unter uns haben gewiß nächtens hin- und wieder versucht, dass Gebiet jenseits der Frontlinie zu erkunden.
Dagegen hatte der alte Stratege in seinem Bunker aber noch eine zusätzliche Sicherung eingebaut – die Wachstube. Das erste Zimmer, das – zum Mädchentrakt hin – an seines grenzte, wurde stets mit sechs von uns Jungens belegt, von denen es ein jeder als Auszeichnung empfand, zum Wachpersonal zu gehören.
Papa Hopf konnte sich beruhigt aufs Ohr legen, und schlafen – zwölf andere Ohren hörten für ihn jedes noch so feine Geräusch, dass über die imaginäre Grenze schlich. Der alte Haudegen kannte wirklich seine Pappenheimer.
Er hielt die streunenden Hunde mit anderen Hunden vom Gehege der ihm anvertrauten Hühner fern.
Immer hat das ganz sicher nicht vollkommen funktioniert – aber nie hat ein gackerndes Hühnchen den nächtlichen Frieden im Hause gestört, und die Federkleider waren morgens auch alle in Ordnung.
So war er – unser alter Papa Hopf.

Der erste Tag war immer viel zu schnell zum Abend geworden. Wir hatten ja nicht die Menge zum einräumen – unser Besitz an Kleidern war in der Zeit noch äußerst beschränkt. Aber wir hatten jede Menge zu erkunden, um unsere Neugier zufrieden zu stellen.
Was hatte sich nicht alles in dem Jahr seit unserem letzten Aufenthalt verändert. Jede Kleinigkeit war uns wichtig – erschien uns riesengroß, und wenn es nur der länger gewordene rotweiss geringelte Schwanz von Nelly, der Hauskatze war.

Nach dem Bettenbauen, und der ersten Vesper, zog es uns stets in die Nachbarschaft – der einzigen übrigens in weitem Umkreis. Wir mussten unsere Omas und Opas im hundert Meter weiter im Wald liegenden Altersheim besuchen.
Jedes von uns Kindern hatte nämlich ‚seine’ Oma, oder ‚seinen’ Opa da gefunden – zumindest für die sieben Tage Aufenthalt.
Für die alten Menschen in dem Gemäuer war der Tag der ersten Kindereinquartierung im lange verwaisten Lehrlingsheim so etwas wie ein Lotteriegewinn gewesen.
Und sie ließen uns an ihrem Glück teilhaben.
Obwohl sie selber wahrlich nicht mit irdischen Gütern gesegnet waren, ging doch niemand von uns bei der Begrüßung leer aus.
Kleine, selbst gebastelte Geschenke, mit Leckereien, wenn auch meist nur winzigen, versüßt, landeten in unseren – nein, nein, nicht in den Hosentaschen – sie landeten gleich in unseren Mündern.
Es kam ja nicht so häufig vor, dass Schlickersachen auf uns niederfielen, wo doch zu Hause bei vielen noch das Brot fehlte.

Am ersten Abend unseres Aufenthaltes hatten wir stets rechtschaffen müde zu sein. So sagte man es uns zumindest immer schon vorher. Die aufregende Erwartung des bevorstehenden Ereignisses, die ungewohnte ferne Fahrt mit dem großen Omnibus, die neue Umgebung, die andere Luft – Luftveränderung macht müde, davon waren alle Großen, die zu Hause zurückblieben überzeugt – unsere Sachen ordentlich einrichten, und, und, und …!
Das traf augenscheinlich auf uns alles nicht zu. Nie waren wir so munter und aufgekratzt wie am ersten Abend im Landschulheim.
Wir waren wohl etwas Besonderes.

Es gab doch auch soviel zu bedenken. Was sollten wir an diesen sieben Tagen ohne einen gut ausgeklügelten Schlachtplan tun. Wie sollten wir uns unseren Klassenkameraden gegenüber verhalten, wenn sie im Schutze der Nacht den Versuch unternahmen, die Front zu den Mädchen zu durchbrechen? Und wie sollten wir, umgekehrt, den Angriffen der Versucherinnen standhalten, zu deren Schutz wir aufgeboten waren?
Es war schon ein Kreuz – denn, mich hatte es wieder einmal in die Wachstube verschlagen – mit fünf meiner Schulkameraden. Papa Hopf hatte Wochen zuvor – noch lange vor der Zeit – schon festgelegt, wer wann, wohin und wieso. Seine Witwe, die wir noch lange nach seinem plötzlichen Tode regelmäßig besuchten, hat es uns irgendwann erzählt.
Und irgendwann in der Nacht erwischte uns doch der Schlaf, und es war Ruhe im Schiff.

Der folgende – also der erste ‚richtige’ Tag in der Glücksfreiheit war für jede Schulklasse oder Gruppe Arbeitstag.
Arbeitstag hört sich schlimm an, war es aber nicht. Arbeitstag – dass hieß, alle Mann raus in den Wald – raus in den Wald, und Kienäppel sammeln. Wer nicht weiß was Kienäppel sind – Kienäppel sind Kiefernzapfen. Wir sammelten natürlich nicht nur Kiefernzapfen.
Die Fruchtstände aller Nadelbäume waren uns willkommen – oder besser gesagt, sie waren unserem Herbergsvater hochwill-kommen.
Ihm waren sie Brennmaterial für den großen Kessel, der dafür sorgte, dass wir warmes Wasser und in kühlen Nächten ebenso warme Hintern hatten. Das große Haus wurde schlicht und einfach mit Kiefern- und Tannenzapfen beheizt. Auf diese Weise schonte man die Vereinskasse in löblicher Manier.
Auch dadurch konnte allen Kindern unserer Schule der alljährliche Aufenthalt ermöglicht werden. Es war aber nicht allein das preiswerte Kesselfutter, das dazu beitrug. Wir Kinder trugen auch sonst noch einen gehörigen Teil dazu bei.

Innerhalb unseres Schulgrundes befand sich ein riesiger Garten. Nicht etwa in der Art der öffentlichen botanischen Gärten, wie sie in vielen Städten zu finden sind. Auch nicht dem englischen Garten in München, oder gar den Gärten von Versailles nachempfunden – iwo, unser Schulgarten war ein profaner und sehr ertragreicher Essgarten, in dem alles wuchs und gedieh, was Mensch verzehren konnte. In dem alles wuchs und gedieh, was wir Kinder unter fach- und sachkundiger Anleitung unserer Lehrer in ihm säten und pflanzten. Wir gruben die Äcker, wir arbeiteten fuhrenweise den Mist ein, den Fuhrmann Janssen aus dem sieben Kilometer entfernten Hooksiel mit seinem alten Dieselross von Fendt regelmäßig im Herbst für geringen Lohn herantuckerte.
Es wohnten ein paar vornehme Leute im Umfeld der Schule – zumindest hielten sie sich dafür – die sagten wohl Stalldung, wenn sie von der bevorstehenden Düngeraktion sprachen. Ihre Vornehmheit war aber nicht sehr standhaft, denn kaum waren die Treckeranhänger entladen, und der warme Haufen duftete stillzufrieden vor sich hin, hörte man ganz unvornehm von diesen vornehmen Leuten: „Hier stinkt es aber gewaltig nach Mist.“ Solche Aussprüche berührten uns aber nicht im Mindesten – wir hatten doch sonst genügend reine Luft zur Verfügung. Und die auch noch kostenlos.

All das, was in unserem Schulgarten geerntet wurde, ging den Weg nach Schweinebrück. Es wurde in die Küche und den Keller unseres Schullandheimes verfrachtet. Und es war nicht gerade wenig, was wir Freizeitgärtner so produzierten.
Und das alles beschickten wir außerhalb unserer Unterrichtszeit. Es war schon ein beeindruckendes Bild, wenn wir nachmittags aus allen Richtungen kommend, als Miniackerbauern mit Spaten und Hacken ausgerüstet, den Schulgarten ansteuerten.
Saatgut und Pflanzen brachten wir Kinder von zu Hause mit. Das eine mehr – das andere weniger. Wie es die häuslichen Umstände gerade zuließen. Es wurde niemand gering geachtet, nur weil er weniger beisteuerte, als die anderen. Papa Hopf war es sehr wichtig, Solidarität in uns zu wecken. Er war nicht nur bei den Pflanzen im Garten ein hervorragender Gärtner – er verstand es auch meisterlich, die Pflänzchen in unserem Bewusstsein heranwachsen zu lassen.

Zu allen Siedlungen gehörten Gemüsegärten zur Selbst-verpflegung – und in jedem Garten wurde ein wenig Saatgut abgezweigt. Auf diese Art war unser Schulgarten wohl der sortenreichste Garten in der ganzen Umgebung. Es gab kein heimisches Obst oder Gemüse, dass nicht in unserem Garten zu finden war. Sogar Blumen waren auf kleinen Rabatten überall zwischen den Äckern zu entdecken. Papa Hopf legte sehr großen Wert auf Tischkultur. Und dazu gehörten für ihn unumstößlich Blumen. Auf diese Weise pflanzte er Verhaltensweisen in unsere kleinen Köpfe, die unser ganzes Leben prägen sollten.

Den zweiten Tag unserer Glückswoche durften wir in der Regel selber gestalten. Nur die Tischzeiten mussten wir einhalten. Ich kann mich nicht erinnern, dass mal eines von uns Kindern zu spät an der Tafel erschienen wäre – obwohl nicht einer von uns eine Uhr besaß. Kaum waren die letzten Töne der großen alten Schiffsglocke zwischen den Baumwipfeln verschwunden, saßen wir auch schon alle in langer Reihe an den Tischen. Mit sauberen Händen – das muß ich betonen. Darauf richtete Papa Hopf stets sein besonderes Augenmerk. Tadel in dieser Richtung war aber nur anfangs unserer gemeinsamen Aufenthalte aus seinem Munde zu hören gewesen.. Für uns waren reinliche Hände bei den Mahlzeiten schnell zur Selbstverständlichkeit geworden. Im ersten Jahr hatte er hier und da schon mal mit leichten Maßnahmen nachhelfen müssen – besonders bei Jonny, Heini und Herbert. Die drei nahmen innerhalb unserer kleinen verschworenen Gemeinschaft aufgrund ihres höheren Alters eine Art Sonder-stellung ein. Natürlich nur auf der Schülerseite. Mit der Lehrer-seite taten sie sich des Öfteren schon etwas schwerer. Die drei Spezies waren nämlich dreimal „backen“ geblieben. Herbert, der Anführer, tat immer lauthals kund, ihre Nichtversetzung hätten sie schließlich nur ihrer Beliebtheit bei den Lehrern zu verdanken.
Papa Hopf nickte nur immer verständnisvoll, wenn einer der drei diesen Spruch mal wieder zum Besten gab.

Während einer unserer ersten Busfahrten ins Paradies erzählte Papa Hopf mal wieder eine seiner Afrikageschichten. Er gehörte im Kriege zu Feldmarschall Rommels Wüstenfüchsen, und wusste faszinierend davon zu berichten. Es drehte sich hauptsächlich darum, wie sie sich in bestimmten Lebens-situationen mit gegenseitigen kleinen Gefälligkeiten durch die Zeit geschlagen hatten. Hier ging es im Besonderen um das Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Nordafrikanern.
Jonny, Heini und Herbert hatten gut aufgepasst – sie hatten wieder etwas dazugelernt. Und sie brachten ihr neues Wissen am Abend desselben Tages auch noch an den Mann.
Am Abendbrottisch erschienen die drei mit einer blitzsauberen rechten, und mit einer ziemlich scheddrigen linken Hand.
Papa Hopfs fragend hochgezogene Augenbrauen wussten sie elegant zu parieren: „Sie haben uns heute im Bus erzählt, in bestimmten Situationen wäscht eine Hand die andere.“ So schlaue Kerlchen muß doch jeder Lehrer lieben.

Um acht Uhr abends – ein mittelalter Vertretungslehrer wollte uns einmal partout beibringen 20 Uhr zu sagen, vergeblich allerdings – also um acht Uhr hieß es allgemein. „Bettklar machen.“ Dagegen gab es auch kein Aufmucken – in unserer Klasse zumindest nicht. Wussten wir doch allesamt Papa Hopfs Bücherkiste zu schätzen. Er schleppte in unser Siebentageglück jedesmal einen riesigen Überseekoffer mit. Zum bersten gefüllt mit Lesestoff. Nur für uns. Wir durften stets über die obligatorische Zehnuhrlichtausschlafenszeit hinaus unsere Nasen in Bücher und Heftchen stecken. Um Himmelswillen – nein, keine Pflichtlektüre. Auf Schulbücher wären wir auch wohl schwerlich angesprungen.
Micky Maus, Jimmy das Gummipferd, Nick Knatterton, Tarzan, Tom Prox, Zorro, Billy Jenkins — und wie unsere Helden alle hießen. Die bezopften zarten Geschöpfe in unserer Klasse bevorzugten in der Regel natürlich andere Titel und Geschichten – da ging es dann mehr um Heidi, um das doppelte Lottchen, oder um Ferien auf Immenhof. Jeder durfte nach Lust und Laune schmökern. Vielen von uns hat Papa Hopf dadurch den Weg in die Welt der Bücher geöffnet – denn wer hatte von uns zu Hause schon mal in einem Buch gelesen, das kein trockenes Schulbuch war. Einmal ganz davon abgesehen, dass in den meisten Zuhausen gar keine anderen Bücher vorhanden waren.

Das war aber immer erst nach dem gemeinschaftlichen Abräumen der Abendbrottische. Nach den Mahlzeiten die Tische ordentlich abräumen war stets unser gemeinsames Werk – genauso wie das schälen der Kartoffeln. Der größte Berg Kartoffeln musste immer Mittwochs von der Schale befreit werden. Mittwochs gab es zu Mittag Kartoffelpuffer – oder sollte ich Reibeplätzchen sagen?
Stapelweise Kartoffelpuffer – mit Apfelmus, mit Marmelade, mit Sirup oder Zucker .… grad so wie es jeder mochte. Unser Paule – Paul Schroeder – der schoß bei den Kartoffelpuffern regelmäßig den Vogel ab. Nicht nur, daß er am meisten davon verdrückte – nicht nur das – er bestrich sie sich auch noch alle mit scharfem Mostrich. Naja – er hatte auch wohl schon einen Erwachsen-engeschmack. War er doch vier Jahre älter als die meisten von uns. Nach viermal sitzen bleiben durfte er das auch sein. Es nahm ihm keiner übel – im Gegenteil, hatte er uns allen doch manches voraus. Zum Beispiel schon richtige Haare an seinem Schniedel-wurz.
Paule war obendrein auch ein richtiges kluges Bürschchen. Turnen stand noch auf unserem Stundenplan – nicht Sport, so wie heute. Schwarze Turnhose, weißes Achselhemd – das war allgemein unser Sportdress.
Paule wusste seine natürliche körperliche Voraushaftigkeit in bare Münze umzusetzen. Er ließ uns, die wir noch nicht soweit gediehen waren, während der Turnstunden einen Blick in seine Turnhose werfen. Gegen eine Gebühr von fünf Pfennig.
Auf diese Art sahen wir Jungen, wie auch wir demnächst aussehen würden. Er war für uns oft das Guckloch in eine noch fremde Halberwachsenenwelt. Waren doch für uns Fernsehen, und so wie heute die zahlreichen freizügig illustrierten Magazine noch unbekannte Größen. Heute prangen auf den Titelseiten der Illustrierten die freizügigsten Nixen im Evakostüm – wir bekamen in der Werbung in den Jahren unserer Kinderzeit immer nur züchtig verpackte Frauenkörper zu Gesicht. Heute kullern von jeder Plakatwand die tollsten Brüste – und die jungen Leute schauen gar nicht mehr hin. Wenn ich da an die Werbephotos für die Korsagen unserer Mütter und Großmütter denke, die wir zu sehen kriegten. Nachträglich graust es mich. Die Schnürkorsetts mit den Fischbeinstangen besaßen mehr Ähnlichkeit mit den Panzerspähwagen der Wehrmacht, als mit der modischen Unter-kleidung von heute.
Jedenfalls war unser Kartoffelpuffertag immer ein Festtag. Wir durften nach Herzenslust schlemmen. An diesem Tag ersetzten unsere Finger Messer und Gabel, bis unsere Bäuche zu platzen drohten – und Papa Hopf schaute vergnügt lächelnd zu. Er bereitete uns diese Freude auch wohl zu seiner eigenen Freude. Er durfte nämlich keine Riefplätzker essen – seine Galle, die mit einem gehörigen Stückchen seines Magens in Ägypten, in der Wüste geblieben war, nahm ihm solche einfachen Feste einfach übel. Ich hab manchmal gedacht, Gallen können ganz schön gallig sein – selbst wenn sie gar nicht mehr da sind.
Oft sind sie auch noch nachtragend bis hintengegen.

Papa Hopf saß während des Essens immer mitten unter uns. Immer mit in der Reihe an den blankgescheuerten Tischen, über die nur des Sonntags wunderschöne Tischdecken gebreitet wurden. Das war dann schon äußerlich ein Festtag. Auch die anderen Lehrer, die uns begleiteten, saßen mit an den großen Tischen. Papa Hopf hätte es nicht anders geduldet. Sicher – es gab einen kleinen Extratisch für das ‚Lehrpersonal’ – so hatte es einmal irgendein Begleitlehrer bezeichnet, als er sich daran niederließ, und seine Mahlzeit standesgemäß und unbehelligt von den Blagen, wie er sich ausdrückte, einnehmen wollte. Er mußte ganz was anderes einnehmen. Er bekam zwar sein Menü an den Extratisch serviert, an dem er übrigens ganz alleine saß. Er hätte sich in punkto Tischsitten und -gebräuche besser am Verhalten seiner Kollegen orientieren sollen, denn während der sich anschließenden Mittagsruhe verpasste Papa Hopf dem jungen Kollegen in seinem Bunker als Nachtisch einen Einlauf, der ihm wohl, nach seinem Gesicht zu urteilen, sehr schwer im Magen lag.
Oh Gott, was tat es uns gut – und wir hatten nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil wir mit dem Ohr an der Wand gelauscht hatten. Der Vertretungslehrer hat sich nie wieder an den Tisch für das Lehrpersonal gesetzt.

So einen Papa Hopf – den hatte ich mir einige Jahre zuvor sehnlichst gewünscht. Einige Jahre zuvor war mir nämlich ein scheinbares Glück widerfahren. Es war noch die Zeit der Care – Pakete. Die Zeit der Hilfsgütersendungen aus den USA für die darbende deutsche Bevölkerung. Landepunkte dieser Paket-transporte waren in der Regel die gemeindlichen Pfarrämter, oder hier bei uns im Norden verständlicher die Pastoreien – weil hier im plattdüütschen Norden reformiert dominiert. Der Pastor in unserer Gemeinde war an sich schon eine Marke für sich. Im Umgang mit jungen Menschen war er eine Null mit drei Nullen vor dem Komma. Wenn man die Gemeindegröße an der Verteilung der Wohltaten maß, dann zählte sie nicht mehr wie ein paar Dutzend Häupter. Aus einem unerfindlichen Grund war dem guten Gottesmann plötzlich eingefallen, dass unsere Familie ja auch dazugehörte. Es wäre ihm besser nicht eingefallen, habe ich wenig später gedacht. Mein Name stand auf seiner Liste der erholungsbedürftigen Kinder, die auf Kosten, und im Namen der Kirche, in ein Heim verschickt wurden. Sie sollten auf diese Weise ein wenig aufgepäppelt werden.
Die Größe meiner Freude, als ich davon erfuhr, war unermeßlich klein. An mir fehlte kein Pfund – mich konnte man schon eher als Musterbeispiel dafür betrachten, wie gutgenährte Kinder auszusehen hatten. Mama meinte aber, wenn der Pastor mich schon mal ausgeguckt hätte …, und sowieso wäre die Gegend, in der das Heim läge, sehr schön. An einem großen See gelegen, mit vielen Fischen darin – und das auch noch mitten im Wald. Und wir müssten uns dem Pastor doch dankbar zeigen, wenn er schon so großzügig …!
Genau das hat der Pastor auch wohl gedacht, als er meiner Mutter die freudige Botschaft überbrachte. Ich hatte nämlich genau gesehen, wie er mit anderthalb Augen verzehrend zu den Speckseiten und den Mettwürsten an der Küchendecke schielte. Von denen er denn auch gleich eine gehörige Portion mit auf den Weg nach Hause nahm. Er wollte im nächsten Gottesdienst für uns beten, sagte er zum Abschied. Was er denn auch getan hat. Ich habe genau mitgezählt – drei Worte pro Mettwurst und Schinkenstück. Verdammt teuer, so ein Gebet, fiel mir in meinem kleinen Kinderverstand nur dazu ein.
Mir war das ganze sowieso nicht recht verständlich. Was sollte ich in diesem ‚Erholungsheim’? Bäume standen bei uns im Garten – und Wasser mit Fischen drin hatten wir doch vor dem Deich reichlich genug. Naja – es blieben fruchtlose Kinderargumente. Das kennt man ja zur Genüge.

Und dann war ich da. Nach drei Stunden Fahrt im Bummelzug, der unterwegs auch noch an jeder Milchkanne anhielt – und fünf Kilometer Gänsemarsch, taten sich für uns die Türen des Paradieses auf. Mein erster Gedanke angesichts der niedrigen, braunroten Überbleibsel aus tausendjähriger Geschichte, war: Ich bin doch nicht lungenkrank.
Denn das Bild kannte ich zur Genüge – hatte ich doch schon einige male mit meiner Mutter unseren an TBC dahinsiechenden Vater in der Lungenheilstätte im benachbarten Wildeshausen besucht. Hier sah es nun genauso einladend aus. Und gemustert wurden wir von den draussen wartenden Kindertanten auf die gleiche Weise. Ich fühlte deutlich, dass unser Anblick ihnen riesige Freude bereitete.
Bevor wir eingelassen wurden, inspizierte und instruierte eine handvoll weißer, steifgestärkter Schürzen die Schar der Neuan-kömmlinge gründlich. Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass wir in eine Desinfektionskammer gesteckt wurden. Das Prozedere kannte ich auch. Auf diese Idee war hier aber allem Anschein noch niemand gekommen.
Etwas übten wir aber, bevor wir im Inneren des Erholungsheimes verstaut wurden. Gegenüber der Hauptbaracke, in der sich der Speisesaal befand, stand am Seeufer über dem Wasser ein überdachter dreiseitiger Windschutz. Mein kleiner Kinderver-stand, der ja bei uns im alten Seglerhafen zu Hause war, vermutete Boote unter dem Wetterdach. Diese Vorstellung weckte in mir die Hoffnung auf rudern und angeln. Mit dieser Hoffnung lag ich aber soweit daneben, wie Grönland von Dänemark entfernt ist. Und das ist ganz schön viel weit – und ganz schön viel naß. Dieses Gebilde aus der Zeit der Straflagerfunktion diente einem völlig anderen Zweck. Es war die Latrine – unsere Toilette für die Tage unseres Aufenthalts im Kindererholungsheim Ahlhorner Heide.
„Das ist euer Abtritt“ – richtig schön melodisch sang die Oberschürze es in den Nachmittagshimmel. Sie klang wie die Vorsängerin bei uns zu Hause im Kirchenchor.
„Jetzt wollen wir gemeinsam üben, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir zur Toilette gehen müssen. Alles in Zweierreihe antreten.“ Das klang schon nicht mehr so kirchenchormäßig.
Links und rechts führte ein Brettersteg auf die Plattform des Pfahlbaues.
Unter dem Dach waren in langer Reihe, nach vorne offene Nischen abgeteilt. In den Nischen mußten wir uns auf ein Brett setzen, das in der Mitte mit einem Loch versehen war. Es war gerade so groß, wie unsere Kinderpopos rund waren. Jedesmal wenn etwas aus unseren Hintern ins Wasser plumpste, streichelten die Spritzer unsere Sitzflächen. Irgendwie war das doch schon ganz modern. Als Toilettenpapier dienten auf Größe geschnittene Zeitungsseiten. Ganz praktisch – und preiswert. Nur einen Nachteil hatte diese Art der Altpapierverwertung – unsere vom Seewasser besprenkelten Pobacken waren oft anschließend kohlrabenschwarz von den gedruckten Nachrichten der Weltpresse.

Und dann geschah etwas, bei dem ich mir ganz bestimmt einen Papa Hopf gewünscht hätte – aber ich kannte ihn ja noch nicht.
Der Speisesaal, und das was uns in den nächsten Wochen in ihm erwartete. An langen, schlichten Holzbänken saßen wir auf ebensolchen Bänken ohne Rückenlehne. Soweit war es überhaupt kein Beinbruch – wir waren ja jung. Porzellan oder Steingut schien in den Speisesaal noch keinen Einzug gehalten zu haben. Alles war aus Metall. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Becher und Kannen – alles war aus Blech. Richtig schön laut und verbeult. Wie dachte ich an den mit Liebe gedeckten Tisch bei uns zu Hause. Besonders, wenn ich in die gegenüberliegende Ecke schaute – von meinem Platz aus ging mein Blick immer wieder dahin. Ich brauchte nur den Kopf zu heben, und schon sah ich es wieder. Meine Augen landeten jedes Mal auf einen wunderschön gedeckten Tisch, auf dem es an nichts fehlte. Goldgelbe Butter, leuchtender Käse, Wurst und Schinken, feinste Konfitüre und Brot in mehreren Sorten – und das alles auf blendend weißem Tischtuch, inmitten bunten Porzellans. Es war der Tisch der weißgestärkten Schürzen. Das Wort Kirche hat damals in der Ahlhorner Heide in meiner Kinderseele eine ganz dicke Beule abbekommen. Heute, nach so langen Jahren, kann ich sie noch deutlich fühlen.

Während unserer Aufenthalte in Fuhrenkamp hat sich meine – und auch die der anderen Kinder Seele – keine Beulen und blauen Flecken gestoßen. Selbst an den Donnerstagen nicht, denn donnerstags war Unterrichtstag. Unterrichtstag war eigentlich jeden Tag, denn wir lernten ja ständig dazu. Nur donnerstags ging es im großen Speisesaal richtig mit Tafel und Kreide zur Sache. Nicht das kleine oder das große 1×1 – auch nicht um Brüche, oder Teiler und Nenner – nein, es ging um die Tiere und Pflanzen des Waldes in unserer Umgebung. ‚Lernen dort, wo die Tiere und Pflanzen zu Hause sind. Wasser ist immer am reinsten an der Quelle’ – das war einer der Lieblingssprüche unseres weisen Lehrers. Alles das, was er uns lehrte, betrachtete er als ein Wasser, das unseren Wissensdurst stillte.

Donnerstagabend wurde Theater gemacht. Kein Krach und Klamauk mit streiten und hauen und stechen. Rüpeleien und Zank waren uns seltsamerweise fremd. Wir spielten donnerstags Theater. Richtig mit Rollen für jeden, und üben. Was wir spielten, war immer uns selbst überlassen. Papa Hopf ließ sich jedes Mal überraschen. Dankbares Publikum war uns immer gewiß. Unsere Aufzeitomas und unsere Aufzeitopas aus dem Altenheim bildeten unser Stammpublikum. Sie alle waren darüber genauso glücklich wie wir, denn Besuch aus ihrem Leben vor der Altenheimzeit war selten – allzu selten in ihrem Alltag. Sie hatten uns – und wir hatten sie. Das war doch auch was.
Eine meiner Rollen sehe ich heute noch so wirklich vor mir, als wenn es gestern war. Es war eigentlich nur eine Rolle am Rande – ohne wirkliche Funktion, aber ohne sie schien nichts zu funktionieren.
Ich spielte in einem königlichen Stück den Oberhofzere-monienmeister Frettsack van Wölterbuuk. Wirklich eine tragende Rolle – ich musste nämlich nahezu alle Kissen, die es im Heim gab, unter meinem weiten Umhang mit mir herumtragen. Und das eine ganze Stunde lang. Ich durfte alles anstellen – ein Oberhof-zeremonienmeister hat ja am Hof das Sagen – nur stolpern und umfallen durfte ich nicht. Dann mussten mich nämlich zwei andere Jungs erst wieder mühsam auf die Beine stellen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich umgefallen wurde. Denn jedes Mal, wenn ein Schauspieler mit seinem Text hängen blieb, war mein ‚Umfaller’ dran. Die Dielen in unserem Speisesaal brauchten am nächsten Morgen nicht gebohnert zu werden.

Der nächste Morgen.

Am nächsten Morgen hieß es in aller Herrgottsfrühe raus aus den Federn. Der Freitag war unser Wandertag. Per Pedes waren wir ja sowieso ständig unterwegs, aber nur immer in der näheren Umgebung. Es gab soviel zu erkunden.
Nur freitags – Freitags war alles anders. Die Küchenfeen waren seit Sonnenaufgang damit beschäftigt, unsere Marschverpflegung transportfertig zu verpacken. Ein zweites Frühstück, Mittagessen, Vesperbrot – alles wurde in Pergament eingetütet. Zu Mittag hieß es auf unserer Wanderung kalte Küche. Wir litten aber keinen Hunger, und mußten nichts entbehren. Alles war reichlich und schmackhaft vorhanden. Bis wir wieder glücklich, aber todmüde in Fuhrenkamp eintrudelten waren viele Stunden vergangen, viele Kilometer unter unseren Füßen dahin gelaufen, und viel neues Erleben hatte sich in unsere Köpfe eingenistet. Im Schullandheim war dann nur noch umfallen angesagt. Die folgende Nacht brauchte niemand auf leise schleichende Sohlen zu horchen.

Samstags war der Tag des Sports. Die große Sandkuhle zwischen unserem Domizil und dem benachbarten Altenheim war die Sportarena. Herrgottnochmal – ich bin nie ein Vorzeige-sportler gewesen, aber in unserer Sandkuhle war Sport etwas Wunderbares.
Ohne Druck von oben leisteten wir manchmal erstaunliches. Regelmäßig durch unsere ‚Sportskanonen’ angestachelt, kam oftmals schon was Sehenswertes dabei heraus.
Wenn das Wetter es einmal nicht zuließ, unter freiem Himmel zu ‚sporten’, dann kam unsere Boxbude zu ihrem Recht. Unsere Boxbude war eine reetgedeckte Halle mit Naturfußboden – gleich hinter dem Altenheim gelegen. Für uns waren diese Tage mit nichts zu vergleichen, denn Turnunterricht, zu Hause in der Schule, hieß mit Schlacke bedeckter Schulhof und draußen. In unserer Siedlung gab es noch keine Turnhalle.

Der Sporttag war der zweite Tag, der uns während unseres Aufenthaltes immer ein wenig abschlaffte. Das heißt, der Wander- und der Sporttag machten uns rechtschaffen bettmüde. Es gab nach dem Lichtaus keine Streifzüge in verbotenen Revieren. Eine wirkungsvolle Taktik der Erwachsenen, denn freitagabends war der Lehrer- und Heimelternabend. Es war ein privater Abend der Betreuer mit Gesprächen, mit Erfahrungen austauschen, und wohl auch mit einem Gläschen Wein.
Samstagmorgen hieß es vor den sportlichen Aktivitäten für uns alle erst einmal Reinschiff machen – aufklaren – unsere Spuren beseitigen, damit die nachfolgende Gruppe alles pikobello vorfand. Am Spätnachmittag – nachdem wir uns körperlich ertüchtigt hatten (körperliche Ertüchtigung war die offizielle Bezeichnung für Sport, in Wirklichkeit hatten wir uns ausgetobt) – hieß es dann schreiben. Furchtbar hört es sich an – ich weiß, aber das hört sich auch nur so an. Wir mußten die Erlebnisse der hinter uns liegenden Tage zu Papier bringen. Wir mußten einen Aufsatz schreiben. Nicht das er benotet wurde, aber einen guten Eindruck sollte er doch schon hinterlassen. Der frühe Abend stand uns dafür zur Verfügung. Es gab kein Limit – und wann, und wie, und mit was wir den Aufsatz zu Papier brachten, das spielte auch keine Rolle. Er mußte nur leserlich geschrieben sein, und Sonntag-morgen vor dem Frühstück abgegeben werden. Papa Hopf ließ uns sozusagen gewisse künstlerische Freiheiten. Ich hatte meinen Erlebnisbericht gleich nach der Vesper eilig auf dem Balkon zurechtgeschustert. Wofür hatten wir schließlich dieses Ding vor unserem Zimmer außen an der Wand hängen.
Der Nachtkasten an meinem Bett mußte mein schriftstellerisches Werk bis zum nächsten Morgen für mich verwahren. Ich hatte nachmittags geschrieben, weil ich mich noch vor dem Abendessen bei meiner Aufzeitoma sehen lassen wollte.
Normalerweise ging es am Samstagabend immer etwas bewegter im Hause zu. Und es dauerte wohl auch länger, bis Ruhe im Schiff herrschte. An diesem Samstagabend herrschte eine ungewöhnliche Ruhe. Na ja – alle waren wohl etwas kaputt nach den anstrengenden Tagen. Die Jungs aus dem Dachjuhee ließen sich schon früh nicht mehr blicken. In unserer Wachstube würde es auch eine ruhige Nacht werden. Wurde es auch.

Sonntagmorgen – runter zum Frühstück – den Aufsatz nicht vergessen. Mein Aufsatz lag seltsamerweise nicht in der Schublade, sondern oben auf dem Nachtschrank. Egal – ich hatte ihn wohl selbst dahingelegt. Nach dem Frühstück nahm Papa Hopf den Stapel Aufsätze mit in seinen Bunker – das kannten wir nicht anders.
Nachmittags bei Kakao und Kuchen bekam jeder sein Kunstwerk, mit ein paar passenden Bemerkungen versehen, zurück. An diesem Sonntagvormittag hörten wir unseren Lehrer in seiner Studierstube ein paar mal schallend lachen. Da mußte ihm jemand herrliche Witze erzählt haben. Die Zeit bis zum Nachmittag flog in Windeseile durch den Sonntag – als wenn der Abschied am Montagmorgen nach Kräften daran zog. Es war vier Uhr. Der große Speisesaal füllte sich mit gespannten Gesichtern. Aus hohen Kannen duftete Kakao – verlockender Kuchen lag auf den Tellern – und wir warteten, wer gleich das Sternchen für den besten Aufsatz bekommen würde. Einige waren hoffnungsvoller als andere, weil man ja schon mal – und es könnte ja wieder so sein …
Ein kräftiges Papahopfräuspern ließ auf einen Schlag alle schnatternden Geräusche aus dem Speisesaal flüchten. In die anschließende Stille fiel statt eines Sternchens ein Sternenregen. Papa Hopf verteilte ihn mit seinem kräftigen Bass.
Siebzehn Aufsätze hatten ein Sternchen für Fleißarbeit verdient – als Belohnung kam abends für alle noch einmal Kakao und Kuchen auf den Tisch. Darüber, dass die siebzehn Aufsätze alle gleich lauteten – darüber hat der alte Fuchs nicht ein Sterbenswörtchen verloren. Hatten doch sechzehn meiner Klassenkameraden aus dem Dachjuche meinen Aufsatz wortwörtlich abgeschrieben.©ee

Ewald Eden

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Vom Knirps zum Knaller …

Mitte der 1900er Jahre. Die Stadt am Meer – ein Mix aus Kriegshafenhäuseranhängsel und drei alten bäuerlichen Gemeinden – eine Stadt, aus großen Vorstellungen und noch größeren Hoffnungen entstanden, krebst zum zweiten mal in ihrer noch jungen Geschichte auf der Talsohle des Überlebens herum.

In intaktem Zustand bot sie dem Betrachter stets ein passables Bild. Kurioserweise war sie gerade immer dann am attraktivsten, wenn ihre Ziehväter sich anschickten, die Welt um sie herum in Schutt und Asche zu legen.

Am Ende war sie dann jedesmal ähnlich kaputt wie die übrige Welt.

Getreu dem Motto ‘der Teufel frisst seine eigenen Kinder’.

Und durch diese, aus dem letzten Loch pfeifende Stadt, radelt nun vergnügt ein kleiner Knirps auf seinem Dreirad.

Vergnügt deshalb, weil er ja noch nichts anderes kennt.

 

Seine Welt wird eingegrenzt vom Backfischtanzschuppen Nordseestation, von den Selbstversorgerkleingärten am Grodendeich, von der Übungsschießanlage für die Polizei und die neu erwachenden Marinestreitkräfte, denn Vater Staat braucht ja schließlich Männer, die beim Schießen auch treffen – wenn’s mal wieder knallen sollte.

 

Die Lücken zwischen diesen markanten Punkten schließen das Altenheim Karl-Hinrichs Stift, das Kriegsandenken Bunker an der Ecke der Sportanlage und – ja richtig, der Gottesacker an der Friedenstrasse.

Onkel Hannes hat die Nähe vom Altenheim zum Friedhof einmal auf die ihm eigene Weise erklärt: „Well dor in d’ Heim dodblääven is, de brukt noa d’ Kaarkhoff nich mehr so wiet to lopen.“ ( Wer da im Heim totgeblieben ist, der braucht zum „Kirchhof“ nicht so weit zu laufen )

Der Friedhof war in dieser Zeit so ziemlich das einzige Stück geordnete Welt. Dieses Stück geordnete Welt zog den kleinen Knirps auf seinem Dreirad aber magisch an. Dem Dreirad mit dem Korb hinter dem Sattel, in dem man so viele nützliche Dinge verstauen konnte, die man unterwegs fand.

Nachdem der kleine Knirps auf seinem Dreirad der geordneten Welt Friedhof wieder einmal einen Besuch abgestattet hatte, war auch da plötzlich nichts mehr in Ordnung.

Friedhofswärter, und Mitarbeiter der Verwaltung, flatterten in den nächsten Tagen wie Hühner ohne Köpfe durch die weitläufigen Gräberfelder.

Onkel Hannes, der alte Seebär, hatte auch dafür gleich einen seiner Sprüche parat.

„Dat sücht ut, as wenn dor up d’ Kaarkhoff een de Stüürmann de Kompass wächnoahmen hett.“ (Das sieht aus, als wenn da auf dem Friedhof jemand dem Steuermann den Kompass weggenommen hat)

 

Wie dicht er doch dran war – der alte Seemann, mit seiner zuerst als abwegig belächelten Vermutung. Hatte der kleine Knirps mit dem Dreirad doch all die schönen, emaillierten Grabnummernschildchen in seinem Korb gesammelt und mit nach Hause genommen.

Papa und Onkel Hannes waren darüber hocherfreut – durften sie doch die Nummernschilder in den folgenden Tagen alle wieder zurückstecken. Dadurch lernten die beiden in einer Woche so viele tote Leute kennen, wie sonst wohl kaum jemand lebende Menschen in seinem ganzen Leben.

 

Der Knirps auf dem Dreirad fuhr indessen weiter munter durch das Viertel. „Schau immer nach vorn, und niemals zurück, mien Jung.“ Diese Devise hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm eingebleut.

 

Ein Schrebergarten in der nahen Grodenkolonie hatte es ihm schon seit längerem angetan – oder vielmehr der Schrebergärtner, der in diesem Garten das Regiment führte. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit er seine Pflaumen, Äpfel und Birnen gegen Angriffe von außen auch verteidigte – immer thronte sein Haupthaar streng, und korrekt in der Mitte gescheitelt, zwischen seinen weit abstehenden Segelohren.

Dagegen bot das frische grüne Laub des großen Wurzelbeetes in der Mitte der Gemüsefläche eher den Anblick einer Reihe krauser Negerköpfe mit grün gefärbten Haaren.

Diese krause Unordnung hatte dem Gartenmann ganz sicher seine blinkende Halbglatze beschert. Da musste doch etwas geschehen.

Und es geschah auch etwas.

Eines schönen Sommermorgens lagen alle jungen Wurzelpflänzchen – jetzt mit plattem Grün – fein säuberlich aufgereiht eins rechts eins links – zu beiden Seiten der Pflanzrille.

Aber wie es nun mal so ist im Leben – auch da verkehrte Welt.

Hilft man den Menschen nicht, sind sie wütend – hilft man ihnen, sind sie es auch.

Jetzt lagen zwar die jungen Wurzeln alle platt, und streng gescheitelt, auf dem Acker – aber der Gärtner hatte sich die Haare gerauft, so daß diese jetzt um seinen Kopf herumstanden wie Negerkrause.

Da war der Knirps auf seinem Dreirad aber schon weitergezogen – weitergezogen zu neuen Taten in seiner kleinen Welt am Groden-deich.

 

Die kleine Welt am Grodendeich, in der auch Johannes lebte. Johannes – geprägt von seinem Zuhause, und gefangen in einer noch kleineren Welt innerhalb dieser kleinen Welt.

Johannes Eltern befehligten als Generalissimo und Generalin das Altenheim auf dem Areal zwischen Göker-, Freiligrath- und Friedenstrasse.

Als unbeschränkte Herrscher in ihrem Revier, und als unbeschränkte Herrscher über Johannes, der selbstredend auf seine Art davon profitierte.

Da sei nur am Rande die komplette Eisenbahnanlage erwähnt, die Schlachter Th. Aus der Nachbarschaft auf Wunsch des Vaters für den weihnachtlichen Johannesgabentisch liefern musste, um auch im nächsten Jahr Fleisch und Wurst für die Altenheimküche liefern zu dürfen.

Das Zimmer von Johannes konnte all die vielen schönen Spielsachen gar nicht mehr bergen, mit denen er überhäuft wurde.

Der Platz in ihm dagegen, der vom lieben Gott für Spielkameraden und Freunde reserviert war – auf diesem Platz herrschte gähnende Leere.

Das bemerkten seine Eltern aber nicht. Sie waren viel zu sehr mit dem züchtigen und ruhigstellen der aufmüpfigen alten Leute in ihrer Aufbewahrungsanstalt beschäftigt.

Und gerade das schmerzte Johannes unbändig. Er unternahm alles nur ihm mögliche, diesen leeren Raum in sich mit Leben zu füllen, aber irgendwie hatte er sich immer gerade einen Fuß verstaucht, wenn die anderen Kinder an ihm vorüberzogen, und er ihnen folgen wollte. So konnte er ihnen denn nur ständig linkisch hinterhertrotten.

 

Wie es im realen Leben seit urchristlichen Zeiten ja nun einmal so ist – den Letzten beißen stets die Hunde.

General und Generalin Altersheimkommandeur konnten ihrem Filius gar nicht so viele Hosen kaufen, wie die wütenden Alltagshunde ihm zerrissen. Wenn die Meute der Nachwuchsmenschen im Viertel mal wieder etwas ausgefressen hatte, war es stets der Nachzügler Johannes, den die erbosten Opfer bei der Hose zu fassen bekamen. Auf diese Art war Johannes denn wenigstens zu etwas nütze. Er sicherte der Streitmacht den Rückzug, und schluckte die Energie der Verfolger, die dann manchmal auf seiner roten Wange oder Hintern deutlich zu erkennen war. Wie zum Beispiel nach dem Gefecht mit Lehrer Lämpel.

 

  Eine äußerst beliebte und wirksame „Waffe“ unter den Jungs war die „Flitsche“ – in anderen Gegenden vielleicht besser bekannt als „Zwille“. Von diesem wunderbaren Gerät gibt es – wie bei Revolvern auch – verschiedene Ausführungen. Von der Zimmerflak in Astgabelausführung mit Fahrradschlauchgummi bestückt, bis hin zum kleinen, aber ebenso wirksamen Sologummi für den unauffälligen Nahkampf.

Die Spitzenkanoniere im Viertel konnten mit dem kleinen Ding sogar blind und rückwärts feuern.

Nicht so Johannes. Johannes hatte schon beim sehend vorwärtsschießen seine kleinen Probleme mit der Zielgenauigkeit und Treffsicherheit. Was ihm auch prompt – oder besser gesagt der ganzen Klasse – übel angekreidet wurde.

Ausgerechnet in der Rechenstunde beim gefürchteten Lehrer Lämpel wurde ihm diese Schwäche dann zum Verhängnis.

Der gestrenge Schulmeister stand mit dem Rücken zur Klasse an der Tafel, und malte in schönster Paukermanier Hieroglyphen auf die grüne Fläche.

Von vorne, aus der zweiten Bankreihe, von da, wo der Knirps mit dem Dreirad seinen Platz im Klassenzimmer hatte, trafen den guten Johannes unablässig „Rückwärtsgeschosse“.

Er parierte sie so gut es ging, und mit mäßigem Erfolg. Bis – ja, bis Lehrer Lämpel – durch das verhaltene Schlachtengetümmel in seinem Rücken aufgeschreckt – sein Gesicht plötzlich der Klasse zuwandte. Wie gesagt – an der Fähigkeit, das richtige Ziel zu treffen, haperte es bei Johannes mächtig. Und so traf seine – im selben Augenblick abgefeuerte – „Krampe“ auch nicht den Knirps mit dem Dreirad, sondern landete punktgenau auf des Lehrers unwillig gekrauster Pädagogenstirn.

Von mäßigem Erfolg wagte denn nach diesem Treffer keiner mehr zu reden, zumal es in der Folge Strafarbeiten für die ganze Klasse hagelte.

Zur Ehrenrettung der Brüder muß noch gesagt werden, daß nicht einer der Krieger, trotz heftiger Aufforderung Lämpels, Johannes als den Schützen denunzierte.

So wurden sie dieses mal alle gebissen – und gegenseitiges Wundenlecken nach verlorener Schlacht schweißt eine Truppe schon seit jeher noch fester zusammen.

 

Johannes blieb aber noch Jahre seinem Naturell treu, und ließ sich nur ab und zu von einem anderen „Weichei“ des Quartiers in seiner Funktion als Letzter des Rudels vertreten.

Gero stand ihm in der Rangfolge nicht allzu viel voraus. Von drei Tanten zuhause stets und ständig umsorgt, fehlte ihm so ein wenig das Mark in den Knochen – oder anders gesagt, er hatte keinen harten Kern. Was ihn wahrscheinlich selber am meisten ärgerte, wenn er der Truppe immer ein Stück hinterherschlabberte.

So etwas ist bei Eroberungsfeldzügen, auf denen sich die Bengels permanent befanden, natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden.

 

Das nächste Tun und Geschehen war auch mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber was ist im Leben eines Kriegers nicht gefährlich.

Das Kriegsandenken Bunker war im Bewusstsein der jungen Krieger natürlich kein Kriegsandenken. Wie sollte es auch. Für sie war er einfach Teil des realen Lebens – eingebaut in den Alltag.

Dieser Bunker hatte nun eine Besonderheit, die ihn von anderen Schutzbauten aus kriegerischen Tagen unterschied. Er hatte leichte Schlagseite – wie wenn Onkel Hannes manchmal heimwärts segelte, nachdem er an der Theke in der Sportklause an der Gökerstraße wieder einmal einen Sturm abgewettert hatte.

 

Das Bunkerbauwerk hatte gegen Ende des Krieges noch einen Volltreffer abbekommen. „So richtig schön auf die Mütze“, sagte Onkel Hannes.

Es war eine der heimtückischen Panzerknackergranaten gewesen. Durch die Detonation war sogar ein Stück der Treppe im inneren weggesprengt worden. Aber das war Vergangenheit – das war ein Geschehen aus dem Leben der Alten.

Für die jungen Krieger im Viertel war der Koloß oft Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Endpunkt eines Beginnens. Je nach dem, was gerade auf dem Plan stand. Eine besondere Funktion erfüllte er auch noch – er war der entscheidende Bewährungspunkt, wenn es darum ging, ein neues Mitglied in den Kreis aufzunehmen.

 

Bevor der Stammesrat Ja zum Aufnahmebegehren sagte, musste der „Neue“ in den Bunker. ‘In den Bunker hieß’, mit einer weißen Fahne über die geborstene Treppe nach oben – bis unters Dach. Wenn die weiße Fahne in einem der oberen Lüftungsschächte erschien, dann gehörte der Fahnenträger zum Stamm. Und nur dann.

 

Diese weiße Fahne – und das Geschehen darum herum – war einigen verknöcherten Alten in der Umgebung schon lange ein Dorn im Auge, den man neutralisieren musste. Unbedingt.

Eines schönen – oder für die Jungen nicht so schönen – Tages waren alle Zugänge mit Kalksandsteinen zugemauert.

Verbaut.

Anstatt die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden, hatte man sie an so etwas Sinnloses verschwendet. Verstehe einer die Erwachsenen.

Es brach bei den Burschen eine Zeit des Nachdenkens – eine Zeit der verborgenen Tätigkeiten an.

Wieder einmal hatte der Knirps mit dem Dreirad die „zündende“ Idee.

Der Schießstand bekam seine tragende Rolle.

Die Truppe besaß schon enorme Vorräte an Kartuschen. Schöne blanke Messingkartuschen, die von den Kriegern nach jedem Übungsschießen, das auf dem Stand vonstatten ging, gesammelt wurden.

Sicherheitsvorkehrungen nach heutigen Maßstäben darf man sich nicht auf damals denken. Dann sagt man sofort: Unmöglich.

Auch die Güte der Munition war eine andere in dieser Neustartzeit. Es wurde mit allem geübt und geschossen, was sich noch in Depots und Waffenkammern befand.

Darunter befanden sich natürlich auch viele Nichtzünder – „Blindgänger“, wie Onkel Hannes sagte.

Es machte sich von den Probanden niemand die Mühe, sie wegzuräumen. Wozu auch. Sie waren ja nur ein Teilchen von vielen anderen ebensolchen Überbleibseln aus einer unseligen Zeit.

Nicht so für die Nachgeborenen.

Es erstand eine alte Kultur neu. Ersinnen, erfinden, testen – das alles wiederholte sich. Wie immer im Leben, wenn etwas anderes entsteht.

Die ‚Blindgänger’ unter den Patronen wurden ausgeschlachtet, und einem dienlichen Zweck zugeführt – es wurde getestet und immer wieder getestet. Es geschah alles auf den Erfolg gerichtet und unter strengster Geheimhaltung.

Was da ‚geheimgehalten’ wurde, das schielte nur manchmal unter der Decke hervor, wenn irgendwo in einem der Gärten eine verbeulte Konservendose landete, als Beweis einer gelungenen Übung.

Kleine Schwarzpulverhäufchen unter einer umgestülpten Konservendose, als Lunte einen Baumwollfaden – sorgfältig aus einem von Mutters Feudeln herausgelöst – und angezündet. Das war das ganze Geheimnis. Einfach zu lösen – was war daran schon geheimnisvolles. Onkel Hannes hatte nämlich mal etwas von ‚Schießbaumwolle’ erzählt.

 Nachdem genügend Erbsendosen den Luftraum im Viertel durchflogen hatten, war die Testreihe beendet.

Jetzt galt es den Ernstfall anzugehen. Nichteinmal „Sprenglöcher“ mussten sie bohren – die waren schon in der Steinbäckerei in die Kalksandsteine eingebaut worden. Von der Ziegelei mitgeliefert sozusagen.

Eine Sauarbeit war das Ganze aber doch. Sieben Feudel mußten sorgsam „aufgeribbelt“ werden, bevor genug Lunte zur Verfügung stand.

Dirk hatte mal wieder das Schicksal ereilt. Seine Mutter hatte ihn beim zweiten Feudel zerlegen erwischt, und ihm den nassen Lappen gehörig um die Ohren gehauen.

Feudel zerstören – das war ja schlimmer als Sabotage beim Kommiss. Die anschließende Woche Stubenarrest hat ihn denn um die Früchte seiner Agententätigkeit gebracht – er konnte die große Sprengaktion, mit der seine Kumpels den Bunker von seinen Fesseln befreiten, nicht miterleben. Ein zweites Mal haben ihre Gegner dann nicht versucht, den Stammsitz zuzumauern.

Das Zielgebiet eines versteckten Kampfeinsatzes war wieder einmal – wie eigentlich so häufig – das Gelände des Reitvereins. Klassenkampf pur war wohl der tiefere Grund für diese ständigen Feldzüge. Was hatten diese hochnäsigen, eingebildeten und doofen Bessereleutekinder auch in ihrem Viertel zu suchen.

Die sollten mit ihren Ackergäulen doch im Villenviertel rumklabastern. Da, wo ihre Erzeuger auch ihre schicken Benzinkutschen im Stall stehen hatten.

Die hatten sich in der rechtlosen Zeit mit ihren Mähren einfach auf angeblich verlassenem Gelände häuslich niedergelassen.

Von wegen verlassenes Gelände – wertvolle Jagdgründe waren dem Stamm damit einfach geraubt worden.

Die müden Alten des Stammes hatten der Landnahme der Fremden widerstandslos zugeschaut – und das schmerzte die jungen Krieger.

So etwas schrie in den Kriegerköpfen doch förmlich nach Rache.

Man musste sich mit seiner Truppe ja leider notgedrungen bescheiden. Zum großen Krieg reichten die Kräfte nicht – aber die Eindringlinge unaufhörlich mit kleinen Stichen piesacken – das konnte man schon. Und immer war der Knirps mit dem Dreirad irgendwie vorneweg. Auch wenn er schon lange kein Dreirad mehr fuhr.

 Die Reitanlage bewachte ein schrecklicher Mensch, dessen Halbglatze und Hakennase in makellos gewichsten Stiefeln steckten.

Zwischen Geierkopf und Stiefeln fuchtelte er unaufhörlich mit einer Peitsche in der Luft herum.

So ausstaffiert ging er auch wohl schlafen, denn keiner hatte ihn je anders gesehen. Na ja, den jungen Kriegern fehlte ja auch die Gelegenheit, ihn beim Zubettgehen zu beobachten.

Beobachten konnten sie allerdings seine täglichen Gänge zum Häuschen mit Herz. Häuschen mit Herz klingt lieblich – höre ich jemand sagen. Nicht so lieblich klangen die Töne, die durch die dünnen Bretterwände nach draußen schwebten, wenn der gestiefelte Kater – so nannten ihn die Burschen unter sich – seine Notdurft verrichtete, wenn sein blanker Achtersteven das Loch in dem Brett über der Grube ausfüllte.

Es klang oftmals so, als wäre ein hungriger Wolf hinter einer schnatternden Gans her. Er litt nämlich unter „Verstopfung“, der Gute. Seitdem ein Granatsplitter im letzten Kriegsjahr ihn liebevoll am Hintern gestreichelt hatte, konnte er die unverdaulichen Reste seiner Nahrung nur sehr schwer wieder loswerden.

Onkel Hannes hatte es in seiner sonntäglichen Skatrunde mal auf den Punkt gebracht:

„Diederk – dien Mors hett in Frankriek een Schokk kräägen. Du muttst hüm moal düchdich verfäär’n – dat helpt meesttieds.“ (Diederk, dein Hintern hat in Frankreich einen Schock bekommen – Du mußt ihnn mal tüchtig erschrecken, das hilft zumeist.)

 Der Knirps auf dem Dreirad nahm diese gehörte Feststellung seines Onkels mit nach draußen – in den Kriegsrat der mutigen Krieger.

Beim nächsten Palaver fanden sie „die“ Lösung, um dem geplagten gestiefelten Kater in seiner „Not“ zu helfen.

 Am folgenden Tag – einem Sonntag – wartete ein kleiner Stoßtrupp darauf, dass der vom Schock „Gepeinigte“ das stille Örtchen am Rande des Hofes aufsuchte. Kaum dass er darin verschwunden war, schlichen die Burschen zur Rückseite – zum Deckel der Lokusgrube. Eine Bierflasche mit Schnappverschluß mit einem Bröckchen Karbid und ein wenig Wasser präpariert, und hinein in die Jauche – und alle Mann mit Karacho in Deckung.

Sie schafften es noch gerade, das letzte Hosenbein zu verstecken, als es auch schon rummste.

Der Donner hatte es sich noch nicht mal im Hof bequem machen können, da flitzte der gestiefelte Kater auch schon mit heruntergelassenen Hosen, und von unten bis oben mit dem Inhalt der Grube bekleckert, durch das Gelände.

Und der Knirps auf dem Dreirad konnte sich eine neue Feder in seinen Häuptlingsschmuck stecken.

 Das nächste Stückchen Straße auf dem Weg in das Erwachsen-werden bescherte keinem der Krieger eine Siegesfeder – was die Truppe sich auf diesem Marsch einhandelte, war wohl eher als das Gegenteil von Kampfesehren anzusehen.

An der inneren Deichseite gab es doch tatsächlich eine große, freie, grüne Fläche. Keine Trümmer, keine verlassenen Flakstände, keine heimtückischen Einmannerdbunker waren auszumachen – nur fette Gräser und verschwenderisch blühende Pferdeblumen – auch Löwenzahn oder Pusteblume genannt, tummelten sich auf der Weide. Der Krieg war wohl zu kurz gewesen, sonst hätten die Kriegsherren dieses Fleckchen Erde auch ganz bestimmt noch mit „kriegswichtigen“ Bauten bestückt. Es schien dazuliegen, wie ein vergessenes Land – oder wie eine Paradewiese mit einem Denkmal in der Mitte. Ja, genau – ein Denkmal. Das sagte nämlich einer von der Truppe in die schläfrig am Deich vor sich hindösenden Runde.

„Denk mal einer sich was aus, womit wir die „Kuh“ da vorne ’n büschen ärgern können.“

Es war nämlich so etwas wie „saure Gurkenzeit“ im Grodenviertel. Die Schule machte Sommerpause, und das schon seit einigen Wochen. Seit einer Woche schon waren sie nicht mehr auf dem „Kriegspfad“ gewesen. Da rosteten ja die Gelenke langsam ein. Das heißt, in den vergangenen Tagen hatte kein Erwachsener im Viertel einen Grund gesehen, über die „Gören“ Klage zu führen.

Die ‚Kuh’ da vorne war die einzige Erhebung in dem weiten Rund. Wenn jeder im Kreise gewusst hätte, was für eine ‚Kuh’ sie sich da anschickten zu ärgern – auweia.

 „Guckt mal, was die Kuh für ein komisches Euter hat“ – Benno war ganz verwirrt, und voller Zweifel. Die Kühe bei seinem Patenonkel auf dem Hof sahen zwar ringsrum genauso aus – die hatten aber ganz andere Euter – viel größere, und mit langen Fingern dran, aus denen Milch spritzte, wenn Tante Ella an ihnen zog. Bei dieser ‚Kuh’ hing das Euter zwischen den kräftigen Hinterbeinen. „Lütter ist es auch – und Finger zum melken sind auch nicht zu sehen“ – meinte Benno noch zaghaft.

Das wusste Dirk zu erklären. Dirk hatte zu Hause ein Dreimädelhaus – seine drei Schwestern bestimmten seinen häuslichen Lebensrhythmus.

„Weißte dat denn nich? Beie Kühe is dat wie beie Mädchens – die einen haben große Titis, die anneren kleine – bei welche sindse hoch, und bei mansche hängen se tiefer. Weiß ich von meine Schwestern. Laß uns doch mal gucken, wie die Kuh da durche Gegend wackelt, wenn wir ihr einen an ihr Euter verpuln.“

 Und das Unheil nahm seinen Lauf.

 Die langen,, schlanken Zweige, der über die Nachkriegsjahre wild und hoch gewucherten roten Haselnußsträucher am nahen Wallgraben, drängten sich den Burschen förmlich auf.

Eine Haselnußrute als ellenlanger Peitschenstiel – das war die Lösung. Damit konnte man der Kuh ein wenig das Euter kitzeln.

Gedacht, getan. Der kleine Knirps mit dem Dreirad, der seinen Hintern schon lange nicht mehr auf einem Dreirad durch das Grodenviertel bewegte – konnte geschickt mit dem Schnitzmesser hantieren.

Das Handwerk hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm beigebracht, als er mal wieder eine neue Pfeife brauchte. Es war eine Marotte von Onkel Hannes, seinen selbst angebauten Knaster auch nur in kleinen, selbstgeschnitzten Pfeifen zu schmöken.

Einen langen, biegsamen Trieb zu einer Schleuder, mit einer Schlinge am Ende, zurechtzubiegen war eine Sache von Minuten – das ranpirschen an die ‚Kuh’ das dauerte schon etwas länger. Die Gute sollte ja nicht verscheucht werden, bevor man einen ‚Treffer’ gelandet hatte.

Der Stoßtrupp war endlich ganz dicht dran – die ‚Kuh’ hatte sich nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Der Richtschütze betätigt den Auslöser, und im gleichen Moment schreit Benno, der auf dem Bauch hinter der Kuh liegt: „Mönsch Meier – die Kuh ischa ’n Ochse!“

 

Die Erkenntnis kam ihm leider zu spät. Das Werk war schon vollbracht, und der ‚Ochse’, der auch noch ein Bulle war, hatte schon leichtfüßig auf der Hinterhand kehrtgemacht, und war losgesaust.

Wer noch wie von der Tarantel gestochen lossauste, das war das Häuflein Krieger.

Die Flucht ging quer durch die Geographie – die Zäune, die sie mühsam überspringen mussten, nahm der wütende Bulle einfach mit. Und dann kam die Rettung – bis zum Hals standen sie in einer grünbraunen stinkenden Masse.

Der breite, tiefe Gubbelschlot, um den sie sonst immer einen respektvollen Bogen schlugen, erschien ihnen plötzlich wie das Himmelreich. Auf der anderen, der sicheren Seite, wieder auf irdischen Boden zurück, schauten sie aber wahrlich nicht wie Engel aus. Es war eher ein stummes, geschlagenes Heer nach verlorener Schlacht. So ähnlich wohl wie die Franzosen unter Napoleon dunnemals vor Moskau.

Fahrbare Untersätze standen bei dem kleinen Knirps von der Stunde der ersten Gehversuche an als Leitstern über seinem Weg.

Noch keine fünf Jahre auf dem Buckel, war er schon immer erster ‚Mann’ an der Spritze, wenn Papa etwas am Automobil – wie Autos damals noch genannt wurden – zu reparieren hatte.

Die schmerzhaften Erfahrungen, die er dabei häufig machte, haben ihn nie davon abgehalten, dabeizubleiben.

So zum Beispiel Wintertags in seinen kleinen Händen festgefrorene Schraubenschlüssel, die gnadenlos ein Stück Haut mitnahmen, wenn Papa ihn davon befreite. Oder die nicht gerade zimperlich von der Mutter durchgeführten Reinigungsprozeduren – nach seiner Beteiligung am Ölwechsel oder Schmiernippelfetten.

Eines Tages kam auch sein Verhältnis zu den fahrbaren Untersätzen in die Pubertät. Es musste plötzlich etwas ‚handfesteres’ als Dreirad und Fahrrad her.

Zum persönlichen Gebrauch, versteht sich.

Der liebe Gott, oder sonst irgendwer, sorgte dafür, dass eine NSU-Quickly seinen Weg kreuzte, und sich in der heimischen Garage häuslich niederließ.

Wie schon gesagt: es war ein Geschenk des Himmels, an dem es viel zu werkeln gab. Es bot sich ihm die Gelegenheit, all das auszuprobieren, was er bis dahin gelernt hatte – und das war wahrlich nicht wenig.

Er schraubte hier – er feilte da ein wenig – er polierte dort – und mit jedem Tun wurde die silbergrüne Quickly ein wenig leichter und einen Tick schneller.

Es war, als wenn dem Mopedbackfisch aus Neckarsulm Flügel wuchsen. Kleine stummelige Ansätze zwar erst – aber immerhin. Nach jeder Probefahrt fand einer der jungen Krieger, denen jetzt schon der Schein eines Bartes wuchs, noch einen Kniff zur Verbesserung.

Jede durchgeführte Änderung wurde natürlich auf Herz und Nieren getestet. Der Heppenser Groden mit seinen weiten Flächen bot sich ja förmlich als Teststrecke an, zumal Bauer Lüken das hohe Gras schon fein säuberlich gemäht und in großen Reutern zusammengekarrt, zum trocknen aufgestellt hatte.

Mit dem Titel ‚überwältigend’ wagte aber keiner die Verbesserungsergebnisse zu benennen. Es war eher so ein Klein-klein. Onkel Hannes, der alte Seebär, der das werkeln seiner ‚Schützlinge’ – wie er die Burschen schon mal bei sich bezeichnete, aufmerksam verfolgte, brachte mit einem ‚genialen’ Dreh Bewegung in die ziemlich festgefahrene Quicklygeschichte.

„Das Ding muß richtig gepfeffert und gesalzen werden – was ihm oben in den Tank reingeschüttet wird, muß ihm am Hintern brennen wie bei euch der Achtersteven, wenn eure Currywurst mit zuviel Tabasco gewürzt ist. Füttert sie man mal mit Methylalkohol – dat helpt.“

Damit hatte Onkel Hannes die Krieger mit einem Hupps mitten in ein böhmisches Dorf gesetzt.

Methylalkohol – wat is dat denn? Hörte man sich in der Runde wiederholen.

Nur der Knirps mit dem Dreirad wußte um dieses Zaubermittel. Er hatte ja aufgepasst, wenn Onkel Hannes und Papa schwärmerisch von ihrem Zaubertrank, ihrem Feuerwasser, ihrer Freude der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählten.

Apothekenalkohol war nämlich die Grundlage ihrer Höhenflüge in den trüben Tagen gewesen – allerdings ohne Methylzusatz.

Also, was blieb zu tun?

Den Hut rumgehen lassen, und Pinunsen sammeln, das war nur eine Sache von Minuten. In die nächste Apotheke rein, und dieses ‚Wundermittel’ kaufen, das dauerte auch nicht länger. Gleich darauf kam auf dem abgemähten Grasland von Bauer Lüken der große Augenblick.

Der Knirps mit dem Dreirad – inzwischen war er zum Häuptling aufgestiegen – hätte liebend gerne die ‚Premierenfahrt’ persönlich gemacht – weil es aber jedem der Krieger danach dürstete, ließ man den großen Manitou entscheiden.

Das Los fiel auf Johannes – der aufmerksame Leser kann sich erinnern: Johannes, das Schlusslicht der jungen Jahre.

Herrgott – was war der glücklich in seiner Haut.

Wie ein blitzender Engel stand die Quickly am Rande der Stoppelwüste. Aufgetankt – aufgesessen – Motor angeschmissen – und Start! Generalstabsmäßig lief alles ab. Man sah förmlich die Erfahrung in Kriegsdingen durch die Sommerluft laufen.

 

Furios zog die kleine Mopeddame los. Die kaum wahrnehmbaren Stummelflügel, zu der die Künste der Burschen ihr schon verholfen hatten, wurden plötzlich zu ausgewachsenen Engelsschwingen – das Gefährt flog buchstäblich über die Steppe. Johannes vermochte nicht mehr zu lenken, er konnte nicht mehr bremsen – er durfte nur noch mitfliegen.

Da dem Quicklyengel vor lauter Flugfreude schier die Augen tränten, sah er nicht den großen Heureuter von Bauer L. in der Flugbahn stehen. Mitten hindurch ging die Passage- und endete etliche Luftmeter weiter mit einer blamablen Bruchlandung in dem großen Misthaufen, den Bauer Lüken schon zur Düngung seiner Felder von den Höfen der Umgebung zusammengekarrt hatte.

Es war wohl immer noch Johannes sein Schicksal, als letzter zu enden. ©ee 

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Zimmer elf. Augenblicke…

Sie hetzen die Zeit durch regennasse Strassen, nur das Rauschen klebt an der Türklinke von Zimmer 11.

Hier atmen verlegen die Stunden kippen in graublau Lichtbündel durch das hohe Fenster, die sich tanzend in stummen Bücherregalen verfangen bis sie ermüdend, breitbeinig – als Schatten – auf meiner Bettdecke landen. Sie hatte diesen Punkt geklebt unsichtbar, haltbar.

Dort wo der Stukk als Blütenrandrose in die Decke sich einband um kichernd sich in zarten Wölbungen wieder aufzuwerfen. Fast trotzig dann, in gelbgewunden. Augenmüde Beobachtung und harren , wortloses verstehen.

Da saß sie bewegungslos erstarrt von meinem Bestaunen. Im unbeobachteten Moment dieses zarte drehen einer Schlittschuhläuferin – sekundenatmend .

Dann schleuderte sie wie ein Band den seidigen Faden hinter sich – wölbte ihren Bauch wie eine Schwangere und tanzte auf dem dünnen Seil

in atemloser Schönheit. © Chr.v.M.

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Ein bißchen katzenverrückt …

 

Monika und Werner – ein bißchen katzenverrückt darf man wohl sagen. denn wenn sie nicht inmitten eines großen Haufens hoher Backsteinhäuser wohnen würden, dann hätten sie sicher ein Katzenparadies. So aber haben sie bloß eines dieser Herrgottstiere mit grünen Augen – den schwarz-weißen Meikel.

Irgendwo – auf Werners Reisen – ist Meikel, damals hatte er noch keinen Namen, ihm zugefallen.

Einfach war’s sicherlich nicht, die grünen Augen mit Haut und Knochen – denn das war er gerade noch – davon zu überzeugen, daß es auch Menschen mit Herz und Seele gibt.

Es ist den beiden gelungen, und Meikel – so haben sie ihn genannt – hat langsam das Regiment im Haus übernommen.

Bemerkt haben Monika und Werner das gar nicht so recht – oder wollten sie es vielleicht nicht? Die Drei sind eine richtig kleine Familie geworden.

Meikel zeigt wo es lang geht – und seine Menschen laufen den Weg mit.

Nirgends steht es so geschrieben – aber gewiß ist es so – oder so ähnlich. Einer muß ja schließlich der Chef im Hause sein. Wie auf einem Schiff – da gibt es auch bloß einen Kapitän.

Nun kriecht der Tag, an dem Monika und Werner verreisen wollen, immer ein bißchen näher. Meikel muß das Haus hüten – nein, nicht allein – ’ne Haushälterin steht im zur Seite. So wie sich das für einen Chef gehört.

Seit Tagen wartet er auf den Zeitpunkt der Abreise.

Heute ist es soweit – der Tag ist gekommen. Gemeinsames Frühstück, die morgendlichen Streicheleinheiten – und noch ein paar mehr – hat er schon eingeheimst.

Die letzten Kleinigkeiten werden in der Küche zusammengepackt – das Auto steht draußen auf dem Hof parat. Gleich soll es losgeh’n.

Und dann führt das Schicksal Regie.

Meikel streicht durch die Küche – um die Beine seiner Menschen herum, um auf Katzenart Adschüß zu sagen – und fällt wie vom Blitz getroffen auf die Seite.

Der schreckliche erste Eindruck – Meikel ist gelähmt. Er liegt auf dem Küchenfußboden – ist scheinbar unfähig sich zu rühren – nur eine Vorderpfote hebt er zögernd an. Es ist wie ein letztes Hallelujah.

Nichts ist mit der Abreise in den Urlaub – Hilfe für Meikel muß daher. Der Telefondraht quer durch alle Notdienste läuft heiß, bis endlich eine Tierärztin erreicht wird, die ansprechbar ist. Es ist ja schließlich Sonntagmorgen.

Zwei Notfall-Operationen stehen bei ihr noch an – für elf Uhr wird der Fall Meikel eingetragen. Die Ambulanz wird informiert. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Man sieht in der Küche von Oelrichs zwei der Fügung ergebene Gesichter am noch nicht abgeräumten Küchentisch hocken.

Wie es Mannsbildern so eigen ist, fällt Werner zuerst das praktische ein.

”Monika, das Auto steht auf dem Hof im Wege – fahr es man eben auf die Strasse – wer weiß denn schon was noch wird.“

Während Werner sich mit verdrehten Gefühlen wieder am Küchentisch niederlässt, langt Monika sich die Schlüssel vom Brett und saust nach unten, um im Hof die Ordnung wieder herzustellen.

Kaum erklingt von draußen das erste Brumm-brumm, springt der gelähmte Meikel mit einem meisterlichen Satz auf den Küchentisch und schaut dem verstörten Werner glückstrahlend ins Gesicht.

Was Werner in dem Moment gedacht hat, das hat er nicht verraten, aber wer auch geneigt ist, etwas anderes zu denken, eine Ähnlichkeit mit biblischen Geschichten ist wohl rein zufällig.©ee

 

ewaldeden

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Staates Moral …

oder Bullenbeißers Geheimdienst

 

Die deutschen Regierungen, seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart, hatten und haben ausnahmslos alle eines gemeinsam – nämlich ein irreales, oder treffender ein arg gestörtes Wahrnehmungsvermögen, was die Absichten, das Verhalten und die Ziele der US-amerikanischen Regierungen betraf und betrifft.

Anfangs beruhte das Anlehnungs- oder auch Unterordnungsbedürfnis auf der persönlichen Biografie der einzelnen Politiker der bundesdeutschen Szene. Auf der einen Seite aus der eigenen NS-Vergangenheit heraus, auf der anderen Seite aus einem entstandenem Missverhältnis oder Zerwürfnis mit ehemals Gleichgesinnten der Weltmacht auf der kommunistischen Seite entsprungen.

In den Kinderjahren der neu entstehenden Bundesrepublik waren den „schwarzen“ Regierenden hier die Bestimmer aus dem Weißen Haus ein willkommener Deckmantel ihrer eigenen anrüchigen Drittenreichsvergangenheit, den „roten“ Regierenden im westlichen Deutschland dagegen ein probates Mittel, um sich an den abtrünnigen Genossen der arbeiterparteilichen Vorgeschichte zu rächen.

Und durch die persönliche Macht Profit erlangen, das wollten sie natürlich alle. Da gab es in der Tat unter deutschen Nachkriegspolitikern nur sehr wenige rühmliche Ausnahmen.

Für die nicht mehr in der persönlichen Vergangenheit gefangene Nachfolgegeneration der führenden Köpfe der Parteien war es doch nur zu leicht, zu verführerisch und zu lohnend, einfach in die ausgetretenen Trittsiegel ihrer Vorgänger hineinzustapfen, selbst wenn diese überwiegend für sie viel zu groß und ausgelatscht geraten waren.

Der Freundschaftskult mit den Pinkertonerben in der neuen Welt wurde, ohne auch nur im Ansatz darüber nachzudenken, übernommen, weiter gepflegt und weiter entwickelt, weil ja die Kassen so schön klingelten.

Es mag in Europa, in Deutschland einiges gesellschaftliche und politische Tun anders sein oder gewichtet werden, als im Lande des finanziellen Raubrittertums der Sachsens und Goldmans – in einem wesentlichen Verhalten gleichen die bundesdeutschen Neu- und Altpolitiker den US-amerikanischen Drahtziehern jedoch wie ein Ei dem anderen – beiden Gruppierungen ist das Wohl sowohl des eigenen wie auch des oder der anderen Völker auf dem Erdball völlig schnuppe. Für sie alle zählt ausnahmslos nur das eigene Ego.

Zum im politischen Sprachgebrauch geradezu überstrapazierten Begriff der Freundschaft noch ein paar erklärende Worte.

Einem Freund zeigt man sich auch schon mal ungeniert nackend – bei einem Freund, da stört auch nicht die etwa vorhandene Warze am Po, oder ein Silberblick. Ein Freund nutzt auch niemals irgendeine Schwäche eines Freundes zu seinem Vorteil.

So unbeschwert und unbedenklich sollte aber keine deutsche Regierung einer US-amerikanischen Administration begegnen, denn ein solches Freundschaftsverhalten, einen solchen Freundschaftscodex kennt man in den Machtzentralen am Potomac-River jenseits des Atlantiks nicht. Da kennt man nur sich selber und die unkontrollierte Machtgier.der Apparate und der sie leitenden Geister. Wer als Politiker ein solches stets bedenkt und dabei auch seine eigenen Unzulänglichkeiten nicht aus den Augen verliert, der wird sich hüten, jemals vor einem Vertreter einer anderen Staatsmacht auch nur ansatzweise seine Hose herunterzulassen. In Erinnerung der de Gaulle’schen Worte, dass Staaten keine Freundschaften kennen, sondern nur ihre eigenen Interessen wahren und vertreten, sollte ganz klar sein, dass es unter Politikern keine Freunde gibt, selbst dann nicht, wenn man auf oberster Ebene schon beim vertrauten Du gelandet ist..

ewaldeden2013-10-30

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Zu Besuch in der Realität

 Ich stand vor einem der stählernen Bankbeamten in der Kassenhalle eines Geldinstitutes und lauschte auf das Klickern im Inneren des seelenlosen Kundendienstlers, der mir so das Drucken meiner Kontoauszüge anzeigte. Ich musste mich notgedrungen einmal wieder näher mit den roten Zahlen auf den Papierchen befassen. Meine Kontrollauszüge lasse ich stets von dem schweigsamen und ausdruckslosen Gegenüber ausfertigen – der schaut mich nicht so arrogant tadelnd von oben herab, oder so bedauernd mitleidig lächelnd von unten herauf an, wenn es wieder einmal schön rot auf den Fähnchen leuchtet.

Urplötzlich riss mich der belustigte Ton einer rasiermesserscharfen Stimme aus meinen sinnigen Betrachtungen. Es war ein Ton, den zu hören ich liebe, wie wenn jemand versucht, mir eine Kette aus Stacheldraht um den Hals zu legen.

Er kam von schräg vor mir.

„Hallooooooooo … wo sind wir denn hier“ fragte großäugig und spitzohrig UND ziemlich laut amüsiert ein Bankmensch am Nachbarschalter einen Kunden, der klein und wie zerbrochen in Begleitung einer schwangeren jungen Frau, vor ihm an der, vom Modedesigner Bugozzoni, nach dem neuesten Trend für Geldinstitutseinrichtungen gestalteten Barriere stand. Ein gediegenes, blank poliertes und in das Exotenholz eingelassene Messingschild (oder war es aus Gold?) wies die Besucher dezent darauf hin.

Wo wir uns befanden, das wussten alle in der feudalen Halle des Geldinstitutes Anwesenden – die Kunden wie die Mitarbeiter.

Worum es zwischen den beiden Personen, oder besser den Dreien, dort am Tresen ging – DAS erfuhren alle die, die sich in Hörweite der Szene befanden, auch unverzüglich. Ob sie es nun wollten oder nicht. Daten- und Persönlichkeitsschutz schien dieser taillierte Krawattenschniegel in Diensten der Bank für etwas zu halten, das nur Kunden ab einer bestimmten Guthabenhöhe zustehen würde.

Die junge Frau an der Seite des Mannes war seine Tochter – das erfuhr auch jeder von dem „freundlichen“ Kundenberater, auch ungeachtet dessen, ob er es wissen wollte oder nicht.

 Es ging um etwas für die meisten der Umstehenden sicherlich ganz banales, für Vater und Tochter aber sichtbar wichtiges Anliegen.

Die Tochter war wegen eines Kleinkredites in die Bank gekommen, um die, für die zu erwartende Mutterschaft notwendigen, Anschaffungen tätigen zu können. Sie bat verzweifelt um eine äußerst bescheidene Summe, um die Anforderungen bewältigen zu können.

Dass man andere Menschen bitten sollte, wenn man von ihnen etwas erwartet oder erhofft, dass hatten die Eltern der schüchternen jungen Frau ihr schon Zuhause, und die Lehrer ihr bestimmt schon in der Schule beigebracht – dass man Bankmenschen erst flehentlich und mit Überbordschmeißen der eigenen Würde auf Knien um etwas bitten muß, bevor man vielleicht bei ihnen Gehör findet, da war das Leben gerade dabei, es sie zu lehren. Gehör hatte sie denn ja gefunden – das bankige Schlitzohr stand ja vor ihr – aber auch postwendend von eben diesem eine kalte Abfuhr kassiert.

Sie hatte schon einen Minimalkredit in der Tilgung, der aber in den letzten Zügen lag. Ein Auto, einen gebrauchten Kleinwagen hatte sie sich vor 2 Jahren zulegen müssen, um nach längerer Arbeitslosigkeit eine Arbeitsstelle im 20 Kilometer entfernten Nachbarort antreten zu können. DAS war der casus cnactus – die ihr durch den zusätzlichen Kredit drohende Überschuldung, wie ihr vorgehalten wurde.

Der Vater in ihrem Rücken bot der Bank seine Bürgschaft an, die sein Gegenüber, der ‚dipl. Betriebswirt’, wie es auf dem Brustschildchen zu lesen stand, mit dem lapidaren Hinweis, dass er, der Vater ja selber Schulden habe, und außerdem der Bank keine ausreichenden Sicherheiten bieten könne, unbehandelt ad acta legte.

Irgendwie hatten die Beiden da schräg vor mir schlechte Karten – und irgendwo hatte der Bankmensch ja nicht so ganz Unrecht mit dem, WAS er von sich gab, in punkto Soll und Haben oder Schuld und Bürgschaft – nur WIE und mit welchen Begleitworten er es sagte, dafür allein hätte ich ihn lebenslang aus dem Verkehr gezogen.

 

Verschuldet – UND zugleich für andere Bürge sein, DAS geht nicht …

das habe ich zumindest geglaubt, bis mich die Realität lehrte, dass dieser Grundsatz in unserem Lande nur für arme Schlucker gilt, nicht aber für die Oberschicht und für den Staat selber. Wobei der „Staat“ immer so etwas Anonymes ist, in dessen Namen sich JEDE Schurkerei ungestraft vollbringen läßt. An Beispielen in neuerer und mittelalter Geschichte mangelt es ja beileibe nicht. Da braucht man ja gar nicht bis nach Pilatus zurückschauen.

Die Verfehlungen von Koch, Kohl, Kiep, Lambsdorf, Schäuble und anderer Größen im Zuge so mancher Spenden- und Schmiergeldaffäre hat die Gesamtheit des Volkes immer wegstecken und verkraften können – nur DAS, was da jetzt im Zuge der europäischen Bankensanierung mit Zustimmung der Volksvertreter abgeht, DAS ist nicht mehr nur einfach wegzustecken – DAS kann auch nicht mehr verkraftet werden, nicht von der gegenwärtigen und nicht von den nachfolgenden Generationen der deutschen Bevölkerung. Unsere Kinder, Enkel und Urenkel werden verkaufte Generationen sein – von ihnen verhökerte, verschacherte, verratene Generationen sein, meine Damen und Herren „Volksvertreter“. Wenn das Verschludern deutschen Vermögens nicht gestoppt, nicht verhindert wird, dann werden die Parlamentarier der Jetztzeit in den Geschichtsbüchern von Morgen als des Volkes Verräter benannt werden. Und jetzt frage ich öffentlich, wie kann und wie darf jemand – ganz gleich ob Person, Institution oder Körperschaft – der schon mit zu mindestens 80% seines (fiktiven) Vermögens verschuldet ist solche immens hohen Bürgschaften zugunsten teils hochkrimineller Institutionen eingehen?

 

Es kann keiner – es DARF keiner tun – wer es in unserem Lande macht, ganz gleich ob als Privatperson oder als Klein- bzw. Mittelstandsunternehmer, der landet unweigerlich wegen Betruges, wegen eines Verbrechens, vor dem Kadi und wird entsprechend bestraft werden.

Zu recht, sollte man sagen – nur warum gilt dieses Recht nicht für diejenigen, die ein solches Recht, eine solche Ordnung, in unserem Staate etabliert haben – für die Regierenden und die Volksvertreter in den Parlamenten? Meine Damen und Herren Abgeordnete, meine Damen und Herren Regierende – kommen sie zur Besinnung, bevor man sie künftig Volksverräter nennen wird und nennen darf.©ee

 ewaldeden

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Maryla …

Maryla nimmt ihre Beine in die Hand – die nackten Füße berühren kaum das Strassenpflaster, so schnell läuft sie. Sie spürt nicht die Kälte, und nicht die schartigen Steine auf dem unbefestigten Weg, der sich, von der vielbefahrenen Hauptstrasse weg, einige hundert Meter wie eine Schlange, den Berg hinunterwindet.

Sie hört nicht, wie Kecko, die Elster, enttäuscht hinter ihr herkreckert. Sie ist laut enttäuscht, weil Maryla ihr keine Brotkanten auf den alten, morschen Baumstumpf gelegt hat. So wie sie es gewohnt ist, wenn Maryla nachmittags von der Schule aus heimwärts geht.

Es gibt keine Brotkanten heute, es bleibt nur beim streicheln des geneigten Köpfchens. Die Brotkanten hat Maryla vor Hunger selber geknabbert, als sie der Musik lauschte – als sie den Mädchen an der Stange vor den blitzenden Spiegeln, durchs Fenster von draussen, zuschaute. Als sie den seidigen Schmuck des Vogels berührt, wünscht Maryla sich auch ein Federkleid, um einfach weit wegfliegen zu können.

In Marylas Kopf schwirrt alles durcheinander. Obendrauf ist die schrille Stimme ihrer Tante – die immer laut zetert, und ihr mit Schlägen droht, wenn sie zu spät nach Hause kommt. Das Gekreische hört sie schon von weitem durch die Luft zittern.

Es ist der Stundenschlag der Turmuhr von Sankt Peter – die immer ein wenig heiser scheppert, als wenn sie erkältet wäre.

Es ist die Musik aus dem alten Fachwerkhaus am Marktplatz, neben der Kirche, vor dem sie nach der Schule häufig stehen bleibt und gebannt lauscht, und es ist die dunkle, warme  Stimme, die plötzlich hinter ihr aufklang und die sie fragte, ob sie nicht Lust hätte auch so zu tanzen wie die Mädchen da drinnen.

In dem alten Haus am Markt hat sich nämlich vor etlichen Wochen eine Ballettschule häuslich eingerichtet.

Ohne sich noch einmal nach der dunklen, warmen Stimme umzuschauen, ist sie verschreckt weggerannt. Ihr Herz schlägt mit wildem Pochen bis hoch in den Hals.

Wie  gerne möchte sie tanzen – so wie Mamuschka es mit ihr zu Hause immer geübt hat. Zuhause – das ist aber lange her. Es scheint ihr schon fast eine Ewigkeit zu sein. Dabei sind erst zwei Jahre vergangen, seitdem man sie von daheim fortgezerrt hat. Seit zwei Jahren lebt Maryla in einer anderen Welt. In einer Welt ohne Freude, in einer Welt voller Schläge, in einer Welt mit harter Arbeit, und in einer Welt mit nur wenig zu essen.

Maryla denkt oft mit Sehnsucht an ihr schönes Zimmer, mit dem wolkigen runden Himmelbett in der Mitte, wenn sie abends in die Strohschütte über dem Schweinekoben kriecht. Sie schläft nämlich  lieber im Stall bei den Tieren, als bei Tante Tulja im Haus.

Die Tiere lassen sie reden – sie hören ihr zu, wenn sie ihnen von ihrer Mamuschka, und von Gilla, erzählt. Bei den Tieren muß sie keine Angst vor Strafe haben, wenn sie ihnen Bilder von den tanzenden Mädchen in der Ballettschule malt.

Im Haus von Tante Tulja muß sie jedes Mal schlafen, wenn Besuch da ist. Dann darf sie auch eines von den schönen Kleidern, und ein Paar von den Schuhen anziehen, die für sie im „Kinderzimmer“ in einem Schrank  aufbewahrt werden.

Ihre Mamuschka ist tot  – eine Bombe ist im Theater explodiert. Mitten in der Vorstellung, als Mama gerade auf der Bühne des Bolschoijtheaters tanzte. Terroristen hieß es, hätten den Sprengsatz gelegt. So hat sie es von den Erwachsenen aufgeschnappt, wenn die sich unterhielten.

Ihr hatte niemand gesagt, was im fernen Moskau mit ihrer Mamuschka geschehen war. Eines Morgens war nur eine grobschlächtige Frau, mit einem harten Gesicht, in ihrer schönen Wohnung am Newska Prospekt aufgetaucht. Zwei finster dreinschauende Männer in Uniform begleiteten sie.

Sie hatten zehn Minuten in der Küche laut mit Gilla, dem Haus-mädchen, gesprochen, und waren dann wieder gegangen.

Gilla war ihre Ersatzmama, wenn Mamuschka in der Welt herumreiste.

Ihre Mamuschka war mit dem Bolschoijballett viel unterwegs. Daheim, in Sankt Petersburg, tanzte sie nur sehr selten. Früher, da wäre es anders gewesen, hatte Gilla ihr einmal gesagt – früher, als Mamuschka noch mit dem Kirowballett tanzte. Aber das war, bevor Maryla zu ihrem Leben gehörte.

Gilla hatte ihr noch so vieles erzählt. Das meiste hatte Maryla noch nicht verstanden, und noch weniger davon hatte sie behalten.

Gilla hatte ganz rote, verweinte Augen, als sie Maryla erklärte, daß ihre Mamuschka nicht wieder nach Hause kommen würde – weil sie jetzt im Himmel sei, und dort mit den Engeln tanzen müsste. Sie würde aber trotzdem immer auf ihr kleines Töchterchen aufpassen.

Maryla hat auch an diesem Tage nicht alles verstanden. Warum zog ihre Mama plötzlich in den Himmel? Es war gut, daß Gilla da war. Den ganzen Nachmittag verbrachten die beiden dann in ihrem Lieblingseiscafé, sodaß Maryla nicht soviel an ihre Mamuschka denken musste.

Am nächsten Tag war die Frau mit dem harten Gesicht schon am  frühen Morgen wieder da, um sie abzuholen. Maryla hatte sich mit beiden Ärmchen, und mit all ihrer Kraft, an Gilla geklammert – sie wollte nicht, daß die fremde Frau sie mitnahm. Alles sträuben hatte ihr aber nicht geholfen.

„Du musst mit mir gehen, weil Du jetzt ein Waisenkind bist.“ Wohl zehnmal sagte die Frau mit dem harten Gesicht ihr diesen Satz. Da hörte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort Waisenkind.

Ein großes, schönes Haus mit ganz vielen Kindern würde auch auf sie warten. Es seien Kinder, die, wie sie auch, alle keine Eltern mehr hätten.

Man brachte sie noch am selben Tage aus der Stadt fort, weit aufs Land hinaus.

Acht andere Kinder hockten noch mit ihr gemeinsam in dem alten, klapprigen Kleintransporter auf den hölzernen Bänken, mit dem sie  stundenlang über holprige Strassen fuhren.

Keines von den Kindern sprach ein Wort – man hatte ihnen verboten, zu reden. Für jedes Wort von ihnen gab es einen Hieb mit der ledernen Peitsche. Wo man mit dem Leder hintraf, danach wurde nicht geschaut.

Nur die Augen der anderen Kinder versuchten ständig, ihr etwas ohne hörbare Laute zu sagen.

Unterwegs hielt der Fahrer zweimal kurz an. Sie mußten alle aussteigen, und im Gebüsch am Straßenrand Pipi machen.

Sie durften allerdings nur einzeln aussteigen. „Damit sich keiner von euch aus dem Staub macht – und ich es dann nachher ausbaden muß.“ So sagte es die rundliche, ständig schwitzende Frau, die neben dem Fahrer saß, und die ganze Zeit an irgendetwas Grauem strickte, wenn sie nicht gerade einen gehörigen Schluck aus der Wodkaflasche nahm, die sie auch dem schweigsamen Mann am Steuer von Zeit zu Zeit zulangte.

Für den Durst der Kinder stand eine rostige Kanne, mit trübem Wasser gefüllt, zwischen den Bänken. Sie mußten immer erst die brummelige Wärterin fragen, bevor sie aus der großen Schöpfkelle einen Schluck trinken durften.

Marylas Herz flatterte vor Angst. Sie fühlte sich unbehaglich in ihren schönen, neuen Kleidern, inmitten des übelriechenden Schmutzes um sie herum.

Die anderen Kinder trugen alle reichlich zerlumpte Sachen, die  schon lange nicht mehr gewaschen worden waren.

Sie hätte sich so gerne ein sauberes Kleidchen angezogen, aber sie hatte überhaupt nichts mit.

Sie durfte nur das mitnehmen, was sie auf dem Leibe trug. Ihre anderen Sachen würde man für sie verwahren, hatte die Frau mit dem harten Gesicht zu Gilla gesagt, als sie Maryla abholte. Am meisten aber vermißte sie die Ballettschuhe, die Mamuschka ihr zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt hatte.

Der Tag war schon dabei, seinen Schlafanzug anzuziehen, als das Auto, durch ein eisernes Tor in einer hohen Mauer, in einen weiträumigen Innenhof polterte. Auf dem rauhen Beton zwischen den Mauern spiegelten sich in zahllosen Pfützen die im Abendrot schimmernden Wolken. Es war die einzige fröhliche Farbe, die Maryla ringsumher sehen konnte.

Das „schöne große Haus“, das die Frau mit dem harten Gesicht ihr versprochen hatte, war schrecklich anzusehen. Der graue Putz bröckelte von den Steinen, und vor den dunklen, tiefen Fensterlöchern waren rostige Eisengitter angebracht.

Die Kinder des Heimes, die auf dem Hof in Reih und Glied, wie zum Appell, angetreten waren, trugen alle die gleichen groben, graugrünen Leinenkleider, und alle hatten sie nackte, kahlgeschorene Köpfe.

Maryla konnte nicht erkennen, ob es Jungen oder Mädchen waren, die da alle stumm, und wie gebannt, auf einen Punkt starrten.

Dieser Punkt war der Mund einer jungen Frau, deren eng anliegende Uniform, wie eine zweite Haut, ihre üppigen Formen umspannte.

Ohne Pause ließ sie immer wieder die gleichen Worte auf die verängstigt dastehenden Kinder heruntersausen.

Nachdem sie alle neun aus dem verbeulten Blechkasten rausgeklettert waren, mußten sie sich, auf Weisung des Fahrers,  in einer Reihe hintereinander aufstellen, und so eine zeitlang dem Unterricht zuschauen.

„Damit ihr schon mal seht, wie gute russische Kinder erzogen werden.“

Es war der einzige Satz, den sie von dem Mann, der sie den Weg hierher kutschiert hatte, zu hören bekamen. Wie das knallen einer Peitsche drangen die Worte in ihre Ohren.

Erst als nach einer Weile die junge Frau in der Uniform den Fahrer unwillig anraunzte: „Sergej – jetzt haste lange genug auf meinen Busen gestarrt  – hör auf, mich mit den Augen auszuziehen, und bring endlich die Kinder rein“ durften sie ins Haus.

Metallisch dröhnte es durch die mächtige Halle, als ihr hünenhafter Begleiter die wuchtige Tür hinter ihnen ins Schloß fallen ließ.

Steif und still saß Maryla dann eine halbe Stunde später auf einem kalten Schemel, als eine blanke Schere ihre langen, blonden Locken abschnipste. Nur ihre Tränen malten eine  heiße Spur über ihre Wangen. Ihr weißes Krägelchen war plötzlich naß und schmutzig. Es sah aus wie ein Stück des aufgeweichten grieseligen Brotes, das man ihnen später zur Nacht zu essen gab, bevor sie auf die Schlafsäle verteilt wurden, und in die Betten kriechen mußten.

Ihre Kleider hatte sie restlos ausziehen und abgeben müssen. Bevor sie dann die „Uniform“ der Heimkinder anziehen durfte, besprühte sie eine Schwester, die einen schmuddeligen graugrünen Kittel trug, mit einem fürchterlich stinkenden Nebel. Jedes der neu angekommenen Kinder musste diese Prozedur über sich ergehen lassen. Das muß sein, damit ihr uns hier kein Ungeziefer einschleppt, war die einzige Begründung, die man ihnen gab.

Vierzig Kinder schliefen jeweils in einem Saal. Die Fußböden waren mit fleckigen, rissigen Fliesen bedeckt, über die sich die kahlen Wände gespenstisch nackt zur Decke reckten. Eine einzige Glühbirne baumelte in jedem Raum, an einem Draht von  der Mitte der hohen Decke herab, und verbreitete ihr funzeliges Licht, das nicht einmal bis auf die Erde reichte.

Die Betten standen an der rechten Wand, gerade ausgerichtet wie Soldaten auf einem Kasernenhof. Zwanzig Betten unten – zwanzig Betten oben. Mit ihren grob zusammengezimmerten  Brettern sahen sie aus wie die Kaninchenställe, die Gillas Papa hinter dem Haus stehen hatte.

Gilla hatte sie nämlich des Sonntags – wenn  Mamuschka länger auf Reisen war – häufig mit zu ihren Eltern genommen. Sie wohnten in einem ehemaligen Kolchos außerhalb von Sankt Petersburg.

Das schönste an diesen Besuchen war immer die Stunde in der alten Dorfkirche, weil nach der Predigt die Männer der Gemeinde vor dem Altar tanzten. Einmal da ist sie einfach nach vorne gelaufen – mitten in den Kreis der Männer hinein. Einer der Männer hatte sie gepackt, sie auf seine Schultern gesetzt, und mit ihr getanzt,  bis ihr schwindelig  wurde. Das war schön gewesen.

Neben jedem Bett in dem langen Saal war nur ein rostiger Haken in die Wand geschlagen. Für die „Kleider“. Darüber befand sich ein schmales Brett für die „persönlichen Sachen“, auf die jedes Kind sorgsam acht geben musste.

Die „persönlichen Sachen“ waren ein Napf, und ein Löffel, aus Blech, eine uralte Zahnbürste mit einem Holzgriff, und ein Stück braune Knochenseife.

Den verbeulten Napf, und den krummen Löffel, musste jedes Kind selber sauberhalten, und wem Seife oder Zahnbürste abhanden kam, der musste erst einmal vier Wochen lang ohne diese Dinge auskommen. Das hatte Maryla gleich zu Anfang erfahren müssen – nach der ersten Nacht waren nämlich die Seife und ihre Zahnbürste verschwunden.

Das Mädchen im Bett unter ihr hatte ihr nach ein paar Tagen flüsternd verraten, daß ihnen die Nachtaufsicht die Sachen wegnehmen würde, um sie zur Wachsamkeit zu erziehen.

In Wahrheit aber wurden diese Sachen von den Frauen mit nach Hause genommen, weil sie so etwas für ihre Familien im Dorf nicht kaufen konnten.

Sie sehnte sich so sehr nach ihrer Mamuschka. Warum war sie in den Himmel gezogen, ohne sie mitzunehmen? Und warum war Gilla nicht mit ihr in dieses Heim gekommen?

In den ersten Nächten strich ihr leises Weinen wie ein flüsternder Wind durch den kalten, dunklen Saal.

Die anderen Kinder auf den Strohsäcken, unter den verschlis-senen Wolldecken, waren alle mucksmäuschenstill.

Als Maryla, zur Strafe für ihre Ruhestörung, zwei Nächte barfuß auf den kalten Fliesen in dem zugigen Flur stehen mußte, da war auch sie anschließend mucksmäuschenstill geworden. Ihr weinen hörte keiner mehr – nicht bei Tag, und nicht in der Nacht. Es hatte sich ganz tief in sie hinein verkrochen, und bildete nun in ihrer Seele einen Tränensee. An dessen Ufer saß sie in den nächsten Wochen häufig, und träumte von ihrer Mamuschka.

Nach drei unendlich langen Monaten hatte Mamuschka im Himmel wohl ihre Gebete gehört, denn eines Mittags stand plötzlich eine fremde Frau vor ihr.

Auf ihre fragenden Blicke bekam sie von der vornehm gekleideten Person zu hören: „Ich bin deine Tante Tulja.“ Maryla hatte von einer Tante bisher nichts gewusst – ihre Mamuschka hatte nie davon gesprochen, daß es eine Tante gäbe. Sie sei die Witwe von Mamuschkas Bruder Bordo, der im Krieg in Afghanistan mit seinem Flugzeug abgestürzt war, erfuhr Maryla von der fremden Frau.

„Als einzig lebende Verwandte hab ich mich bereiterklärt,  für  dich zu sorgen. Ich bin also jetzt Dein Vormund. Komm,  und laß uns hier nicht herumtrödeln. Du hast mich sowieso schon vielzuviel Zeit gekostet.“ Noch während ihre ‘Tante’ das sagte, zerrte sie Maryla nach draussen. Zu der Uniform im Hintergrund sagte sie noch: „Die Formalitäten sind schon erledigt“ – und schob Maryla unsanft in ein schäbiges, klappriges Auto hinein.

Alles das fliegt ihr jetzt, bei ihrem hastigen Lauf vom Marktplatz nach Hause, durch den Kopf. Die dunkle, warme Stimme, die sie am Marktplatz von hinten gefragt hat, ob sie nicht auch gerne tanzen würde, hat diese Bilder in ihrem Kopf ins laufen gebracht.

Es war ihr, als hätte der Pope aus der kleinen Dorfkirche zu ihr gesprochen. Das konnte aber ja nicht sein. Sie war ja viel zu weit weg von Sankt Petersburg.

Die Tante war, vom Waisenheim aus, direkt mit ihr in das schöne Haus am Newska-Prospekt gefahren. Als sie durch das breite Tor in die Allee einbogen, die zum Wohnhaus führte, hatte Maryla sich gefreut, wieder zu Hause zu sein. Es war ihr, als würden die steinernen Löwen auf den Torpfeilern ihr zulächeln.

Wenn sie zur anderen Strassenseite, in den Park geschaut hätte – sie hätte vielleicht Gilla unter den Bäumen stehen sehen. Gilla stand im Schatten der riesigen Linden – mit tränengefüllten Augen krampfhaft auf ihr Taschentuch beissend, und beobachtend was dort geschah.  Das tat sie nun schon seit einigen Wochen, ohne dessen müde zu werden.

Es hatte ihr nämlich fast das Herz gebrochen, die kleine Maryla hergeben zu müssen, die  ihr wie  eine eigene  Tochter geworden war.

In ihrem Leid war sie dem Popen in ihrem Heimatdorf aufgefallen. Er hatte sie eine Weile beobachtet, und sie eines Sonntags – nach der Messe –  in die Sakristei gebeten. Nach anfänglichem zögern erzählte sie ihm alles, was sie wußte.

Der Pope hatte darauf nach langem Überlegen geantwortet, er werde sehen, was er tun könne.

Ein paar Tage danach trat Gilla, durch Vermittlung des Popen, in der Nähe ihrer alten Stelle eine neue Arbeit als Hausbesorgerin an. Vom Popen war sie gut mit Anweisungen versorgt, was sie in dieser Sache tun könne.

So ging Gilla –  Marylas Ersatzmama – mit Feuereifer ans Werk. Jede Minute ihrer freien Zeit verbrachte sie von Stund an im Park auf der anderen Seite der Strasse. Jede Begebenheit schrieb sie fein säuberlich in ein Büchlein, das sie sich eigens für diesen Zweck gekauft hatte. Jeden Besucher, der das Grundstück oder das Haus betrat, beschrieb sie genauestens – jede Veränderung auf der anderen Seite wurde, unter Angabe von Tag und Uhrzeit, von ihr festgehalten, und die Nummer jedes Autos, das in die Allee einbog, notierte sie. Am Wochenende landeten ihre Notizen dann regelmäßig beim Väterchen Alex, dem Dorfpopen. Täglich machte „ihre Arbeit“ wie sie ihr Tun nannte, mehr Freude, weil es das Gefühl in ihr stärkte,  doch etwas für Maryla erreichen zu können.

Marylas Freude dagegen hielt an diesem Nachmittag nicht lange an. Keine Gilla war da, die ihnen die Tür öffnete – keine vertrauten Geräusche und keine verlockenden Düfte empfingen sie, so wie es sonst immer gewesen war. Ungelüftete kalte Räume, mit in Gruppen zusammengestellten Möbeln, sah sie  nur.

„Ich hab das hier alles schon verkauft – dein Leben kostet mir ja schließlich viel Geld“ – geschäftsmäßig kühl, und am Rande sagte die Tante ihr das. „Wir müssen nur noch ein paar Sachen zusammenpacken – ich kann Dir ja nicht alles neu kaufen.“ Als wenn das nicht reichte, tat sie noch obendrauf: „Deine Mutter hat Dich sowieso viel zu sehr verwöhnt.“

Die Tante fing sofort an, viele Dinge zusammenzupacken. Die paar Sachen – wie sie es genannt hatte – das war Mamas Schmuck, das waren die feinen Bilder die Mama gesammelt hatte, das waren die glänzenden Bestecke und die schönen Vasen aus dem großen Mahagonischrank in der  Wohnstube – und das waren die Bücher, die im Lesezimmer die Schränke füllten.

Für Mamas Bilder und Bücher standen im Lesezimmer Kisten aus Holz bereit, um damit vollgepackt zu werden.

Gilla hatte immer respektvoll: „Nein auch  – was für eine schöne Bildersammlung Deine Mama hat“ gesagt, wenn sie im ganzen Haus die Gemälde mit einem Ziegenhaarpinsel abstaubte.

Die Bücher in den Borten, ringsumher an den Wänden,  in Mamuschkas „Studierzimmer“ nötigten Gilla, außer der Bewunderung für die prachtvollen Buchrücken, auch noch tiefen Respekt ab. Jedermann konnte es spüren, wenn sie stolz erzählte: „Die gnädige Frau hat mehr Bücher zum lesen, wie der Pater Abt bei uns daheim im Kloster.“

„Steh’ hier nicht ’rum, und halt Maulaffen feil“ – fuhr die Tante Maryla barsch an. „Geh hinauf in Dein Zimmer, und pack Deine Sachen in den Koffer, der da steht. Schlepp aber kein unnützes Zeug mit hinaus, die Fracht kostet viel Geld. Und beeil Dich gefälligst“ rief sie ihr noch hinterher – „ich habe meine Zeit nämlich nicht gestohlen.“

Maryla hätte am liebsten alle ihre Sachen eingepackt, aber der Pappkoffer, den die Tante  ihr hingestellt hatte, war nur klein, und sehr schnell voll.

„Puppen und Spielzeug brauchst Du nicht mitnehmen“ – hörte sie ihre Tante von unten her rufen. „Zum spielen ist in Zukunft sowieso keine Zeit – den ganzen Plunder hier hat schon ein Trödler gekauft.“

Sogar ihre Lieblingspuppe, ein schwarzes kleines Negermädchen, die ihre Mamuschka ihr vor Jahren aus Spanien mitgebracht hatte, nahm die Tante wieder aus dem Koffer heraus.

Maryla wusste nicht, was sie tun sollte. Der Tränensee in ihrer Seele lief über, und sie konnte nur noch still weinen. Dabei drückte sie ganz fest ihre Ballettschuhe an sich. Die hatte sie nämlich unter ihrem Kleidchen versteckt.

Es war ihr, als ob Mamuschka sie mit ihren zarten Händen berührte.

Draussen war es inzwischen schummerig geworden, und im Haus machte sich schon die Dunkelheit breit. In der Diele standen fünfzehn prallgefüllte, große Koffer. Es Waren Mamas schöne Lederkoffer, mit denen sie  immer auf Reisen gegangen  war.

Der Koffer mit Marylas Sachen stand einsam an der anderen Seite der Haustür – als wenn er sich seiner Schäbigkeit schämte, und gar nicht dazugehörte.

Die letzte halbe Stunde hatte die Tante in der Küche herumgeklappert.

Eine Schüssel mit dampfendem, pappigem Mehlbrei stand auf dem Tisch, daneben lag ein dicker Kanten trockenen Brotes. Es war das Abendessen für Maryla. Ihre Tante selber rührte davon nichts an – ihr wäre durch die Plackerei der Appetit vergangen, sagte sie.

„Aber für Dich Balg muß ich ja was kochen. Die Schlafstelle für heut’ Nacht muß ich für Dich auch noch herrichten. Ich seh’ schon, Du wirst mir eine richtige Last sein.“

Nach dieser Bemerkung rauschte die Tante aus der Küche, und ließ sie allein am Tisch zurück. Ganz klein und verloren kam sie sich in der kalten Küche vor.

Nachdem Maryla einen Teil der klebrigen Pappe mühsam hinuntergewürgt hatte, durfte sie schlafen gehen. Obwohl sie sich ganz schrecklich elend fühlte, freute sie sich auf  ihr Bett. Ein letztes mal konnte sie in ihrem eigenen Bett schlafen. Auch ohne ihre Puppe dabeizuhaben, und ohne eine Gutenachtgeschichte von Gilla zu hören, schlief sie sofort ein. Sie träumte wohl von ihrer Mama, denn manchmal murmelte sie ein leises “Mamuschka“ in das tränenfeuchte Kissen unter ihrem Köpfchen.

Ihre Ballettschuhe, die sie unter der Zudecke versteckt hatte, presst sie auch im Schlaf fest an sich. Die Monate im Schlafsaal des Kinderheims hatten sie schon so einiges gelehrt.

Während Maryla im Kinderzimmer, im ersten Stock der  lindgrün angemalten Villa, fest aber unruhig schläft, sitzt ihre Tante im Lesezimmer, am Biedermeiersekretär ihrer verstorbenen Schwägerin, und macht „Kassensturz“, wie sie es nennt.

Sie betrachtet es als eine Fügung des Schicksals, daß ein Onkelsohn von ihr in der Kommandostelle der Truppen des Innenministeriums in Moskau sitzt. Er diente während des russischen Einsatzes in Afghanistan in der gleichen Einheit wie ihr Mann. Sie hatte nach dem Absturz des Kampfflugzeuges, bei dem ihr Mann damals ums Leben kam, nichts rechtes mehr von ihrem Vetter gehört. Bis auf ein paar belanglose Kartengrüße war nichts weiter gekommen, aber das störte sie nicht im Geringsten.

Wenn das Schicksal den Lauf der Dinge andersherum gestaltet hätte – sie hätte es gerade genauso gemacht. Arme Verwandte soll man sich tunlichst vom Halse halten. Und wie kann man das am besten? Indem man sich von ihnen fernhält, wie von lästigen Insekten.

Nichts überträgt sich nämlich so schnell, wie der Geruch der Armut – und nichts auf der Welt wirkt ansteckender wie das Elend.

Vergessen ist das alles. Vergessen seit dem Moment, in dem der Vetter die Namen der Opfer des Terroranschlages auf das Theater auf seinen Schreibtisch bekam. Das Gefühl, unverhofft auf eine Goldader gestoßen zu sein, ließ ihn rege werden.

Am selben Tage noch weckte er die eingeschlafene Verbindung zu seiner Cousine wieder auf.

Schon drei Tage später stattete er seiner „lieben Verwandten“, wie er sie bei seiner Ankunft honigsüß nannte, auf ihrem ländlichen Anwesen, einen Besuch ab. Bei Wodka und Gänsebraten kam man sich am Abend dann schnell näher. Sogar so nahe, daß sie beide am anderen Morgen eng umschlungen im Bett der Tante erwachten. Sie hatten in der Nacht ein längst beendetes Verhältnis wieder heftig aufleben lassen. Warum sollte man das schöne nicht mit dem nützlichen verbinden?

Vetter Basil und Base Tulja brauchten dann auch nicht lange hin und her zu überlegen. Sie waren über eine Goldader gestolpert, die förmlich darauf wartete, ausgebeutet zu werden. Es kam nur darauf an, sich das richtige Werkzeug für die Arbeit zu beschaffen.

Um das zu erreichen, mußten sie allerdings zusammenarbeiten, denn wenn jeder von ihnen allein zu Werke ging, bekam keiner etwas ab von dem Fund.

Der Schlüssel zu dem Schrank, in dem sich das Werkzeug befand – darüber waren sich die beiden klar – war das Kind von Tuljas Schwägerin. Basil war nicht untätig gewesen. Er hatte in der Kürze der Zeit sogar schon ihren Namen und ihren Aufenthaltsort festgestellt. Maryla hieß die Tochter, und sie befand sich seit dem Unglück in der Obhut der staatlichen Fürsorgebehörden, in einem Heim vierhundert Kilometer von Sankt Petersburg entfernt.

Eile war geboten, wollte man für sich noch etwas bewirken. Die Vertreter der Fürsorge würden so einen dicken Goldfisch, der da bei ihnen an der Angel zappelte, sicher nicht so einfach vom Haken lassen, gab er seiner Base zu bedenken.

Da müsste man schon ein bisschen nachhelfen, meinte Vetter Basil. Wenn ein Säckchen Rubel nichts bewirken würde – der Knüppel der Amtsmacht, über die er verfügte, würde es dann schon besorgen. Den wollte Vetter Basil aber nach Möglichkeit im Sack lassen. Sie seien ja schließlich alle Kinder von Mütterchen Rußland, und Russen sollten sich doch wohl mit Russen friedlich einigen können.

Auf jeden Fall hatten Vetter und Base sich schnell auf halbe-halbe geeinigt, und der Herr Kommandeur konnte die Verbindungsdrähte spielen lassen. Wobei er die Rubelchen, die er Tulja gegenüber vorsorglich für die Fürsorge reklamiert hatte, schon auf seiner Hälfte sah.

Seine Stellung im Apparat erschien ihm nämlich völlig ausreichend, aber davon brauchte Base Tulja ja nicht unbedingt etwas zu wissen. Sie würde sowieso genug von dem Kuchen abbekommen, zumal er sich in der Nacht entschlossen hatte, sie wieder öfter zu besuchen. Dieses kleine Extravergnügen stand ihm ja wohl zu, denn das ganze war, wenn man es recht betrachtete, ja sein Verdienst.

Äußerst zufrieden, mit sich und der Welt, fuhr er am nächsten Tag nach Moskau zurück.

Kaum wieder im Ministerium angekommen, saß er bereits mitten in diesem schwierigen Geschäft, wie er es bei sich ausdrückte. Er hatte von unterwegs schon einige Untergebene zu sich ins Büro bestellt, die er mit diversen „Ermittlungen“ betraute.

Er entfaltete jedesmal eine rege Tätigkeit, wenn die Ergebnisse seiner „Mitarbeiter“ bei ihm eintrudelten. Es gab ja so vieles zu regeln, und zu ermitteln. Nur mit Behutsamkeit, und äußerster Vorsicht, würde er das Ziel erreichen.

Die ums Leben gekommene Tänzerin galt in gewissen Kreisen der Hauptstadt schon so ein wenig als Nationalheiligtum. Ihr großes tänzerisches Können bildete dabei unzweifelhaft den Vordergrund, aber andere weibliche Talente der begnadeten Künstlerin spielten da auch wohl  mit hinein.

Dass es im Leben der Tänzerin ein Töchterchen gab, war offenbar nur sehr wenigen einflussreichen Personen bekannt, denen es offensichtlich sehr wichtig erschien, daß es auch nach ihrem Tode so  blieb.

Diese etwas delikaten Umstände waren auch wohl der Grund für das rasche verschwinden des Kindes im Niemandsland eines Fürsorgeheimes in der russischen Weite.

Während Vetter Basil  in Moskau seine Truppen mobilisierte, und Mauern zu durchdringen versuchte, tat Base Tulja in Sankt  Petersburg beim  zuständigen Gericht ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse, und ihre tiefe Besorgnis um das unmündige Kind ihrer über alles geliebten Schwägerin kund.

Durch diesen Umstand drohte das Kind der berühmten Primaballerina Olga Kersschinski zum Gegenstand des öffentlichen Interesses zu werden.

Die Frage nach dem Vater würde unweigerlich folgen. Eine solche Entwicklung musste unter allen Umständen verhindert werden. Von irgendwo ganz oben war diese Anweisung gekommen, und stolzierte nun bis in die letzte Amtsstube im Lande. Jeder, der nur irgendwie mit der Sache zu tun hatte, gab sie weiter, und niemand fragte danach, woher sie kam.

Fragen in Richtung nach oben zu stellen, das war in Russland schon immer ungesund – oder zumindest mit gewissen Risiken behaftet.

Irgendwo war das Schifflein Maryla, noch in Sichtweite des Ufers, auf ein Riff gelaufen. Es konnte seinen Weg in das unendliche Meer der Verschollenheit nicht fortsetzen.

Jetzt galt es für gewisse Leute, den Schaden mit allen Mitteln zu begrenzen. Das ist aber im Russland von heute auch nicht mehr so ganz einfach zu bewerkstelligen. Vor allem, wenn es verschiedene Interessenlagen gibt.

Da Familienverbundenheit, und verwandtschaftliche Grade, in der russischen Gesellschaft eine hohe Wertstellung einnehmen, konnte man die direkte Tante, die sich, um das nun überall aktenkundige Waisenkind, kümmern wollte, nicht einfach so beiseite schieben. Zumal sie Reputation höheren Ortes genoß. Ein stellvertretender Unterrichter teilte es so seinem Vorgesetzten mit. Dieser wiederum berichtete davon dem  stellvertretenden Oberrichter, und der gab es weiter an den Gerichtspräsidenten des Petersburgischen Bezirksgerichts. Alles dies geschah unter dem Siegel der absoluten Geheimhaltung. Also wurde im Herzen Sankt Petersburgs eine Akte angelegt, und amtlicherseits das Vermögen der Verstorbenen ermittelt und aufgelistet.

Auf dem Höhepunkt der pikanten Affäre wurde Vetter Basil sogar an einem trüben Vormittag durch einen Boten zum sofortigen Rapport in den Kreml  befohlen.

In seinen Vorstellungen hatte er sich daraufhin schon in den Kellern der Lubljanka auf Nimmerwiedersehen verschwinden gesehen.

Doch es kam alles nicht so, sondern es kam ganz anders. Man befragte ihn über sein Wissen, man drohte ihm mit unabsehbaren Folgen für sich und seine Familie, dann schmeichelte man ihm wieder – und schließlich deckte man stückweise die Karten auf, und arrangierte sich, soweit man es für nötig erachtete. Man konnte absolut kein negatives öffentliches Aufsehen gebrauchen, in dieser an schrecklichen Ereignissen nicht gerade armen Zeit.

So kam es, daß Marylas künftiges Wohlergehen in die Hände ihrer Tante gelegt wurde. Allerdings mit der Bestimmung, das Mädchen Maryla zu adoptieren, und ihren Wohnsitz niemals nach Sankt Petersburg oder nach Moskau zu verlegen. Vetter Basil erhielt als Folge der Übereinkunft die großzügige Gelegenheit, Teile des russischen Riesenreiches auf der Bahnfahrt zu seinem neuen Dienstort –  auf der Halbinsel Kamschatka – kennen zu lernen. Er durfte sogar seine Familie mitnehmen. So ist nun mal das Leben – und Sibirien ist unendlich groß, höllisch groß.

Irgendwie waren im Spiel auch weniger guten Karten vorhanden.

Maryla geriet indessen nur von einer Hölle in die andere. Sie war zum Objekt geworden, und den beiden Strippenziehern winkten trotz allem noch viele Vergünstigungen, und einiges Kapital. Trotz der vielen Prozente, die Mütterchen Russland als Anteil beanspruchte.

Auch so ist die Welt –  könnte man sagen. Wenn, ja wenn es da nicht Gilla und Väterchen Alex aus dem kleinen Dörfchen unweit von Sankt Petersburg gäbe. Väterchen Alex, der das kleine Mädchen nicht vergessen konnte, das an einem Sonntag in seiner Kirche mit den Männern vor dem Altar getanzt hatte. Und Gilla, die nicht ertragen konnte, daß ihrer kleinen Maryla solch ein schreiendes Unrecht geschah.

Gillas Notizen hatte Väterchen Alex alle auf eine große Tafel geheftet, die in einer Kammer hinter seiner Sakristei an der Wand hing. Jedesmal, wenn ein neuer Zettel bei ihm ankam, steckte er ihn dazu. Jedes mal schob er die schon vorhandenen Informationen hin und her – wie bei einem Puzzlespiel. Auf jedem Zettelchen piekste ein Fähnchen mit Buchstaben oder Zahlen, und von Fähnchen zu Fähnchen spannten sich bunte Bänder. Es sah bald aus wie eine Landkarte – oder, nein – das ganze sah eher aus wie ein Netz.

Ja, es sah tatsächlich aus wie ein riesiges Spinnennetz, was da in vielen Monaten an der Wand entstanden war. Hinter Marylas Namen verbarg sich offenbar eine lange, einflussreiche  Familiengeschichte.

Es war nicht das erste mal, das in der Kammer hinter der Sakristei solche Gebilde unter den Händen von Väterchen Alex an der Wand entstanden. Es war auch nicht die einzige Wand im Lande, vor der Frauen oder Männer standen, unter deren Händen sich  ähnliche Gebilde formten. Sie alle, und noch viel mehr Menschen, draussen in der weiten ehemaligen Sowjetunion, gehörten einer Organisation an. Sie hatten sich zusammen-gefunden, um sich gegen Unrecht und Willkür zur Wehr zu setzen – und irgendwie war dann plötzlich der Name für  diesen Kreis aufgetaucht: „Das Netz“.

Niemand sprach diesen Namen laut aus, aber alle kannten ihn.

Viele fürchteten inzwischen das Netz, weil sich schon sehr viele Missetäter in ihm verheddert hatten, bevor sie von der Spinne gefressen worden waren.

Noch mehr Menschen aber waren schon von dem Netz aufgefangen worden, wenn sie – wie es auch manchmal mit Artisten vom Hochseil geschah – mitten aus dem Leben abstürzten.

Auf Väterchen Alex’s betreiben waren an vielen Orten viele Köpfe, Beine und Hände dabei, Steinchen zusammenzutragen. Bausteine, aus denen für Marylas Leben ein Häuschen werden sollte. Ein anderes als dasjenige, daß ihre Tante und deren Vetter Basil ihr zugedacht  hatten.

Marylas Erinnerung hat sie nicht getrogen, als sie die Stimme auf dem Marktplatz mit der des Popen aus der Dorfkirche in Verbindung brachte. Väterchen Alex hat sich selbst auf den weiten Weg gemacht, um ein Bild davon zu bekommen, wie Maryla lebte. Seit fünf Tagen logiert er schon bei seinem Amtsbruder in dem kleinen Städtchen. Und fünf Tage lang beobachtet er schon das kleine Mädchen, in dem verblichenen, abgetragenen  Sommerkleidchen, daß jeden Nachmittag vom Schulhaus direkt zu den Fenstern der Ballettschule rennt, um dann eine Zeitlang, stumm und bewegungslos, der Musik zu lauschen, und weltvergessen dem Treiben der tanzenden Mädchen im Hause zuzuschauen. ©ee

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Die Cameliadame.

Wenn man so recht bedenkt, waren die Zeiten in denen für uns Kinder Sex noch fünf und eins war, eigentlich doch schöne Zeiten. Alles was die Erwachsenen verband, und die Halberwachsenen mit magischen Kräften zueinander hinzog, lag für uns noch wie hinter dicken Nebelwänden verborgen.

Wenn sich der Nebel für uns Kinder in irgendeiner Ecke mal etwas lichtete, wagten wir meist nicht zu fragen – und die, die wir nicht zu fragen wagten, wagten meist nicht zu antworten. Irgendwo biß sich der Hund dann wieder selbst in den Schwanz.

Anders Gabi – für sie hatte sich der Nebel wohl nicht extra zu diesem Zweck gelichtet – sie blickte mehr zufällig durch ein Nebelloch.

Auf Schnüstertour – wie kleine Mädchen nun einmal sind – ehrlich – entdeckte sie in Mamas Schrank ein dickes, blau-weisses Paket. Lesen konnte sie ja schon – wenigstens die balkendicken Großbuchstaben.

CAMELIA – stand da geschrieben – hatte sie noch nie was von gehört. Gabi, das dicke blauweisse Paket unter dem Arm, rein in die Küche. Der Papa saß am Küchentisch – er war gerade von der Schicht gekommen und rückte soeben seiner Flasche Feierabendbier zu Leibe. Na, mein Mädchen….! Zu mehr kam er nicht – sein Mädchen wollte was wissen. Du Papa – war die Mama im Zirkus? Papas Gesichtsausdruck fragte: Wieso?

Wegen dieses Paket – Gabi hielt ihm die blauweisse Packung unter die Nase. Kamele gibt’s doch nur im Zirkus.

Ach so, nee – dat is, wenn die Mama ….! Aber Vatter – nu laß dat Kind doch – kam es von der Küchentür her. Indem sie das sagte, nahm Mutter ihr das blauweisse Paket weg und legte es wieder in den Nachtkasten.

Das war’s. Aber nicht bei Gabi. Nach zehn Minuten stößt sie ihre Mama an – Mama , warst du im Zirkus? Ach Kind – dat is niks aussen Zirkus – in dat Paket – dat sind Ohrwäärmer. Wennsde Ohrnschmerzen hast leechste die um die Ohren.

Gott sei Dank – denkt Mama. Thema durch.

Nach gut vier Wochen – Gabi ist mal wieder allein zu Haus – fällt ihr das blauweisse Zirkuspaket ein. Ach denkt sie – kalte Ohren kann man ja auch ohne Ohrenschmerzen haben – deckt sich ihre Ohren sorgfältig mit einer von Mamas langen CAMELIA – Binden zu, und setzt sich damit an das Fenster, um das Treiben draußen zu beobachten.

Die Nachbarn im Pütt sprechen heute noch von der CAMELIA – Dame.

Ehrlich. © ee

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Achterbahn des Lebens . .

Seit dem 4. April 1956 sitze ich in der Achterbahn des Lebens – am Anfang noch völlig unbeschwert und glücklich.

Einmal abgesehen von der ersten kurzen Talfahrt im Jahre 1960, als mein Vater das Glatteis Abenteuer Gastarbeiter betrat – als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.

Wahrscheinlich steckte er voller Erwartung auf das Unbekannte. Er hatte sicher die Töne des Windes im Kopf, der die Botschaft von Glück und Reichtum mit sich trug, wenn er von Westen wehte.

An uns – meiner Mutter und meinen drei Geschwistern – war die Botschaft ungehört vorbeigezogen.

Die Firma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg gab ihm Arbeit und Lohn. Der Möbelschreinermeister Dipcin durfte mit seinen kreativen Händen Dachstühle zimmern – und vielleicht seine innere Erwartung korrigieren.

1962 schlug meine Lebensachterbahn den ersten Haken. Mir wurde schwindelig vor Enttäuschung – mein Vater konnte bei meiner Einschulung nicht dabei sein.

 

Ein Jahr später führte er uns dann an den Ursprung des Windes. Ich hatte mich in Izmir gerade in den Ernst des Lebens eingereiht. Das Lernen machte mir Spaß – ich durfte schon für die Klasse sprechen – die Pfadfinder hatten mich willkommen geheißen – tja, und dann hieß es plötzlich Abschied nehmen.

Die großen Ferien lagen vor mir – das große Glück lag vor mir – Papa kam nach Hause. Vier Wochen herrlicher Urlaubszeit schenkte er uns – und einen Abschied von daheim.

Er nahm uns mit nach Deutschland. Er nahm uns mit in sein Abenteuer.

Die Achterbahn meines Lebens fuhr wieder in eine neue Richtung.

Quer durch fremde Länder ging die Fahrt. Bulgarien, Jugoslawien, Österreich durchquerten wir. Vorbei ging es an fremden Städten. Sofia, Maribor, Nisch, Pirot, Belgrad, Zagreb – ich konnte sie gar nicht so schnell zählen, wie sie vor uns auftauchten, und wieder hinter uns verschwanden.

Auf den österreichischen Bergpässen wähnte ich mich auf dem Gipfel der Welt. Einer Welt, die mit jedem Kilometer ein anderes Gesicht bekam. Mit jedem Kilometer den wir vorwärts kamen keuchte aber auch unser Auto immer heftiger in den schrecklichsten Tönen.

Der österreichisch/deutsche Grenzübergang Spielfeld war das Tor zu unserer neuen Heimat. Bevor wir den endlich passieren konnten, benötigte unser Ford Transit aber noch einen neuen Kühler. Der Autoklempner in dem von Gott verlassenen österreichischen Bergdorf freute sich über die harte D-Mark von den Türken. Papa freute es weniger. War es für ihn doch fast ein Monatslohn von Dyckerhoff & Widmann den er in der Alpenrepublik zurücklassen mußte.

Von da waren es ‚nur noch’ ein paar hundert Kilometer, bis zu unserem neuen Zuhause.

Ein Katzensprung war es gegen die bisherige Fahrt. Drei Tage saßen wir nämlich schon im Auto.

Drei Tage konnten wir uns Bilder malen von der Zukunft. Die Bilder, die dann in Aschaffenburg einen Rahmen bekamen. Die kleine Zweizimmerwohnung in Aschaffenburg-Damm – im Fahrbachweg 11 – die schon voll war, als das Gepäck vom Dachträger abgeschnürt, und der Laderaum ausgepackt war. Mutter füllte nur noch unsere knurrenden Bäuche mit Brot und Limonade – und dann schliefen wir, todmüde wie wir waren, in unser neues Leben hinein.

 

 

Viele Lebensmittel waren aus der Türkei mit uns den Weg gegangen, denn Vater wußte ja, daß es in Deutschland vieles von dem, was wir zu essen gewohnt waren, nicht gab. Vieles von dem, was wir essen durften, war in Deutschland auch noch nicht zu bekommen.

Unser moslemischer Glaube hat da nämlich so seine eigenen Ansichten.

Am nächsten Tag erkundeten wir Aschaffenburg. Vater war unsere Stadtführer. Er kannte sich ja schon einigermaßen aus in diesem deutschen Dorf – wie ich es gegenüber der zweieinhalb Millionenstadt Izmir empfand.

Vor allem frische Lebensmittel kauften wir – darunter auch typisch deutsche, an die wir uns allerdings erst gewöhnen mußten.

Das hatte Papa uns voraus – er war ja schon ein stückweit in die fränkische Lebensart hineingeklettert.

Die Eigentümer unserer Wohnung waren sehr liebe Menschen. Ohne daß wir bemerkten wie es geschah, standen wir schon nach kurzer Zeit in einer Reihe mit ihnen.

Vier Familien wohnten außer uns noch im gleichen Haus. Vierzehn Häuser zählte ich im Fahrbachweg – sechs unten, und acht den Hang hinauf.

 Der Sohn und die Schwiegertochter unserer Hauseltern hießen Ulrike und Albert, und die Enkelkinder im Hause Udo, Hans-Werner und Christa.

 Alberts Schwester Margot mit ihrem Mann Karl wohnten ein paar Häuser entfernt – im unteren Fahrbachweg. Ihr Zuhause trug die Hausnummer 1. Auch da gab es Enkelkinder – Walter, Edeltraud und Helga. Und wir waren mittendrin. So ein Gemeinschaftsgefühl habe ich später oft vermisst.

Für uns waren sie vom ersten Tage Oma, Opa, Tanten und Onkel. Das war ein schönes Glück, denn meine Verwandten in Izmir waren ja in unerreichbare Ferne gerückt.

Onkel Karl war ein richtiger Bauer – mit Kühen, Schweinen und Ziegen im Stall. Das war schon etwas Heimatliches – bloß einen Esel – einen Esel wie es ihn bei meiner Großmutter gab, den vermisste ich.

Die Sprache war allerdings ein Hindernis. Die deutsche Sprache umgab uns wie eine Mauer, die aber bei uns Kindern jeden Tag etwas an Höhe verlor. Viele Worte wurden durch Zeichen mit Händen und Füßen ersetzt. Das klappte wunderbar – besonders im Umgang mit den anderen Kindern.

Nach einer Woche Erkundungsfreiheit im neuen Land, stand wie eine große Bedrohung die Schule vor der Tür.

Papa hatte uns gleich nach unserer Ankunft angemeldet. Uns – weil, mein Bruder war inzwischen auch sechs Jahre alt geworden. Wir mußten lernen.

 Wenn es nach mir gegangen wäre – ich hätte die deutsche Sprache lieber beim Spielen mit den anderen Kindern gelernt. Aber wer fragt schon einen kleinen Jungen danach.

Ein abgelegener Weg führte zur Schule – ohne Straßenlaternen und ohne Busverbindung.

Drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück. Die ersten Tage nahm uns Papas Auto das Laufen ab.

Da ich kein Deutsch konnte, fand ich mich mit meinem jüngeren Bruder in der ersten Klasse wieder. Was sollte ich da? Die erste Klasse hatte ich doch schon in Izmir hinter mich gebracht.

Der erste Schultag wurde ein langer Tag. Da saßen wir nun – wir kleinen Türken – und konnten nichts von dem verstehen, was der Lehrer sagte. Ich hätte doch so gerne schon alles verstanden. Aber das dauerte noch etwas.

So ein wenig verletzter Kleinejungenstolz stachelte mich an. Es dauerte nicht lange, und mein Vater wurde meinetwegen zum Lehrer gebeten.

Nicht weil ich etwas ausgefressen hatte, wie Papa sofort dachte – nein, ich kam vorzeitig in die zweite Klasse. Meine gekränkte Ehre war wieder hergestellt – ich hatte ja gewußt, daß man mich zu Unrecht zu den ABC Schützen gesteckt hatte.

Und stolz war der Papa auf mich, wenn ich für ihn und Mama schon als Dolmetscher fungierte.

Das Klingelzeichen für den Unterrichtsschluß erschien mir am ersten Tage wie Engelssingen. Papa wollte uns abholen – das hatte er am Morgen versprochen. Wir standen vor der Schule, und kein Papa war da.

Die anderen Kinder hatten sich schon in alle Richtungen davongemacht – wir waren die einzigen Schüler aus dem Fahrbachweg.

Uns blieb nur das Warten – und warten – und warten. Mit jeder Minute, in der Papa nicht kam, ging die Hoffnung ein kleines Stück weiter von uns weg.

Als ‚Großer’ fasste ich den Entschluß, auf eigene Faust mit meinem Bruder nach Hause zu laufen. Schließlich wußte ich wo’s lang ging. Wir waren doch auch hergekommen. Viermal sind mein Bruder und ich gestartet – und viermal kamen wir wieder vor der Schule an.

 Ein Hoffnungsschimmer erhellte plötzlich unsere tiefe Verzweiflung.

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite liefen lange blonde Haare mit einem Mädchenkopf.

Das mußte Christa aus unserem Hause sein. Das war die Rettung.

Nichts wie hin – „Christa, Christa“ gerufen – und Pech gehabt. Nichts war mit Christa. Lange blonde Mädchenhaare gab es hier genauso häufig, wie bei uns daheim in Izmir lange dunkle.

Ich war um eine Erfahrung reicher. Den Rockzipfel der vermeintlichen Christa hatte ich noch gar nicht losgelassen, da hielt ein Auto neben uns. Es war Papa, der dem erschrockenen Mädchen erklärte, daß ich sie wohl verwechselt hätte.

Sie kann mir nicht böse gewesen sein, denn sie lächelte mich an, und schaute sich noch ein paar Mal zu uns um. Als wir in Papas Auto saßen, kullerten bei mir die Tränen – noch niemals vorher war ich so froh gewesen, meinen Vater zu sehen.

Er hatte uns nicht vergessen – er hatte sich nur unseren Schulschluss falsch gemerkt.

Den Trost für unser schreckliches Erleben bekamen wir daheim von unserer Mama.

Eine Woche wurden wir noch kutschiert – dann saß der Papa wieder fest bei Dyckerhoff & Widmann auf den Dächern – und der Schulweg saß genauso fest in unseren Köpfen.

Unsere Freunde vom Fahrbachweg besuchten leider eine andere Schule, darum mußte Papa uns die erste Woche begleiten.

Die Zeit lief durch die Zeit – hier genauso schnell, wie daheim in Izmir. Wir wußten manchmal nicht, ob unsere Erinnerungen noch türkischen oder schon deutschen Ursprungs waren. Das war uns Kindern aber auch piepegal – es war unser Leben.

Eines Tages kam Onkel Karl mit einem Kuhfuhrwerk vorbei – ein Kuhfuhrwerk! Es war vollgeladen mit Maispflanzen. Ich hörte ihn schon von weitem rufen: „Hüh, Schimmel – hüh.“ Schimmel hatte er die Kuh benannt. Das war auch für mich neu.

 

Daran gab es bei mir im Kopf auch keine türkische Erinnerung. Ochsen vor dem Karren – ja. Bei reicheren Bauern auch schon mal ein Pferd vor dem Wagen – das kannte ich. Aber eine Kuh? Und gemolken wurde Schimmel auch noch. Jeden Morgen und jeden Abend. Die Milch wurde gleich in der Strasse verkauft. Das war praktisch – für alle.

Onkel Karl staunte nicht schlecht, als ich ihn um ein paar Maiskolben bat. Er fragte mich, was ich damit wollte. „Die will ich kochen und essen“ klärte ich ihn auf.

„Na, denn pflück dir man so viele, wie du tragen kannst – aber paß auf, daß du dann keine Milch gibst. Bei Schimmel hilft das nämlich tüchtig“, meinte er spaßig.

Mir ging auf, daß Mais in Deutschland Viehfutter war, während es bei uns in der Türkei zu den Hauptnahrungsmitteln zählte. Später habe ich dann erfahren, daß der erste Versuch der US-Amerikaner, in Deutschland Mais als menschliches Essen einzuführen, daneben gegangen ist. Die pappigen Maisbrote der Amis wollte nämlich keiner. Dieses Backwerk hätten die Menschen in der Türkei ganz sicher auch abgelehnt.

Zur Zeit der Kugelschreiber und Nylonstrumpfwelle – gleich nach dem zweiten Weltkrieg, waren die Menschen in Deutschland in ihren überlieferten Essgewohnheiten noch sehr gefestigt.

Erst Mc Donalds hat es dann geschafft, in Deutschland den guten Geschmack abzuschaffen.

 Der Sommer in unserer neuen Heimat machte sich so langsam auf die Socken – er räumte das Feld für den Herbst. Der kam dann auf leisen Sohlen durch die Hintertür.

Er färbte die Welt um uns herum mit bunten Blättern – das war nicht viel anders als bei uns zu Hause. Ich dachte immer noch zu Hause, wenn meine Gedanken rückwärts gingen. In der Türkei war der Herbst nur nicht so kalt – er strahlte immer noch viel von der Wärme des Sommers aus.

Dass man in unserer neuen Heimat unter kalt etwas ganz anderes verstand, das zeigte uns einige Wochen später der Winter mit seinen klirrenden Frostnächten. Völlig überrascht wurde ich, als mich eines Morgens vor der Haustür eine weiße Welt empfing.

Über Nacht hatte jemand alles in Watte gehüllt. Schnee, sagte man uns, wäre vom Himmel gefallen. Ich kannte keinen Schnee. In Izmir schneite es nicht – ich hatte es wenigstens noch nicht erlebt.

Da lag es nun auf Strassen, Bäumen, Wiesen und Dächern – dieses weiße Etwas. Das zu Wasser wurde, wenn man es in die Hand nahm. Was machte man damit? Wozu war er gut, der Schnee? Meine Freunde wußten es – Schlittenfahren! Was denn sonst.

„Ismail – komm mit Schlittenfahren“, tönte es von allen Seiten.

„Was ist ein Schlitten?“ fragte ich Udo. Wenn ich etwas nicht wußte fragte ich immer zuerst Udo. Er zeigte mir seinen Rodelschlitten.

Jetzt wußte ich zwar, was ein Schlitten ist – aber haben hatte ich damit noch keinen.

Auch da wußte Udo Rat. Er besaß zwei Schlitten – einen schenkte er mir. Nun war ich kleiner siebenjähriger Türkenjunge schon stolzer Schlittenbesitzer. Mein Papa war schon weit über zwanzig, als er sein erstes Fahrzeug besaß. Deutschland hatte doch etwas Gutes.

Wie funktionierte dieses Gerät aber? Wie lenkte man es, wie bremste man den Schlitten ab? Udo zeigte mir alles – und dann gingen wir rodeln.

Hinter Onkel Karls Haus wirbelten wir den Hang hinunter – bis weit über die Strasse.

Das war allerdings gefährlich – weil ja auf der Strasse Autos fuhren. Nach zwei Wochen konnte ich so gut rodeln, daß Udo mit mir ins Rauen-Tal ging. Eine halbe Stunde in den Wald hinein gab es eine große Lichtung. Es war eine richtige Hanglage – hoch und steil. Wir waren die ersten Rodler am Berg. Der Pulverschnee stob zum Himmel, daß es eine Lust war.

Wie oft wir nach unten sausten, und mühsam wieder hochkletterten, bis wir eine Bahn gefahren hatten, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß es riesigen Spaß gemacht hat. Erst als die Kälte uns in die Hosenbeine kroch, machten wir uns auf den Heimweg.

Die nächsten Tage waren wir nicht mehr allein – alle unsere Freunde gingen mit. Richtige Wettkämpfe veranstalteten wir am Berg. Rodelkönig nannte man mich nach kurzer Zeit.

Das war eine gute Voraussetzung für einen türkischen Dreikäsehoch, den deutschen Winter zu mögen.

 

Das war aber noch nicht alles, was dieses neue – dieses weiße, blinkernde, hartgefrorene Deutschland für mich an Überraschungen bereithielt.

Den Schlitten hatte ich mir zum Diener gemacht. Es war eine Freude, wie er täglich klaglos für mich da war. Besser konnte es einem König doch nicht gehen. Bis mir dann der Kaiser begegnete. Zwei Meter lang und in ein strahlendes Blau gewandet.

Udo zeigte mir voller Freude seine neuen Laufbretter – Skier nannte er sie. Blau waren sie, majestätisch glänzend. Wie Kaiser nun mal eben daherkommen.

Der Weihnachtsmann – so erzählte er mir stolz – hätte sie bei ihm abgeliefert. Wer war denn nun wieder der Weihnachtsmann, daß er so einfach kaiserliche Skier liefern konnte?

Ich war ja schon so schlau, und trotzdem stürmten immer wieder Dinge auf mich ein, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte.

 

Das Weihnachten und der Weihnachtsmann mit der Religion in unserer neuen Welt zu tun hatte, erklärte mir die Mama am Abend. Was war das für eine schöne Weihnachtsreligion, die den Kindern Geschenke machte. Sogar den Kindern, die nicht dazugehörten. Denn kaum war ich in unserer Wohnung, klingelte es – und Udo stand vor der Tür. In den Händen ein Paar Ski. Zwar nicht in kaiserlichem Blau, aber in einem so königlichen Rot, wie ich es nur von unserer türkischen Fahne her kannte. Verlegen erklärte er meiner Mama, es wären wohl keine neuen Ski – aber sie wären auch vom Weihnachtsmann. Im letzten Jahr zu Weihnachten hätte der ihm die roten Bretter gebracht. Und da jetzt ja ein Paar Neue unterm Weihnachtsbaum gelegen hätten, würde es ihm Freude machen, mir die roten Skier zu schenken. Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte nichts sagen – ich habe meinen Freund Udo einfach umarmt, und ganz fest gedrückt.

Irgendwie waren meine Wangen ein wenig feucht, aber Udo meinte, das läge wohl an den Schneeflocken, die er von draußen mit herein gebracht habe.

Mein Besitz vergrößerte sich – neben dem Schlitten standen nun auch die Skier auf der Habenseite.

Wie würden meine Schulkameraden in Izmir mich bewundern. In solchen Momenten liefen meine Gedan-ken schon noch nach hinten.

Bis sie sich wieder mit der Gegenwart beschäftigen mußten. Die schönen, roten königlichen Laufbretter sollten ja nicht bloß an der Wand stehen.

 

Udo brachte mir bei, wie ich sie handhaben mußte. Die Begriffe, die er mir in den Kopf schob waren für ihn wohl selbstverständliche Verrichtungen – für mich hörten sie sich aber an, wie die Namen böhmischer Dörfer.

Bindungen einstellen, Sohlen wachsen – was hieß das alles? Ich sah nur Lederriemen und holzfarbene Bretterunterseiten. Sein Wissen um diese Zeremonien übertrug er geduldig auf mich.

Da hatte er es mit seinen „Neuen“ einfacher, die „kaiserlichen“ waren schon mit Clipverbindungen ausgerüstet. Er brauchte nur hineinsteigen und lossausen. War es so ein Zipfel Neid, was da aus einem Winkel meiner Seele lugte? Die unbändige Freude über das Geschenk scheuchte diesen Hammel zum Glück gleich wieder in die hintersten Gefilde zurück. Denn – daß man nicht alles haben konnte was man begehrte – das hatte meine Großmutter mir schon beigebracht.

Ich begriff im Handumdrehen, wie man es anstellte – meinte ich – denn wir liefen sofort los. Richtung Rauental.

Laufen – ich konnte mit meinem neuen Fortbewegungs-mittel laufen! Ich fühlte mich wie ein perfekter Skiläufer, der es seinem Freund Udo gleich nachtun wollte, der immer leichtfüßig ein Stück vorausglitt. Wie ein Wesen, das über die Erde schwebte.

Kaum setzte ich aber zum Flug an – bamms – drückte mein Hintern auch schon den weichen Schnee platt. Meine Spur sah aus, als wenn ein Wesen mit riesengroßen Füßen auf dem Waldweg längsgestappt wäre.

Endlich am Rauentalhang angekommen, haben wir den ganzen Nachmittag geübt – wir, denn Udo hat mir unermüdlich geholfen. Ich weiß nicht, wieviel Abdrücke von Ismailhintern abends am Hang zu zählen waren – aber mit jedem Abdruck im Schnee wurde ich geschickter im Umgang mit den Brettern.

Der Winter hat es so lange bei uns im Rauental ausgehalten, bis ich mit den Flitzern umgehen konnte. Die Blumen in den Gärten und am Waldboden wurden bereits ungeduldig. Sie schauten an sonnigen Tagen mit ihren bunten Spitzen schon mal durch die Schneedecke, und fragten schüchtern beim Winter nach, wie lange es denn noch mit dem kleinen Jungen aus der Türkei dauern würde, bis er endlich Skifahren könne..

Er hat sie immer wieder besänftigt – solange, bis ich eines Abends mit lautem Juchhei, und ohne mit meinen Pobacken den Erdboden zu berühren, den Hang hinuntersauste.

Das Glück darüber konnte ich schwerlich für mich behalten. Auf dem Heimweg schenkte ich den Schlitten meinem Bruder – denn ich war ja nun königlicher Skifahrer.

 

Am nächsten morgen war mein Freund – der Winter – stillschweigend zu seiner nächsten Arbeitsstelle weitergezogen. Ich hab’ ihm ganz laut Danke für das neu gelernte hinterhergerufen – und „komm bald wieder zurück“.

Der Frühling war nicht mehr zu bremsen – er mußte ja einiges an Zeit aufholen – die Zeit, die er mir geschenkt hatte.

Der Duft der Blumen konnte nicht warten, bis die Blüten ihre Umhänge ablegten – aus den Knospen heraus überschüttete er uns mit seinen Wohlgerüchen – uns wurde manchesmal schwindelig davon.

 

Jetzt besaßen mein Bruder und ich zwar jeder ein Fortbewegungsmittel, aber beweglich waren wir damit auch nicht – zumindest nicht bis zum nächsten Winter.

Der Frühling forderte wieder unsere Füße. Die trugen uns gut hinter unseren Freunden auf ihren Fahrrädern her – besonders zu den Schuttplätzen in der Umgebung. Drei davon gab es in der Nähe. Das ist Heute auch nicht mehr gut vorstellbar.

Hans-Werner war der Schuttplatzspezialist in unserer Runde. Es gab nichts, von dem er nicht wußte, wo es zu finden war. Er kreiste von einem Schuttplatz zum anderen. Ich wurde sein ständiger Begleiter.

Der große Steinbach Schuttplatz hatte es uns in erster Linie angetan. Irgendwie zog es uns – und besonders mich – immer wieder dahin. Bis ich erfuhr warum. Ein Fahrradreifen winkte mir eines Nachmittags zu.

Zwischen Pappkartons und Geröll schaute er ans Licht. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, merkte ich, daß ein komplettes Fahrrad an ihm hing.

 

Wer hatte mich wohl an diesen Platz geführt? Sollte Allah mich auch hier beobachten?

Radfahren hatte ich schon in der Türkei gelernt.

Mein Glücksfund landete natürlich bei uns zuhause. Hans-Werners Luftpumpe brachte Leben in die platten Reifen. Richtig prall und dick plusterten sie sich auf – und blieben so! Es gab keine Leckstelle, durch die die Luft entweichen konnte.

Lenkstange und Sattel waren schnell auf meine Größe eingestellt – und schon sollte es zur ersten Fahrt losgehen. ‚Sollte’, denn mit Tretkurbeln, die in die gleiche Richtung zeigen, kann man schlecht in die Pedale treten.

Zwar war nicht Holland in Not – aber der kleine Ismail. Was machen kleine Jungen, wenn sie sich in Not befinden? Sie gehen ihre Mama um Hilfe an

Und Mama half – genau mit zwei Mark für einen neuen Konusbolzen – damit die Pedale nicht mehr beide so traurig nach unten hingen. Zu guterletzt noch ein paar Tropfen Olivenöl aus Mamas Küche an die Kette – und die Karre lief wie geschmiert.

Ich war wieder mobil und glücklich. Ja – glücklich war ich wohl auch. Kinderglück.

So wie die neue Welt für mich mit jedem Tag, den ich mit meinen Freunden auf Achse war, ein Stückchen kleiner wurde, nahmen die Sommertage für mich an Länge zu. Die Sommertage mit 36° im Schatten.

Da fühlte ich mich doch tatsächlich oft nach Izmir zurückversetzt, wenn wir an heißen Tagen bei unseren Großeltern durch die Apfelsinenplantage getollt waren.

Die Sommertage, in denen wir um Aschaffenburg herumstreiften. Die Tage mit Hitze und südlicher Sonne,

an denen ich vergeblich hoffte, dem Spessarträuber zu begegnen. Der Sagengestalt, von der uns Onkel Karl immer erzählte, wenn wir abends auf den Strohballen hockten, nachdem wir ihm im Stall geholfen hatten. Vergönnt war es mir leider nicht.

Vergönnt war mir und meinem Bruder aber etwas anderes. Am Wochenende, wenn Vater nach Hause kam – er war mittlerweile mit seinen Fähigkeiten der Arbeit hinterher gezogen, spürte er wohl das Glück seines großen Sohnes, dem das Fahrrad wieder ein Stück Welt eröffnet hatte. Er sah aber auch die Betrübnis in den Augen des jüngeren Sohnes, der von vielem ausgeschlossen war – eben weil er kein Fahrrad besaß. Das ging ein paar Wochen so, bis eines Samstags mein Fahrrad im Keller bleiben mußte.

 

Heute fahren wir zusammen mit dem Auto in die Stadt, war das einzige, was ich von Papa zu hören bekam, als er diese Anordnung traf. Gefallen hat es mir nicht – das muß ich sagen. Nur, Papa war Papa – und Papas Sagen war Papas Sagen. Bei diesem türkischen Prinzip gab es auch keine Sonderregelung, nur weil wir uns in Aschaffenburg befanden.

Meine innere Verstimmung verflog im Nu, als wir in der Innenstadt mitten in einem Laden voller neuer Fahrräder standen. Papa hatte beschlossen, jedem von uns ein Fahrrad zu kaufen. Selber aussuchen durften wir die Vehikel auch noch.

Mein Bruder und ich stürzten uns auf das gleiche Rad. Ein Rad in strahlendem kaiserlichem Blau. Es war kein Einzelstück – wir hätten beide das gleiche Rad bekommen können. Aber da war Papa mit seiner Vernunft dagegen. Eure Fahrräder müssen voneinander zu unterscheiden sein. Punkt.

Das geschah zur vorbeugenden Verhinderung etwaiger brüderlicher Streitereien. Ich blieb beharrlich bei Blau. Mein Freund Udo besaß kaiserliche blaue Ski – ich wollte dann wenigstens ein kaiserliches blaues Rad mein eigen nennen. Mein Bruder und ich haben diese wichtige Frage ohne gegenseitige Kriegserklärung geregelt.

 

Mein Bruder suchte sich ein königlich rotes Fahrrad aus.

Nun standen wir draußen auf dem Gehsteig mit unseren blitzenden Prunkgestellen. Wir mußten ja wieder heim.

Papa ließ uns aber nicht einfach lossausen, was wir am liebsten getan hätten – er traute unseren Fahrkünsten nämlich noch nicht so recht.

Wie immer fällte er eine salomonische Entscheidung. Ihr beide fahrt mir voraus, damit ich mich überzeugen kann, wie weit es mit eurer Fahrkunst her ist. Natürlich bestanden wir mit Bravour die Prüfung – und hatten für die Zukunft freie Fahrt.

Mensch Deutschland – bist du schön!!!

 

Ich hatte mich ganz schön erfolgreich durch die ersten Etappen meiner Beweglichkeit gehangelt.

Auf unseren Sommerausflügen erwischte mich plötzlich ein Virus. Nicht das ich körperlich erkrankte, nein – ich wurde süchtig nach Musik.

Mein Freund Walter, der Sohn von Onkel Karl – dem Besitzer der Schimmelkuh – kreuzte mit einem Akkordeon auf. Sein Geburtstag hatte ihm dieses edle Teil beschert.

Die Töne, die er damit fabrizierte – ich glaube Musik durfte man das noch nicht nennen – schlugen mich in ihren Bann.

Mutter war entschieden gegen mein Begehren, musizieren zu lernen. Musik machen nur Zigeuner. Wie, als wenn sie es gestern gesagt hätte, klingt mir dieser Satz heute noch in den Ohren. Ich weiß nicht, was in meinen Vater gefahren war – ohne das ich schwierige Überzeugungsarbeit leisten mußte, suchte er mit mir gemeinsam aus dem Quelle-Katalog ein Prachtstück von Musikinstrument aus.

Achtundvierzig Bässe zählte ich an dieser Musikmaschine – und Instrumentenunterricht durfte ich auch noch nehmen.

Papa bezahlte dafür, das mir die grundlegenden Fertigkeiten beigebracht wurden. Nach nicht einmal einer handvoll Jahren Aufenthalt in Deutschland war aus mir schon ein fahrender Musikant geworden.

Dreimal hatte sich das Jahr die Hacken schiefgelaufen – 1966 stand auf jedem Blatt des Kalenders, der bei uns an der Küchenwand hing. Sprechen sprach ich mittlerweile wie ein Aschaffenburger Junge – mit Dialekt und allem drum und dran. Wer mich nicht sehen, sondern bloß hören konnte, vermutete keinen türkischen Hosenmatz hinter den Worten. Wie gerne wäre ich blond gewesen, denn jedesmal, wenn man mich zu Gesicht bekam, war ich wieder das Ausländerkind. Manchmal war mir schon ganz schlimm zumute. Nicht das ich mich schämte, ein türkisches Kind zu sein – aber immer nur Ausländer zu sein war auch nicht das Wahre.

Frisör Philip hütete in seinem Laden in Damm das Monopol für Kinderkopfhaareschneiden. Alle vier Wochen mußten wir bei ihm antreten. Nicht das er uns mit dem Lasso auf der Strasse einfing – die Mühe brauchte er sich nicht zu machen. Unsere Eltern trieben ihm seine Kunden zu. Die paßten schon auf, das unsere Ohren frei blieben – von wegen gut hören. Wenn Meister Philip ab und zu meinem Wunsch nach einer etwas längeren Haarpracht voller Bedenken nachgegeben hatte, stand ich garantiert eine halbe Stunde später wieder bei ihm auf der Matte.

Nachschneiden, fragte er dann nur – und ohne mein Nicken abzuwarten, griff er zur Schermaschine.

Während der Meister sonst immer fröhlich vor sich hin pfiff – beim nachschneiden guckte ihm stets Betrübnis aus den Augen. Es bereitete ihm sichtliches Unwohlsein, aus mir immer wieder einen türkengerechten Jungen zu machen. Ich glaube, er hätte mir gerne ein bißchen Deutschsein gegönnt.

So flog ich immer als Ball zwischen seinem Wohlwollen und meines Vaters Neinsagen hin und her. Vater siegte immer – wo wäre sein türkisches Denken sonst auch gelandet. Nein, nein – Vater war kein Nationalist – beileibe nicht. Der Hauptgrund waren wohl die größeren Abstände zwischen den Frisörbesuchen. Man denke nur an die einsfünfzig, die jedesmal pro Nase fällig waren. Bei diesem türkischen Einheitsschnitt hätten meine Haare ruhig blond sein können – ich wäre immer noch als ein Junge von jenseits des Bosporus erkannt worden. Diese Kleinigkeit Haarschnitt und –farbe hat mir auf meinem Weg in die Gesellschaft oft Hindernisse in den Weg gelegt.

Dazu kamen dann noch die Paragraphen – fein säuberlich in den Gesetzbüchern verpackt. Mit Mustern davon wurden unsere Pässe dekoriert. Wenn ich sage unsere, dann meine ich die Pässe meiner Eltern. Ich bekam meinen ersten eigenen Pass, als ich die Schule erfolgreich hinter mich gebracht hatte.

Solange waren wir auf einem Gruppenbild in Papas und Mamas Papieren untergebracht. Fein säuberlich neben zwei akkuraten amtlichen Stempeln.

Ich habe heute noch das Gefühl in mir, als wenn ich aus dem Foto heraus immer seitlich auf die Buchstaben schielte. So fest sitzt mir der Text im Kopf.

 

Fremdenpass

 

Aufenthaltserlaubnis

für die Bundesrepublik Deutschland

einschl. des Landes Berlin

 

 Selbstständige oder vergleichbare

unselbstständige Erwerbstätigkeit

nicht gestattet

 

stand da unverrückbar und fein säuberlich in blauer Stempelfarbe gedruckt. Eine sogenannte Aufenthalts-berechtigung wurde Gastarbeitern der ersten Generation erst nach fünf nachgewiesenen Beitragsjahren zugunsten der Rentenkasse erteilt. Kinder wurden zwar nicht ausdrücklich in der Vorschrift erwähnt – aber wir schauten ja in den ganzen Jahren aus jedem Pass heraus. Für uns kleinen Schietbüdel galten natürlich die gleichen Bestimmungen. Obwohl – wie sollten wir schon groß selbstständig tätig werden.

Das änderte sich schlagartig, als ich die ersten langen Hosen anbekam.

Ich wurde behördlich von den Eltern abgenabelt – ich mußte eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, und bekam meinen eigenen Paß, Auch wieder schön mit den bekannten Stempeln versehen. Ich mußte mir aber den Platz im Paß – neben den ehernen Verbotseinträgen – nicht mehr mit den anderen teilen.

Ich durfte für die nächsten Jahre ganz alleine nach den Buchstaben plieren.

Wenn ich an die vielen Abstufungen in den Statuten von damals denke, beneide ich noch manchesmal die heutige Generation der Zuwanderer. Mit meinen kurzen Hosen war auch die Kinderschulpflicht in die Tonne gewandert. Die Suche nach einer Lehrstelle trieb mich durch Aschaffenburg. Im Familienrat wurde der Entschluß gefaßt: Ismail wird Werkzeugmacher. Wenn die Familie irgendwann einmal wieder in die Heimat – die Türkei war damals im Denken noch Heimat – also, wenn die Familie einmal wieder nach Hause zurückkehren würde, könnte der Junge wenigstens sein eigenes Werkzeug herstellen. Sehr praktisch!

Hans-Werner erwies sich wieder als mein Pfadfinder. Er war ein Jahr zuvor aus der Schule entlassen worden. Seine gute Nase für Glücksfunde kam mir auch hier zugute.

Die Firma Zenglein in Aschaffenburg, als Hersteller von Messwerkzeugen, bildete ihn aus. Mich brachte er auch dort unter. Meine Ausbildung begann.

Die Firma Zenglein war eine Stiftefirma – das heißt, Herr Zenglein – seines Zeichens Chef des Betriebes – war auch gleichzeitig Meister und Ausbilder.

Gesellen hielt er sich nicht – von wegen der höheren Lohnkosten.

So mußten wir, nachdem unsere Lehrzeit beendet war, auch die Platte putzen – Platz machen für neuen Nachwuchs im Geschäft Zengleins.

 

Dreieinhalb Jahre schützte mich mein Lehrvertrag – genau bis zum 14. Januar 1975.

Von am Anfang 170.- bis auf 280.- DM im vierten Ausbildungsjahr hatten sich meine monatlichen

„Bezüge“ gesteigert. Der Gegenwert für vierzig Wochenstunden im Betrieb. Vier Wochen im Jahr brauchten wir allerdings nicht in der Werkstatt erscheinen. Als die ersten Urlaubswochen anstanden, war ich heilfroh. Heilfroh, mich von dem endlosen feilen, feilen, feilen erholen zu können. Ein Hammer wurde mein erstes Werkstück.

Ich hatte zwar schon viel mit einem Hammer gearbeitet, aber daß ein Hammer soviel Arbeit kostete, bis man ihn einen Hammer nennen konnte, das war auch eine neue Erfahrung. Amboß, Finne, Nut, Stiel – die gesamte Hammergeographie lernte ich kennen. Hammerspezialist war ich nun auch noch.

Weil ich mich als sehr geschickt erwies, erhielt ich gegenüber den anderen Stiften einen Vorteil – ich durfte die Nut für den Hammerstiel an einer Maschine fräsen. An einer Maschine, die aussah, als wäre sie einem Museum entliehen. Ein Monstrum von Bohr- und Fräsapparat, an dem ich kleiner Stöpsel meine Künste versuchte. Die meisten Maschinen in unserem Betrieb besaßen keinen eigenen Motor. In Bewegung gesetzt wurden sie durch Riemen, die von einer zentralen Maschine in alle Richtungen liefen. Eine saugefährliche Angelegenheit. Man durfte ihnen nicht zu nahe kommen, wenn sie singend durch die Gegend schlackerten, um ihren schweren Dienst zu verrichten.

Als ich das erste Mal diese vorväterlichen Einrichtungen zu Gesicht bekam, überfiel mich die Erinnerung an meine erste Dampfmaschine, die meine Großmutter mir noch in der Türkei geschenkt hatte.

 

Irgendwann hing mein Hammer an der Wand im Meisterbüro – er war mir so gut gelungen, daß der Meister ihn jedem zeigte. Als ein Paradestück seiner Ausbildungskunst – wie er dabei zu sagen pflegte. Dem sogleich ein zweites folgen sollte, damit ich nicht aus der Übung käme. Wie Herr Zenglein tiefsinnig bemerkte, als er mir den Auftrag erteilte, ein Windeisen anzufertigen. Natürlich per Hand – und mit der Feile als Werkzeug. Wieder war der Name eines böhmischen Dorfes vor mir aufgetaucht – ein Windeisen? Was war denn das um alles in der Welt? Meister Zenglein gab mir eine Karte in die Hand – Konstruktionsplan nannte er das Stück Papier mit den vielen Strichen und Zahlen. Damit würde ich mich schon zurechtfinden, meinte er. Und wieder war es mein Freund – der Pfadfinder unserer Schuttplatzzeit – Hans-Werner, der mir die Wege durch das Striche- und Zahlengewirr erklärte. Ich muß sagen, der Stolz saß mir in den Knochen, als ich das Prunkstück nach Wochen meinem zufriedenen Meister präsentierte.

Wenn Herr Zenglein auch keine Gesellen bezahlen konnte – seine Lehrlinge durch Lob zu Höchstleistungen anstacheln, das konnte er. Schon wieder war ich ein paar Schritte weiter auf dem Weg zum Werkzeugmacher.

Mit den kalten Handwerkzeugen konnte ich mittlerweile gut umgehen. Die Abteilung Feuer und Schwert wartete auf mich. Die Härterei. Die Bezeichnungen der böhmischen Dörfer meiner kleinen Arbeitswelt schreckten mich auch nicht mehr. Ich fand mich ganz gut in ihnen zurecht.

 

Die Härterei! Die Begriffe hart und weich waren mir von zu Hause – von den Frühstückseiern her geläufig. Hier füllten sie ein ganzes Universum. Sie eierten zwischen Karbidkesseln – in denen Gas erzeugt wurde – Sauerstofflaschen und ölgefüllten Becken hin und her. Es war sozusagen die Giftküche unseres Zauberers. Hier wurden die Produkte alltagsfähig gemacht. Abgehärtet, damit sie im täglichen Kampf von messen und kontrollieren nicht vorzeitig schlapp machten. Die Art und Weise, wie es geschah – war allerdings – salopp ausgedrückt – vorsintflutlich. Aber die Ergebnisse unserer Arbeit besaßen Charakter, wenn sie uns durch die Werkstattür verließen. Die Kunden wußten das zu schätzen.

 

Bis es allerdings soweit war, mußten wir noch unzählige male die Feile ansetzen, den Karbidbrenner anschmeißen, zum erhitzen und vergüten, und uns die Finger wund schleifen für den letzten „Schliff“ – wie Meister Zenglein es nannte, wenn sein scharfes Auge seine prüfend darüberhinfahrenden Fingerspitzen begleitete. Während meiner Zeit in Zengleins Wunderschmiede ist nicht ein einziges Stück Werkzeug von den Käufern reklamiert worden. Aus diesem Grunde gab es bei uns auch wohl keine Beschwerdeabteilung bei den Zengleins. Mein Freund Hans-Werner verließ ein Jahr vor mir unsere kleine Messwerkzeugschusterei.

 

Meine Betrübnis darüber konnte sich aber gleich wieder verkriechen. Er blieb mir erhalten, denn nur ein paar Straßenzüge entfernt empfing man ihn in einem anderen Betrieb mit offenen Armen.

Die Gesellen, die Meister Zenglein geformt hatte, waren in der Umgebung begehrte Werkzeugmacher. Bis ein Jahr später mein Abschied von der Lehre vor der Tür stand, verbrachten wir jeden Tag wenigstens die Mittagszeit gemeinsam. Mein Abschied von Meister Zenglein wog gleich doppelt schwer. War er doch verbunden mit der Schließung des Betriebes.

 

Nicht das jetzt jemand denkt, meine Ausbildung hätte Zenglein & Zenglein zugrunde gerichtet. Nein, nein – die technische Entwicklung hatte seine Fertigungs-methoden lange hinter sich gelassen. Die Konkurrenz aus Fernost setzte den Schlußpunkt. Ich war der letzte Lehrling, den Meister Zenglein berufsfähig machte.

Der Chef klappte seine Bücher zu. Ein Kapitel überlieferter Handwerkskunst war abgeschlossen.

Jetzt mag bitte niemand denken, der Unternehmer Zenglein hätte sich das alles einfach so von der Backe geputzt. Es ging ihm schon nahe, sein Lebenswerk vorzeitig stranden zu sehen. In seinen Vorstellungen sah der Hafen, in dem er vor Anker gehen wollte, sicher auch anders aus. Aber wie es so ist, wenn der Sturm ein Schiff zwingt, den Kurs zu ändern. Und wie ein guter Kapitän auch nach dem Schiffbruch für seine Männer da ist – Meister Zenglein sorgte auch für mich, wie ich nach kurzer Zeit merken sollte,.

 

Der Musik habe ich bis heute die Treue gehalten. Meiner Vernarrtheit in fahrbare Untersätze auch, denn es dauerte keine Ewigkeit, kam Walter auf einem Mofa angerauscht. Für mich war es das Rauschen des Himmels.

Ich stieg in die motorisierte Welt ein. Aus einer Quelle Strassenbiene wurde nicht lange nach überschreiten der Mindestaltersgrenze eine Kreidler-Florett. Eine Kreidler-Florett war für uns Jungen damals etwa so hoch angesiedelt, wie das Kreuz des Südens am nächtlichen Himmelzelt für einsame Bergwanderer.

 

Den Erwerb des Führerscheins der Klasse vier setzte der Gesetzgeber aber voraus. Papa unterstützte mich. Damit durfte ich neben der Kreidler nun auch Trecker fahren. Auf Grund dieser Tatsache half unser Nachbarbauer Papas Zustimmung wohl so ein wenig auf die Sprünge, denn um seinen Traktor brauchte er sich in Zukunft nicht mehr zu kümmern. War das eine Wucht, mit dem Ungetüm von Trecker durch die Gegend zu gondeln. Für uns war es ein unbeschreibliches Vergnügen – für den Bauern eine gehörige Arbeitserleichterung.

Sich auf vier Rädern fortzubewegen, war nach kurzer Zeit für uns zur Normalität geworden – Alltag im Alltag. Aber wie stets in meinem Leben, drängte es mich auch jetzt wieder zu Höherem.

In der Nachbarschaft drehte seit längerer Zeit eine Knutschkugel ihre Runden.

Knutschkugel, was ist das denn – mag mancher verwundert fragen. Es war eine oder ein BMW-Isetta – ein Automobil (oder war es doch nur die Weiterentwicklung eines Motorrades mit Dach?) – zwar klein, aber fein. Wegen der äußeren runden Form, und wegen des geräumigen Innenraumes, der sich wunderbar für einsame Zweisamkeiten eignete, wurde es auch Knutschkugel genannt. Für fünfzig Mark hatte der Besitzer mir fahrverrücktem Narren das Gefährt überlassen. Bis ich altersmäßig die erforderliche Fahrerlaubnis erwerben konnte, ging noch eine Weile hin, aber ich war mit siebzehn schon Autobesitzer und den anderen Jungen wieder einmal um die berühmte Nasenlänge voraus.

 

Im Atomkraftwerk Hanau-Karlstein war Herr Zenglein nach dem Ende seiner Selbständigkeit in einer guten Position untergekommen. Eine Meisterstelle sicherte ihm seinen Lebensunterhalt. Er befand sich noch nicht in dem Alter, um sich auf seinem Rentenkissen ausruhen zu können. Und soviel Geld lag auch nicht auf der hohen Kante, um sich für den Rest seiner Tage zu pflegen. Also mußte er malochen, bis das die Schwarte krachte – genau wie wir es mußten, die er ausgebildet hatte.

Ich kann es beurteilen, denn ich konnte ihn jeden Tag beobachten. Dank seiner Fürsprache wurde die Reaktor Brennelemente Union – das Kürzel RBU ist wohl bekannter im Lande – auch mein Brötchengeber. Werkzeugmachen stand von da an zwar nicht mehr auf meinem Tageszettel – aber interessant war meine Tätigkeit nicht weniger. Die Qualitätskontrolle in der Brennelemente-Fertigung sah mich durch die Arbeitstage eilen. Klingt eigentlich ganz profan – Brennelemente-Fertigung. Ungefähr so, wie Briketts pressen oder Wachskerzen ziehen. Von dieser Art Arbeit war meine Tätigkeit aber ungefähr soweit entfernt, wie die Sonne von der Erde.

Bei uns füllte man tablettenförmige Uranteile – die ich vorher überprüfte – in Brennrohre, die anschließend verschweißt und zu großen Einheiten verbündelt wurden. Nach der Aktivierung dienten sie als Treibstoff für die Atomreaktoren, in denen so billig Strom erzeugt wurde und wird. Ich habe mich später häufig gefragt, zu welchem Preis das alles geschieht.

 

Natürlich waren wir radioaktiven Strahlen ausgesetzt – die Messgeräte zeigten es uns zu jeder Sekunde, weil wir sie ja am Leibe trugen.

Alle sieben Tage überprüfte ein Sicherheitsingenieur die Gesamtstrahlenmenge, der wir unter der Woche ausgesetzt waren.

So ganz „Ohne“ war meine neue Beschäftigung also nicht, denn grundlos zahlte die Gesellschaft mir jungem Hüpfer nicht 2 000.- DM netto. Damit konnte ich unter Gleichaltrigen schon ganz schön glänzen.

 

Den Schichtdienst im Werk nahm ich dafür gern in Kauf.

Bis mich der Hafer stach – der Hafer in Gestalt von Bernd. Mit Bernd drückte ich jahrelang gemeinsam die Schulbank. Wir waren eigentlich richtig befreundet – so dachte ich wenigstens. Ein Jahr gehörte ich nun zur RBU. Es war mein zweiter Sommer nach der Auslehre, und er war genauso südlich, wie mein erster Sommer in Deutschland – dreizehn Jahre zuvor.

Bernd hatte seine Arbeit geschmissen – die Sonnentage im Schwimmbad gaben ihm mehr. Auf jeden Fall seinen Augen – denn jungen, wohlgeformten Mädchenhintern schielten wir auch schon hinterher.

Uns wuchsen ja schon Haare auf der Brust, und anderswo am Körper.

Wenn Bernd mir in meiner wenigen freien Zeit von seinen Erlebnissen vorschwärmte – das meiste davon entsprang sicher seinem Wunschdenken – befielen mich richtige Verlustängste. Was verpasste ich nicht alles! Mein Jungmännerblut kribbelte, und ich stellte mir die heißesten Geschichten vor.

Ich kündigte bei der RBU.

Kurzentschlossen.

Unser Personalchef fiel aus allen Wolken. Er vermutete als Grund die Heimkehr in die Türkei – oder erwartete sonst eine schwerwiegende Begründung für mein Handeln.

Dass ich mit meiner Entscheidung bei mir selbst nicht einmal auf der sicheren Seite stand, zeigte sich dadurch, daß ich mir irgendeine bescheuerte Begründung einfallen ließ. Ich konnte ihm einfach nicht sagen, daß mich die Sünde lockte – das ich mich für doof hielt, bei RBU zu schuften. Wenn ich ihm das gesagt hätte – er hätte garantiert festgestellt, daß ich tatsächlich so doof war. Nur, seine Begründung dafür, die hätte garantiert anders gelautet, als die meine.

Während ich mir in den Katakomben Strahlen einfing, fing mein Freund Bernd im Strandbad die hübschesten Käfer ein.

Abgenommen hat der gescheite Herr Reis mir meine fadenscheinigen Argumente mit Sicherheit nicht, sonst hätte er mich bestimmt nicht so lange bekniet, meine Kündigung zurückzunehmen. Sogar eine Urlaubs-bedenkzeit bot er mir an – aber ich Torfkopp lehnte stur ab. Heute bin ich überzeugt, die Esel in der Türkei waren in ihrem Denken damals klüger.

Sein großes Bedauern über meine Entscheidung, und alle guten Wünsche, gab er mir mit auf den Weg – eingepackt in den Schlusssatz – bei der RBU werden sie nie wieder anfangen können.

Es war ein Prinzip der Firmenleitung.

Herr Reis war ein Personalchef der Sonderklasse – ich habe bis heute keinen ähnlichen kennen gelernt.

Das war mein erster Ausflug in die Arbeitslosigkeit. Gott sei Dank blieb es bei einem Kurztrip – denn ich merkte schnell, daß die Jagdbeute im Strandbad gar nicht so fett war, wie Bernd es in seinen Kreuzmalereien dargestellt hatte. Und meine Ersparnisse bekamen auch ganz schnell die Schwindsucht.

 Ich bereute zutiefst meine vorschnelle und unüberlegte Entscheidung, und bei den Strahlenproduzenten von der RBU in den Sack gehauen zu haben, aber – die Sache war nicht wieder rückgängig zu machen. Ebenso wenig wie nach einer gewissen Prozedur ein kleiner Judenjunge nie wieder zu einem Nichtjudenjungen werden kann.

Wieder war es unser Schuttplatzspezialist – Pfadfinder Hans-Werner – der für mich den nächsten Glücksfund machte. Auch er war nicht mehr in der Firma, die nach seiner Lehrzeit seine Fähigkeiten benötigt hatte. Nur war er nicht wegen seines kribbelnden Jünglingsblutes von da fort – wie ich balzender Hahn. Er bekam bei seinem neuen Arbeitgeber einfach mehr Lohn – die Maschinenbaufirma Hein zahlte ein verlockend besseres Entgeld. Hydraulische und pneumatische Maschinen waren auf der Werteskala des Marktes höher angesiedelt.

Wie er es denn fertig brachte, weiß ich nicht – auf jeden Fall arrangierte er für mich ein Stelldichein mit seinem neuen Chef persönlich.

 

Der gute Ruf der Firma Zenglein wehte wieder einmal wie ein gutes Omen vor mir her. Als ich das Büro des Chefs nach einer kurzen Unterhaltung wieder verließ, gehörte ich schon zur Mitarbeiterschar von Hein’s Maschinen- und Anlagenbau.

So einfach war es zu dieser Zeit – wenn man an einem Tag in einer Firma „in den Sack“ haute, konnte man in den meisten Fällen schon am vorhergehenden Tag wieder anderswo anfangen.

Gegenüber dem heutigen Stellenmarkt war es schon so ein klein wenig wie der Hauch eines Arbeiterparadieses.

Zweimal dreihundertfünfundsechzig Tage sah mich die Zeit bei ihrem Hasten durch dieselbe an der Werkbank bei Hein stehen, dann trieb es mich unaufhaltsam weiter.

Ich begann meinen Vater zu verstehen – ich begann zu begreifen, warum er in der Türkei seine gesicherte Existenz aufgegeben hatte. Der Drang nach Neuem trieb ihn – genau wie mich jetzt. Mein nächstes Abenteuer hatte mit dem kaufmännischen Leben zu tun, und hieß Außendienst.

 

Dem Fahrbachweg in Aschaffenburg hatte ich den Rücken gekehrt – irgendjemand hatte irgendetwas verloren, das fühlte ich. Entweder der Fahrbachweg mich – oder ich den Fahrbachweg. Irgendwann fand ich des Rätsels Lösung, und wußte, daß ich der Verlierer war. Der Grund für meinen Wohnortwechsel war weiblicher Natur – ein Mädchen, oder besser gesagt eine Frau. Allah hatte Amor meinen Weg kreuzen lassen. Der, wohl allen Menschen bekannte Engel mit dem Bogen, hatte einen Pfeil auf mich abgeschossen – und natürlich voll ins Schwarze getroffen.

 

 Meine erste große Liebe schwebte wie eine rosarote Wolke um mich herum, und füllte unsere gemeinsame Wohnung in der Innenstadt von Aschaffenburg mit Bergen von Glück. Dass die Verheißung fünf Jahre älter als ich, und vorher schon einmal verheiratet war, war für mich völlig belanglos. Ein Baby hatte sie durch das Leiden in der beendeten Beziehung verloren – meine Liebe und Zuneigung halfen ihr, die Wunden sich schließen zu lassen.

Im Umfeld meiner neuen Bleibe lernte ich nach kurzer Zeit einen Menschen kennen, der abrupt die Zielrichtung meiner Lebensplanung änderte. Vielleicht war der feine Nadelstreifenanzug mit dem kornblumenblauen Hemd und der Seidenkrawatte die Weiche, die mich auf eine andere Schiene leitete. Peter hieß er, und war plötzlich unser Nachbar im gleichen Wohnblock.

Der Rest seiner Familie – das heißt, seine Frau und die Kinder – wohnte schon länger in der Wohnung neben unserem Liebesnest. Jahrelang galt seine Frau bei den Mitbewohnern als bemitleidenswerte alleinstehende Mutter mit fünf Kindern. Diese Mitleidseinstellung der Leute änderte sich schlagartig, als Peter als Vater aus der Versenkung wieder auftauchte. Peter hatte für sechs Jahre die gesiebte Luft hinter schwedischen Gardinen genossen. Wie er mir später erzählte, war er der Kopf einer ziemlich großen Einbrecherbande gewesen. Stolz zeigte er mir Zeitungsausschnitte mit Berichten über seine „Karriere“. Die Bilanz seines zwielichtigen Geschäftes belief sich auf geschätzt über zwei Millionen D-Mark. Wahrhaftig schon der Umsatz eines kleinen Imperiums. Nichts fehlte auf der Palette des gestohlenen Gutes – von Teppichen über Büromaschinen und elektronischen Geräten bis hin zu Textilien neben Lebens- und Genussmitteln. Die sechs Jahre Knast hatten ihn aber beileibe nicht geläutert – er trauerte nur um die verlorene Zeit.

In meiner Phase als Bierauslieferer traf ich auf Peter. Die süffigen Produkte von Martins Brauerei brachte ich von morgens bis abends unter die Trinker im Lande. Die Angestellten der Gerstensafterzeuger wurden damals noch großzügig behandelt. Zwei Kästen Haustrunk bekamen wir die Woche – ganz schön honorig, und immer die Gefahr in sich bergend, aus den Mitarbeitern Säufer zu machen. Damit ich erst gar nicht in Versuchung kam, veranstaltete ich mit meinen Freimengen kurzerhand wöchentliche Partys. Wodurch mein Taschengeld in ganz schön runde Summen gekleidet wurde. Alle, die einmal probiert hatten, waren versessen auf den billigen Rausch bei mir.

Nachbar Peter lud meine Freundin und mich eines Abends zum Essen ein. Die fünffachen Eltern hatten gehörig eingekauft (auf welche Art das „Einkaufen“ erfolgt war, habe ich mich an dem Tage nicht gefragt – obwohl es ja eigentlich hätte nahe liegen müssen) – vor allem Gerichte aus meiner schon fast vergessenen Heimat. Menschenskinder – wie fühlte ich mich von meinem Nachbarn Peter gebauchpinselt – von so einem weltläufigen Deutschen so glänzend hofiert zu werden! Was tischten die beiden nicht alles für uns auf! Knoblauchwurst, Schafskäse, gefüllte Weinblätter, Oliven, eingelegte Paprikaschoten, original türkisches Fladenbrot und, und, und …! Das Angebot nahm gar kein Ende. Auf die Idee, mich zu fragen, warum der Knastbruder Peter um mich einen solchen Aufwand betrieb – auch dazu kam ich nicht einmal ansatzweise. Irgendwie war ich verblendet – im Stillen, so zu mir selber, sage ich im nach hinein auch wohl, ich war ziemlich blöd. Aber das bitte ich jetzt, nicht weiterzusagen.

Das alles gab es natürlich nicht trocken serviert – türkischer Wein und Raki sorgten in ausreichender Menge dafür, daß uns die mehr als reichhaltigen Speisen nicht im Halse stecken blieben. Peter war nicht bloß ein ausgebuffter Knastologe – Peter war auch ein ausgewachsener Alkoholiker. Und das bestimmt nicht erst seit gestern.

Für mich als „Greenhorn“, das auf jede Streichelbewegung der Menschen in seiner neuen Heimat versessen war, wirkte das Tun Peters überwältigend „cool“ wie man heute wohl amerikanisiert sagt.

Kaum aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen, residierte er schon wieder in einem angemieteten Büro – mit auf Pump gekauften Möbeln – als selbständiger Unternehmer. Seine Idee war für die Zeit, in der die Zeit sich bewegte, einfach genial. In seinem Denken war er der Entwicklung um einiges voraus. Eine, durch Werbung finanzierte, kostenlose Zeitung wollte er herausbringen. Ähnlich den heutigen Stadtteilzeitungen. Die Voraussetzung für die Umsetzung solcher Pläne, war aber damals wie heute einiges Kapital. Auf einen einfachen Nenner gebracht, lautete die Frage: Woher nehmen, wenn wir es schon nicht selber drucken konnten? Wie bewunderte ich Riesenroß meinen neuen Freund ob seiner „genialen“ Einfälle! Er suchte – und fand – durch Zeitungsanzeigen stille Teilhaber mit überschüssigem Moos in der Tasche und der Gier nach mehr Geld im Kopfe.

 

Geblendet von seinem makellosen Auftreten, und angetörnt von seinen gewinnverheißenden Versprechungen, stiegen sie in die neugegründete Firma als Teilhaber ein. Natürlich mit notariell beglaubigten Verträgen. Die aber das Papier nicht wert waren, auf dem die Texte geschrieben standen.

Volle Auftragsbücher für seine angedachte Zeitung lagen auch schon auf dem Bürotisch. Seine Außendiensterfahrung als „Drücker“ und späterhin als Kolonnenführer einer solchen Zeitungsverkäufertruppe kamen ihm dabei zugute.

Zugute kamen ihm denn auch die stattlichen Geldsummen, die werbewillige Kunden vorab bezahlten. Sie kamen seiner Erholungsbedürftigkeit und seinem Geltungsbedürfnis sehr gelegen. Einfach ausgedrückt – er machte sich davon ein feines Leben.

Eine Vorzeigetour nach Ost-Berlin stand als erstes auf dem Programm. In Ostberlin wohnte seine Schwester – man mußte den unterentwickelten SBZ-lern doch den Glanz der Westzonen vor Augen führen – ihnen die Erfolge eines Republikflüchtlings demonstrieren. Peter stammte nämlich aus der „DDR“ – seine Mutter hatte mit ihm über das österreichische Wien Jahre zuvor in den Westen „davon gemacht“ – wie es die Menschen jenseits der Mauer salopp ausdrückten. Seine Mutter hatte familiäre Bindungen in die Wiener Kaffeehausgesellschaft. Peters sprichwörtlicher „Wiäner Schmää“ kam wohl aus dieser genetischen Erbabteilung. So ein wenig verband uns also unsere persönliche Geschichte – Peter und mich. Nur die Gründe waren verschiedenfarbig. Peter folgte seiner Mutter, die vor einem menschenverachtenden System Reißaus genommen hatte – ich mußte meinem Vater in das Land seiner Träume folgen. Der Zielort an dem wir irgendwann ankamen und aufeinandertrafen, war der gleiche – nämlich Aschaffenburg.

Als Chef des neugegründeten Verlagshauses, und als Herausgeber einer Zeitung, die noch gar nicht existierte, machte Peter erst einmal für ein paar Wochen Urlaub. Er wollte reell den Mief des Knastes ablegen – wie er sich ausdrückte. Nach seiner frischgedufteten Rückkehr an den Ort seiner Aktivitäten konnte er auch gleich die Erfolge seiner Kampagne betrachten. Der Kreis der Geldgeber lag flach am Boden. Ruiniert und am Ende. Statt des erhofften Geldsegens aus dem Hintern des Goldesels – den sie in froher Erwartung gefüttert hatten – war ihr Kapital in einem Faß ohne Boden verschwunden. Wie wenn man der Wüste Gobi mit dem Inhalt einer Kleingartengießkanne zu Leibe rückt, in der Hoffnung auf ein grünes Paradies.

Einige der geldgeilen Investoren waren schlicht und ergreifend pleite – sie waren einem Betrüger aufgesessen. Eben Peter. Auf seiner Fahne stand zwar „Robin Hood“ – doch die Idee dieses Raubritters vergangener Tage – den Reichen zu nehmen, den Armen zu geben – hatte er auf seine eigene Art umgedeutet. Reiche gab es viele im Lande – mit ihm als einzigen Armen.

Wie es trügerische Wohlgerüche nun einmal so an sich haben – Peter verduftete ganz schnell. Er verschwand von der Bildfläche seines Wirkens. Wer lebt schon gern zwischen Ruinen. Das ging so schnell, daß selbst ich nicht sehen konnte, in welche Richtung er sich verflüchtigt hatte.

Wie der Zufall – oder das Schicksal – es fügte, traf ich Peter eines Tages in einem Kaufhaus wieder. Als wenn die Zeit dazwischen gar nicht über uns hinweggezogen war, nahm er mich sofort mit in sein neues Heim. Der Raubritter hatte eine neue Burg gefunden – in einem pleite gegangenen Bäckereibetrieb residierte er jetzt mit seiner Familie. Im Verkaufsraum, der den vorderen Teil der Residenz ausmachte, präsentierte er Bilder, durch die großen Schaufenster gut zu betrachten. Bilder, die unter den Händen seiner Frau entstanden – Hinterglasmalerei. Den künstlerischen Wert konnte ich nicht beurteilen – er entsprach nicht meiner Kultur. Aber Peters Wesen hielt mich immer noch gefangen. In regelmäßigen Abständen zog es mich zu ihm hin. Er hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt – hatte mir eine Frage gestellt, deren Beantwortung mich schon nicht mehr schlafen ließ. Der Verkauf – das an den Mann bringen dieser Objekte.

Ich wäre nicht meiner Großmutter Enkel, hätte ich nicht die Lösung gefunden. Eine Handelsgesellschaft für den Im- und Export von Waren. Peter war begeistert von meiner Idee – und mir schmeichelte seine Begeisterung. Sie schmeichelte mir halbgewachsenen Türkenjungen so sehr, das ich nicht bemerkte, wie luftig und bodenlos sie war. Peter suchte neues Geld – und ich Hammelkopf investierte meine Ersparnisse – 5 000 Mark lagen bei mir auf der hohen Kante. Ich gab nicht nur meinen Profit aus den Freibiergeschäften hin, nein – ich nahm auch noch einen Kredit über die gleiche Summe auf. Das waren zehntausend harte, blitzende, klingende Münzen, von denen ich bis heute nicht eine wiedergesehen habe.

Seine Begeisterung über meine Pläne, billige westliche Produkte mit Profit in der Türkei zu verkaufen, das gleiche mit preiswerten türkischen Erzeugnissen dann in Deutschland zu machen, sorgte wohl für meine Blindheit – machte meinen ansonsten nüchternen Verstand regelrecht besoffen. Plötzlich waren wir Geschäftspartner. Ich war der nichtsahnende, freudestrahlende Nachfolger seiner anderen Opfer. Bevor ich mir aber dessen bewußt wurde, mußte noch einiges Donauwasser den Weg zum Schwarzen Meer nehmen. Wir nahmen jedenfalls gleich darauf die Umsetzung meiner Idee in Angriff. Als erstes mußte ein Gewerbeschein her. Bei Peter gab es da so einige unüberwindliche Hürden, die verhinderten, daß er an so ein Papierchen gelangte. Für mich war es leicht. Auf dem zuständigen Amt ein paar Fragen, ein paar Stempel, ein paar Mark an Gebühren – und ich war frischgebackener Chef einer Im- und Exportfirma.

In Goldbach – ich empfand den Namen als eine Verheißung – residierte ein Jeanshersteller. Wir kauften gleich am nächsten Tag soviel Jeanshosen, wie wir im Kofferraum meines Opel-Rekords verstauen konnten – und dann ab – nein, nicht nach Kassel, sondern in die Türkei, um dort die Baumwollpflückerhosen zu versilbern. Ein Kasten Heyland-Bier und drei Nullsiebenliter Flaschen Jägermeister leisteten den Exporthosen in der Dunkelheit der Gepäckabteilung Gesellschaft, aber nur für die ersten zwanzig Stunden der Reise.

So lange dauerte es nämlich, bis wir in Bulgarien waren, und mehr Zeit benötigte mein Freund auch nicht, um unseren gesamten Alkoholvorrat durch seine Kehle fließen zu lassen.

In Bulgarien bunkerte ich für den Kampftrinker Peter erstmal wieder neue Munition. Sonst wäre er mir bis zum Ziel unserer Reise ausgetrocknet, und hätte an den Grenzkontrollen vor lauter Zittern seinen Paß nicht in den Händen halten können. Gottseidank dauerte es nach der letzten Kontrolle an der türkischen Grenze nur noch knapp eine halbe Stunde bis zu einem mir bekannten Lokal in Edirne.

Edirne – diese wunderschöne, grenznahe Stadt empfing uns Weltenbummler mit offenen Armen, und ihrer echt türkischen Seele. So ein bißchen erschien sie mir wie ein Zuhause, das den verlorenen geglaubten Sohn mit Freuden empfängt. Ich hatte mich schon seit Stunden auf die leckere Kuttelsuppe gefreut, die es in der Gaststätte gab. Meinem Beifahrer war augenscheinlich der Raki wichtiger und willkommener.

Bevor wir weiterfuhren, tankte ich die Schnapsreserven nach, denn bis Izmir war noch ein langer Weg. Freund Peter verbrauchte nämlich mehr Alkohol auf hundert Kilometer, als mein Opel an Benzin benötigte. Izmir stand in weiter Ferne am Horizont geschrieben – ich konnte es siebenhundert Kilometer weit leuchten sehen, denn soweit war es noch bis dahin. Eceabat, Keschan, Gelibolu, Cannakale, Edremit hießen die Meilensteine an diesem langen Weg, an dessen Ende wir endlich Izmir greifen konnten. 3 000 Kilometer lagen hinter uns – 3 000 Kilometer Strasse, die meinen Opel mehr ermüdet hatten als mich. Ich war so frisch wie bei unserer Abreise in Aschaffenburg.

Izmir – mein vertrautes Izmir gab mir eine innige, wohlige Heimatwärme, die mich irgendwo ein wenig traurig stimmte. Das letzte Stück Weg bis zu dem Haus, in dem ich meinen ersten Schrei getan hatte, konnte ich gar nicht schnell genug hinter mich bringen. Die Freude, meine Eltern und Geschwister wiederzusehen, ließ meinen Körper zittern, wie die türkische Erde bei einem Beben. Meine Eltern waren nämlich anfangs der achtziger Jahre wieder in die Türkei gewechselt – vor allem meine Mutter war dem gesellschaftlichen Klima in Deutschland nicht mehr gewachsen gewesen. Bei jedem neuen Anschlag rechtsgerichteter Fuzzis starb sie bald vor Angst um ihre Familie. Väter bestimmen in türkischen Familien zwar die Richtung, dies geschieht in bestimmten Dingen aber selten gegen den Willen ihrer Frauen. In westlichen Vorurteilen wird es meist anders dargestellt. Für mich ist das auch ein Minus bei der Völkerverständigung. Mich hatten meine Eltern schweren Herzens in Deutschland zurückgelassen – sie hatten meine eigene Entscheidung akzeptiert, obwohl mein Vater einen schweren Gang gehen mußte. Er hatte nach alter Tradition in der Heimat schon eine Braut für mich ausgesucht, und ich denke, daß meine Entscheidung für ihn ein Stück Ehrverlust bedeutete. Wichtiger als seine eigene Ehre war ihm aber die Ehre des jungen Mädchens, mit dem ich in Deutschland verlobt war. Wie schwer es für ihn gewesen sein muß, habe ich erst viel später so richtig begriffen. Danke, Papa.

Vor meinem Geburtshaus – das ja nun wieder mein Elternhaus war – erwartete uns mein Vater mit soviel Glück in den Augen, wie ich es bei ihm nie zuvor gesehen hatte. Er hatte sich genau ausgerechnet, wann wir ankommen würden – war praktisch jeden Kilometer auf der Landkarte in Gedanken mit uns gefahren. Er kannte die Strecke von seinen vielen eigenen Fahrten ja aus dem Effeff. Den Moment des Wiedersehens, und den Dank an Allah, daß seinem Sohn auf der langen Reise nichts passiert war, wollte er wohl alleine hinter sich bringen, denn meine Mutter und meine Schwester kamen erst eine Weile nach ihm aus dem Haus. Ihre Wiedersehensfreude war deswegen aber nicht weniger herzlich. Ein guter Tee und schmackhaftes Essen warteten schon auf uns, über das wir sogleich wie hungrige Wölfe herfielen. Mein Vater machte sich währenddessen ans auspacken. Für mich bedeutete es eine völlig neue Erfahrung – meinen Vater für mich das Gepäck tragen zu sehen. Wie groß muß seine Freude gewesen sein, mich wieder bei sich zu haben – und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Abends saßen auch meine jüngeren Brüder mit im Kreise – es wurde eine lange Nacht, in der wir uns wohl mehrmals von Pontius nach Pilatus und wieder zurück redeten. Peter hatte sich gleich den türkischen Cognac zum Freund gemacht – Jägermeister war in der Türkei noch unbekannt. Unmengen Tuborg Beer schickte Peter dem Cognac hinterher, damit der sich in seinem Inneren nicht so alleine fühlte. Das gute Frühstück, das meine Mutter am nächsten Morgen für uns zubereitete, ebnete den Weg in den neuen Tag. Peter hat mir später am Tage anvertraut, so gut habe er noch nie gefrühstückt. Stadtkennenlernen stand auf dem Programm – nein, nicht für mich – ich kannte Izmir ja wie meine Westentasche. Meinem Freund Peter mußte ich die Stadt nahe bringen. Der orientalische Bazar, mit seinen Bildern und Gerüchen wie aus Tausendundeiner Nacht, war unsere erste Station. Für Peter schien ein Märchen wahr zu werden – er hatte mein Berichten davon immer so ein wenig für Kindheitsträumereien gehalten – für eine Fata Morgana in der kulturellen Öde des Abendlandes.

40 Grad oberhalb des Gefrierpunktes zeigte der Wärmemesser an – 40 Grad im Schatten! Peters Körperflüssigkeit sauste durch seine weitgeöffneten Poren mit Lichtgeschwindigkeit in die türkische Sommerluft. Beide Hände benötigte er, um den Flüssigkeitsspiegel im Innern auszugleichen.

Nach dem ersten Rundgang über den Bazar flüchteten wir in den nächstbesten Teegarten. Die türkischen Teegärten kann man mit den deutschen Biergärten vergleichen – wenn ein Vergleich überhaupt möglich ist. Der Tee war für mich ein Labsal – das kühle Tuborg-Bier für Peter der Himmel auf Erden. Die Massen, die er verkonsumierte, müssen irgendwo zwischen seinen Lippen und seinem Magen verdunstet sein. Die Mengen Alkohol hätten ihm bei der Hitze eigentlich die Beine wegreißen müssen. Ausgebildete Kampftrinker können tatsächlich eine Menge vertragen. DAS war für mich eine neue Erkenntnis. Wenn bei meinem Freund Peter irgendwann mal eine Blutübertragung nötig wäre – eine Blutbank könnte da dann wohl nicht helfen – eine Schnapsbrennerei wäre wohl eher die richtige Quelle.

Nachdem wir unseren Körperzellen genügend Feuchte zugeführt hatten, starteten wir zur nächsten Runde. Wir klapperten den Bazar nach Exportartikeln ab, in deren Erwerb wir den erhofften Hosenerlös fließen lassen wollten.

Die Kupferbilder, die kupfernen Geschirre – der ganze bunte Krimskrams war so verführerisch billig – unser Warenlager für den Verkauf in Deutschland war in kurzer Zeit gefüllt.

Der Jeanshosenverkauf mußte jetzt nur noch unsere Kasse wieder auffüllen. Mein Optimismus und meine Euphorie hatten mich die Reihenfolge des Handels verwechseln lassen. Nicht eine einzige Hose brachten wir an irgendeinen Männer- bzw. Frauenhintern. Notgedrungen entwickelten wir uns zu Selbstversorgern in punkto Beinkleider. Hosen brauchten wir für die nächsten zehn Jahre nicht mehr zu kaufen. Wir hatten überreichlich davon auf Lager – wir, oder meine Familie und ich zumindest, zogen sie tapfer an. Auch wenn die Größe und Passform nicht immer meinen Maßen entsprach.

Der Sorge, irgendwann mal mit nacktem Achtersteven durch die Weltgeschichte laufen zu müssen, waren wir also für einen längeren Zeitraum enthoben. Meine Familie marschierte in Einheitsjeans gekleidet durch die Zeit.

Bevor diese Erfahrung uns begleitete, begleiteten uns mehrere Kilogramm Lammfleisch, eine große Kiste Tomaten, frisch gebackenes Weißbrot, und was man sonst noch alles für ein zünftiges Grillfest nötig hat, zu einer wunderschönen Badebucht in Altinkum.

Peter wähnte sich in eine Außenstelle des Paradieses versetzt. Zumal sich sein Kontakt mit dem klaren Wasser auf äußerlich beschränkte. Seine inneren Werte konnte er in reichlich dänischem Bier baden – ich hatte im Umkreis alle erreichbaren Tuborg Vorräte für ihn aufgekauft.

Dem türkischen Weinbrand ging er nach einiger negativer Anfangserfahrung vorsorglich tagsüber aus dem Weg – dem war er in der Hitze des Tages trotz seiner knüppelharten Kampftrinkerausbildung nicht gewachsen. Des Abends zog er dafür mit den hochprozentigen Kostbarkeiten umso ausgiebiger ins Gefecht.

Die folgenden sonnenreichen Tage sahen uns auf Besuchstour quer durch die Familie meines Vaters. Großeltern, Onkels und Tanten – keinen Verwandten ließen wir aus – ein solches Tun hätte man mir auch übel angekreidet.

Übel angekreidet hatte es mir allerdings meine Figur. Durch das supergute Essen, mit dem wir überall verwöhnt wurden, nahm ich allmählich die Form einer prall gefüllten Leberwurst an.

Obwohl ich meine ganze große Familie zum fressen gern habe, war ich doch heilfroh, als wir die Reihe der väterlichen Verwandtschaft hinter uns hatten.

Mit körperlichem Übergewicht beladen, aber innerlich befreit, machten wir uns nach ein paar Tagen vergeblicher Hosenverkaufsversuche auf die Socken ins Dorf Sultanhisar im Bezirk Aydin. Etwa 200 Kilometer von Izmir entfernt.

Die mütterlichen Verwandten erwarteten uns. Meiner Großmutters Orangenplantage lockte mich. Die Erinnerung an die Oliven- und Mandelbäume meiner Kinderzeit ließ mich nicht mehr ruhig schlafen. Der Geschmack der goldenen Trauben in Omas Weingarten weckte in mir die süßesten Empfindungen. Während der Besuche bei der Großmutter in unseren Deutschlandjahren war ich ja schon ein erwachender Triebling.

Keine Angst – ich plaudere nicht aus der Schule.

Dem einfachen Dorfleben gehörte immer schon meine Liebe – na ja – nicht nur dem einfachen Dorfleben, sondern in gewissem Maße auch den schönen, die in dem einsamen Dorf lebten. Meiner in Deutschland erworbenen Einstellung zum schönen Geschlecht musste ich während dieser Tage und Wochen notgedrungen in ein ehernes Korsett zwängen.

Auf jeden Fall – meine Oma war rein aus dem Häuschen – so ein bißchen war ich nämlich immer schon ihr erklärter Liebling gewesen.

Leider hatte sie meinen Liebling – ihren Esel – verkauft.

Aber Betrübnis in meinen Augen ließ Großmutter gar nicht erst aufkommen, als sie meinen Wunsch nach einem Eselsritt vernahm. Es dauerte keine fünf Minuten, und sie hatte beim Nachbarn einen Esel losgeeist. Losgeeist – gut gesagt, in der Hitze des türkischen Sommers.

Obwohl ich selbst gerne Reiter gespielt hätte – türkische Gastfreundschaft ist auch mein Lebensgebot – und so stand Freund Peter der Ritt auf dem Langohr zu.

Dieses Gebot bescherte uns allen einen nicht enden wollenden Lachanfall.

Der Esel konnte mit seinem Einmeterzwanzig Stockmaß ungehindert durch Peters lange Beine laufen. Selbst wenn Peter sich gesetzt hätte – der kleine Esel hätte ihn mit Leichtigkeit getragen. Peter war zwar ein Lulatsch von etwas über zwei Meter Größe – aber er war keineswegs zwei Meter schwer.

Sein ständiger Kampf mit den Prozenten hatte ihn zu einer Bohnenstange werden lassen. Man mußte zweimal aufmerksam hinschauen, um ihn einmal zu sehen.

Wir machten uns auf zur Plantage – der Scheinreiter Peter und ich. Der Weg dahin war schon beschwerlich und lang, aber die Größe der Plantage zeichnete Erschrecken in Peters Gesichtszüge – Erschrecken über die vielen Schritte, die vor uns lagen, wenn wir alles sehen wollten.

Gemildert wurden seine Qualgedanken durch den Anblick der Zitrusfrüchte, die an den Bäumen hingen. Die Erntezeit war längst vorüber, aber Großmutter ließ für uns Familienbesucher immer Apfelsinen, Mandarinen, Zitronen und Limetten zum selber pflücken, über die Erntezeit hinaus, hängen.

Auch wenn keine Prozente den Geschmack abrundeten – Peter tat es mir nach, und langte kräftig zu. Es hat ihm sichtlich geschmeckt – und nüchtern blieb er auch.

Dieser Tag ist als einer der schönsten Tage meiner Türkeiaufenthalte in meiner Erinnerung lebendig geblieben.

Zum abendlichen Abschluss hat Peter dann einen ganzen Teegarten trocken getrunken – und nicht nur die Tuborg Vorräte – nein, sogar das türkische Efes- und Tekel-Bier mußte dran glauben.

Der Nachmittag auf der weitläufigen Plantage hatte ihm doch sehr zugesetzt – seine Knochen klöterten förmlich in der Pelle. Bei jedem seiner Schritte flogen, aufgeschreckt durch das ungewohnte Geräusch, die Vögel aus den Bäumen am Wegesrand.

Der Teegarten in der Nachbarschaft meines Elternhauses brachte ihm endlich die Erlösung – er konnte seine ausgetrockneten Körperzellen wieder auffüllen. Das tat er dann auch temperamentvoll.

Ich hab’ bis dahin nicht gewußt, daß in eine Bohnenstange soviel Bier hineinpaßt.

In den nächsten Tagen schonte ich Peters Kraftreserven – mit dem Auto erkundeten wir die umliegenden Ortschaften.

In Denizli brachten die weißen Sintersteine meinen Freund erneut aus der Fassung. So riesige Berge aus schneeweißem Wattestein gingen über seinen Horizont. Den Ursprung erklärte ich ihm auf unserer Wanderung durch diese Zauberwelt. Es sind die Kalkrückstände des heißen Wassers, das durch die vulkanischen Spalten aus dem Berg austritt.

Nach vier Wochen – länger konnten wir unsere „Geschäftsreise“ nicht ausdehnen – traten wir schweren Herzens die Heimreise an. Es war ja nun schon meine -zigte Reise zwischen dem Morgen- und dem Abendland – aber es bedeutete für mich immer wieder ein neues Abenteuer.

In diesem Falle noch ein besonderes – die Alkoholika für meinen Freund hatten mich mehr Geld gekostet, wie alles andere Lebensnotwendige zusammen genommen.

Mit der Ware, die wir in der Türkei, in der Hoffnung auf großen Gewinn, als „Importartikel“ erstanden hatten, haben wir daheim mehr oder weniger die Regale in unseren „Geschäftsräumen“ geschmückt. Irgendwie war alles nicht so gut gelaufen. Man kann auch sagen: Es war ein riesiger Flop mit schönen bunten Bändern.

Neue Aktivitäten standen an – der bevorstehende Winter mit der Adventszeit- und dem ihr folgenden Weihnachtsfest, ließ uns zu künstlichen Kränzen, ebensolchen Tannenbäumchen und Christbaumschmuck greifen.

Nicht für unseren eigenen Bedarf – nein, Handel wollten wir damit treiben. Groß angelegt und lukrativ sollte die Geschichte natürlich auch sein. Ruckzuck hatten wir uns mit entsprechender Ware eingedeckt – und hofften auf die anrollende Welle kauflustiger Menschen. Leider war es uns auch dieses mal nicht vergönnt, uns in blanken Talern zu tummeln – es wurde wieder einmal ein Bad in unseren Ladenhütern, als die sich unsere Geschenkartikel leider neuerlich entpuppten.

Woran lag es nur, dass wir mit unseren grandiosen Geschäftsideen ständig auf dem Bauch landeten? Waren unsere Flügel nicht kräftig genug – oder flatterten wir einfach in zu dünner Luft herum? Oder hatten wir einfach keine Ahnung vom Fliegen? Es war wohl von allem etwas.

Wir schlitterten mehr schlecht als recht durch die kalte Jahreszeit – mit schmaler Kost und wenig Kohle.

Statt Fett anzusetzen, bekam mein Kapital die Schwindsucht. Die Hustenanfälle meiner Geldbörse zerrissen mir häufig die Brieftasche.

Der nahende Frühling, mit den sprießenden Knospen in der Natur, erweckte auch meine Ideenschmiede zu neuem Leben.

Kleintransporte und Umzüge müßte man machen – dafür war doch garantiert ein Markt vorhanden. Der Teufel müßte doch zwei Klumpfüße haben, wenn wir damit nicht eine Lücke entdeckt hatten.

Die Anschaffungen für die Geschäftsgründung hielten sich in Grenzen. Büromöbel besaßen wir – Kleinlaster als Transportfahrzeug konnte man sich an jeder Ecke gegen geringe Gebühr mieten – DAS mußte doch gewinnbringend einschlagen. Wenn die Einschläge groß genug waren, würden wir uns einen eigenen Fuhrpark zulegen. Wir brauchten aber nicht einmal nach der Adresse einer Autovermietung suchen – nicht ein einziger Auftrag fand den Weg in unser Kontor. Es lag wohl mit daran, daß wir keine Hinweisschilder aufgestellt hatten – oder ganz einfach daran, daß der Teufel tatsächlich zwei Klumpfüße besaß.

Ich erkannte es nicht – wahrscheinlich aus einer Mischung aus Vertrauensseligkeit und zuwenig Lebenserfahrung heraus. Der zweite Klumpfuß des Teufels stand nämlich unter dem Schreibtisch in unserem Büro. Es war die Kiste mit leeren Schnapsflaschen, deren hochprozentiger Inhalt sich zwischen den Knochen meines Freundes Peter tummelte, und sich da sichtlich wohlfühlte.

Statt Werbung für unser junges Unternehmen zu machen, fühlte er lieber der Schnapsreklame der Spirituosenhersteller auf den Zahn. Im Sessel hinter dem Schreibtisch konnte er in aller Ruhe den Wahrheitsgehalt der Alkoholikawerbung testen.

In der Produktauswahl war er unparteisch und uner-bittlich – er ließ keine Marke aus. Seine Palette reichte von Edelbränden bis zum Kellertreppenkorn der Marke „Schuhauszieher“.

Wenn Peter im Arbeitsverhältnis gestanden hätte – sein täglicher Stundenzettel wäre vor lauter Überstunden aus den Nähten geplatzt.

Meine erste große Liebe war mit unseren Wild-wasserfahrten auch den Bach runter gegangen. Heute verstehe ich mein Mädchen – und würde sicherlich manches anders angehen.

Unsere finanzielle Grundlage war äußerst schwach geworden – sie schrie förmlich nach frischem Geld.

Peter war auf seiner Suche nach neuen Quellen der Verdienstmöglichkeiten fündig geworden. Was sich dabei in seinem Netz verfangen hatte präsentierte er mir als goldene Zukunft – als Ei des Kolumbus sozusagen. Für ihn kam das, was er da gefangen hatte, aus Altersgründen leider nicht mehr in Frage.

Erfolgreicher Außendienstmitarbeiter wäre er in seinen jüngeren Jahren lange genug gewesen – meinte er.

Nun eröffnete sich mir die Möglichkeit, bis in die Unendlichkeit auf leichte Art Pinunsen zu scheffeln. Peter hatte mir mein „Clondike“ – mein Goldader gezeigt. Ich brauchte nur zu schürfen. Ich fühlte mich plötzlich in die Zeit der Wildwestromanhelden meiner Jugendjahre versetzt – ich fühlte mich als Goldgräber. Die verlockende Aussicht auf schnellen Reichtum hinderte mich wieder einmal am klaren Denken.

Ich stimmte seinem, Peters Vorschlag mit Freuden zu. Wenn ich damals von seiner Absicht und seiner „Vorarbeit“ auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte – mit genauso großer Freude hätte ich meinen „Freund und Gönner“ Peter nach Strich und Faden verprügelt – glaube ich.

Der Lumpsack hatte mich doch tatsächlich im Vorfeld für zehntausend Mark bar auf die Kralle an den Chef einer ‚Drückerkolonne’ verkauft. Er besaß aus seiner aktiven Zeit immer noch exzellente Verbindungen zu diesen halbseidenen Windhunden der Zeitschriftenwerberbranche. Ich war buchstäblich als „Erwerbsquelle“ von einem „Zuhälter“ an den anderen verschachert worden. Etwas anderes sind diese Typen nicht. DAS kann ich heute sagen.

Unter „Verlagswerbung“ konnte ich mir überhaupt noch nichts rechtes vorstellen. Der in Deutschland landläufige Begriff ‚Klinkenputzen’ für diese „Tätigkeit“ ging mir erst sehr viel später ein.

Um seiner ‚Vermittlungsprovision’ auch sicher zu sein, lernte er mich ein paar Wochen lang an – er weihte mich in die Geheimnisse des ‚Leute rumkriegen’ ein. Erst danach entließ er mich in des Teufels Hinterzimmer – als das ich die Verlagswerbung K. in Darmstadt im nachhinein empfunden habe.

Die Spinne im Netz – den Chef der Agentur – kannte ich schon aus den ‚Vorverhandlungen’ – aus den Dreiergesprächen zwischen Peter, mir und ihm.

 ‚Vorverhandlungen’ – den Glauben ließ man mir – der Chef des Ladens wollte wohl eher seinen ‚guten Kauf’ bestätigt wissen. Risikofaktoren in Gestalt von unsicheren Kantonisten geht man auch in diesem Metier tunlichst aus dem Wege. Es drehte sich in den Protzgesprächen nämlich nur um Abrechnungsprovisionen für eingefahrene Zeitschriftenabos.

Durch das Niedrigwasser, oder besser der anhaltenden Dürreperiode in meiner Kasse war es mir eigentlich gleichgültig, womit ich mein Geld verdiente. Nur ein bestimmtes Ehrverhalten habe ich mir nie abkaufen lassen. Zum Beispiel stammte keiner der Namen auf meinen Abo-Scheinen von den Grabsteinen schon Verstorbener auf irgendwelchen Friedhöfen, oder keines meiner Kolonnenmitglieder mußte wegen zu geringen Umsatzes hungern oder dursten.

Im Gegensatz zu den meisten meiner „Drückerkollegen“ bewahrte mich meine körperliche Überlegenheit vor Repressalien und Misshandlungen der Kolonnenführer. Meine Fähigkeiten als Ringer – ich war hessischer Landesmeister im Freistilringen gewesen – ersparte mir so manche ‚Ochsentour’ im Aboschreiben. Ich brauchte nicht bis spät abends von Tür zu Tür zu dackeln, um mein Pensum zu erfüllen. Neun Scheine – ohne die man sich normalerweise nicht im Quartier blicken lassen durfte – waren schon knüppelhart. Für die weniger begabten ‚armen Schweine’ unter meinen Kollegen bedeutete das oft ein achtzehn Stunden Tag.

Ich war von alledem befreit – weil ich ja zum lernen dabei war. Das glaubte ich damals zumindest selbst-gefällig. Eher war es wohl der Respekt der Unterbosse vor meiner körperlichen Überlegenheit.

Natürlich hat meine Fähigkeit, die Kunden von der unbedingten Notwendigkeit eines für sie völlig überflüssigen Zeitschriftenabos zu überzeugen, zu meiner besseren Stellung in der Gruppe beigetragen – sicherlich – aber allein das war es bestimmt nicht.

Die Berichte in den Zeitungen, über meine Erfolge als Ringer in der Bundesliga, haben mich bestimmt vor vielem Hässlichen beschützt. Ich stieg dank meiner Verkaufstalente ganz schnell in der Hierarchie auf.

 Knapp ein Vierteljahr nach meinem Debüt bekam ich von der obersten Heeresleitung den Lohn – ich wurde zum Kolonnenführer ernannt. Übrigens war ich der jüngste Leiter in der Vertriebs-Geschichte des Hauses K. in Darmstadt.

 ‚Klinkenputzen’ gehörte für mich von dem Zeitpunkt an der Vergangenheit an. Die Auftragsausbeute der anderen Drücker einzusammeln und zu kontrollieren, das war plötzlich meine Aufgabe. I

ch hatte noch nie zuvor so viele Friedhofsadressen zu Gesicht bekommen.

‚Friedhofsadressen’ nannten wir die Scheine, auf denen erfolglose Werber einfach die Namen von schon Verstorben eingesetzt hatten, um die geforderte Norm zu erfüllen.

Da ich das Gewerbe von einer anderen Warte aus betrachtete – ja sogar für Schwächere einsprang, um deren Soll zu erfüllen – nahm ich in kurzer Zeit eine Sonderstellung unter den Kolonnenführern ein.

Mein Ruf reichte von Nord nach Süd – wer mich von den einfachen Drückern kannte, wäre am liebsten in meiner Kolonne tätig gewesen. Dann hätte ich aber wohl mit einem ganzen Eisenbahnzug durch die Lande reisen müssen.

Mein Traum vom Reichtum nahm Formen an – am deutlichsten zeigte er sich in der Form von Spiel- oder auch Roulettetischen.

Mein Chef führte mich großzügig in die Welt der ‚beschlipsten’ Zocker ein. ‚Beschlipst’ deswegen, weil in den Spielhöllen für Reiche eine bestimmte Kleiderordnung beachtet werden musste.

Die Casinos in Wiesbaden und Aachen waren immer häufiger unsere Wochenendziele. Ich machte die Erfahrung, daß Roulettekessel ganz schön gefräßig sein können. Der allwöchentliche, leichtverdiente Nachschub an Provisionstalern ließ mich da aber nicht groß drüber nachdenken. Zumal ich nach einem gelungenen Spielabend von meinem Chef einen „Orden“ bekam.

Für meine Verdienste um die Firma verehrte er mir einen „ROLEX“ Zeitmesser – sechstausend Mark verlangte jeder Juwelier dafür.

Ich schwebte in dem Moment im siebenunddreißigsten Kolonnenführerhimmel. Und genau da wollte mein gerissener Chef mich offenbar auch hinhaben – es war ihm gelungen – zumindest für eine geraume Weile.

Nach weiteren vier Wochen in meiner Führungsstellung – in der ich mit einem Kleinbus aus der Wolfsburger Autoschmiede meine Kolonne in die Einsatzgebiete kutschierte – stand mir als gönnerhafte Gabe meines Chefs ein nagelneuer Opel-Ascona zur Verfügung.

Gegen den Chevrolet-Camaro des Bosses war selbst dieses Benzinkutsche aber nur der berühmte Spatz in der Hand, mit dem ich mich zufrieden geben musste, während er die Taube auf dem Dach verspeiste.

Wenn ich heute so zurückschaue, kann ich nicht mehr verstehen, warum ich die Allüren meines Chefs nachahmte. Auf jeden Fall fuhr ich in meinem Ascona dem Fußvolk, das sich auf den Plätzen im VW-Bus drängelte, voraus. An den ausgemachten Treffpunkten mußte sich jeder beim Statthalter im Ascona – der ich nun ja war – seine Weisungen abholen. Die Kontrolle der Mitarbeiter wurde dadurch immer effektiver. Erfolglosigkeit eines ‚Drückers’ bemerkte man sofort.

Wir logierten immer in Gemeinschaftsquartieren – so konnte man am besten Querschlägern in der Mannschaft ausweichen oder besser noch vorbeugen.

Eines Abends saß ich alleine im Fernsehzimmer der Gruppenunterkunft. Die Mitternacht hatte sich schon aus dem Staub gemacht. Trotzdem fand ich noch keinen Schlaf. Ein Kriminalfilm vertrieb mir die Langeweile, als ich plötzlich Wärme an meiner Seite spürte. Es war eine Wärme der ganz besonderen Art – Wärme, wie sie nur von einem verführerischen weiblichen Körper ausgeht.

Brigitte – ein Mitglied unserer Truppe – heizte mir ein. Seit Wochen hatte mein kleiner Prinz in der Hose nicht mehr gejubelt – jetzt tränten ihm plötzlich vor soviel naher Weiblichkeit die Augen.

Brigitte hatte nur einen Hauch von Nachthemd über ihre süßen Verlockungen gestreift. Die schimmernden Kugeln der Brüste, der flache Bauch und die sanfte Erhebung des Hügels der Venus schienen durch den Stoff und machten meine Sinne betrunken.

Seit Monaten hatte ich an keinem Honigtopf mehr genascht – in dieser Nacht bekam ich reichlich Gelegenheit meinen Hunger auf Süßes zu stillen.

Brigittes Lustzentrum war anscheinend genauso ausgehungert wie das Meine. Morgens hingen wir daher ziemlich groggy in den Seilen. So intensive und lang andauernde Nahkämpfe waren für mich eine ganz neue und ungewohnte Erfahrung.

Unser nächtliches Kampfgetümmel hatte das ganze Logis mobil gemacht. Brigittes Lustschreie waren überall gehört worden. Uns fragen, ob wir gut geschlafen hätten, brauchte uns am Morgen keiner. Diese Schlachten wiederholten wir beide nun regelmäßig – Brigitte war für längere Zeit ‚mein Mädchen’.

Der Stuttgarter Raum war abgegrast – das Futter stand nur noch spärlich in der Gegend. Wiesbaden war unser nächstes Etappenziel. Ein ganzes Hotel in Wiesbaden-Sonnenberg wurde allein für unsere Gruppe angemietet. Roman, mein Lehrmeister und Chef, war ein guter Pfadfinder. Er kannte jeden Winkel und jede Hütte, bevor er uns von der Leine ließ.

Nachdem wir uns einquartiert hatten, konnte Boss Roman sich ohne Kopfzerbrechen wieder seinen anderweitigen Interessen widmen – ich hatte die Kolonne fest für ihn im Griff. Mein Umsatz lag inzwischen schon beachtlich über seinem eigenen. Die Wiesbadener Croupiers bekamen wohltuend es zu spüren – und wußten das zu schätzen.

Mit Wiesbaden war Aschaffenburg in greifbare Nähe gerückt – der Ort meiner zweiten Kindheitshälfte. Die 80 Kilometer waren für mich nicht mehr als ein Katzen-sprung.

Die Wochenenden nutzte ich, um meiner Brigitte Aschaffenburg zu zeigen – und natürlich auch, um meinem alten Freund Peter Brigitte zu zeigen.

Meine alten Freunde im Fahrbachweg zu besuchen, um ihnen von meiner ‚Karriere’ zu berichten und meine Eroberung vorzuführen – dazu fehlte mir seltsamerweise der Mut.

Verprügelt habe ich Peter auch bei diesem Wiedersehen nicht – mein Zorn auf ihn war verraucht. Sein Gaunerstück hatte mir ja nicht geschadet. Ganz im Gegenteil – ich war nicht nur ein erfolgreicher ‚Geschäftsmann’ geworden – dank seiner Kabinettstückchen – nein, ich hatte ja dadurch auch Brigitte kennengelernt und die höchsten Grade der Lust erfahren. Es war einer der schönsten Abschnitte auf der Achterbahnfahrt meines Lebens.

Einen kleinen Denkzettel mußte ich meinem alten Freund und Kupferstecher dann aber doch verpassen – das konnte ich mir nicht verkneifen. Ich hätte sonst wohl Magengeschwüre bekommen.

Seine Abfindung, die er für mich bekommen hatte – wie er sich vorsichtig zurückhaltend ausdrückte – war natürlich lange schon den Weg alles Vergänglichen gegangen.

Ich lud den längst wieder mittellosen Peter in das feinste Restaurant der Stadt ein. Ohne vorher einen Portemonnaie-Walzer aufzuführen, ließ ich den befrackten Ober die Speisen- und Getränkekarte rauf und runter servieren.

Peter tat sich keinen Zwang an – genüßlich tränkte er seine ausgetrockneten Eingeweide mit den edelsten Sachen. Immer schön langsam, damit es auch wirkte. Auf halbem Wege verabschiedeten wir uns – ließen Peter sozusagen halbaufgerichtet im Kulinarentempel zurück.

Seine Nerven fingen gerade an, einigermaßen normal zu reagieren – da entzog ich ihm den Stoff. Er bekam zu spüren, wie es einem so ergehen kann.

Im Restaurant konnte er nicht bleiben – und an den Verkaufsbuden draussen gab es auch nichts ohne bare Münze. „Ohne Moos nichts los“ – hörte ich einmal einen Büdchenbetreiber zu Peter sagen. Zwar sagte der gute Mann das mit lächelndem Gesicht, aber so knochenhart und trocken wie ein sechs Monate altes Kommißbrot.

Vielleicht hat Peter da mal ein wenig an die Spielchen gedacht, die er mit mir getrieben hatte.

In mir waren tausend kleine Teufel der Befriedigung am tanzen. Dreimal habe ich diese Neckerei mit ihm getrieben – von da an schlich er immer erst einmal witternd um meine Einladungen herum – wie ein hungriger Steppenwolf – stets auf das schnappen einer Fußangel gefaßt. Mein gekränktes Ego hatte sich auf jeden Fall wieder aufgerichtet.

Unsere Wiesbadenzeit hatte sehr viel Substanz. Mainz, Ludwigshafen, Rüdesheim – alle umliegenden Städte und Dörfer pflügten wir intensiv durch. Wie ein Kamm mit fünfzehn enggestellten Zähnen zogen wir Strich für Strich durch die Landschaft. In drei Monaten glätteten wir ein Gebiet von gut zweihundert Kilometern Durchmesser mit äußerst guten Erfolgen. Jeder von uns – auch die Infanterie – genoß in dieser Zeit so eine Art Fettlebe.

Irgendwann war aber auch diese Weide abgegrast – wir mußten uns neue Futterplätze suchen.

In Kürten-Dürscheid wurden wir fündig. Eine Reiterhazienda wurde unser Basislager. Es war ein Hotel oberhalb eines Hanges. Roman wählte es wegen seines Nebenhauses aus, das er komplett anmietete.

In geschlossener Gesellschaft, und unter einem Dach befindlich, war die Zugriffigkeit auf die Mannschaft besser. Es verringerte erheblich die Gefahr, daß jemand von den Geknechteten aus der Reihe tanzte. Ich muß es heute eingestehen – unter Romans Regie ging es nicht immer nur christlich zu. Er wußte seine Vorteile immer zu wahren und diese im Falle eines Falles auch wohl brachial durchzusetzen.

Das Bergische Land hatte es mir auf den ersten Blick angetan. Von Bergisch-Gladbach nach Köln konnte man schon beinahe hinspucken – und Köln hatte etwas Besonderes an sich, das muß ich schon sagen!

Unser Größenwahn trieb Blüten – das Leben im Reichtum bekam Methode. Noch keine dreimal hatte Romans Hintern die original altenglische Klobrille in seinem neuen Domizil geküßt, da saß er schon mit seinen vier Buchstaben auf dem Rücken eines eigenen Pferdes. Einem Zigeunerbaron gebührt schließlich der allmorgendliche Ausritt in die Ländereien.

Die besaß der Drückerfürst zwar nicht in Kürten – und auch nicht anderswo – aber wie gesagt: es gehört sich eben so. Damit er bei seinen Ausritten in die Weiten der bergischen Wälder wenigstens einen Bewunderer an seiner Seite wußte, brachte er mich dazu, mir auch eine Haflingerstute anzulachen.

Pro Huf mußte ich fünfhundert Märker auf den Tisch der Hazienda am Fuße des Hügels blättern. Ein stolzer Preis für achthundert Pfund Pferdefleisch mit braunem Fell, blondem Schweif und ebensolcher Mähne ausgestattet.

Romans Herrschergeschenk an mich als seinen Vasallen war ein wunderschöner handgearbeiteter Cowboy-Sattel – den ich mir selber beim vornehmsten Kölner Reitausstatter aussuchen durfte. Und wie es sich für zünftige Rindertreiber gehört – ein riesengroßes Steak gab es jeden Abend am Lagerfeuer.

In der Anfangszeit meiner Reiterlaufbahn konnte ich allerdings diese Köstlichkeiten am Lagerfeuer nicht so recht genießen. Ich mußte meine blauen Flecke und Verrenkungen pflegen, die meine Spidi mir schenkte, wenn sie aus vollem Galopp abbremste, und mich mit Effet in hohem Bogen in die bergische Feierabendlandschaft beförderte. Sie hat mir ganz schön Respekt beigebracht. In den höchsten Tönen konnte man mich oft piepsen hören.

Wieder war es Roman, der in dieser Situation Rat wußte. „Du blamierst noch die ganze Innung“, sagte er zu mir, „wenn Du nicht endlich sattelfest wirst. Ich besorge Dir eine Kandare.“

Eine Kandare musste also her – und wieder wurde mir ein Begriff vor die Füße gelegt, mit dem ich nichts anzufangen wußte. Als ich dann allerdings begriff, was so ein Ding war – und wie es funktionierte – ich hätte den Kauf am liebsten rückgängig gemacht.

Roman ließ aber nicht locker. „Entweder du machst deine Spidi damit gefügig“ – so sein Argument – „oder du schenkst dir das Reiten, und läßt das Pferd auf der Weide laufen.“

Na, ja – das wollte ich auch nicht. Geschmeckt hat es mir trotzdem nicht – ich habe jedesmal mitgelitten. Gottseidank war meine Spidi ein Schnell-Lerner. Das Quälmittel Kandare konnte ich nach ein paar Tagen in der Versenkung verschwinden lassen.

Roman mußte einen Narren an mir gefressen haben – seine Geschenke an mich erweckten bei mir zumindest den Eindruck. Er staffierte mich mit allem aus, was seiner Meinung nach ein ‚Gentleman’ benötigte.

Die Geschenkorgie gipfelte in einer kompletten Cowboy-Ausrüstung. Nichts fehlte daran – sogar ein Revolver mit Patronengurt und Holster war dabei.

Unseren Showauftritten auf der Reiterhazienda stand nun nichts mehr im Wege. Jedes Wochenende tobten wir uns auf diese Art aus. Die anderen Gäste und Besucher waren von unseren Vorführungen stets begeistert. Ich bedaure heute noch, daß wir unsere Pferde aus Zeitmangel die Woche über nicht selber füttern und pflegen konnten, aber irgendwie mußten wir ja das Moos für unsere Sperenzchen herbeischaffen.

250,- Märker die Woche mußten wir allein an Pensionsgeld für die Pferde berappen. Wenn wir mit unserem Spökes an den freien Tagen nicht soviel Leben auf die Hazienda gezogen hätten – der Preis wäre noch ungleich höher ausgefallen. So besorgten wir auf diese Art auch das Geschäft des Hoteliers.

Eine Westernstadt war auf unser betreiben hin entstanden – so ganz nach dem Vorbild der Neueweltpioniere. Es fehlte an nichts – Schmiede – Mietstall – Sheriffoffice mit Jail – einen Saloon – sogar einen „Boothill“, einen Friedhof hatten wir angelegt. Die Opfer der Schießereien und Schlägereien im „Saloon“ mußten ja zeitgemäß verbuddelt werden. Sogar ein ‚Etablissement’ konnten die Hobbycowboys bei uns finden – die Rolle der ‚käuflichen Damen’ spielten mit Begeisterung die jungen Mädchen, die in den Stallungen die Pferde pflegten. Das geschah natürlich alles in Ehren – womit ich aber nicht ausschließen will, daß hin und wieder auf den Matratzen in den Kabinetten richtig und in Echt gejodelt wurde. Selbst die frommste Stute kann ja schließlich nicht immer nur auf Pappe kauen.©ee

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Achterbahn des Lebens . .

Vorwort

In diesem Buch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, dem als Anfangsmensch die Welt – seine Welt – vertauscht wurde. Ismails Geschichte, als die eines Türkenjungen dem seine Wurzeln abhanden kamen. Er hat mir davon erzählt, damit ich davon schreiben konnte.

Am vierten Tag des Monats April 1956 im türkischen Izmir geboren, war diese Stadt – dieses Land Türkei – die ersten sieben Jahre meines Lebens mein Zuhause. Mein Vater nannte eine Tischlerei sein Eigen – er war Möbelschreinermeister. Meine Mutter und wir Kinder waren sein höchstes Gut – aber lange vor meiner Geburt besaß er schon ein Haus, einen Führerschein und ein Auto. Für einen jungen Mann in der Türkei war so etwas damals keineswegs normal. Er hätte eigentlich glücklich sein müssen. Eigentlich – wenn nicht der Wind aus dem Abendland Verheißung über das Land getragen hätte.

Im fernen Deutschland benötigte man für die wachsende Wirtschaft dringend Arbeitskräfte – man suchte und fand sie im Ausland.

Der verheißungsvolle Ruf: ‚Gastarbeiter sind bei uns willkommen’ erreichte die Menschen auch außerhalb Europas. Obwohl, so ganz außerhalb Europas lag das Land, in dem der Ruf nach den Arbeitskräften meinen Vater erreichte, ja gar nicht. Ein Zipfelchen der Türkei hatte Europa ja noch zu fassen. Man kann auch sagen, die Türkei steckte mit einem kleinen aber gewichtigen Teil ihres Territoriums in der ‚Dame Europa’.

Des kleinen Jungen Vater folgte diesem drängenden Ruf im Jahre 1960 bis nach Deutschland. Er führte ihn auf einen Arbeitsplatz bei der Baufirma Dyckerhoff & Widmann in Aschaffenburg.

Seine Frau und seine drei Kinder ließ er – von der großen Familie wohlbehütet – im osmanischen Reich zurück.

Warum er zu Hause alles hinter sich ließ, hat er nie gesagt. Des Geldes wegen kann es nicht gewesen sein, denn die türkische Lira war zu der Zeit ein genauso harter Knochen, wie die Deutsche Mark – der Wechselkurs stand bei eins zu eins.

 Das hat sich im Laufe der Jahre freilich drastisch verändert – für einen Euro bekommt man heute (2004) in der Türkei 5 000 000 (fünf Millionen) Lira. Vielleicht lockte ihn die Fremde. Vielleicht lockte ihn auch das Abenteuer – wie einst die streitbaren Vorfahren.

1963 durfte Gastarbeiter Dipcin die fünf Daheimgebliebenen dann zu sich holen. In Deutschland hatte man den Begriff Familienzusammenführung extra dafür konstruiert. Auch wenn viele der Meinung sind, das Wort wäre durch die politische Teilung Deutschlands entstanden.

Familienzusammenführung – die Familie wurde zusammengeführt – von der Heimat entfernte man sie. Die Hoffnung auf eine neue Heimat keimte in den Herzen – es wurde nur eine kümmerliche Pflanze daraus.

Sie sollte nie mehr ganz türkische Blume sein – und niemals ganz deutscher Baum werden.

 Beim älteren Leser mag dieses Buch so manche Erinnerung an seinen eigenen Weg wachrufen – den jüngeren hilft es vielleicht, die Fehler der Alten nicht zu wiederholen.

 ©ee

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Die ewige Wiederkehr.

Eines abends trug der Wind den Frühling an das offen Fenster.

Still hatte sich der Tag mit Blütendüfte gefüllt
sacht noch und vorsichtig in Farben gehüllt, das der Mond sich verneigte
und voll vor Verlangen schmal dann vornüber beugte.

Seitdem hängt am Sichelmond

die Ewige Wiederkehr
sichtbar uns Menschen

zwischen dem Sternenlicht.© Chr.v.M.

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